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Archiv heißt: Altes Zeug.

Hier finden Sie meine alten Krimi-Kritiken, und zwar diejenigen, die (so hoffe ich) heute noch lesenswert sind.

Die meisten dieser Texte sind schlicht Auszüge aus "Roberts Krimitagebuch" (KTB), meiner Schwafel-Kolumne damals auf den Webseiten der UFO Buchhandlung Freiburg. Andere stammen aus meinen kritischen Kolumnen zu den Verlagsreihen "Pulp", "Edgar"/"Ausgezeichnet", "DuMont Noir" und "UT metro". Und einige wenige Texte wurden für Zeitschriften, Radio oder sonstige Zwecke geschrieben.

Die Texte sind alphabetisch nach Autoren geordnet und, wo möglich, am Anfang mit einem passenden Titelbild versehen. Und, wo möglich, am Ende mit einem nützlichen Link zum Autor oder Verlag oder so.

Viele Texte fangen mit einem längeren Zitat aus dem besprochenen Buch an, blau unterlegt - normalerweise der Roman-Anfang. Weil ich der Ansicht bin, dass Roman-Anfänge wichtig und interessant sind.

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Auch über jegliches Feedback freue ich mich immer.

Robert Schekulin, im April 2010

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Friedrich Ani

Die Frau, die mir die Tür öffnete, kam mir winzig vor. Ich schaute auf sie hinunter wie auf ein Kind. Sie legte den Kopf in den Nacken.
   Sie trug ein schwarzes Kleid mit weißem Spitzenkragen. Und feste schwarze Schuhe. Sie mochte Mitte fünfzig sein.

   "Wer sind sie?", fragte sie.

   "Wir haben telefoniert."

   "Sie sind Tabor Süden?"

   "Glauben Sie mir nicht?"
   "
Zeigen Sie mal Ihren Ausweis!"
   Ich gab ihr eine Visitenkarte.

   "Was soll das denn?", sagte die Frau, nachdem sie sich die kleine Karte dicht vor die Augen gehalten hatte. Manchmal war ich übermütig. 

   „Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels“  

KTB 21.02.02 / Zurück zum Deutschen Krimipreis 2002. Friedrich Anis „Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels“ (TB bei Knaur, 204 Seiten, 7,90 Euro) landete auf Platz 2 beim Deutschen Krimipreis 2002. Also gleich mal lesen! Mal schauen, was der Ani kann!


Was ich nicht kann, ist Buchtitel leiden wie „German Angst“ oder „Die Erfindung des Abschieds“ oder „Verzeihen“ oder eben „Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels“. Da rollen sich einem ja die Fußnägel auf! Wie nennt man solche Titel, solches Gehabe? Pompös? Präpotent? Affig? „Dichter, schwer beladen mit Sendung“, fällt mir dazu ein, ohne dass mir jedoch noch einfiele, woher ich diesen Satzfetzen hab, wer damit in welchem Zusammenhang wen oder was gemeint haben könnte. (Bei Arno Schmidt irgendwo?)


Aber der Ani ist gar nicht so blöd wie seine Buchtitel. „Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels“ ist München-Krimi, Soziokrimi, Polizeikrimi, und insgesamt erfreulich gut.


Manches darin geht mir auf die Nerven. Beispielsweise diese bornierte, sich intellektuell und kulturell und kritisch gebende, kitschige Edelmelancholie. Zitat von Seite 28: „Statt der Holzarbeiter und Glockengießer lebte und wohnte heute hier der zweite Lebensabschnitt, jene Abteilung dieses Abschnitts, die nicht bei Aldi einkaufte. Oder erst recht. Wenn demnächst der dritte Lebensabschnitt sein Domizil bezog, war die Münchenisierung auch dieses Viertels endgültig abgeschlossen. Manchmal sehnte ich mich nach einer anderen Stadt. Dann fiel mir keine ein.“ - Schnöseliges Genörgel, und dann diese letzten beiden Sätze, ätzend!


Oder von Seite 52: „Sollte Martin allerdings den Dienst quittieren, würde ich ihm nicht folgen. Vielleicht würde ich eines Tages gezwungen sein aufzuhören, dann würde ich nicht zögern. Selbst zu kündigen hatte ich nicht vor. Bis zu diesem Zeitpunkt jedenfalls. Die Ordnung meiner Arbeit befreite mich aus der Arktis der Wände, zwischen denen ich in vielen Nächten hauste.“ - Impressionismus, Expressionismus, Dilettantismus? Jungpoetengehabe?


Überhaupt nervt mich am ärgsten dieser Serienheld und Ich-Erzähler Tabor Süden. Ein affiger Typ. Ein Laffe, der sich mit 44 und Midlife Crisis noch geriert und kleidet wie ein Spätpubertierender - seitlich geschnürte Lederhosen, was für eine Lachnummer, und das als Polizeibeamter im Dienst!


Oh je. Und trotzdem. Der Roman hätte, gerade für seine Ideen und seinen Helden, eigentlich den Deutschen Krimipreis 2002 eher verdient gehabt als Heimanns „Muttertag“, finde ich. Denn Tabor Süden (ich muss mir immer wieder laut sagen: für den Namen kann er nix, für den Namen kann er nix!) arbeitet ausnahmsweise nicht im Morddezernat, wie circa 99,95 Prozent aller Krimipolizeihelden, sondern bei der Vermisstenstelle. Sehr interessant. Und damit, auch ohne die ganze scheiß-gezwungene Unkonventionalität des Helden, hat Ani eigentlich schon gewonnen.


Tabor Süden agiert ähnlich wie ein Privatdetektiv, befasst sich beinahe gemütlich mit unscheinbaren und scheinbaren Bagatellfällen, abseits der Mord-und-Totschlag-Hektik sonstiger literaturbekannter Großstadtpolizeien. Er kann zu den Leuten gehen, genau hinschauen, genau hinhören, deshalb „Soziokrimi“. Und da Ani spätestens mit dem rundum gelungenen sechsten Kapitel zeigt, dass er richtig gut, knapp, scharf, rasant erzählen kann, und da er das Tempo dann anzieht, ohne jedoch auf skurrile Seitenwege (wie im siebten Kapitel das mit dem Echo-Mythos) zu verzichten, liest sich „Süden und das Gelöbnis des gefallenen Engels“ denn doch mit Genuss und in einem Rutsch durch. Ja, angenehm kurz ist es auch. Anders als Anis hoch gelobte Fast-500-Seiten-Schwarte „German Angst“, die im Klappentext schon mehr politische und sozialkritische message versprüht, als man im ganzen Roman lesen möchte - nöö, lieber noch einen weiteren Süden-Krimi!

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Es war die blutigste Nacht, die das Dorf je erlebt hatte. Und niemand - nicht der Verwalter, nicht der Bürgermeister, nicht der Priester - hatte eine Erklärung, wie es zu dem Massaker kommen konnte. Über den kiesbedeckten Innenhof des ehemaligen Gutshofes zogen sich meterlange Blutspuren, Stühle waren umgestürzt, der Boden übersät von abgerissenen Blättern, Farnen und Gräsern.
   SÜDEN UND DAS GEHEIMNIS DER KÖNIGIN  

KTB 18.01.2003 / Auch nicht schlecht: Friedrich Anis SÜDEN UND DAS GEHEIMNIS DER KÖNIGIN (Knaur-TB), für das er allein schon, rein rechnerisch, den Deutschen Krimipreis 2003 gewonnen hätte (d.h. selbst wenn man die Punktzahlen für seine beiden anderen 2002er Krimis gar nicht hinzugezählt hätte). Doch, er hat’s schon verdient, der Herr Ani, und nun tragen seine Süden-Krimis auch endlich zu Recht den Werbe-Aufkleber „Deutscher Krimipreis“.


Ich will nicht groß rumnörgeln, was mir an der Süden-Serie oder speziell an SÜDEN UND DAS GEHEIMNIS DER KÖNIGIN missfällt. Angefangen beim Serienhelden Tabor Süden, für mich ein ätzender, bescheuerter, affiger Typ mit hohem Antipathiewert. Bis hin zum (hier im Roman) lächerlichen tagelangen Herumirren dreier deutscher Polizeibeamter ohne Sprachkenntnisse und ohne Kompetenzen in einem italienischen Dorf - tja, für manche Plots sind Privatdetektive halt doch praktischer.


Nein, gelobt sei das überwiegende Positive. Die Süden-Krimis sind angenehm kurz, ohne dass man je was vermisste an Stoff, d.h. sie schildern genügend Welt und Leben. Die Grundkonstellation mit einem Vermisstendezernat als Ermittlungsteam, also einer Vermisstensuche als Motor und Spannungserzeuger, ist eine gute Idee und ziemlich originell (zumindest im deutschen Polizeikrimi; der US-Privatdetektivkrimi lebt ja seit Chandler davon). Gut ist auch, wie Ani die traurigen Lebensgeschichten gewöhnlicher Leute erzählt. Wie realistisch überhaupt die Leute bei Ani reden, leben, sind; vielleicht wäre ja die Bezeichnung Neo-Soziokrimi für diese feinen Milieustudien gar nicht so blöd. Wie Ani leicht und ruhig und fast ohne Action-Mätzchen oder Thriller-Effekte erzählt. Wie er verschiedene Zeiten, Nebenstränge, Untergeschichten integriert, verschränkt mit dem Hier-und-Jetzt-Hauptstrang um Tabor Süden. Wie sein Erzählen trotz Melancholie und Nachdenklichkeit nie wirklich zäh oder penetrant wird, sondern insgesamt immer flüssig, knapp und leicht bleibt.


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Friedrich Ani beim Droemer Knaur Verlag:
www.droemer-knaur.de/autoren/Friedrich+Ani.82084.html.

Friedrich Ani bei dtv, Hanser, Zsolnay:
www.friedrich-ani.de/.


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Jakob Arjouni

Slibulsky und ich klemmten im leergeräumten Geschirrschrank eines kleinen brasilianischen Restaurants am Rand des Frankfurter Bahnhofsviertels und warteten auf Schutzgeldeintreiber.
   "Kismet"  

KTB 18.03.01 / So so. Arjouni is back. Beziehungsweise sein türkisch-deutscher Privatdetektiv Kemal Kayankaya, der hier in "Kismet" (HC neu bei Diogenes) endlich wieder à la Hammett & Chandler durch die mean streets von Main-Frankfurt streifen darf. Und sich mit dem organisierten Verbrechen anlegen. Rumballern und verprügelt werden. Einem befreundeten Gastwirt und einer vierzehnjährigen Schonlangenichtmehrjungfrau beistehen. In einem multiethnischen Bandenkrieg mitmischen. Nebenbei lukrativ ein Schoßhündchen nicht suchen und trotzdem finden. Gelegentlich zynisch den Kümmeltürken markieren oder mit einer frechen Sekretärin anbändeln. Und, wie weiland Hammetts Continental Op in "Rote Ernte", final die albanische gegen die kroatische Mafia ausspielen - sollen die sich doch alle gegenseitig massakrieren.


Nach "Happy Birthday, Türke!", "Mehr Bier" (beide 1987 als TB bei Diogenes) und "Ein Mann, ein Mord" (1991 als HC bei Diogenes) versuchte Deutschlands Krimi-Hoffnung sich bekanntlich erst mal als Dramatiker und Mainstream-Autor. Und nun "Kismet" - ein gelungenes Comeback? Mmmh. Mja. Ja. Doch. Schon.


"Kismet" ist mit 265 Seiten erheblich dicker als die ersten drei Kayankayas (170 / 171 / 185 Seiten). Es steckt auch mehr drin. Irrelevantes, nicht zwingend Nötiges, könnte man sagen; Schönes, Nettes, Bereicherndes, würd ich sagen und dabei an Knoblochs Buchtitel "Die schönen Umwege" denken. Arjouni hat da allerhand reingestopft, was den Krimi bunt und voll macht, und es ist gut so, man liest das gern.


So direkt nach Gary Dishers "Dreck" gelesen, haben mich Arjounis Witzeleien in "Kismet" ein wenig gestört. Anscheinend muss er fürs große Publikum die (manchmal modisch, zynisch erscheinenden) Brutalitäten mittels Gags und satirischen Intermezzi abfedern. Geschmackssache. Stimmungssache. Momentan find ich, Comedy untergräbt, konterkarriert den ernsthaften harten Krimi-Realismus, den ich momentan fürs Eigentliche halte, fürs Wahre. (Ausnahmen wie Hiaasen mal beiseite.) Aber Deutschlands Publikumsliebling wird man halt als Chandler-Epigone, nicht als Noir-Autor im Stil von Gary Disher (siehe oben), George Pelecanos oder Russell James (bei DuMont Noir), Jon Ewo oder Jerry Raine (bei UT metro), um nur mal eine Handvoll aktuell auf deutsch lieferbarer Autoren zu nennen.


Und Realismus? Wie plausibel sind Arjounis Schilderungen einer 1998 von Ex-Jugoslawen aufgerollten Frankfurter Halb- und Unterwelt? Und wäre eine echt hessische Schutzgeld-Mafia wirklich undenkbar (siehe Seite 42/43), und warum? Mmmh. Ja, auch das spricht für Arjounis bunte Krimi-Mischung: Man kann hinterher übers Eine oder Andere noch ein bißchen nachdenken.

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Jakob Arjouni beim Diogenes Verlag:
www.diogenes.ch/leser/autoren/a-z/a/arjouni_jakob/biographie.


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Brigitte Aubert

KTB 04.05.97 / Brigitte Aubert, "Im Dunkeln der Wälder" (btb; franz. Orig. 1996; nach Danielle Charest nun schon der zweite Frauenkrimi aus dem Französischen). Geht gleich in die Vollen, gleich drauf los, keineswegs kultiviert romanhaft wie Hill oder auch die meisten Ladies of Crime bis hin zu Minette Walters. Brigitte Aubert spricht drängend, vom ersten Absatz weg packend, Ich-Perspektive im Präsens, direkte Sprache einer jungen Frau: Ich leide an Tetraplegie, einer gleichzeitigen Lähmung aller vier Gliedmaßen. Und, als würde das noch nicht reichen, habe ich das große Los gezogen: "Leider müssen wir unsere Sendung wegen einer Bild- und Tonstörung unterbrechen." Ich bin stumm, blind und kann mich nicht rühren. Um es auf den Punkt zu bringen: eine lebende Leiche.

Absolut mitreißend, nach zwanzig Seiten gebe ich jeden Widerstand auf: das Buch muss jetzt zu Ende gelesen werden! Im Unterschied zu (...), wo nach den ersten 20 Seiten klar war, um was für eine Art Roman sich's handelt und wie die Story weiter und zu Ende geführt werden kann, ist man bei Aubert gespannt auf die nächste Seite, den nächsten Satz, und hat nicht die geringste Ahnung, was alles geschehen kann, wie sich die Sache weiterentwickelt. Alles ist möglich. (Wie im Leben?) Der Roman könnte beispielsweise auch zum Horror-Roman werden mit einem übernatürlichen bösen Geist als Kindermörder - ein kleines Mädchen erzählt unsrer Blinden immer von der "Bestie im Wald".

Atemlos einen ganzen schönen sonnigen Sonntagnachmittag und -abend verbraten für diese nervenzerrendste Lektüre seit Minette Walters' "Bildhauerin". Kleines Manko: am Schluß 25 Seiten Erklärungen, gottseidank wenigstens in Dialogform und mit Unterbrechungen; und die blinde, stumme, unbewegliche, hilflose Erzählerin ist zwar ein genialer Kunstgriff, aber dadurch müssen die andern ihr zu viel berichten, es fehlt an direkten Beschreibungen von Sichtbarem, Räume und Personen und dergleichen; diese Hürden nimmt die Autorin allerdings mit einiger Bravour. (Ein paar Tage später les ich in "Les crimes de l'année", wie zur Bestätigung, am Schluß der Kurzbesprechung: "Grand prix de littérature policière et prix Michel Lebrun de la Ville du Mans 1996". Bravo!)


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KTB 4.-5.12.97 / Brigitte Auberts zweiter Krimi bei btb, "Die vier Söhne des Doktor March", landet als Neuheit im UFO. Gleich ein Exemplar geschnappt. Im Original erschien's übrigens ein paar Jahre vor ihrem Hit "Im Dunkel der Wälder". Es ist ein Tagebuch-Roman (sage ich mal, in Analogie zum Briefroman). Zum einen die Aufzeichnungen eines bösen, wirklich bösen Mörders, allerdings anonym verfaßt: "Ich bin nicht so dumm, ich schreibe nur, wenn ich ganz allein bin. Und ich werde mich nicht beschreiben. Meinen Namen sagen und so. Nein, keinerlei Erkennungszeichen. Ich bin wie eine Leiche, die man in einem Wandschrank verstecken muß." Zum andern und damit abwechselnd, die treuherzigen Aufzeichnungen des Hausmädchens Jeanie: Dem Alkohol zugeneigt und ihre Vergangenheit verbergend (Polizei scheut sie mehr als alles andere), findet sie zufällig die Notizen des Mörders, liest sie nun heimlich regelmäßig, bis natürlich dieses Spionieren sowie Jeanies eigenes Tagebuch vom Mörder entdeckt werden und das Ganze in ein makabres Katz-und-Maus-Spiel und einen absurden Tagebücher-Dialog ausartet.

Alles spielt sich fast komplett im Großbürgerhaushalt der sechsköpfigen Doktorenfamilie March ab, wobei nicht gesagt wird, wo diese Villa steht, in Frankreich, England oder Kanada; Jeanies kurze Einkaufsfahrten ins Dorf erlösen sie und uns ebensowenig wie die gelegentlichen Besuche eines netten Polizisten, der langsam Lunte riecht. Ein haarsträubendes Ratespiel, entsetzlich für Jeanie, das Opfer in spe, und unerträglich spannend für uns Leser; erst ein Epilog "ex machina" liefert ganz am Schluß die Erklärungen nach, wer's denn nun war von den "vier Söhnen". Überhaupt inhaltlich wie formal ein Spiel, Experiment, keineswegs gemeint als irgendwie realistischer Roman; und ähnlich wie Ronald Munsons Fax-Roman "Fan Mail" geht's leider nicht auf, haut's letztlich nicht hin - eine im Präsens erzählte Thriller-Handlung mit Spannung & Action paßt eben partout nicht zur Form der ruhig rückblickenden Tagebucheinträge, wenn diese auch am Schluß abgelöst werden durch hektische Tonbandaufnahmen: "Da unten, beim Auto, rufen, rufen, schnell, sie hören mich nicht bei dem Sturm, laß mich los, Dreckskerl, laß los!" - pardon, das ist doch lächerlich!

Da war die literarische Herausforderung einer stummen & blinden & gelähmten Erzählerin-Heldin in "La Mort des bois" leichter zu meistern. Richtig gelungen ist "Les 4 fils" nicht; empfehlenswert für Freunde kriminalliterarischer Spielereien; dennoch, bei aller Kritik, wenn man sich drauf einläßt oder sich einfach reinfallen läßt, ist es so spannend wie ein Hitchcock-Film; und den Mörder errät man trotz aller Fingerzeige doch nicht, wetten?


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KTB 03.-05.01.2000 / Dagegen strotzt Brigitte Auberts "Karibisches Requiem" (HC bei btb) geradezu vor Saft und Kraft, vor Erzählfreude an spannenden Situationen und haarsträubenden Verwicklungen. Ganz schön heftig und deftig, der Roman; mag frau mich auch Sexist schelten, es wundert mich, dass dieser hartgesottene Thriller mit männlichem Detektivheld von einer Frau geschrieben wurde. Aber Brigitte Aubert scheint programmatisch mit jedem neuen Krimi etwas völlig anderes zu schreiben, ja, sich noch nicht mal aufs Krimi-Genre festzulegen. Im "Requiem" gelingen ihr ein paar irrwitzige Spannungsszenen, und wer ihr das Jonglieren mit standardmäßigen Topoi und Situationen und Figuren ankreiden wollte, müsste ihr dagegen auch gelungen Mitreißendes und Überraschendes anerkennen. Ein Thriller, der Spaß macht, der mir mit weniger Blut und Brutalität sogar noch mehr Spaß gemacht hätte, aber der Autorin dann wahrscheinlich weniger.

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KTB 23.01.2000 / Brigitte Aubert, "Marthas Geheimnis" (TB bei btb): wieder ganz anders als ihre andern drei, wieder sehr spannend, wieder ziemlich konstruiert, gekünstelt, ausgeklügelt. Krimi als Leser-mitreiß-und-an-der-Nase-rumführ-Thriller, nicht etwa (wie bei Pouy!) als irgendwie realistisch im Sinne von kritisch unsere sozialen, politischen etc. Wirklichkeiten schildern. Brigitte Aubert will unterhalten und auf die Folter spannen und verblüffen und schockieren.

Ein Psychothriller und zugleich Actionthriller, ein Verwirrspiel in der Tradition solcher Klassiker wie Boileau-Narcejac, Japrisot oder Hitchcock. Scheinexistenzen, Doppelleben, Doppelgänger, Zwillinge, eine Bankräuberbande, eine Altnazi-Geheimorganisation, eine jüdische Gegenorganisation, Profikiller, dubiose Seelenklempner, Hypnose, Amnesie, Komplotte, Intrigen, Liebe und Betrug, viel Suchen und Flüchten und Rennen und Rasen und Ballern und Prügeln, ein wachsender Haufen Leichen. Abenteuerlich, gelinde gesagt, aber es hat wieder Spaß gemacht; Brigitte Aubert schafft's immer, dass ich während der Lektüre und auch noch hinterher LÄCHELN muss beim Kopfschütteln.


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KTB 25.01.2000 / Brigitte Aubert in Freiburg, same procedure as with Jean-Bernard Pouy. Sie signiert mir im UFO meine vier btb-Ausgaben, wie JBP schreibt sie dabei in jedes Exemplar ein oder zwei launige Sätze rein. Abends liest sie überhaupt nichts vor, geht gleich in die Diskussion mit dem Publikum, und als Tobias Scheffel (ein Freiburger Übersetzer) Passagen aus ihren deutschen Ausgaben vorliest, verlässt sie den Raum, ob nun aus Langeweile oder um sich auszuhusten, sie ist nämlich erkältet. Eine sehr maskuline Frau, burschikos, sehr energisch, ein Energiebündel. Am Schreiben interessiert sie vor allem das Erzeugen von Spannung und die Konfrontation ihrer Romanfiguren mit Gewalt; natürlich kam aus dem Publikum schnell der Vorwurf, dass ihre Krimis ziemlich brutal sind. Sie schreibt, was ihr Spaß macht, jedes Buch wieder völlig neu und anders, sie steckt voller Ideen, und irgendeine Serie zu produzieren interessiert sie überhaupt nicht. Bemerkenswert, wäre doch nichts einfacher, als z.B. anknüpfend an "Im Dunkel der Wälder" mit derselben Heldin weiterzustricken. Ebenfalls verwundert es, dass sie in Deutschland weitaus mehr Leser(innen) findet als in Frankreich selber; dieses Phänomen haben wir dann in der anschlieáenden Pizzeria-Runde noch zu ergründen versucht ...


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KTB 22.-26.06.01 / Brigitte Auberts Thriller sind eindeutig was für wagemutige, aufgeschlossene Leser und Leserinnen. Mit jedem Roman schreibt sie wieder etwas völlig Anderes. Immer spannend, witzig, rasant, hart bis brutal, und immer mit gewagten Konstruktionen, Plots, Erzählperspektiven. So hat mich ihr Tagebuch-Thriller "Die vier Söhne des Doktor March" bisher am wenigsten überzeugt, einfach weil's am Schluss nicht hinhaut, ein spannendes tödliches Finale gleichzeitig "live" und in Tagebuchform zu erzählen. Trotzdem muss man Brigitte Auberts Mut loben, so eine Idee wirklich mal durchzuspielen, und dieses seltsame literarische Experiment liest sich ja trotzdem sehr unterhaltsam und spannend. Dagegen ihr Bestseller "Im Dunkel der Wälder", bisher auch mein Favorit: Wer hätte gedacht, dass die Ich-Erzählung einer blinden stummen Gelähmten so mitreißend und vergnüglich sein kann!


Nun les ich ihren fünften Krimi auf deutsch, wie alle vorigen als TB bei btb erschienen. "Sein anderes Gesicht" ("Transfixions", 1998) ist wieder eine Ich-Erzählung im Präsens - wogegen ich mich instinktiv sträube, woran ich mich immer erst gewöhnen muss. Aber wenn man dann mal drin ist, wirkt das so Erzählte sehr unmittelbar, sehr direkt, man wird gepackt und ist dann hautnah dabei. Was man in diesem speziellen Fall vielleicht lieber nicht wäre, vielleicht sogar als unangenehm, peinlich oder als Zumutung empfinden mag. Wieder also muss man Brigitte Aubert zu ihrem Mut gratulieren!


Ihr Ich-Erzähler Beaudoin Ancelin, genannt Bo, ist nämlich ein junger Transvestit, ein Transsexueller vor der ersehnten Geschlechtsumwandlung (doch woher das Geld nehmen?), in psychiatrischer Behandlung, vorbestraft, mit furchtbar kaputter Familiengeschichte (verhasster brutaler Vater seinetwegen im Knast; debile Oma hält ihn bei Besuchen für seine Mutter Elsa), Tag und Nacht im Pariser Tunten- und Prostituierten-Milieu unterwegs, und dann auch noch masochistisch, und das Schlimmste: hündisch verliebt in den eiskalten Hetero-Brutalo Johnny, der Bo höchstens mal krankenhausreif prügelt, wenn ihm danach ist. Puh! Unmöglich, sich mit dieser Erzählerfigur zu identifizieren! Igitt!


Und doch tut man's, unwillkürlich, muss es ja, beim Lesen. Bo erzählt in schnellen, kurzen Sätzen sehr packend und sogar witzig von seinem/ihrem merkwürdigen Leben, von all diesen bestialischen Morden um ihn/sie herum, vom wachsenden Verdacht gegen den geliebten Johnny, und von all diesen verschiedenen Typen im und ums Transen-Milieu. Dass Brigitte Aubert dabei Bos Freundes/Freundinnen-Kreis ein klein wenig in Richtung Freak-Show überzeichnet, und dass sie liebend gern an der Grenze zum Splatter-Horror entlangspaziert, und dass sie, wie immer, lustvoll mit Genre-Klischees Squash spielt - je nun, da muss man eben mit. Wenn man keine Angst hat vor einem blutigen Alptraum, in dem man sich womöglich mit einer masochistischen Transe infiziert, pardon, identifiziert.

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Es regnet. Ein heftiger, dichter Regen, der an die Scheiben prasselt ...
   Halt! Nein! Das war in dem Roman, der von den dramatischen Ereignissen in Boissy-les-Colombes berichtet. Die abscheulichen Kindermorde vor zwei Jahren. Das hat damals vielleicht Staub aufgewirbelt! Die Journalisten stürzten sich auf Boissy wie Fliegen auf einen Kuhfladen. Und da das Rätsel durch meine Mithilfe aufgeklärt werden konnte, bin ich interviewt worden und sogar ins Fernsehen gekommen.
   Und dann habe ich meine Geschichte an eine Krimiautorin verkauft, die sie unter dem Titel "Im Dunkel der Wälder" herausgebracht hat. Das war ein Trubel!
   "Tod im Schnee"  

KTB 28.06.-01.07.01 / Verschlinge, in abendlichen Häppchen, Brigitte Auberts (auf deutsch) sechsten Krimi "Tod im Schnee" (neu als TB bei btb; "La mort des neiges", Paris 2000; übersetzt von Eliane Hagedorn und Bettina Runge). Toll. Klasse. Ausnahmsweise eine Fortsetzung eines ihrer vorigen Thriller, nämlich des ungestüm mitreißenden Frauenkrimis "Im Dunkel der Wälder". Wieder erzählt die blinde, stumme und gelähmte Elise Andrioli unwiderstehlich frech und beherzt. Wieder ist sie herrlich hilfloses Opfer und gnadenlos kombinierende Detektivheldin zugleich. Diesmal wird sie an ihrem Winterurlaubsort zusammen mit ihrer altdamenhaften Betreuerin Yvette in ein mörderisches Spiel verwickelt (mehr darf nicht verraten werden), das stufenweise immer blutiger, grausamer und verrückter ausartet.

Ausartet, ja, leider. Dass die Autorin selbst vorkommt, am Anfang und am Ende des Romans, werf ich ihr nicht mal vor. Aber dass sie das Spiel, die Spielereien übertreibt. Dass die Geschichte ausrastet, außer Rand und Band gerät. Auf dem Höhepunkt, egal ob nun zwanzig oder fünfzig Seiten lang, kam mir das Ganze vor wie ein Theaterstück, bei dem eine Viertelstunde lang das ganze Ensemble auf der Bühne durcheinander rennt und schießt und schreit. Das fand ich dann nicht mehr so toll und klasse. Nee. Schade. Jetzt hab ich wieder mal ne Weile die Nase voll von Brigitte Auberts Genre-Schindereien.

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Der heiße Wind schob den dichten Regen in Wirbeln vor sich her. Die Menschen rannten in alle Richtungen, die leichte Sommerkleidung klebte ihnen am Körper. Der Himmel hatte sich urplötzlich verfinstert - tiefe, schwarze Wolken, fernes Donnerdröhnen. Kinder in phosphoreszierenden Plastiksandalen hüpften in das ehrwürdige Becken in der Mitte des Platzes. Der vom Gewitter überraschte Eisverkäufer räumte eilig sein Zubehör zusammen.
   "Der Puppendoktor"  

KTB 04.08.02 / Neben oder direkt nach der göttlichen Vargas ist Brigitte Aubert meine französische Lieblingsautorin. Weil sie die Serienfalle vermeidet. Weil sie mit fast jedem Krimi (acht bislang auf deutsch, alle bei btb) wieder etwas völlig Neues versucht, dabei kreuz und quer durch die Sub-Genres hüpft, fröhlich verschiedene Erzählkonstruktionen und -perspektiven ausprobiert. Weil sie mit originellen Ideen verblüfft, und auch mit ihrer typischen, oft irritierenden und vielleicht auch ein bisschen fragwürdigen Mischung aus Eiltempo, Komik und Brutalität - es sprüht der Witz, und es spritzt das Blut, bei Brigitte Aubert.

"Der Puppendoktor" überschreitet sogar, streng genommen, spätestens im Epilog die Grenze vom Kriminal- zum Horror-Roman. Der durchgeknallte Serienkiller, mit dem Brigitte Aubert hier allen bekannten haarsträubenden Kreationen von Harris bis Hayder nachzueifern scheint, sie vielleicht sogar übertrumpfen (oder parodieren?) möchte, dieser "Puppendoktor" also terrorisiert hier eine Kleinstadt an der Côte d'Azur (Anspielungen deuten auf Cannes), hält fleißig deren unfähige Polizei und hysterische Medien auf Trab, indem er jeweils aus verschiedenen Körperpartien dreier Mordopfer immer eine groteske Chimäre zusammenstückelt und diese dann auffällig irgendwo platziert. Ja, ganz Recht, was für ein Quatsch! Nun wird dieser größenwahnsinnige Leichenarrangeur zwar vom Antihelden, unserem liebenswerten Obertrottel der Ortspolizei, Marcel Blanc, nach allerlei komischen und auch erotischen Irrungen und Verwicklungen schlussendlich zur Strecke gebracht, aber so ganz tot ist der "Puppendoktor" damit nicht: Er muss, so seine letzten Worte im Epilog, in der Gestalt einer einfältigen Polizistin auf die Erde zurückkehren und in der Abteilung dieses Idioten von Jean-Jean arbeiten!


Pardon, dass ich diese kleine Schlusspointe hier ausplaudere. Wichtig ist sie nämlich als Beleg, dass Brigitte Aubert sich ziemlich bewusst im Grenzbereich zwischen (Splatter-) Horror und Krimi bewegt. Primär natürlich auch als Bindeglied zum zweiten Roman um Marcel Blanc, "Nachtlokal", siehe unten. Den ich übrigens als gelungener empfand, nicht zuletzt dank der (streng genommen "phantastischen") Idee der Seelenwanderung vom Killermonster zur Polizistin. "Der Puppendoktor" war mir manchmal doch bloß zynischer brutaler Splatter, ein krachender bluttriefender sinnloser Thriller, statt lustvolles Spiel mit Übertreibungen und Übertretungen, Persiflage, Parodie. Manchmal fühl ich mich zu arg gebeutelt durch Brigitte Auberts extremes Hin und Her, ihre Wechselbäder von netter, munterer Komik und eigentlich entsetzlichem Grauen.


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Der Wind wehte vom Meer her und trieb die schaumgekrönten Wellen gegen die Felsblöcke des Hafendamms.
   Die Augen des Polizeibeamten Marcel Blanc waren starr auf den Leuchtturm gerichtet. Er schien unempfindlich gegenüber Sand und Staub, doch umso empfindsamer für den geschundenen Körper, der auf der Betonmole lag.

   Der schlotternde Windsurfer, der den Ertrunkenen entdeckt hatte, und die beiden Männer vom Rettungsdienst, die den Toten aus dem Meer gefischt hatten, standen in einer Wasserpfütze und tranken heißen Kaffee.

   "Nachtlokal" 

KTB 05.08.02 / Gleich hinterher gelesen, damit ich's hinter mir hab, und siehe da, "Nachtlokal" gefällt mir viel besser als "Der Puppendoktor". Wieder eine Mordserie, die Kleinstadtpolizei fischt ausgerechnet zu Beginn der Touristensaison junge gutaussehende Dunkelhäutige aus dem Meer, alle fachmännisch ausgeweidet. Die Mördersuche eine sehr spannende Hetzjagd mit einer schönen Antiklimax am Schluss. Antiheld Marcel Blanc, sympathischer Tollpatsch, trennt sich endlich von seiner Frau (und seinen zwei Kindern - da verliert er Sympathiepunkte), verliebt sich neu, stolpert ein bisschen wie der reine Tor durchs Leben und als Polizist dem Mörder hinterher. Gérard Depardieu wäre eine ideale Besetzung für diese Figur; und à propos Film, irgendwo in der Mitte dieses zweiten Romans bestätigt mir Brigitte Aubert auch explizit, dass die wunderbar albernen Polizei-Komödien mit dem unsterblichen Louis de Funès das Vorbild waren für ihre uniformierten Trottel hier in "Der Puppendoktor" und "Nachtlokal".

Letzteres, wie gesagt, kommt mir vergleichsweise einfach besser vor, witziger, mit mehr Liebe geschrieben, vergnüglicher, bekömmlicher. Die obligatorischen Blutorgien scheinen mir besser integriert, abgefedert, ausgeglichen. Und als echte Bereicherung, nicht etwa als krimifremde Störung, empfand ich die Idee, den untoten "Puppendoktor" als Dämon im Hirn der hübschen Jungpolizistin Lola Tinarelli herumspuken zu lassen. Dort gibt er allzeit herrlich hämische, eitle und zornige Kommentare ab zum dummen Verhalten seiner Wirtin und der ganzen Polizei. Was Lola zu seinem Leidwesen allerdings bloß als merkwürdige Kopfschmerzen wahrnimmt, bestenfalls mal als verrückten Geistesblitz - und was dergestalt, zum Entsetzen des eingesperrten bösen Geistes, Lola auf den einen oder anderen Gedanken bringt während der chaotischen Suche nach dem aktuellen Serienmörder.


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Johannes Theodor Barkelt

KTB 07.05.00 / Trost und Freude spendet mir danach Johannes Theodor Barkelts erster Detektivkrimi "Klarer Fall", ein Aufbau-TB von 1999. Ein oder zwei weitere Fälle sind auch schon erschienen, der Mann mit dem studienratsmäßigen Namen hat also wohl seine Leser gefunden. Er erzählt ungewohnt und erfreulich lakonisch, knapp, zügig, ein wenig arg sachlich nüchtern, auktorial und (daran muss ich mich immer erst gewöhnen) im Präsens.

"K & B" heißt sein ungleiches Heldenduo: "Manfred Krollmann und Klaus Biebert. Private Ermittlungen, Personenschutz, Security". Das Türschild ist noch ganz neu, sie sind Berufsanfänger, jedoch keineswegs unbedarft oder gar lächerlich wie etwa Christoph Güskens Komikerduo Kittel und Voß. Anfangs beschatten K & B bloß einen Porno-Unternehmer, was Barkelt schön ausführlich und realistisch schildert; am Ende sind einige Leute Leichen, und eine der Pointen besteht darin, wo das ganze Erpressergeld denn nun abgeblieben ist.

Lesenswert. Erfrischend. Erholsam wie eine kleine präzise Schwarzweiß-Radierung nach einem Saal voller Kolossalgemälde. Als Kostprobe von Barkelts Erzählstil zitier ich schnell einen Absatz, in dem es um eine nächtliche Überwachung geht:


Wenn man nicht schlafen darf und auch keinen Fernseher hat, kann eine Nacht sehr lang werden. Krollmann hat am eigentlich schon geschlossenen Kiosk noch eine Flasche Wermut und zwei Packungen Kippen bekommen, damit hält er sich wach. Zum Glück wird es nicht kalt. Nach einigem Überlegen nimmt er in der Kabine des Paßbildautomaten Platz und zieht den Vorhang bis auf einen schmalen Schlitz zu. So kann er sehen, ohne gesehen zu werden, und vor allem sitzen. Gegen drei Uhr taucht eine Polizeistreife auf, deren Aufmerksamkeit sofort von den Zigarettenrauchschwaden, die aus dem Fotofix dringen, gefesselt wird. Krollmann sieht sich zunächst mißtrauisch beäugt und, als er eine Viertelstunde später immer noch da ist, des Platzes verwiesen. Weil er bleiben will und auf kollegiales Schulterklopfen spekuliert, begeht er den Fehler, die Fotokopie seiner Lizenz zu zeigen. Man will sofort wissen, was genau er hier tut. Um halb vier sitzt er auf der Wache, schweigt zur Sache und brüllt ansonsten wütend herum. Es wird fast sechs, bis man ihn mit unfreundlichen Belehrungen über seine Rechte und Pflichten entläßt und er wieder Posten beziehen kann.
   "Klarer Fall", S.68/69  

Wie soll man diesen Erzählton nennen? Ironischen Protokollstil? Understatement? Jedenfalls folgen der zitierten Stelle noch drei sachkundige Seiten übers Metier der deutschen Privatdetektive, über ihre Möglichkeiten und Rechte und Pflichten eben, womit Barkelt beweist, daß er seine Hausaufgaben gemacht hat (und nicht etwa bloß wild drauf los fabuliert, Hauptsache Gags und Action).

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Regen, seit drei Tagen, und wenn es ausnahmsweise nicht regnet, dann nieselt es. Rinnsteine, anfangs noch hinderlich verschmutzt, sind jetzt saubergespült, gluckernde Bäche, die sich strudelnd in Gullys ergießen, die urbane Version des Wasserfalls; spätwinterliche Baumskelette glänzen schmierig; ausgewaschene Kontraste; an verputzten Fassaden ziehen sich breite Streifen dunkler Nässe herab dank überforderten Regenrinnen unter Ziegeldächern, karge Kaskaden, industriell, unter einem Himmel von gleichgültigem Grau. Schabengleich queren Hauptstadtbewohner eilig Straßen, drängen sich an Bushaltestellen zusammen, flitzen von Hauseingängen in Autos, dunkel und klamm. Abendliche Wolkenbrüche weichen gelegentlich einer scheußlichen Form nächtlichen nassen Nebels, zuverlässig um sechs Uhr morgens abgelöst von monotonem, monochromem Rauschen gleichmäßigen Niederschlags.
   Auch in Manfred Krollmanns Seele beginnt es allmählich zu regnen, denn er ist, wie er zuweilen erklärt, ein empfindsamer Mensch. Er steht morgens auf, schaut aus dem Fenster und sieht Regen; er fährt mit dem alten Ford ins Büro, durch den Regen, er sitzt hinter seinem Schreibtisch: Regen trommelt gegen die Fensterscheibe; mittags geht er zum Imbiß, wird dabei naß, er ißt, trinkt Bier, welches zu schnell gezapft wurde, denkt über Regen, Bier und Urin nach; kommt angefeuchtet zurück ins Büro, legt die Beine auf die Schreibtischplatte und blickt hinaus - in den Regen. Abends fährt er nach Hause, der Wagen braucht neue Wischerblätter, er wirft den Fernseher an und sucht Kanäle, die Sonnenschein senden. Einschlafend hört er von draußen das an- und abschwellende Rauschen von Autos auf nasser Fahrbahn. Er hat viel Zeit, um über Regen nachzudenken, denn seit Wochen sitzen er und Klaus Biebert ohne einen Auftrag herum.

   Biebert ist Regen gleichgültig.

   Biebert sitzt, und das bringt Krollmann vollends um den Verstand, allzeit hinter dem Schreibtisch und reinigt seine Waffe. Immer wieder. Oder liest "Penthouse". Oder eine Waffenzeitschrift. Oder ein Buch über "Waffenrecht und Waffentechnik". Ihm machen auch lange Strecken des Nichtstuns nichts aus: acht Jahre Bundeswehr. Auf gelegentliche Versuche, ein Gespräch anzuknüpfen, möglicherweise eine Sauferei anzubahnen, reagiert er kaum.

   "Glänzende Zeiten"  

KTB 25.03.01 / Nach Barkelts Erstling "Klarer Fall" (1999 als Aufbau-TB erschienen, siehe "Krimitagebuch" 07.05.00) les ich nun seinen neuesten, dritten Krimi um das Privatdetektivduo K & B, Manfred Krollmann, Ex-Versicherungskaufmann, und Klaus Biebert, Ex-Berufssoldat. Und wieder bin ich verblüfft: Deutschkrimi, den man lesen kann!

Johannes Theodor Barkelt pflegt einen eigenen Stil, gelungen, wie ich finde, mit einigen Marotten, sympathischen, wie ich finde. Er erzählt knapp, fein und rasant. Im Kleinen absolut glaubhaft realistisch. Mit leicht schrägen Typen, aber immer im Rahmen. Mit trockenem Witz und mit Ironie, aber nie in Comedy abrutschend. Barkelt hält zu seinen Figuren. Besonders zu seinen beiden Antihelden, die nicht grad zur Identifikation einladen; beispielsweise könnten sich sensiblere Leser(innen) schon dran stoßen, dass die beiden Mannsbilder unter sich manchmal ganz zwanglos eine Frau als "Fotze" bezeichnen. Romantik? Melodrama? Ha!


Manfred Krollmanns wiederholtes vergebliches Ringen mit den Persönlichkeitsfragebögen irgendwelcher Partnervermittlungsinstitute verfolgen wir einerseits belustigt grinsend, andererseits mitleidend. Und nachdenklich: In was für einer Gesellschaft leben wir eigentlich?! - Barkelt präsentiert Vieles so tragikomisch. Wie seinen Detektiven das Büro ausgeraubt wird und sie davon zwar unmittelbar profitieren, durch einen Versicherungsbetrug, wie aber der ungewisse Verbleib ihrer illegalen Knarre auch zu einem Damoklesschwert für sie wird. Wie ein lukrativer quasi-exklusiver Pauschalvertrag mit einer Anwaltskanzlei sie zwar finanziell saniert, aber auch abhängig macht, immer mehr zu Kurieren, Laufburschen degradiert, zuletzt offensichtlich zu Handlangern organisierten Verbrechens. Wie sie dann plötzlich vom LKA in die Mangel genommen und erpresst, zu V-Leuten umgepolt werden. Wie sie dann endlich, doch nicht ganz so blöd, ihre Köpfe wieder aus der Schlinge ziehen, indem sie einfach mal ihren Auftraggeber beschatten, der überraschend freundschaftliche Kontakte zur Kripo pflegt, und indem sie sich in der Schweiz und auf der Isle of Man getrennt an zwei Geschäftspartner ihres Herrn Anwalts heranmachen, um gegen ihn verwendbare Infos zu sammeln.


Korruption, Mafia, Geldwäscherei - ja, ich glaub dem Barkelt, dass das ungefähr so funktionieren und passieren kann, wie er's hier erzählt. "Glänzende Zeiten" ist für mich ein Lichtblick, Johannes Theodor Barkelt ein Trost beim Sinnieren über den deutschen Krimi.


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Grüne Palmen, hellbeiger Sand, fleckenlos azurner Himmel und türkisfarbenes Meer, die in der Ferne hitzeflimmernd verschwimmen.
   "So muá das Leben sein, Klaus." Krollmann korrigiert die Position des Sonnenschirms um eine Winzigkeit, grunzt wohlig und kratzt sich. "Was hast du gesagt?"

   "Nix."

   Johannes Theodor Barkelt, "Karibischer Traum"  

KTB 08.04.01 / Nach dem ersten und dem dritten (siehe Krimitagebuch 25.03.01) les ich nun auch noch den zweiten Krimi von Johannes Theodor Barkelt. "Karibischer Traum", letztes Jahr als Aufbau-TB erschienen, ist vielleicht sein bester. Ein Argument dafür w„re, dass dieser Krimi ohne Mord auskommt, sogar ohne Leiche, eine absolute Rarit„t im Genre (leider!); obendrein fiel mir das erst einige Zeit hinterher auf, soll heiáen, ich hab da gar nix vermisst. Barkelts Thema ist Kaufhausdiebstahl, und was er aus dem Schauplatz Kaufhaus herausholt an Realismus, Tragik, Komik, Satire, Spannung, Geheimnis und (?) Verbrechen, das ist groáe Klasse. Man schaut sich hinterher in Kaufh„usern anders um. Oder macht lieber gleich einen Bogen um diese Abenteuer-Dschungel. (Unn”tig hinzuzufügen, dass Barkelts peinliche Antihelden K & B mir inzwischen ans Herz gewachsen sind.)



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George Baxt

Taxifahrer waren Seth Piro ein ständiges Ärgernis, ebenso wie die Kassiererinnen bei Daitch's Shopwell und Sybil Burtons gesellschaftliche Aktivitäten. Dabei war er Mrs. Burton noch nie begegnet, vertrauliche Gespräche mit Kassiererinnen vermied er prinzipiell, und er wünschte sich sehnlichst, der übers Steuer gebeugte Taxifahrer wäre mit Stummheit geschlagen. Die Karte am Armaturenbrett wies ihn als Mr. Salvatore Lopella aus. Salvatore war herzinfarktbleich geworden, als Seth ihm die Adresse in Brooklyn genannt hatte.
   "Pharoah Love und die Badewanne des Todes"  

KTB 01.03.02 / Es gibt wohl wenig Ernücht
ernderes für den leidenschaftlichen, literaturbegeisterten Buchhändler, als ein oder zwei Mal im Jahr akribisch, penibel durch sein Lager zu gehn, Verlag für Verlag sein schön breites Spezialsortiment nach Ladenhütern zu durchkämmen, es quasi mit betriebswirtschaftlichen Argusaugen unter die Lupe zu nehmen, oder so, und anschließend gnadenlos augiasmäßig auszumisten. Das heißt, längst vergriffenes altes Zeug endlich zu verramschen, so sehr's im Einzelfall auch schmerzen mag (doch einmal muss jede Verkaufshoffnung begraben werden, denn jeder Verkaufsregalmeter kostet, und eine Buchhandlung ist keine Bibliothek), und die wahrscheinlich weiterhin unverkäuflichen aktuellen Titel an den Verlag zu remittieren, so toll diese Romane im Einzelfall auch sein mögen.

Man remittiert nicht gern. Man gesteht sich selbst und dem Verlag nicht gerne ein: Dieses und dieses und dieses tolle Buch konnte ich kaum verkaufen. Und dieses und jenes tolle Buch hat meine Kundschaft kaum interessiert. Und dies da, das kenn ich ja überhaupt nicht, wo kommt denn das her, was ist denn das für eins, wie lang hab ich das denn schon hier im Laden. Und das da, das wollt ich ja schon immer mal lesen, das nehm ich jetzt endlich mal mit heim. - Tja, bei jeder größeren Remission packt den leidenschaftlichen, literaturbegeisterten Buchhändler immer wieder das Mitleid und die Reue, und fast zwanghaft zwackt er ein bis zehn Bücher davon ab für seine eigenen, ebenso überquellenden Bücherwände daheim. Er ist und bleibt sein bester Kunde.


So geschehen auch im Fall George Baxt. Dessen historische Hollywood-Promi-Krimis haben ihn in den 90ern auch in Deutschland beliebt gemacht: "Mordfall für Marlene Dietrich", "Mordfall für Humphrey Bogart", "Mordfall für Bette Davis" und so weiter hießen die bei Haffmans und später bei Heyne einfallslos, allerdings plakativ und einigermaßen passend, waren's doch serienmäßig runtergeschriebene humorige Krimis um die jeweiligen Filmstars. Geist- und kenntnisreiche Unterhaltung, flott und turbulent wie Screwball-Comedys, witzig und charmant plauderhaft erzählt und bisweilen frivol, und immer zugleich liebevolle und ironisch-satirische Porträts der jeweiligen als Protagonisten missbrauchten Filmstars.


George Baxt (der nächstes Jahr 80 wird, falls er noch lebt) schrieb serienmäßig auf einem Niveau, das viele andere nie erreichen. Und er ließ immer mal wieder ahnen, wie viel - um jetzt nicht gleich von Tiefe und Abgründen zu schwadronieren - doch hinter seiner Maske des Krimi-Comedians, unter der Oberfläche seiner Comedy-Krimis lag. Einmal rührte mich dieser Entertainer sogar fast zu Tränen: als in "Mordfall für Tallulah Bankhead" das alte Schauspieler-Ehepaar, in die Enge getrieben durch McCarthys Hetze, gemeinsam in den Tod fährt. Vielleicht der stärkste Krimi in Baxts Promi-Serie; komischerweise um eine Hauptperson, die bei uns (wie ist es in USA?) kein Mensch kennt; und auch die Nebenfiguren locken heute wohl (zu Unrecht) kaum noch Buchkäufer hinterm Ofen vor: Dorothy Parker, Lilian Hellman, ein Innensenator namens McCarthy, und ein Theateragent namens George Baxt. (Nanu, kommt der etwa in allen seinen Krimis vor? Vielleicht nur kurz, so wie Hitchcock in seinen Filmen?)


Nach seinen Prominentenkrimis brachte Heyne 1998/1999 dann noch drei frühere Krimis von George Baxt heraus, geschrieben Mitte der 60er, nämlich seine Serie oder zumindest den Anfang seiner Serie um den schwulen (!) schwarzen (!) korrupten (!) New Yorker Morddezernatsbullen Pharoah Love. Dämlicher Name. Was er sich dabei wohl gedacht hat. Entschärfung durch Albernheit? Jedenfalls hab ich, nicht zuletzt wegen dieses Namens, aber auch wegen der Buchtitel (die im Original auch nicht frei von Blödelei sind) und der ganzen Aufmachung und Vorsatztexte dieser Heyne-Taschenbücher, bisher einen Bogen drum gemacht, diese Krimis vorverurteilend abgetan als "bestimmt bloß blöder Tunten-Klamauk".


Und jetzt, alle drei sind seit über einem Jahr vergriffen und von jedem steht immer noch ein Exemplar im UFO rum, nehm ich sie also endlich mit heim, les den ersten, "Pharoah Love und die Badewanne des Todes" ("A Queer Kind of Death", 1966; übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel), und find ihn gar nicht schlecht. Tja, stimmt, das hätt ich allerdings ahnen können, kenn ich doch Baxts Promi-Krimis. Und bedaure nun, dass mir angesichts drängender Neuheitenberge jegliche Zeit fehlt für die andern beiden Love-Krimis (die sich inhaltlich direkt anschließen). Übrigens: Gab/gibt es im US-Original noch mehr davon? Und übrigens: Wie sind eigentlich die vier andern frühen Krimis von Baxt, die's Anfang der 70er mal bei rororo gab?


Und: Sind diese Krimis um Pharoah Love "Schwulenkrimis"? Und/oder "Ethno-", "Schwarzen-", "antirassistische Krimis"? Und, ja, überhaupt richtige Polizeikrimis? - Jein. Ein schwuler schwarzer Polizist als zweite Hauptfigur (erste, würd ich sagen, ist der Ghostwriter Seth Piro, intimer Freund des ermordeten jungen Schauspielers) macht noch keinen Polizei- oder Schwarzen- oder Schwulenkrimi.


Was Letzteres betrifft, so bildet Baxts "Badewanne" einen merkwürdigen Gegenpol zu Joseph Hansens ernsthaftem, melancholischem Schwulenkrimi-Seriendebüt "Fadeout" (Original 1970; deutsche Neuausgabe bei Ariadne/Argument). Bei Baxt gibt es keinen Sex, schon gar keinen schwulen; außer zwischen den Zeilen, vor allem den Dialogzeilen. Da dampft und quillt er aber förmlich heraus; es ist ein ziemlich frivoles Buch, auf seine prüde Art - oder vielleicht bloß zeitgemäße Art, so wie ja in damaligen Hollywood-Filmen auch immer ausgeblendet und weggeschnitten wurde, wenn's ans Küssen oder ins Bett ging. Außerdem sind Baxts Figuren sowieso eher munter polygam und lustig bisexuell als richtig schwul.


Also irgendwie ist das als "Schwulenkrimi" nicht so ganz das Wahre, nicht so ganz ernst gemeint und ernst zu nehmen. Oder? George Baxt scheint gar nix mit irgendwelchem Engagement für Schwarze oder Schwule am Hut zu haben, er scheint nix weiter als frech und gewagt unterhalten zu wollen. Aber: "scheint" wie in "anscheinend", oder wie in "scheinbar"?!? Denn es kann gut sein, dass diese 60er-Jahre-Krimis - und alle, die in ihrer Nachfolge heute als leichte Schwulenkrimikomödie daherkommen und von mir gern etwas ungerecht als "Tuntenklamauk" abgetan werden - erheblich mehr für die Toleranz und gegen die Ignoranz der Stinos bewirken als etwa Joseph Hansens oder Michael Navas respektable moralische Kriminalromane mit ihren traurigen und tragischen Schwulenschicksalen.

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George Baxt bei Krimi-Couch:
www.krimi-couch.de/krimis/george-baxt.html.


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Pieke Biermann

   Das rasende Herz: Pieke Biermann   
    (Text für Radio Dreyeckland, 1993)   

Als Pieke Biermanns zweiter Krimi "Violetta" vom BKA zum "Krimi des Jahres 1990" gekürt wurde, schrieb das KRIMINALJOURNAL: "Einhellige Anerkennung kann Pieke Biermann mit ihrer, vorsichtig ausgedrückt, gewöhnungsbedürftigen Schreibe kaum ernten. Sie bleibt unbestritten die "Miß Umstritten" der deutschen Kriminalliteratur."

Wie wahr: Wurde "Violetta" 1991 im SPIEGEL bös verrissen, so landet drei Jahre später DER FREITAG genau in der Woche einen Verriß von "Herzrasen", als Pieke Biermann für diesen dritten Roman den "Deutschen Krimi-Preis" kassiert.


Pieke Biermann lebt als freie Schriftstellerin, Publizistin und Übersetzerin in Berlin. Bekannt wurde sie zuerst durch Veröffentlichungen zum Thema Prostitution; sie macht kein Hehl daraus, daß sie "selber fünf Jahre angeschafft hat". Daher also die fidelen, sich organisierenden Huren, welche sie uns in ihren Krimis so ans Herz legt. Die Krimis deshalb als "Frauen-" oder gar "Huren-Krimis" zu bezeichnen, greift zu kurz; "Berlin-Krimis" und "Polizei-Romane" paßt als Etikett schon eher.


Am Anfang der auf sieben Romane angelegten Reihe stand 1987 das aufgedreht witzige "Potsdamer Ableben". Ebenfalls bei Rotbuch folgte 1990 "Violetta", deutlich härter und ambitionierter. Dritter Streich im Sommer 1993 dann "Herzrasen" - und wer weiterhin über deutsche Krimis mitreden will, wird um diesen Roman nicht herumkommen.

Nach der Ouvertüre, einem Albtraum des Ersten Kriminalhauptkommissars Karin Lietze mit anschließendem bösen Erwachen, muß man allerdings bereit sein, sich auf eine dichte, komplexe Komposition einzulassen. Zehn Hauptfiguren tummeln sich in "Herzrasen", mit jeweils eigenem Handlungsstrang und eigener Perspektive. Alle paar Seiten wechselt das, Prinzip Parallelmontage hoch zehn. Nicht schön und gemütlich, keine eingehenden Beschreibungen oder Erläuterungen, statt dessen verknappt, schnell, kurz, knallig, hart, direkt; konzentriert waches Lesen erfordert dieses Gewebe, dieses Geflecht; ein Buch wie eine Stadt, wie das Leben, denn natürlich hängt alles irgendwie zusammen, laufen Handlungs- und Beziehungsfäden überkreuz und durcheinander, aneinander vorbei und stückchenweise miteinander. Ein Gewirr auch von Stimmen: berlinerisch, jiddisch, sächsisch, rheinländisch oder mit französischem accent wird da gesprochen, oder auch unverständlich um eine Mandelentzündung herum geknödelt, und Pieke Biermann bringt diese Stimmen alle aufs Papier.


"Herzrasen" ist ihr anspruchsvollster Roman, eher Intelligenz- und Konzentrationstest als leichter Feierabendkrimi. Ein sprachliches Konzentrat, manchmal geradezu lyrisch dicht. Der von ihr "pointillistisch" genannte Stil macht "Herzrasen" sehr lebendig, und selbst wer dem Buch nichts abgewinnen kann, wird ihm doch Niveau und eigenen Stil zusprechen müssen.


Worum geht's nun in diesem vollgepackten Roman, diesem Kolossalgemälde? - Beispielsweise um den fiesen Firmenboss und Organhändler Jähder. Ein echtes Schwein, aber auch ein armes Schwein: die Organ-Connections aus DDR-Zeiten bröckeln ab, sein Wurstbudenimperium bringt mehr Ärger als Kohle, seine Sekretärin haut ihm ab, und so rotiert er und traktiert alle Welt; oder er schmort im eigenen Saft und lauscht auf seine Herztöne, die jedesmal wieder anders klingen, beängstigend, und weit und breit ist kein Spender in Sicht, dabei bräuchte er doch unbedingt ein neues Herz ...


Über Inhalte etwas zu erzählen, hieße vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen. Natürlich geht es um die Wiedervereinigung, um Ossi-Wessi-Ressentiments; Pieke Biermann schont hier niemanden. "Herzrasen" zeigt im Vergleich zu "Potsdamer Ableben" und "Violetta", wie sich die Stimmung in Deutschland und Berlin verändert hat: Die Aggressivität hat zugenommen, es kommen härtere Zeiten.

Die Huren der "Migräne e.V." reiben sich die Augen, was ihnen der Fall der Mauer plötzlich beschert. Das illustre Team des MI/3 um Karin Lietze untersucht eine Kindstötung: die Nachbarn haben nichts gehört und nichts gesehn und nichts gesagt und stattdessen halt den Fernseher lauter gestellt; die Mutter des toten Kindes ist jung und dumm; der Vater hat als abgetauchter Neonazi und Möchtegern-Zuhälter seine Kameraden von der "Deutschen Front" im Nacken sowie seinen Schwiegervater und dessen Stasi-Genossen und obendrein die Huren und die Polizei. Schließlich kämpft sich noch eine geheimnisvolle Selbstmordkandidatin durch den Roman; sie pflegt die MS-kranke Frau von Kriminaloberkommissar Sonja Schade. Kriminalhauptkommissar Detlev Roboldt lacht sich derweil einen sächsischen Neger an namens Detlef. Nur der Chef, die Lietze, ist "ganz normal" verliebt ...


Pieke Biermann geht es immer um die einzelnen Menschen. Insofern, "Die Wahrheit ist immer konkret", hat sie mit "Herzrasen" auch einen politischen Roman geschrieben und einen zeitgeschichtlichen Roman mit Blicken zurück bis in die Berliner Vorkriegszeit. "Ich glaube", sagte sie in UNDERGROUND, "daß Literatur, auch Kriminalliteratur, deshalb spannend ist, weil sie einen Ort und eine Zeit in ihrer besonderen Beschaffenheit trifft und erfahrbar macht, wie sie tickt."


"Herzrasen" ist spannende Literatur. Wer in zehn, zwanzig Jahren wissen will, was in unserer neuen alten Hauptstadt für eine Atmosphäre herrschte kurz vor, während und kurz nach dem Ende der DDR, wird zu Pieke Biermanns Kriminalromanen greifen. Für Berlin wird sie das sein, was für New York und Hongkong heute schon ihre Rotbuch-Kollegen Jerome Charyn und William Marshall sind.


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Pieke Biermann im Krimilexikon:
www.krimilexikon.de/biermann.htm
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D. B. Blettenberg

KTB 06.10.97 / Der Verlag Volk & Welt fragt, ob's UFO Interesse habe an einer Lesung mit D.B.Blettenberg im Januar oder Februar. Tja, ich schon, würd den Mann gern mal kennenlernen, aber wer soll ihn bezahlen? Wenn ich nicht ab und zu einem Fan von Ross Thomas oder sonst einem Politthriller-Leser die Taschenbuchausgabe von Blettenbergs "Blauer Rum" aufdrängen würd, lägen unsere Verkaufszahlen dieses mehrfachen Krimipreisträgers und klugen, kenntnisreichen Autors bei Null. Und fünf Hunnis Honorar plus plus plus und Aufwand und Arbeit dafür, daß er dann vor zehn bis fünfzehn Leuten im UFO sitzt und liest und erzählt - nee, sorry, den Frust tue ich ihm und uns nicht an.


Da les ich doch lieber in Ruhe seinen neuen Roman "Null Uhr Managua", als HC diesen Sommer bei Volk & Welt erschienen. (Davor zuerst mehrere Thriller und ein Reportagen-Band als TB bei Goldmann und Ullstein; dann einige Titel als HC bei Schweizer Verlagshaus, und davon dann im Januar 96 "Blauer Rum" als TB bei Bastei Lübbe.) - "Null Uhr Managua" kommt anfangs ziemlich faktenschwer daher, faktenkühl, faktenprall; geballte Info, geballte Kraft, Konzentration; DBB macht gleich klipp und klar, daß er absolut Bescheid weiß über Mittelamerika, Politik und Geschichte dort, ebenso über bundesdeutsche Geschichte und Politik und insbesondere Mittelamerika-Politik. Erzählton zum Auftakt cool, zurückhaltend, zurückgehalten; Understatement; Ruhe vor dem Sturm, wie in östlichen Kampfsportarten die Höflichkeits- und Sammlungsrituale vor dem Akt des Kämpfens. Inhaltlich: Experte Max Nordmann soll für die Bundesregierung prüfen, ob in Nicaragua bei der Aufklärung eines (politischen?) Mordes alles mit rechten Dingen zugeht, damit man anstehende weitere Finanzspritzen guten Gewissens absegnen kann. Eine heikle Mission, für einen einzelnen Mann fast schon ein Himmelfahrtskommando ...

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KTB 10.10.97 / DBBs "Null Uhr Managua" weitergelesen, "Zweiter Teil / Vor Ort / Juli 1993". Lehrreich S.93-96 ein Kapitelchen Kriegsgeschichte, das wir Nordmanns Flugnachbar verdanken, einem Stuka-Fan. Schön gehässig auf S.116-118 DBBs Portrait eines wohl typisch deutschen Nica-Soli-Fuzzis (welcher viel später noch viel schlechter wegkommen soll).


Was mir mißfällt: Nordmann (hab ich schon mal erwähnt, daß ich sprechende Namen hasse?) ist kaum im Land, da begegnet er der langbeinigen Blondine Barbara Beck, Erste Botschaftssekretärin, und denkt gleich nur noch ans Ficken (S.124: "Er wollte sie haben. Um jeden Preis."), und tatsächlich, auf S.151 kriegt er sie auch, oder sie ihn. - Tut mir leid, das ist (leider!) nicht meine Welt- und Lebenserfahrung; also entweder herrschen in Mittelamerika tatsächlich andere Hormonverhältnisse, tropische Lebenslust und -gier, oder das mußte einfach mit rein als Standardwürze, so wie in den klassischen melodramatischen sexistischen Krimis, wo eben eine femme fatale dazu gehört oder aber ein später vom Helden zu rächendes weibliches Opfer. Auffallend andererseits, wie er die Sex-Szenen selber ausspart und keusch ausblendet.


Sicher ein beachtliches Buch, es steckt einiges drin, inhaltlich, auch an Wissen und Können des Autors; dennoch hatte mir "Blauer Rum" besser gefallen, hatte mich "Blauer Rum" besser unterhalten; aber ist das "gefälligere" und "unterhaltsamere" Buch das bessere? "Blauer Rum" war sarkastischer, frivoler auch, nicht im Sinne von zynisch, sondern von ganz bewußt gewagter schwarzer Humor, mutig bis mutwillig lustig, hochgemut, wobei ich einen Grundton meine, eine durchgängige Tonart, eine Grundstimmung. Hier in "Null Uhr Managua" eher ernsthafte Aufklärung, eher bittere Ratlosigkeit angesichts hundert Jahre verfahrener Geschichte; dieses Buch von DBB gehört nicht mehr so eindeutig zur "Schule Ross Thomas", dafür kommt ihm der gute deutsche Entwicklungshelfer zu stark durch. Zitat aus einem Dialog von S.163:
»Gibt es eigentlich irgendetwas in diesem Land, das nicht hochexplosiv und politisch ist?
« »Geben Sie sich keinen Illusionen hin. Nicaragua ist ein ideologisches Bitterfeld.«

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KTB 12.10.97 / Schluß von "Null Uhr Managua", ab S.277, "Dritter Teil / In Obhut / Juli 1993". Nordmann wird entführt in den Dschungel; die restlichen neunzig Seiten nun Action-Thriller, Blut und Tote und Melodrama. Das kann er auch, der Blettenberg, zweifellos. Trotzdem hab ich "Blauer Rum" gelungener in Erinnerung, zwar vielleicht eindimensionaler und weniger ambitioniert, aber dafür aus einem Guß.


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D. B. Blettenbergs eigene Website:
www.dbblettenberg.de/.


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Nevada Barr



KTB 06.-07.03.99 / Brauche Erholung, Abschalt-Lektüre, Flucht-Lektüre. Gönne mir also Nevada Barrs dritten Krimi "Zeugen aus Stein". Ein Heyne-TB; das Original "Ill Winds" von 1995 wurde gewohnt solide übersetzt von Christine Strüh & Adelheid Zöfel; Nevada Barrs erste beide Krimis sind als Haffmans-bei-Heyne-TB leider vergriffen, weitere läßt Heyne hoffentlich folgen.

Ja, das tut gut, das ist jetzt genau das Richtige! Eine sympathische, seelisch angeknackste und trotzdem beruflich und menschlich kompetente Heldin: Rangerin Anna Pigeon arbeitet diesmal im Mesa Verde National Park, wo sie sich von den toten Höhlenstädten der Anasazi-Kultur faszinieren läßt, genau so wie Tausende Touristen und wir Romanleser. Unter den Park-Angestellten menschelt's, funkt's und kriselt's; ein Bauvorhaben stößt auf Widerstand; Geisterglaube findet Nahrung durch merkwürdige Todesfälle; Anna besäuft sich, sie telefoniert nachts mit ihrer New Yorker Therapeutin, sie läßt sich fast mit einem Mann ein, dessen Mörder sie dann später suchen darf, sie lauert nachts in den Ruinen, grusel grusel ... - hach, es macht einfach Spaß, sich von Nevada Barr entführen zu lassen, jedesmal in eine andere US-amerikanische Landschaft! (Wird sie eigentlich vom Tourismusverband gesponsort?)


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KTB 07.10.99 / Lust auf Nevada Barr, bzw. ihren "Feuersturm" (TB bei Heyne), ihren vierten Krimi um die Nationalpark-Rangerin und zufällig immer wieder Mordermittlerin Anna Pigeon.

Eigentlich sollte die Autorin von Tourismus-Organisationen gesponsort werden, denn ihre heimliche Romanheldin ist immer die Landschaft desjenigen US-amerikanischen Nationalparks, wo Anna Pigeon grad arbeitet. In "Die Spur der Katze" waren das die heißen Canyons von Texas, in "Einer zuviel an Bord" die kalten Gewässer der Großen Seen; leider sind diese Heyne-Krimis vergriffen. Noch lieferbar ist der dritte: "Zeugen aus Stein" versetzt uns in die Anasazi-Ruinenstadt von Mesa Verde, und nach der Lektüre möcht man am liebsten sofort die Koffer packen und hinfliegen.

Die brennenden Wälder Nordkaliforniens sind nun Annas Einsatzgebiet in "Feuersturm" ("Firestorm", 1996; wieder souverän übersetzt von Christine Strüh und Adelheid Zöfel, leider weniger souverän lektoriert von Heyne). Der Krimi-Plot enttäuscht ziemlich: Ein Dutzend Feuerwehrmänner und -frauen für einige Tage und Nächte isoliert im Waldbrandgebiet; ein, zwei, drei Todesfälle, darunter mindestens ein Mord; whodunit? - Ziemlich konventionell tappt Anna da von einem Verdächtigen zum andern, von einem Verdachtsmoment zum andern. Mitreißend und einprägsam schildert Nevada Barr das Drumherum: die harte aufregende Arbeit der Feuerwehrleute, die Natur der Bergwälder, die Gewalt des Feuers. Davon hätte ich zu Lasten der Krimi-Handlung gerne mehr gelesen; dann könnte ich der Autorin auch leichter verzeihen, daß ihre tapfere Single-Heldin demnächst wohl diesen blöden FBI-Agent Frederick Stanton heiraten wird.


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Schwarzes, lauwarmes Wasser klatschte gegen Annas Rücken, schwappte ihr über die Schultern und vorn über ihr Hemd. Sie kniff die Augen fest zusammen, damit das Salzwasser nicht so brannte, klammerte sich an den Panzer der Schildkröte und konzentrierte sich darauf stehenzubleiben, während ihr die Welle gegen die Beine schlug und den Sand unter ihren Turnschuhen wegsaugte.
   (Nevada Barr, "Paradies in Gefahr")  

KTB 08.02.02 / Anfang und Schluss gelesen von Nevada Barrs fünftem Krimi um die mal hier, mal dort stationierte und jeweils immer in Verbrechen verwickelte Nationalparkhüterin Anna Pigeon. Netter Krimi. Eine Schildkröten-Insel vor der Küste Georgias, ein dubioser Flugzeugabsturz, FBI und Marihuanafelder, und eine Feuersbrunst.


"Paradies in Gefahr" ("Endangered Species", 1997) wurde, so scheint mir, vom bewöhrten Duo Christine Strüh & Adelheid Zöfel wieder mal besser übersetzt als von Heyne lektoriert. Das TB ist im Juni 2000 erschienen und seit Juni 2001 vergriffen. Ein Verlust? Nicht wirklich.


Ein schwächerer Serienroman, scheint mir. Lesbar sind sie ja alle, weil jeder in einem anderen landschaftlich reizvollen US-Nationalpark spielt und die Heldin Anna Pigeon so einnehmend sympathisch ist. Aber die ersten drei Romane waren doch ziemlich eindeutig stärker als der vierte, "Feuersturm" ("Firestorm", 1996) (siehe KTB 07.10.99), und eben der fünfte jetzt.


Schön wär's also, wenn Heyne (oder von mir aus Ullstein, die gehören ja jetzt zusammen und schieben sich die Krimi-Neuauflagen gegenseitig zu) die ersten drei Krimis von Nevada Barr in einem billigen Dreierband wieder auflegen würde: "Die Spur der Katze" ("Track of the Cat", 1993), "Einer zuviel an Bord" ("A Superior Death", 1994) und "Zeugen aus Stein" ("Ill Wind", 1995) (siehe KTB 06.-07.03.99).


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Nevada Barrs Website:
www.nevadabarr.com/.


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Larry Beinhart

Die Muse des Krimigenres ist wankelmütig, aber dem Autor, den sie erwählt, schenkt sie Gaben aus purem Gold.
   Das größte und wichtigste Geschenk ist - ein Publikum, und das bringt all die anderen wunderbaren Gaben und Vorteile mit sich.

   Wie bei Nachrichten oder auch bei Pornografie ist das Publikum unersättlich. Brauchen wir noch mehr Nachrichtensendungen? Offenbar ja, denn es werden immer wieder neue Formate entwickelt und verwirklicht. Oder noch mehr Magazine mit nackter Haut? Es werden ständig mehr und sie werden gekauft. Warum stehen in der Krimiabteilung so viele Bücher, warum kommen jede Woche neue hinzu? Es gibt Leute, die pro Woche, und manche sogar pro Tag einen Krimi lesen. Ich zum Beispiel setze mich nie ohne Krimi ins Flugzeug, in die U-Bahn, den Bus oder Zug.

   Kurz gesagt: Es gibt einen Markt für Kriminalromane.

   (CRIME - KRIMINALROMANE UND THRILLER SCHREIBEN)  

KTB 07.10.2003 / Gleich nach Freys WIE MAN EINEN VERDAMMT GUTEN ROMAN SCHREIBT lese ich Larry Beinharts entsprechendes Werk CRIME - KRIMINALROMANE UND THRILLER SCHREIBEN. Das Original HOW TO WRITE A MYSTERY wurde 1996 beim Massenmarkt-Verlag Ballantine Books in New York veröffentlicht. Übersetzt von Kerstin Winter, brachte es bei uns nun der kleine spezialisierte Autorenhaus Verlag in Berlin heraus (PB, 235 Seiten, 14,90 Euro).


Ebenda waren zuvor übrigens auch die Schreiblehrbuch-Klassiker von Lajos Egri und von Gustav Freytag erschienen. (Ich nenn sie jetzt mal Klassiker, weil auch unser Selbst-schon-Klassiker James N. Frey sich stets auf sie bezieht.) Außerdem solche Ratgeber wie SO VERKAUFEN SIE IHR BUCH! oder SCHRIFTSTELLER WERDEN oder EROTIK SCHREIBEN. Außerdem, oha, Ray Bradburys ZEN IN DER KUNST DES SCHREIBENS - eine wunderbare Sammlung von mitreißenden, inspirierenden und teils sehr bewegenden Essays des genialen Phantastik-Altmeisters, der hier leider ein wenig selbstverliebt dem Genie-Kult frönt, was den praktischen Nutzen einschränkt für alle nicht so von der Muse Besessenen.


So wie Bradbury schreibt auch der hochkarätige, preisgekrönte Kriminalroman- und Politthriller-Autor Larry Beinhart (Cassella-Trilogie, 1986-1991; AMERICAN HERO, 1993) einen eleganteren Stil, schreibt angenehmer, geschmeidiger, literarischer als James N. Frey. Persönlicher auch, eher ein Plaudern aus dem Nähkästchen und ein großzügiges Weitergeben eigener Erfahrungen als Freys Frontalunterricht im richtigen Romanschreiben. Larry Beinharts CRIME macht sicher auch solchen Krimi-Lesern Spaß, die ansonsten mit Sekundärkram oder Schreibtheorie nix am Hut haben.


Im Unterschied zu Frey geht es Larry Beinhart erst mal um die Story. „Erzählerische Dynamik“, „Plotting - der Handlungsaufbau“, „Die Eröffnung“, „Der Szenenaufbau“, „Haken und Aufhänger“, „Klarheit“, „Sex ‘n' Crime“, „Gewalt“ und „Auf Materialsuche“ heißen die ersten neun Kapitel, bevor es im zehnten und elften Kapitel, in der Mitte des Buches, dann mal um „Charakter“ und „Helden und Heldinnen“ geht. Die beiden Bücher ergänzen sich also gut. CRIME ist Krimi-spezifischer. Vorteil oder Nachteil? Und zurückhaltender im Ton, es gibt kein „So wird’s gemacht“ oder „So und so muss das sein“. Vorteil oder Nachteil?

Jedenfalls hab ich mir bereits in Larry Beinharts allgemeiner „Einleitung: Die Freuden des Kriminalromans“ mehrere zitierfähige Aperçus angestrichen. „In mancher Hinsicht ist das Schreiben in einem Genre wie eine Sportart, die man betreibt: man macht immer wieder dasselbe“, so beginnt beispielsweise ein Abschnitt zu formula fiction, Genre-Schreiben generell. Und die elementare Frage „Wann ist ein Krimi ein Krimi?“ dient ihm als Zwischenüberschrift und führt gleich zur lapidaren Antwort: „Die einfachste und treffendste Definition lautet: Ihr Buch gehört dann in die Gattung, wenn der Buchhändler es ins Krimiregal und nicht in das für allgemeine Belletristik stellt.“ - Nett, oder?


   Larry Beinharts Buch beim Autorenhaus Verlag:  
   www.autorenhaus-verlag.de/47.80.0.0.1.0.phtml  


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Mark Belóv

KTB 15.-17.05.00 / Was lange währt, wird endlich gut. Was lange liegen bleibt, vergammelt. Oder erledigt sich manchmal von selber. Manchmal aber auch nicht.

Tja, was kann ich zu meiner Entschuldigung anführen? Mit einem Jahr Verspätung lese ich endlich mein freundlichst vom Verlag spendiertes Freiexemplar von Mark Belóvs "Fosters Fleischparadies" (PB bei Rake, 214 Seiten, DM 19,80). - Hallo, Gesine, grad hab ich unsern kurzen e-mail-Wechsel von damals schmunzelnd noch mal gelesen. Übrigens hättest Du mich zwischendurch ruhig noch mal an "Fosters Fleischparadies" erinnern können. Oder liest Du mein Krimitagebuch etwa nicht, unbegreiflicherweise, unverzeihlicherweise?

Nun aber ernsthaft: Mark Belóv ist laut Verlag 1962 geboren, Physiker und Psychologe und drittens mehrsprachig gebildet, er schreibt auf Englisch und auf Deutsch, "Fosters Fleischparadies" war seine erste Romanveröffentlichung. Es ist ein starkes Buch.

Eine starke Geschichte aus dem finstersten Herzen US-Amerikas, grauenhaft brutal und höllisch makaber und grundwahr. Ein starkes Stück Rollenprosa in der Tradition von Jim Thompsons Noir-Klassiker "Der Mörder in mir" und Patrick McCabes ebenso furiosem Irland-Roman "Der Schlächterbursche". Kurz: eine überaus gelungene literarische Zumutung.

Beginnend mit seiner Kindheit im Provinzkaff Holbrush, erzählt Bick Stump seine Karriere als Schlachter in Chicago (wobei die zahlreichen metzgerischen Details vermuten lassen, dass Belóv mal selber als Schlachter gearbeitet haben muss). Bick Stump schwadroniert mitreißend, um so schlimmer kommt uns das an, was er erzählt und mitunter auch auslässt, verschweigt, verdrängt. Er arbeitet wie besessen, nein, tatsächlich ist er besessen von seiner Arbeit im Schlachthof, steigt dort in "Fosters Fleischparadies" denn auch auf, persönlich verliert er sich aber zunehmend in verschiedenen Wahnvorstellungen. Aufs Entsetzlichste (und meist auch Unterhaltsamste!) vermischt er nun Bilder und Phrasen und Verhaltensweisen aus den Bereichen Religion, Politik, Militär, Sexualität und Metzgerei. Und nach und nach schlachtet er drei Frauen und zwei Männer ab, deponiert die Leichen in seinen Kühlfächern und entsorgt sie zuletzt in der Fischmehl-Maschine. Puh!

Darf ich noch aus einer Rezension im STADTKULTURMAGAZIN KÖLN vom Februar 1999 zitieren? Ja. Also, dort schrieb ein gewisser Lars Albat: "Rückblickend, wie einst Oskar Matzerath in Grass' "Blechtrommel" aus der Anstalt heraus, schildert uns Bick Stump seinen Lebensweg (...). Ein wahrhaft blutig eskalierendes Schelmenstück. (...) Das sich aus den Bick Stump umgebenden gesellschaftlichen Irrungen und Wirrungen entwickelnde Horrorszenario ist sicherlich aus Büchern wie Bret Easton Ellis' "American Psycho" bekannt, doch kommt es diesmal in noch üblerem, weil schleichenderem Gewand daher. Statt drastisch brutaler, gleichzeitig langatmiger Gewaltschilderungen, versucht der Wahnsinnige mit Sprach- und Stilwitz zu verführen, übernimmt er gar den pastoralen Swing des Reverends, seines Onkels (...). Sein Wahn zieht den Leser in seinen Bann - ein kleines psychologisches Meisterstück."

In der Tat. Manche mögen Bick Stumps egomanische Suada nur unerträglich finden, und auch für mich war sie nicht am Stück genießbar, doch auf mehrere Abende verteilt war's eine faszinierende und schweißtreibende Lektüre. Der Roman hätte (nix für ungut, Rake!) auch als HC bei Kiepenheuer & Witsch oder bei Hoffmann & Campe ganz groß rausgebracht werden können; so wird er seinen Geheimtip-Status wohl erst verlieren, wenn irgendwann mal eine TB-Ausgabe bei Rowohlt oder so vorliegt.


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Lawrence Block

KTB 29.-30.1.98 / Angesichts der Massen von Krimis in den ganzen Verlagsvorschauen zum Sommer 1998, durch die ich mich dieser Tage durchfressen mußte wie durch den süßen Brei, gönne ich mir nun einen Moment des Innehaltens, der Besinnung und der Einkehr ... - nein, des besinnungslosen Fallenlassens und des hemmungslosen Vergnügens, der Rückkehr nämlich zum lieblingsten meiner Lieblingsautoren unter den lebenden Krimischreibern: Lawrence Block.

Lang genug hab ich mich beherrscht. Anstatt die Heyne-Übersetzung zu lesen, hab ich auf die britische Paperback-Ausgabe seines letzten Scudder-Romans "A Long Line of Dead Men" gewartet (sieht schöner aus als die US-amerikanische); vergeblich, irgendwie komm ich über unseren üblichen Großhändler nicht dran. Und jetzt erscheint auf deutsch schon der nächste am Horizont, wieder bei Heyne, wieder wahrscheinlich mehr oder weniger na ja nicht schlecht übersetzt von Sepp Leeb, und das Original von diesem allerneusten gibt's auch schon als (natürlich nur US-) Paperback! Also jetzt endlich her mit dem zweitneusten, rein damit!

Aber he, hallo, Heyne, warum kann der Roman statt "Der Privatclub" nicht originalgetreu und passend zu Inhalt und Atmosphäre "Eine lange Reihe von toten Männern" heißen?

Egal, es tut wieder mal richtig gut, dieses Mäandern von Blocks Erzählfluß in träge dahinfließenden Nebenarmen; die seitenlangen ruhigen Dialoge zwischen Scudder und Mick Ballou; Scudders Nick-and-Nora-Seifenoper mit Elaine und seine Daueraffäre mit Lisa; sein Schnüffeln in den mean streets von New York und seine den meisten deutschen Lesern peinsam auf den Sack gehenden andauernden AA-Treffen ... - ja, und den Mörder errät man auch viel zu früh, und Scudders straßenweiser sidekick TJ ist als Figur auch nur ein Klischeehäufchen, und tausend weitere Einwände; gebongt, aber der "Club der 31" ist schlicht eine geniale Idee, ob von Block oder nicht, und "Der Privatclub" groovt eben doch wieder genau auf meiner Wellenlänge, und überhaupt ist es ein rührend schöner Roman übers Sterben, über den Tod und über das Leben.


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KTB 06.03.98 / Spätnachmittags Lawrence Blocks "Im Namen des Volkes" angefangen, den neusten Scudder-Roman (TB bei Heyne).

Er läßt sich viel Zeit für Dialoge: Gequatsche, Geplänkel, überflüssig und redundant - real life halt. Alle zehn Seiten ein Lacher, Dialogwitz wie in einer soap opera, einer Mischung aus Comedy und Melodrama. Grundrhythmus natürlich der Blues, Talking Blues: Block erzählt abgeklärt, absolut souverän, ruhig zurückgelehnt und mit richtig tiefer Stimme.

Krimi-Thema diesmal vor allem Lynch- und Selbstjustiz, Vigilantismus. Jemand killt Übeltäter, die dem Gesetz durch die Maschen geschlüpft sind. But Scudder gets his man.

Manchmal kommt einem der Verdacht, Block (oder eigentlich sein Detektivheld, der aber nur einer von Blocks völlig verschiedenen Serienhelden ist!) sei womöglich ein Puritaner, ein rechter Christ; dann aber merkt man wieder, daß er die ganzen Themen und Standpunkte, auch Scudders Meinungen und Ansichten, zur Diskussion stellt. Schon in den Romanen selber wird eifrig diskutiert. Vor allem mit Elaine. Scudder ist inzwischen mit Elaine verheiratet; außerdem hat er nun endlich eine Privatdetektiv-Lizenz. Einfach schön, den beiden (und diversen Nebenfiguren) beim "Leben" zuzuschauen, beim Älterwerden.

Block lesen ist für mich ungefähr so erholsam und wohltuend und anregend, wie für Scudder eine Nacht lang Rumsitzen und Reden (oder auch Ruhigsein) mit seinem Männerfreund, dem Gangster Mick Ballou.


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It was a perfect summer evening, the last Monday in July. The Hollanders arrived at Lincoln Center sometime between six and six-thirty. They may have met somewhere - in the plaza by the fountain, say, or in the lobby - and gone upstairs together. Byrne Hollander was a lawyer, a partner in a firm with offices in the Empire State Building, and he might have come directly from the office. Most of the men were wearing business suits, so he wouldn’t have to change.
   HOPE TO DIE  

KTB 01.12.2002 / Lese mal wieder was auf englisch. Bleibt mir ja nix anderes übrig, so lang Heyne und Ullstein und Konsorten sich weigern, eine meiner althergebrachtesten und absolutesten Lieblingstserien weiter zu übersetzen: Lawrence Blocks wohlig bluesig ruhige Hardboiled-Serie um den New Yorker AA und PI Matt Scudder.


HOPE TO DIE heißt der fünfzehnte und als Taschenbuch bislang neueste Roman. Wie immer, für mich, a good read, a great pleasure. Ich lieb halt den Sound dieser Ich-Erzählungen, very relaxed, manchmal scheinbar tändelnd, sich verzettelnd in Alltagssituationen, Nebenhandlungen, soap opera stuff - Scudders fast tägliche Besuche von AA-Treffen; Scudders Kneipennächte beim besten Freund, dem beinharten Gangster Mick Ballou; Scudders Geplänkel mit dem quasi-adoptierten Ex-Straßenjungen TJ; Scudders liebevolles Zusammenleben mit Elaine, einer klugen und kultivierten Frau, die während ihrer Zeit als Prostituierte ganz nüchtern ihre Schäfchen ins Trockene gebracht hat und nun den Herbst ihres Lebens zusammen mit Matt im Wohlstand genießt. Ja, und als ob’s den Beiden zu gut ginge, so als Emporkömmlinge in Manhattans upper middle class (oder ist das schon upper class?), wird ein anderes wohlsituiertes Ehepaar nach dem Besuch desselben Benefiz-Konzertes brutal ermordet. Matt lässt dieser seltsame Fall von Raubmord fortan keine Ruhe, er sucht und findet die Spur eines ausgefuchsten psychopathischen Killers ...


Dass Block dieser Gegenfigur einen eigenen Erzählstrang widmet, eine eigene Perspektive, in gelegentlich eingeschobenen Kursivdruck-Passagen, empfinde ich komischerweise nicht als Bereicherung oder Aufbrechen der (für mich eben gar nicht eintönigen oder langweiligen) linearen Icherzählung. Scudders Erzählstimme ist ja genau das, was ich so liebe. Da kommt mir diese dagegen geschaltete zweite Dimension eher in die Quere, lesevergnügungsmäßig. Obwohl ich zugeben muss, dass Block hier einige Überraschungen bringt. Originellerweise erleben wir hier häppchenweise die Genese eines Serienkillers, statt dass uns ein fertiges Monstrum vorgesetzt und dann nachträglich mit Psychoblabla erklärt würde. Auch am Ende des Romans verblüfft uns Block noch mal, der tödliche Showdown zwischen Detektiv und Killer bleibt aus. Dennoch hätt er meines Ermessens diesem Psychopathen einen eigenen Roman gönnen sollen, abseits der Scudder-Serie.


But who am I, to criticize the Grandmaster.


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Andy Buckley said, „Jesus Christ,“ and braked the Cadillac to a stop. I looked up and there was the deer, perhaps a dozen yards away from us in the middle of our lane of traffic. He was unquestionably a deer caught in the headlights, but he didn’t have that stunned look the expression is intended to convey. He was lordly, and very much in command.
   „C’mon,“ Andy said. „Move your ass, Mister Deer.“

   EVERYBODY DIES  

KTB 06.12.2002 / Und weil’s so schön war, verschling ich hinterher gleich noch den zweitneusten, ebenfalls unübersetzten Scudder-Krimi: EVERYBODY DIES (1998). Ach, wie lieb ich schon Blocks Buchtitel! Kann es einen lapidareren und zudem sogar treffenderen geben als den hier?


Diesmal geht es Matts bestem Männerfreund an den Kragen, dem zu Recht „the butcher“ genannten Kleingangster Mick Ballou. (Oder wie benennt man korrekt solche kleinen Fische, beinahe Einmann-Unternehmen, solche bescheidenen, unauffällig sich behauptenden Revier- oder Bezirksbarone in New Yorks multiethnischer Geschäfts- und Kneipen-, Halb- und Unterwelt?) (Siehe auch Jerome Charyns Kriminalsaga um Isaac Sidel!) (Und siehe auch Robert Campbells Chicago-Krimis um Jimmy Flannery.)


Jedenfalls hat’s offenbar irgendjemand auf Mick Ballou abgesehen und zerstört schrittweise dessen kleines kriminelles Lebensnetz. Bringt Freunde und Gefolgsleute um; fackelt Micks Kneipe ab; bedroht auch Matt Scudder, der natürlich als Freund und als erfahrener Detektiv für Mick da ist. Und macht dann einen fatalen Fehler, als er statt Matt versehentlich dessen langjährigen AA-Mentor Jim Faber über den Haufen schießen lässt, bloß weil der zum Verwechseln ähnlich gekleidet am Kneipentisch hockt und Matt zufällig grad aufm Klo ist. Nein, mein Lieber, das hätte dir nicht passieren dürfen!


Scudder schlägt sich nun rückhaltlos auf die Seite seines kriminellen Freundes, zieht mit ihm in diese Schlacht, in dieses Geschlachte („Butcher“ Ballou macht seinem Namen wieder mal Ehre), und muss am Ende grummelnd seine Detektivlizenz abgeben, weil die Polizei ja auch nicht nur blöd und blind am Spielfeldrand rumsteht.


EVERYBODY DIES gefiel mir etwas besser als HOPE TO DIE. Vielleicht bloß, weil mich hier kein komischer Psychopath nervt, sondern ein simpler Rachefeldzug unter Gangstern stattfindet, in den Scudder durch seine gefährliche Freundschaft verwickelt wird und wovon Scudder uns erzählt. Schlichte schöne Icherzählung, in die man sich so richtig wonnig reinlegen kann. Reinlesen und wohlfühlen.


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Laurence Blocks Website (mit Intro):
www.lawrenceblock.com.


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Leigh Brackett

KTB 02.-03.03.00 / Letztes Jahr sind drei nicht genug zu lobende Klassiker der amerikanischen Kriminalliteratur wieder aufgelegt worden, und zwar in überarbeiteten Übersetzungen vom dafür nicht genug zu lobenden Unionsverlag. "Einsamer Ort" ("In a Lonely Place", 1947) von Dorothy Hughes und "Wer mit Fremden schläft" ("Sleep with Strangers", 1955) von Dolores Hitchens kannte ich schon. Beides Meisterwerke, wobei ich den Roman von Dorothy Hughes höher schätze, zum Großteil vielleicht deshalb, weil Dolores Hitchens mit ihrem Privatdetektivkrimi eben doch, wie alle ihre Kollegen, kaum aus dem Doppelschatten von Hammett und Chandler heraustreten kann - das Genre der hardboiled private eye novel ist eben doch und bis heute ein Schreiben "nach Hammett und Chandler".

Jedenfalls fehlt mir leider die Zeit für ein Wiederlesen dieser beiden Ladies of Crime; zu viel aktuelles Neues muss und will ich berufsbedingt anlesen, halb lesen, ganz lesen. "Raubtiere unter uns" ("The Tiger Among Us", 1957) von Leigh Brackett jedoch gönne ich mir. Zum Glück! (Und es macht mir im Nachhinein sogar Lust, die beiden andern nun doch auch noch zu lesen!) "Raubtiere" ist nämlich ein Hammer!

Aber erst mal: Who the fuck is Leigh Brackett?!? Antwort gibt im Anhang ein Autorenportrait, das allein schon fast dazu zwingt, den Roman zu kaufen und zu lesen. Ein Thriller, ein page turner, ein sofort und direkt packendes Buch, das sich so eindrücklich liest, als wär man hautnah am Geschehen dran, als wär man selber mittendrin, oder als würde einem das alles ein guter Freund erzählen, der gut erzählen kann.

Der Ich-Erzähler ist ein stinknormaler Mann, der nachts von ein paar Jugendlichen angepöbelt und nach kurzem Wortgeplänkel krankenhausreif geschlagen wird. Dieser dumme sinnlose Gewaltakt wirft ihn aus seinem Leben und zerstört es fast völlig durch die verschiedenen Spätfolgen, bzw. paradoxerweise dadurch, dass diese Tat außer für ihn selber keinerlei Folgen zu haben scheint. Mühsam rettet er seine dadurch erschütterte Ehe, dass seine Frau den vermeintlich unrettbar Komatösen im Stich gelassen hat. Ebenso mühsam verdaut er, dass die prinzipiell fähige und engagierte Polizei in seinem Fall machtlos ist. Schließlich besorgt er sich eine Knarre, engagiert einen Detektiv und macht sich zusätzlich selber auf die Suche nach den Schlägern. Die entpuppen sich dann einer nach dem andern als dumme Halbstarke, fehlgeleitet von einem etwas älteren brutalen Anführer.

Leigh Brackett zeigt uns diese moderne städtische Gesellschaft, die damals noch weit von unseren heutigen Zuständen entfernt war, aber bereits auf dem Weg hierher. Sie zeigt uns diese Menschen. Sie zeigt uns die bürgerlichen Familien der Halbstarken. Und sie beschließt die Ich-Erzählung des Opfers, des verzweifelt Ausgleich und Gerechtigkeit suchenden Mannes, mit einem Epilog und Schlussappell, den wir heutige abgebrühte Leser als peinlich empfinden mögen, weil übermäßig moralisch. Dabei moralisiert sie gar nicht, sie (bzw. ihr Ich-Erzähler) stellt nur Fragen, stellt Verschiedenes zur Diskussion, und mit ihrer Story stellt sie nur fest, was ist, was tagtäglich passiert und jedem genau so passieren könnte.

Puh! M.a.W.: wow! Ich verbeuge mich vor dieser Autorin. "Raubtiere unter uns" ist wieder so ein Klassiker, für den man 95 Prozent aller heutigen Thriller ungelesen wegschmeißen kann.


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KTB 19.07.00 / Lese abends den alten Goldmann-Krimi "Wo ist meine Frau?" von Leigh Brackett ("An Eye for an Eye", 1957; siehe Krimitagebuch 02.03.00 zu Bracketts "Raubtiere unter uns"). Wär schön, wenn der Unionsverlag auch diesen Reißer neu herausbringen würde. Auch hier geht es um das Thema Selbsthilfe und Selbstjustiz.

Der Ehemann einer entführten Frau weigert sich lange, fatalerweise zu lange, die Polizei einzuschalten und spielt stattdessen selbst Detektiv. Wieder macht Brackett sehr gelungen einen "everybody" zum Verbrechensopfer und zum unfreiwilligen Helden einer Krimi-Handlung. Wieder konzentriert sich fast alles auf ganz wenige Figuren: den verzweifelnden Ehemann, die gefangen gehaltene Ehefrau, den von Hass und Rache getriebenen Entführer (er hatte schon seinen Grund, ausgerechnet dieses Opfer auszuwählen); wichtige Nebenrollen spielen noch die Ex-Frau des Entführers und ein mit dem Opfer-Ehepaar befreundeter Polizist.

Müßig, jetzt auf Einzelheiten einzugehen. Wer das Buch mal antiquarisch irgendwo erstehen kann, sollte dies tun und sich gleich damit in den Lesesessel lümmeln. Ja, diese Autorin, die mir da vom vierzig Jahre alten Einbandfoto so lebensfroh entgegenlacht, hätte ich gern kennengelernt.


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   Leigh Brackett bei Phantastik-Couch.de:   
  
www.phantastik-couch.de/leigh-brackett.html
  


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Ray Bradbury

Als in den frühen vierziger Jahren meine ersten Detektivgeschichten und Krimis in Dime Detective, Dime Mystery Magazine, Detective Tales und Black Mask veröffentlicht wurden, kam es im Hammett-Chandler-Cain-Lager keineswegs zu sofortigen Verzweiflungsausbrüchen. Tatsache ist, daß sie sich auch in der Folgezeit nicht einstellten. Eine Gefahr war ich nie. Ein ernsthafter Herausforderer konnte ich, um es mit den unsterblichen Worten Marlon Brandos zu sagen, gar nicht erst sein.
   Immerhin habe ich überlebt, und eins meiner vergötterten Vorbilder war Leigh Brackett, die sich jeden Sonntagmorgen am Muscle Beach von Santa Monica, Kalifornien, mit mir traf, um dort meine öden Imitationen ihrer "Stark on Mars"-Stories oder einen Abklatsch ihrer erstklassigen Detektivgeschichten zu lesen, die in all den bereits erwähnten Magazinen zu erscheinen begannen. Ich lag für gewöhnlich am Strand und heulte vor Neid, wie leicht ihre Helden sich weiter entwickelten, in Abenteuer verstrickten, starben oder überlebten, um sich alsdann zu Tode zu grämen. Wie sie es schaffte, sich durch meine ersten, todlangweiligen Machwerke zu ackern, vermag ich nicht zu sagen. Das Ganze läßt sich nur mit dem Wort "Freundschaft" erklären.

   Leigh Brackett wußte, daß ich mit Leib und Seele Schriftsteller werden wollte. Ich hatte noch nicht zu meiner wahren Stimme gefunden, obwohl ich ab und an im Genre des Übernatürlichen die eine oder andere meiner wirklichen Stärken zu entdecken begann, gelegentlich auch in einem Science-Fiction-Stoff, der nicht allzu peinlich war. Leigh war meine liebevolle Lehrerin, und ich mußte mich erst noch von ihrem Einfluß befreien, der soviel Anregung wie Einschränkung bedeutete.

   Die meisten der in dieser Auswahl enthaltenen Geschichten wurden geschrieben, um Leigh zu gefallen, um ein gelegentliches "Gut gemacht!" oder - ziemlich gelegentlich - ein "Das ist das beste, was du bisher geschrieben hast!" einzuheimsen.

   (Ray Bradbury, "Hammett? Chandler? Keine Bange! - Ein Vorwort", in: "Der Tod kommt schnell in Mexico")  

KTB 29.04.02 / Lese noch in einem weiteren vergriffenen und eigentlich auch verzichtbaren detebe-Sammelband herum: in Ray Bradburys Kurzkrimi-Sammlung "Der Tod kommt schnell in Mexico" ("A Memory of Murder", 1984).


Seine SF, die ihn berühmt machte, kenn ich kaum. Aber seit seinen beiden ordentlich mit Phantastik (nennen wir's doch beim Namen: Horror!) aufgeladenen Kriminalromanen (?) (Bradbury lässt sich so oft nur schwer in Genre-Schubladen packen!), "Das Böse kommt auf leisen Sohlen" (detebe; "Something Wicked This Way Comes", 1962) und "Der Tod ist ein einsames Geschäft" (detebe; "Death Is A Lonely Business", 1985), halt ich ihn für einen begnadeten Stilisten mit einem magischen Händchen für Atmosphäre. (Hab ich eigentlich je sein "Friedhof für Verrückte" gelesen, das hier noch in meiner Bibliothek rumsteht?)


However, Ray Bradburys herzerfreuendes Vorwort hat's mir angetan. Und darin besonders seine Liebeserklärung an Leigh Brackett, die bei uns zu Unrecht vergessen ist; einzig lieferbar von ihr, als Unionsverlag-TB: "Raubtiere unter uns", ein Klassiker und immer noch ein umwerfendes Buch!

Also les ich gleich noch fünf von Bradburys fünfzehn hier versammelten frühen Crime Stories. Und, wie er selbst im Vorwort freimütig einräumt, sie sind wirklich nicht so besonders. Early works. Minor works. Nicht richtig schlecht, aber ... na ja, Schwamm drüber. Zitier ich lieber etwas länger aus dem netten Vorwort.


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   Ray Bradbury bei Wikipedia:  
  
de.wikipedia.org/wiki/Ray_Bradbury  


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Ken Bruen

KTB 12.04.99 / Ken Bruens gefeierten Erstling "Rilke on black" endlich gelesen. Originalausgabe 1996 bei Serpent's Tail, d.h. als schönes Paperback für nicht ganz billige 7.99 Pfund; die Übersetzung von Brigitte und Niklaus Helbling erschien im April 1998 als rororo für DM 9,90.

Die Hauptfiguren: Rausschmeißer Nick, Ich-Erzähler, über 40, schlägt sich mit Umzugsjobs durch; sein durchgeknallter Kumpel Dex; die schöne junge Schwarze Lisa, femme fatale; Bonny, eine andere Freundin, eher gleichaltrig; das Entführungsopfer, der schwarze Nachtclubkönig Baldwin. Schnelle harte Dialoge. Londons dreckige Viertel. Drogen. "Rilke on black" liegt auf derselben Wellenlänge wie "Trainspotting". In Teil 2 entwickelt die Entführungsgeschichte eine Eigendynamik, unter anderem, weil Lisa mit Baldwin noch eine persönliche Rechnung offen hat; am Ende sind Bonny und Dex und Baldwin und Lisa tot. Teil 3: Nick zieht mit dem Geld ins Hotel; er beseitigt die Leichen; er liest Rilke (!); die Unterwelt und die Polizei riechen Lunte; Nick sprengt seine Erpresser in die Luft; sein kläglicher und viel zu später Fluchtversuch in die USA endet im Airport.

Der dritte Teil schien mir etwas lieblos runtererzählt. Das ganze Ding strotzt mir zu sehr vor coolen und klugen Sprüchen, Zitaten und Anspielungen; Rilke ist da nur die unglaubliche Spitze dieser Klugscheißerei des ein bißchen zu eitlen Autors. Bruens London kommt mir ungefähr so realistisch vor wie Pennacs Paris, nur daß letzterer absichtlich auf Wunderbares, Märchenhaftes aus ist, während Bruen es wohl punkig trashig ernst meint im Sinne eines dirty realism. Oder? Schnall ich nur seine Ironie nicht?


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KTB 13.04.99 / Gleich hinterher: Ken Bruens ebenso dünnen zweiten Thriller "Abgebrannt" (rororo, 160 Seiten, DM 12,90), laut Rowohlts Umschlagtext "noch besser". Na ja. Genau so gut.

Man könnte Bruen in die Tradition von James M. Cain stellen. Wieder wird ein ansatzweise sympathischer zwielichtiger Typ (hier ein Repoman) zum Verbrecher (hier als Bankräuber), wieder geht's wegen einer femme fatale schlecht aus. Bruen liest sich wie ein US-amerikanischer Hardboiler auf Speed, als gäbe ihm Punk statt Rock oder Blues den Rhythmus vor, seine Romane sind kurz und schnell und hart und "noir"-düster. Schlecht nicht, nein, gar nicht übel. Aber so aufregend neuartig oder originell nun auch wieder nicht.

                              
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Ken Bruens Website:
www.kenbruen.com/
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Jay Bonansinga



Die Klinik befand sich in einem niedrigen, unscheinbaren Gebäude an der Ecke La Salle und Huron. Der blaugraue Himmel über Chicago verdunkelte sich gerade bedrohlich, als Joseph Riley Flood zu seinem 9.00-Uhr-Termin eintraf. Er betrat die Halle und nannte der Empfangsdame seinen Namen. Sie führte ihn in ein kleines Untersuchungszimmer direkt neben der Lobby.
   "Killer-Parade"  

KTB 26.-29.04.01 / Zum puren Vergnügen, ähnlich wie oben Paul Thomas' "Transfer", zieh ich mir abends Jay Bonansingas "Killer-Parade" rein (PB für DM 22,- bei Manhattan/Goldmann, TB für DM 16,90 bei Goldmann). Ein ähnliches Vergnügen: Hätt nicht sein müssen, war aber spannend und hat Spaß gemacht. Die englischsprachigen Thriller-Schreiber haben das irgendwie am besten drauf: schnelle brutale Action-Komödien mit Herz und einer Prise Moral.


Bonansingas Plot ist reines Klischee, Standard-Situationen, reibungs- und überraschungslos abgespult. (Oder denkt etwa irgend ein Leser, dass der Held und seine schwangere Freundin sterben könnten?) Der legendäre alternde Profikiller Joe "Slugger" Flood erfährt, dass er todkrank ist. Er besäuft und besinnt sich und hat eine grandiose Idee. Tapfer gibt er seiner geliebten Freundin Maizie den Laufpass - er hat ihr nie offenbart, womit er sein Geld verdient, und kann ihr jetzt nur heimlich eine Million hinterlassen zum Trost. Den Großteil seines mordend angehäuften Vermögens setzt er aber als Kopfgeld auf sich selber aus. Der Spaß beginnt, ein Dutzend durchgeknallte Kollegen seines Formats begeben sich auf eine Jagd, die nicht mehr abgeblasen werden kann, eine mörderische Hetzjagd von Chicago bis in die Mississippi-Sümpfe bei Vicksburg.


Ein paar originelle Ideen hat Bonansinga schon. Zum Beispiel die explodierende Kirchenruine kurz vor Schluss. Oder Joes gewaltsame Flugzeugentführung zur Rettung aller Passagiere. Oder das Intermezzo mit dem mongoloiden Jungen, den Joe rettet und der ihn prompt für Batman hält. Oder dass Joe all die Jahre politisch korrekt nur übelste Verbrecherschweine aus dem Weg geräumt hat im Auftrag einer finanzstarken linksliberalen Gruppierung.


Schade allerdings, dass Joes illustre Killer-Kollegen einer nach dem andern ins Gras beißen müssen, bevor man sie näher kennenlernen und womöglich ebenfalls sympathisch finden kann. Denn natürlich schafft der alte Joe sie alle. Mit tatkräftiger Unterstützung von seiner geliebten Maizie und, wer weiß, wahrscheinlich auch vom lieben Gott, der sich bei all dem prächtig amüsiert.



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Robert Brack



KTB 17.08.98 /
Robert Bracks "Nachtkommando" gelesen (Frühjahrsneuheit als HC bei Edition Nautilus). Sven Boedecker posaunte im März in DIE WOCHE: "Einen besser geschriebenen aktuellen Krimistoff wird es in diesem Jahr vermutlich nicht mehr geben." Was für ein erbärmlicher Pessimismus! Zwei andere Rezensionen (Annette Huber in DIABOLO und Kai-Uwe Goldschmidt in JUNGE WELT) äußerten sich differenzierter. Und ich, mit Hartmut Mechtel noch im Kopf? - Brack schreibt knapper, klarer, weniger literarisch, weniger prätentiös, weniger oberklug, lakonischer, eher hardboiled, bissiger, sarkastischer, mit sparsam dosiertem sehr trockenem schwarzem Humor. Kühl und distanziert, trotzdem rasant und packend. Gelesen die ersten zwanzig Kapitel, bis Seite 126, den Rest nur noch flüchtig, bis die Bösen tot sind und die halbbösen Helden nicht; folgt vielleicht eine Fortsetzung, "Gangsterbüro III"?

Brack enthält sich trotz auktorialer Perspektive jeder Erklärungen, Interpretationen, weshalb anfangs alles, alles unklar ist und sich erst langsam, indirekt in den Dialogen, herausschält, wer mit wem und gegen wen warum hinter was her ist. Ein Drehbuch, welches die Verbrechen eines Medienmoguls enthält, soll in Umlauf gebracht bzw. eben aus dem Verkehr gezogen werden. Ort teilweise Frankreich, Paris, Brack ist internationaler, polyglotter als Mechtel, auch zupackender, weniger verspielt, direkter, filmischer, gewissermaßen amerikanischer und auch französischer. Einzelheld gibt's keinen, stattdessen gleichberechtigt viele Figuren, eine bunte Schar Abenteurer. Ein millionenschwerer Ex-Yakuza kreuzt als moderner Odysseus mit seiner Hochseejacht durch die internationalen Gewässer, ein Satelliten-TV-Krieg brennt hinter den Kulissen, russische Mafiosi, Yugoslawien-Söldner, ein wildes Hin und Her, Ballereien und Brutalitäten ... - zynisch? Ja, ein bißchen schon. Wie Mechtel ist Brack auch Übersetzer, und wie Mechtel gehört er zu den besseren deutschen (Polit-) Krimi-Schreibern, zur Ersten Bundesliga, zum oberen Dutzend in diesem unseren Lande.

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Robert Bracks Website:
www.gangsterbuero.de/.


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Edna Buchanan



KTB 23.-25.06.98 /
Edna Buchanans "Todesfee" gelesen, den fünften Frauenkrimi um ihr literarisches alter ego Britt Montero. EB selbst machte in den 80ern als Kriminalreporterin des Miami Herald von sich reden (Pulitzer-Preis 1986), dann durch zwei autobiographische Bücher in der boomenden Sparte True Crime, "Never Let Them See You Cry" und "The Corpse Had a Familiar Face" (deutsch bei Bastei Lübbe), schließlich 1990 mit ihrem ersten Roman "Nobody Lives Forever", den ich immer wieder wärmstens empfehle, allerdings nur für Nervenstarke: "Niemand lebt ewig" erschien 1992 als erstes ihrer Bücher auf deutsch bei Bastei-Lübbe.

Es folgten die Romane mit der unerschrockenen Heldin Britt Montero, literarisch zwei Etagen tiefer, aber für Fans harter Frauenkrimis okay: realistischer Background, das kriminelle / kriminogene Miami als Kulisse, und von Personal und Story her angenehm menschlich und melodramatisch; mir gefallen sie etwas besser und sie kommen mir auch realitätsnäher vor als etwa Jan Burkes auch nicht schlechte Krimis mit der Reporterin Irene Kelly oder Patricia Cornwells verbissen hartgesottene Thriller mit der Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta.

In "Todesfee" kriegt EBs Ich-Erzählerin zu ihrem eh schon hektisch-chaotischen Alltag incl. schweren Alpträumen ein sehr männliches Hollywood-Idol aufgehalst. Dieser Lance Westfell soll für seine nächste Heldenrolle als Reporter (gedreht wird in und um Miami, die Stadtväter sind ganz aufgeregt!) bei Britt über die Schulter gucken, während sie von einem Tatort zum andern hetzt und ihre Zeitungsartikel und Reportagen bastelt. Rasante Action non-stop mit herbem Humor; immer abstrusere Verwicklungen und Rätsel und Todesfälle um den Filmstar, in den Britt sich natürlich verliebt; einige schöne real-life-Szenen, wie der Filmstar brenzlige Situationen dadurch entschärft, daß ihn eben alle aus dem Kino kennen; eine Führung durch Britts Zeitung, wobei man als Leser schon ahnt, daß am Schluß der Bösewicht in den riesigen Rotationsmaschinen enden wird; Westfells Dreharbeiten werden sabotiert, er selber von diversen Frauen bedroht und verfolgt (alle neurotisch bis psychopathisch, oder treibt er ein doppeltes Spiel?); es geht hin und her und drunter und drüber auch in Britts Gefühlshaushalt; und nachdem ausgerechnet der Fußfetischist, sonst immer die tägliche anonyme Redaktionsplage, seinen Telefonterror mit einem Rettungsanruf wiedergutgemacht hat, lesen wir am Schluß Britts Credo, auf Westfells Frage hin, ob sie mit ihm kommen wolle; Zitat von Seite 378: "Er musterte mich forschend. »Wie kann dir das hier ...... mehr bedeuten als ich?« »Das tut es nicht. Das ist es nicht. Aber es gibt immer wieder eine Story. Eine Story, die einen fasziniert und bei der man weiß, daß man etwas bewirkt hat. Das macht es so lohnenswert. Das und die Spannung. Man wird süchtig danach, weil man nie weiß, wann es passiert. Es könnte morgen sein, oder nächstes Jahr oder in fünf Minuten, aber wenn es passiert, ist nichts auf der Welt wichtiger. Vielleicht bin ich auf meine Art ebenso besessen wie Stephanie. Aber das hier ist mein Zuhause, und Miami ist eine tolle Stadt, was das Nachrichtenpotential anbelangt. Wenn ich mit dir weggehen würde, könnte ich etwas verpassen.«"

Ja, etwas verpassen könnte auch, wer nix von Edna Buchanan liest. Es müssen aber vielleicht nicht unbedingt ihre Montero-Krimis sein.



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Marc Buhl

Die Straße trägt Lenz ohne Widerstand. Der Wind weht ihn am Kreml vorbei hinein in das Gassengewirr von Kitaigorod. Die Kramläden sind verriegelt, der Dampf der geschlossenen Garküchen hängt schwer in der Luft. Aus einer Weinstube dringt fahles Licht. Schatten drücken sich in Türrahmen, Schemen huschen in Hinterhöfe. Lenz aber geht frei. Er kichert.
   DER ROTE DOMINO  

KTB 25.12.2002 / Zweiter von sieben Krimipreis-Favoriten: Wie gesagt, wurde ich sehr positiv überrascht vom Erstlingsroman des Freiburger Autors Marc Buhl (Jahrgang 1967, und meines Wissens irgendwie tätig fürs Literaturforum Südwest im Alten Wiehrebahnhof). Marc Buhls Kriminalroman DER ROTE DOMINO erschien im Herbst 2002 als HC bei der Frankfurter Verlagsanstalt (280 Seiten, € 19,80), und wenn der Verlag was denken täte, hätt er der Freiburger Krimi-Buchhandlung unaufgefordert ein Leseexemplar spendiert - na, Schwamm drüber, kauf ich mir’s halt. Es lohnt sich.

DER ROTE DOMINO hat Witz, Stil, Schwung, Prägnanz, ein (für mich Nicht-Germanisten) originelles und gekonnt dargebotenes Literaturgeschichtsthema, und am wichtigsten, allein schon fast krimipreiswürdig: einen originellen Detektiv.


Drei große Zeit- und Handlungsstränge sind darin übersichtlich miteinander verflochten: die problematische Beziehung zwischen Goethe und Lenz in Weimar (um 1776); das Archive-Durchstöbern russischer Besatzungssoldaten in der eben eroberten Ostzone (1945 und danach); und eine zugleich literarische und ganz handfeste Vermisstensuche hier und heute, anfangs in Freiburg, später in Munzingen und Pskow, zuletzt in Weimar; außerdem eingefügt sind kurze Abstecher und Rückblenden beispielsweise nach Berlin und Moskau. Ein reichhaltiger, spannender und leicht lesbarer Literatur-Krimi.


Vermisst wird eine junge Germanistin, die offenbar so sehr in den Literaturrecherchen für ihre Doktorarbeit aufging, dass sie tatsächlich verschwunden ist. War sie einem echten Knüller auf der Spur, oder drehte sie nur endgültig durch und liegt nun womöglich geistig umnachtet in irgendeiner Klinik? Ihre Eltern wenden sich an ihren Promotionsberater Udo Stahl statt an die Polizei.


Genau, triumphaler erster Auftritt für Literatur-Detektiv Udo Stahl. Alter ego des Autors, außerdem erkennbar gewisse Ähnlichkeiten mit Gisbert Haefs’ Matzbach, treu zur Seite steht ihm sein leicht watsonesker Freund und Mitarbeiter Peter Drexler, und seine Brötchen verdient Udo Stahl, nach unglücklich abgebrochener akademischer Karriere, erfolgreich als sogenannter Promotionsberater, d.h. als Ghostwriter für angehende Geisteswissenschaftler, die ihren Kram nicht alleine gebacken kriegen. (Was für sich schon ein nettes Krimi-Thema abgäbe.) - Eine wunderbare Figur, der man gern ein weiteres Mal begegnen würde.


Zu Goethe und Lenz sei noch verraten, dass es im Kern darum geht, ob die beiden nun ein unschickliches Verhältnis miteinander hatten, welches der arrivierte Goethe (und der heutige Klassiker-Kult) am liebsten unter den Teppich gekehrt und auf ewig aus der Welt geschafft hätte, welches der unglückliche Lenz dagegen am liebsten fortgesetzt hätte und welches die verschwundene Germanistin am liebsten lauthals publik gemacht hätte. Was Marc Buhl hier berichtet und erzählt (Dichtung und Wahrheit werden im Nachwort dankenswerterweise auseinanderklamüsert), das verwandelt DER ROTE DOMINO in einen spannenden, amüsanten, gelegentlich ernsten und stets fundierten Literaturwissenschaftsthriller.


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Andrea Camilleri



KTB 10.-11.10.99 / Lasse mein Niveau-Jojo wieder nach oben schnellen, zu Andrea Camilleris "Die Form des Wassers" ("La forma dell'acqua", 1994; deutsch 1999 als HC bei editionLübbe im Gustav Lübbe Verlag). Die 274 Romanseiten sind sehr locker gesetzt, es handelt sich also um einen relativ kurzen Roman, der ohne Weiteres auf 200 normal bedruckten Seiten Platz hätte; aber die Leserschaft will ja dicke Schmöker heutzutage, es herrscht ja ein merkwürdiger Horror vor schlanken Kriminalromanen - ganz im Gegensatz zum Schlankheitskult bei den Menschenkörpern.

Andrea Camilleri jedenfalls und sein Commissario Montalbano sind keine Kostverächter, sondern Genießer: Seiner Romanfigur genehmigt der 74-jährige Kettenraucher vieles, was er sich selber aus Gesundheitsgründen inzwischen versagen muss. Camilleris Romane riechen und schmecken nach Sizilien, und in Italien hat er mit diesen Montalbano-Krimis in den letzten Jahren die Bestsellerlisten gestürmt.

Montalbano ist übrigens ein gängiger Name in Sizilien, doch natürlich auch eine Hommage an Vazquez Montalban; "aber", betont Camilleri, "er hat mehr von Jules Maigret als von Pepe Carvalho". Na ja, die Figur und der Roman überhaupt haben von beiden Vorbildern was. "Die Form des Wassers" liest sich herrlich, typisch italienisch, leicht und lässig, dabei stilvoll, leger aber elegant, sowohl schöne Sätze als auch realistische Dialogzeilen.

Es geht um Mord, na klar, und um Diffamierung / Erpressung mittels skandalöser Sex-Geschichten bzw. eben um die Vertuschung des Skandals. Der Commissario hat mit verschiedenen starken Frauenfiguren zu tun, ganz abgesehen von seiner Geliebten Livia in Norditalien (was Camilleris sizilianischen Leserinnen übrigens gar nicht gefällt). Natürlich geht's, ganz beiläufig und fast heiter ironisch, auch um Mafia. Der raffinierte Montalbano geht seinen Weg, löst seine Rätsel, ein bißchen zu spät, aber am Schluss kennt er die Wahrheit. Wunderbar.



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Michel Chevron

Ganz schnell war es für SIE zu spät.
   SIE ließen von der Bisamratte ab, die sich mit einem Satz in den Fluß rettete. Im Mondlicht auf dem Wasser bildeten sich milchige Kreise.
   Der größere der Kafkas, ein Männchen, hatte noch Blut an den Lippen. Auch das einen Kopf kleinere Weibchen war um den Mund verschmiert. Blut und Reste vom Fell des entkommenen Tieres klebten wie ein Schnurrbart an ihrer Oberlippe. Wind war aufgekommen. Ein Wind, der den Fluß hinunterstrich und seinen feuchten Atem über die Flußauen blies. Ein Bläßhuhn stob mit lautem Flügelschlagen davon, seine Schwimmhäute klatschten aufs Wasser. Die Kafkas drehten sich nicht nach ihm um. Reglos beobachteten sie, wie die Jäger auf sie zukamen.

   Michel Chevron, "Pulp und das Blut der anderen" ("Pulp" # 6)  

Kolumne zur Krimireihe "Pulp", 1998 / Von Anfang an befinden wir uns offensichtlich nicht in einem herkömmlichen Krimi, sondern in einem düsteren Märchen. Und doch, fast bis zur Hälfte des Romans weigerte ich mich zu glauben, daß Chevron hier etwas anderes macht, als diese ganzen unheimlichen Vorgänge irgendwann aufzulösen in einen normalen Krimi-Plot, wo alles mit beruhigend natürlichen Dingen zugeht. Freund & Kollege Hannes, in der Phantastik zu Hause, hat wahrscheinlich sofort den Braten gerochen, was es mit diesen "Kafkas" auf sich hat. Ich dagegen rätselte lange fruchtlos herum: Wer oder was sind SIE (im Original kursiv)? Asylanten? Zigeuner? Einwanderer aus Rumänien? Und wieso erinnert ihr zerfallenes Wohnviertel, die "Strafkolonie" hinter der "Chinesischen Mauer", so aufdringlich an ein jüdisches Ghetto? - Oh, Pulp, in was bist du da bloß reingeraten, und wir mit dir!


Um ein weiteres Teil für seine Polykarpow zu erhalten, soll Pulp das Verschwinden einer jungen Frau aufklären. Aber die gehört eben zur geheimnisvollen Sippe der Kafkas, die gehaßt und gefürchtet und brutal verfolgt wird von den andern Dorfbewohnern in dieser tiefsten Provinz. Dabei sind SIE doch nur anders und tun den Menschen nichts Böses. Wie anders, darin steckt eben genau der Genre-Sprung von der Kriminal- in die Phantastische Literatur, Unterabteilung Horror, Unterabteilung ... - nein, mehr darf ich nicht verraten.


Eine Hommage an Franz Kafka, klar. Aber stilistisch und inhaltlich noch viel mehr eine Hommage an Boris Vian. Der
Originaltitel "J'irai faire Kafka sur vos tombes" ("Le Poulpe" # 24) parodiert Vians "J'irai cracher sur vos tombes"; Chevrons surreale und herzzerreißend romantische Liebestragödie zwischen Pulp und Milena (!) könnte ebenfalls von Vian sein; und überhaupt geht es drastischer, bunter, knalliger, brutaler zu als jemals bei Kafka. Effekthascherei, ja; aber was zuerst wie Chaos, Sprunghaftigkeit, Willkür anmutet, ist erzählerisch ziemlich durchdacht. Ein verstörendes und verwirrendes, aber unvergeßliches Leseerlebnis. Dem Übersetzer Martin Baltes meine Hochachtung; dem Verlag eins auf die Mütze für die falsche und unzureichende Vermarktung (das Buch gehört zusätzlich als literarischer Horror-Roman in Rowohlts Allgemeine Reihe!); und dem Autor trotz "Thema verfehlt" meinen Dank, daß er das "Pulp"-Konzept so radikal gesprengt hat.


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Harlan Coben (vs. Bernie Bookbinder)

Otto Burke, der Großmeister des Schmus, setzte noch eins drauf.
   "Na komm schon, Myron", drängelte er mit neoreligiöser Inbrunst. "Ich bin sicher, dass wir zu einem Arrangement kommen können. Ihr gebt ein bisschen. Wir geben ein bisschen. Die Titans sind ein Team. Ich würde uns alle gerne als Team sehen, im umfassenden Sinne. Dich eingeschlossen. Ein echtes Team. Was hältst Du davon, Myron?"

   Myron Bolitar legte die Fingerspitzen aneinander. Er hatte irgendwo gelesen, dass Menschen, die ihre Fingerspitzen aneinander legten, geistreich aussahen. Er kam sich albern vor.
   "Das Spiel seines Lebens"  

KTB 06.12.00 / Dank begeisterter Empfehlung von Katrin M. und Richard B. verbringe ich einen vergnüglichen Nikolaustag mit Harlan Cobens ANTHONY- und/oder EDGAR-prämiertem (ja, wie denn nun, Goldmann?) "Das Spiel seines Lebens" (neu als Goldmann-TB, 381 Seiten, DM 14,90). Das 1995 erschienene Original "Deal Breaker" war in USA der Auftakt zu einer beliebten Reihe von nennen-wir's-ruhig-mal Sportkrimis, nämlich Detektivkrimis um Serienheld Myron Bolitar, Ex-FBI- und nun Sport-Agent in New York.

Eine wichtige Nebenfigur ist Myrons Sidekick Win, ein Knochenbrecher, der für ihn den Ausputzer macht, die Drecksarbeit erledigt, durchaus auch mal einen von den Bösen umbringen und ein bisschen Selbstjustiz treiben darf. Was mich, prinzipiell, einigermaßen betrübt: dass ein Autor auf diese zweifelhafte und obendrein abgedroschene Zweierkonstellation zurückgreift, die mir beispielsweise schon bei Robert B. Parker, Andrew Vachss oder Robert Crais immer sauer aufgestoßen war. (Da war Mickey Spillane ehrlicher, Mike Hammer braucht keinen Brutalo, er macht sich selber die Hände schmutzig.)

Aber das war sicher nicht der Grund, weshalb "Deal Breaker" fünf Jahre lang unübersetzt blieb. Eher war's das Thema, denn hier wird zum soundsovielten Mal der Simpson-Fall literarisch noch mal aufgewärmt und durchgekocht. Ein Profi-Football-Star unter Mordverdacht, da möcht man doch, zumal als Sportdesinteressierter und Footballverächter, das Buch gar nicht erst aufschlagen. Doch es lohnt sich, wider Erwarten.

"Das Spiel seines Lebens" ist wirklich witzig und schwungvoll, eine Action-Komödie mit Herz, und Myron Bolitar ist ein liebenswerter Unheld. Und übrigens erinnert das Ganze sehr an Bernie Bookbinders Schwulenkrimikomödie "Das Baseball-Outing" (TB bei Argument); dort zappelte ein anderer Antiheld am Rande des Nervenzusammenbruchs, Scrappy Schwrtznbrgr, der unschwule Besitzer und Manager der New York Gents. - Leseprobe gefällig? Aber gern. Zum Vergleich, zur Empfehlung und um das KRIMITAGEBUCH noch ein bisschen aufzublähen, zitier ich auch aus diesem Krimi noch die Anfangssätze:


In den letzten Jahren, als die Begeisterungsschreie dünner wurden und die Besuchermengen dahinschwanden, ertappte Scrappy sich dabei, daß er sich bei einsamen Erinnerungen an bessere Tage wohler fühlte als inmitten seines Baseballteams. Verwaltungspflichten, einst blanker Horror für ihn, gewannen einen gewissen Reiz, wenn auch nur als Alternative dazu, seine Mannschaft, die Gents, dabei zu beobachten, wie sie neue Strategien für das zuverlässige Verlieren entwickelte. Selbst die langweiligen Monate zwischen den Spielzeiten schätzte er mittlerweile, weil sie die einzig sichere Unterbrechung der Serie von Niederlagen garantierten.
  
An einem kalten Wintertag trat er in den Katakomben unter dem großen Stadion der Gents, eine schwankende Pyramide unerledigter Post in den kräftigen Armen balancierend, mit der gewohnten Stinklaune seine Tür auf.
   "Das Baseball-Outing"  

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"Cesar Romero", sagte Myron.
   Win sah ihn an. "Das ist nicht dein Ernst.
"
   "Wir wollen's doch am Anfang nicht zu schwer machen.
"
   Harlan Coben, "Schlag auf Schlag"  

KTB 04.10.01 / Zwischendurch was Leichtes, zum puren Amüsement: "Schlag auf Schlag" ("Drop Shot", 1996) ist Harlan Cobens zweiter halb witziger, halb hartgesottener Thriller um den 31-jährigen New Yorker Ex-Profi-Basketballer, Ex-FBI-Agenten und nunmehr Sport-Agenten Myron Bolitar - und seinen kultivierten, hochwohlgeborenen Sidekick, den Killer und Knochenbrecher Win.


Wieder geht's um die Profisport-Szene, wo es menschelt, mal komisch, mal tragisch, wo immer was los ist, und wo Werbung anscheinend nicht nur Schmieröl ist, sondern eher Treibstoff, wenn nicht überhaupt Motor und Getriebe. Und wieder gerät ein vielversprechender Klient Myrons unter Mordverdacht, diesmal ein schwarzer Tenniswunderknabe aus dem Ghetto, und so ganz unschuldig scheint dieser Duane Richwood wirklich nicht zu sein am Tod der ehemaligen weißen Tennishoffnung Valerie "Eisprinzessin" Simpson. Oder hat das Ghetto-Kid ganz andere Leichen im Keller?

Spannend, spaßig, gelegentlich brutal, gelegentlich romantisch, gelegentlich moralisch. Harlan Coben liefert typisch US-amerikanische Unterhaltung, handwerklich solide, mit einigen neuen Gags und einigen neuen Infos und Einsichten nebenbei. Kurz: muss nicht sein, macht aber Laune und schadet nix.


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Liza Cody

KTB 18.12.98 / Lese im Bett noch schnell des Dr. Jürgen Muellers Vorwort zum neusten Ullstein-Krimi-Prospekt. Er versucht da verzweifelt, einen Bogen zu schlagen von der doch recht ruhmreichen Vergangenheit der "Gelben Reihe" und ihrem jetzigen Zustand, eineinhalb Jahre nach ihrem Comeback. Ein begabter Redner oder Schreiber ist er offensichtlich nicht. Vollends peinlich wird's, wenn er Liza Cody mit Sue Grafton verwechselt bzw. Anna Lee mit Kinsey Millhone. Leider kann ich darüber gar nicht lachen, Herr "Cheflektor Ullstein-Taschenbuch"!

Dagegen verdammt viel und gut bei Liza Codys drittem Roman um die Catcherin Eva Wylie. Codys einstige Serienheldin Anna Lee wird in "Blüten für Mama" wieder nur als Nebenfigur durch den Kakau gezogen, grad so als müsste die Detektivin nun für ihre und der Autorin frühere Popularität büßen: Eva Wylie nennt sie "die Feindin" und hasst sie als scheiß-besserwisserische und ekelhaft wohltäterische Mittelschichtstussi.

Yes, indeed, you saved my day, kann ich da nur sagen und die gute Liza Cody in Gedanken umarmen für dieses Buch! Klasse, klasse! Um halb elf angefangen zu lesen, eingangs etwas gehadert mit dem schnoddrigen Ton und der direkten Leser-Ansprache der Erzählerin, aber man kann sich der überwältigenden Eva Wylie nicht entziehen, und um halb drei war der gesamte Roman verschlungen, anders als Schlingen kann meine Lesart nicht genannt werden.

Übersetzung und Lektorat okay, wie mir scheint, die Arbeit an diesem Text muss ja auch Spaß gemacht haben. Deutscher Titel und deutsches Titelbild scheiße, wie nicht anders gewohnt von Goldmann. Wer länger als ich das Lesevergnügen haben will, lese "Musclebound" im Original, natürlich erst nach den gleichfalls grandiosen "Bucket Nut" und "Monkey Wrench", beide deutsch inzwischen vergriffen, wie nicht anders gewohnt von Goldmann.


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Die Zicke, die die leeren Nebensitze immer mit ihren Taschen voll packt, bin ich. Wer sich neben mich setzen will, muss erst mal fragen. Auch in der Holzklasse. Erst recht in der Holzklasse.
   Es war voll und heiß im Zug. In den Gepäcknetzen Mäntel wie Dämmmaterial zusammengerollt. Kreischende Kinder, ausgefranst und außer sich. Die anderen Fahrgäste müde, bemüht, die Kinder auszublenden. Ich hatte den Holzklassenblues.

   Warten. Die Türen würden erst in ein paar Minuten schließen. Allmählich, nach dem ersten Gewühl, legte Lethargie sich über das Abteil.

   »Äh, ‘tschuldigung.«

   Ich sah hoch in ein bleiches, zuckendes Gesicht.

   »Ich hab ‘n Problem, könnten Sie mir helfen?«

   Ich schob den Kopfhörer von den Ohren. »Kommt drauf an.«

   Liza Cody, "Gimme more"  

KTB 15.06.2003 / Noch mal von vorn gelesen, und diesmal leg ich’s erst nach der Hälfte weg, erschöpft, atemlos, hingerissen: "Gimme more" von Liza Cody (Original: "Gimme more", London 2000; kongenial übersetzt von (!) Pieke Biermann, kürzlich als HC beim Unionsverlag erschienen, mit Anhang 382 Seiten, € 19,90).


Ein grandioser Roman. Ganz starker Stoff. Kriminalroman? Nun ja, die Heldin und Ich-Erzählerin Birdie, Ex-Supergroupie und immer noch gut genug erhalten, um fast jedes Männchen um den Finger zu wickeln, betätigt sich nicht nur als kompetente Rockband-Producerin. (Hier schimmert schon durch, dass sie damals wohl mehr war als nur das Groupie von Kultstar Jack.) Nein, sie lebt auch von Trickbetrügereien. Einfach umwerfend, wie Liza Cody uns auf knapp zwei Seiten die Schilderung eines raffinierten Kreditkartenklaus hinpfeffert. Great!


Und abgesehen von der sowieso latent kriminellen oder zumindest von allerlei Kriminalität tangierten Popmusik-Branche, geht’s im Roman auch um das möglicherweise existierende, möglicherweise von Birdie bloß erfundene Vermächtnis des toten Kultstars Jack. Nämlich die Film- und Tonbänder einer legendären Session damals, hinter denen nun ein geifernder Musik-Journalist her ist wie der Teufel hinter der armen Seele. Was Birdie sich zu Nutze macht. Warum nicht, wär ja blöd. Wunderbar, wie sie den Typen hinhält und bibbern lässt!


Das Buch ist sorgfältig unterteilt und aufgebaut. Jedes Kapitel eine weitere Perle auf der Schnur. Nein, Perle suggeriert Glätte; wenn schon so ein blöder Vergleich, dann wäre
"Gimme more" eine Korallenkette. Hier hat eine starke Kriminalschriftstellerin, vielleicht Englands stärkste, mächtig hingelangt. Tigerprankenmäßig.

In den 80ern populär geworden mit ihren unprätentiös sozialrealistischen und Thatcherismus-kritischen Detektivkrimis um Anna Lee, hatte Liza Cody sich in den 90ern mit ihren drei Krimis um die Londoner Catcherin Eva Wylie schon einmal zu neuer Hochform gesteigert. Mit
"Gimme more" hat sie nun ihr Meisterwerk abgeliefert, so viel kann ich nach der Hälfte schon sagen. Ich bin immer noch ganz baff.

Weggelegt, weil ich mir die zweite Buchhälfte nicht noch in einem Rutsch zwischen Mitternacht und Morgengrauen einfach so reinziehen wollte, sondern Satz für Satz hellwach und konzentriert genießen, werde ich
"Gimme more" wahrscheinlich in zwei, drei Wochen, in genau richtiger Stimmung, grad noch mal von vorn anfangen. Was mir sonst nie passiert.

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Liza Codys Website:
www.lizacody.com/.


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Noël Calef

Jählings und gleichzeitig flammten die Straßenlaternen auf. Aber es war noch hell, und ihr Schein verlor sich in dem feuchten Schimmer des regennassen Asphalts. Vor den großen Kaufhäusern drängten sich die Leute. Die Schaufenster waren dicht umringt. Jeder wollte sich den Samstagnachmittag zunutze machen, und viele fuhren übers Wochenende aufs Land.
   In den Büros aber wurde gearbeitet. Hier und dort brannte Licht in den Fenstern der Geschäftshäuser. So auch in mehreren Etagen des Uma-Standard-Gebäudes, das sich in schreiend modernistischem Stil am Boulevard Haussmann erhebt.

   Hinter geöffneten Fensterflügeln saßen ein Mann und eine Frau einander gegenüber. Er in seinem Sessel hinter einem Stahlschreibtisch - während sie, den Stenogrammblock auf den Knien, auf die Fortsetzung des Diktats wartete. Ungeduldig.

   Noel Calef, "Fahrstuhl zum Schafott"  
   ("Ascenseur pour l'échafaud", 1956)
  


Kolumne zur Krimireihe "Edgar" (später klammheimlich umbenannt in "Ausgezeichnet"), 1999 / Leider kenne ich den legendären Film nicht. Bildungslücke. Denn nicht Noël Calefs Roman wurde preisgekrönt, sondern Louis Malles Verfilmung mit Maurice Ronet, Jeanne Moreau und Lino Ventura und der Musik von Miles Davis. - So weit, Wunderlich, sind wir also mittlerweile vom "Edgar"-Konzept abgekommen! Überhaupt wird mir angesichts der kommenden Titel in dieser Reihe zu viel populär Verfilmtes neu aufgelegt anstatt genre-literarisch Wichtiges!


Noël Calef blieb als Krimiautor eine Eintagsfliege. Gewährsmann Robert Deleuse notiert in "Les maîtres du roman policier" am Rande: "
Noël Calef (1907-1968). Insgesamt sieben Kriminalromane, zwei davon wichtig für das Genre. Der erste, "Echec au porteur", weil er 1956 den Prix du Quai des Orfèvres erhielt; der zweite, weil Louis Malle mit seiner Verfilmung 1957 den Prix Louis Delluc gewann." -  Versteht sich also, daß Calef in der deutsch- und englischsprachigen Sekundärliteratur kaum vorkommt. Vergessen, bis auf diese eine Romanvorlage zum auch fast vergessenen Filmklassiker ...

Was ihm natürlich Unrecht tut. In der Verfilmung kann ja unmöglich alles drin sein, alle diese Romanfiguren, alle diese furchtbaren Paare mit ihren krisengeschüttelten oder völlig bankrotten Beziehungen. Denn darum geht es ihm eigentlich, auf zweiter Ebene, unterhalb des sich immer weiter und hanebüchener verzweigenden Thriller-Plots.


Der finanziell vor dem Ruin stehende Julien ermordet aus Verzweiflung, allerdings vorsätzlich und planmäßig, seinen Hauptgläubiger. Nach der Tat bleibt er jedoch im feierabendlich leeren Bürohaus im Fahrstuhl stecken, weil der sparsame Hausmeister übers Wochenende den Strom abstellt. Ende des eher naiven als perfekten Plans.


Juliens hysterische und begründet eifersüchtige Frau indessen sieht draußen ein Pärchen mit seinem Wagen davonfahren und vermutet das Schlimmste, einen Seitensprung. Sie kocht über vor Wut, läßt ihn von der Polizei suchen, enthüllt sogar ihrem Bruder (seinem Schwager und zweiten Hauptgläubiger) endlich seine finanziellen Machenschaften. Anfang der Katastrophe, das Kartenhaus bricht zusammen.


Das junge Autodiebespaar wiederum ...


Nebengleise und Schicksale en masse, es wird weitere Tote geben in dieser Multi-Tragödie, die in einigen burlesken Szenen sehr komisch sein kann. Tragikomisch natürlich, aufs Ganze gesehen, mit teils nachtschwarzem Humor.


Zum Beispiel Fred, der Autodieb und spätere Raubmörder und im Grunde ein bemitleidenswertes Fehlprodukt bourgeoiser Sozialisierung: Ganz en passant beleuchtet Calef in einer kurzen Dialogszene, wie so einer aus Feigheit und Egoismus zum Nazi werden kann. Und wie dieses (trotz allem doch liebende und geliebte) dumm-arrogante Arschloch zuletzt von seiner untergebutterten, moralisch reinen und reiferen Gefährtin Thérésa aus dem Leben geschieden wird - eine ganz wunderbare Pointe! Obendrein eine fatale für unsern lächerlich unperfekten Mörder Julien, der nun noch für Freds Verbrechen büßen muß.


Nein, plausibel ist die verwickelte Story gar nicht. So dumm kann Frankreichs Polizei und Justiz nie gewesen sein. Aber schön perfide ausgedacht von Calef, schön böse und trickreich. Und schwärzer und aggressiver anti-bourgeois als beim großen Simenon, der stets auch ein bißchen Mitleid, Einfühlung, Verständnis zeigte gegenüber seinen unsauberen bis verbrecherischen Spießern. - Zynisch, der Calef? Na, dann bin ich's auch: Denn allen, die da ins Unglück stürzen oder ins Gras beißen, gönn ich's herzlich!



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Jerome Charyn

Sein Name war Carroll Brent. Der Detective war eine Leihgabe des Sherwood Forest, dem Polizeirevier im Central Park. Der Police Commissioner hatte sich Carroll Brent gekrallt. Seine eigenen Leute hatten vor ihm Angst. Er war im NYPD zu einem Heimatlosen geworden, einem Vagabunden, der zu Isaac Sidel gehörte.
   Jerome Charyn, "Maria"  

KTB 16.-17.07.01 / Lese endlich wieder mal einen von Jerome Charyns grandiosen New-York-Krimis. Diese Serie teils in Neuausgaben, teils in Erstausgaben auf den deutschen Markt gebracht zu haben, bleibt ein Verdienst des Rotbuch Verlages; und umgekehrt bleibt Jerome Charyn, neben William Marshall, der andere hellste Fixstern im Rotbuch-Krimiprogramm. Der bedeutendere? Vielleicht. Und wahrscheinlich der literarisch beeindruckendere Autor, der feinere und imponierendere Stilist, den nicht mal unsere ZEIT- und FAZ- und so weiter Feuilletons ignorieren können.


Wahrscheinlich hat mich keine Lektüre seit Chandler und Hammett so heftig gebannt wie damals Ende 80er irgendwann Jerome Charyns "The Isaac Quartet". So hieß damals mein Paperback-Omnibus, ein Glücksgriff vom Ramschtisch der Walthari Buchhandlung, einer von mehreren Glücksgriffen, mehreren tollen Viererbänden aus der Reihe Black Box Thriller from Zomba Books. Er enthielt die ersten vier Romane um den aufsteigenden New Yorker Cop Isaac Sidel: "Marilyn the Wild", "Blue Eyes", "The Education of Patrick Silver" und "Secret Isaac" (Orig. 1974-1978; dt. EA bei Heyne; die drei ersten davon später überarbeitet bei Rotbuch, der vierte leider nie).


Etwas scheu nähere ich mich also jetzt Jerome Charyns "Maria" (TB 1999 bei Rotbuch, übersetzt vom bewährten Jürgen Bürger; Orig.: "Maria's Girls", 1992), befürchte Enttäuschung, Entzauberung. Einen Bogen gemacht hatte ich deshalb auch schon um den dazwischen liegenden Roman "Der gute Bulle" (TB 1992 Rotbuch; "The Good Policeman", 1990). Man will sich ja seine Idole nicht kippen.


Aber "Maria" (übrigens der Name eines Drogendealers und engagierten Schulverwalters, der viel Schlechtes und Gutes bewirkt und gegen den Isaac einen persönlichen Kreuzzug startet) fegt solche Ängste lässig beiseite. Jerome Charyns Stil ist immer noch so atemberaubend, dass man zugleich immer weiter lesen möchte und schon nach einem Teil des Buches innehalten und Abstand nehmen und Luft holen möchte, weil man wie von etwas Hochprozentigem, Intensivem nicht zu viel auf einmal davon verträgt.


Hier passt das Wort Saga wie kaum sonst auf eine Krimi-Serie. Charyns schnelle, präzise und knappe, irgendwie flirrende und doch dichte, wuchtige Prosa erschafft ein mythisches New York, mystisch auch, mit mythisch überhöhten Figuren (kritisch könnt man auch sagen: Comic-haft überzeichnet; tatsächlich finden sich in Charyns Werk ja auch graphic novels), die wie in alten Sagen und Märchen agieren, schicksalhaft miteinander verbunden, ein bißchen auch wie in klassischen Tragödien, niedriger gegriffen könnte man dem Ganzen auch einen Touch of Fantasy zuschreiben, manchmal nimmt's auch halb ironisch die Züge von Königshof-Intrigen an, man wähnt sich in einer Arhurian Novel, verschiedene Clans und Stämme, verschiedene Truppen und Treue-Verhältnisse und Verschwörungen, Todfeinde und Lebensfreunde, Rituale und Ehrenkodizes, und wenn dann beispielsweise das Revier Central Park im Polizisten-Slang zum "Sherwood Forest" wird, fragt man sich, ob Charyn das nur genial fantasiert oder ob er hier einen besonders glücklichen Recherchen-Fund getan hat.


New York als komplexe, unprofane, facettenreich schillernde Wunderwelt. Und mittendrin der alte Jude Isaac, literarischer Dreh- und Angelpunkt, "Pink Commish" und "Don Isacco", listigster und mächtigster Intrigant, als Polizeipräsident höchst umstritten und gefährdet und doch andererseits schon wieder kurz vor einer unfreiwilligen Bürgermeisterkandidatur, auf Seite 63 hier von Kugeln durchsiebt und doch nicht totzukriegen, nein, ruhelos wird er weiter seine große Stadt durchstreifen, ein bißchen New Yorks Ewiger Jude.


P.S. / Für den Folgeroman "Montezumas Mann" (TB 2001 Rotbuch, Übers. Jürgen Bürger, Orig. "Montezuma's Man", 1993) fehlt mir momentan leider, leider, leider die Zeit. Soll ich davon wenigstens den ersten Satz zitieren? Ja? Also gut. Er bezieht sich auf Joe Barbarossa, den Großbösewicht, hinter dem Isaac diesmal her ist:
"Er stammte ab von den Nez Percé, wörtlich übersetzt Durchstochene Nase, einem Indianerstamm, der niemals Gefangene misshandelte, noch die eigenen Leute im Stich ließ."

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Die Lesben ließen sie einfach nicht in Ruhe. Sie kritzelten Kassiber an Yolanda. Sie schmuggelten Schokoriegel in ihre Zelle. Sie luden sie zum großen Tanz ein. Sie nannten sich die Hell Sisters, und das ganze Gefängnis tickte nach ihrer speziellen Uhr. Ohne diese Sisters hätte es im Kasino kein Kartoffelpüree und mittwochabends keinen Film gegeben, weder Kunstkurse noch Dichterlesungen. Die Gefängnisdirektorin zitterte in ihrer Nähe, schienen sie doch über ausgezeichnete Verbindungen zu schrecklich hoch gestellten Persönlichkeiten zu verfügen. Sie erhielten Briefe von Senatoren, literarischen Gesellschaften und dem Gouverneur höchstpersönlich. Und Gefängnisdirektorin Kaplan hatte nur noch drei Jahre bis zur Pensionierung. Sie wollte sich die Sisters nicht zum Feind machen. Also ließ sie ihnen ihren Willen. Und deshalb litt Yolanda.
   Jerome Charyn, "Der Tod des Tango-Königs"  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2001 / "Koka bringt mehr als Bananen", titelt unsere Badische Zeitung vom 20.07.2001 auf ihrer Politik-Ausland-Seite. Untertitel: "Der Kampf um die Droge hat Kolumbien in eine hoffnungslose Situation gebracht, sagt eine kolumbianische Menschenrechtlerin". Und im beigegebenen Info-Kasten beginnt der Text "Krieg in Kolumbien" mit den Sätzen: "Seit mehr als 40 Jahren herrscht in Kolumbien ein Bürgerkrieg, bei dem es um Geld, Macht und Drogen geht. Dem "vergessenen" Krieg in dem südamerikanischen Land sind schon Hunderttausende von Menschen zum Opfer gefallen."

Hätte ich diesen Artikel ohne Jerome Charyns kurz zuvor gelesenen Roman überblättert? Verdanken wir diesen beinahe halbseitigen Artikel über eigentlich nichts Neues nur dem deutschen Sommerloch? Warum geht uns Kolumbiens ewiges Elend so am Arsch vorbei? - Jerome Charyn jedenfalls hat darüber einen temporeichen, farbenprächtigen, lebenssatten, sprühend witzigen und tief traurigen Polit-Kriminalroman geschrieben: "Der Tod des Tango-Königs".


Jerome Charyn, "geboren 1937 in der Bronx, mit Ehrungen, Professuren und Preisen überhäuft" (so Thomas Wörtche im Nachwort) kennt man als vielseitigen hochkarätigen Roman- und Sachbuchautor. Vor allem als herausragenden Kriminalautor einer vielbändigen New-York-Saga um den jüdischen Überbullen Isaac Sidel (siehe Roberts Krimitagebuch 16.-17.07.2001), als Mitautor anspruchsvoller Graphic Novels und als Autor diverser, mehr oder weniger autobiographisch gefärbter Bücher wie "Movieland - Hollywood und die große amerikanische Traumkultur". New Yorker und Weltbürger belorussischer jüdischer Herkunft, geht es Jerome Charyn immer und immer wieder um Amerika, um US-Amerika und um ein größeres Amerika als diese USA, und ebenso immer und immer wieder um, grob verkürzt aufs ominöse Schlagwort, Mafia.


"Der Tod des Tango-Königs" spielt überwiegend in Medellin und Bogota. Charyn muss ein Vierteljahr dort gelebt haben, mit tausend Leuten geschwätzt und sich eifrig Notizen gemacht haben, und wieder "daheim" in Paris oder New York, den Kopf noch voll und das Herz noch schwer davon, in einem nochmals vierteljahrlangen fieberhaften Kreativitätsschub diesen Roman verfasst haben. Stell ich mir vor.


Es geht darin, wie üblich bei Charyn, um alles Mögliche. Eine Welt. Welten. Zwei, drei Handvoll imposante, leidenschaftliche Figuren. Um Geschichte, Geschichten, Mythen, Anekdoten. Mafiosi und Polizisten, Geheimdienstler und Umweltschützer, Militärs und Politiker, scheue "Vogelmenschen"-Indianer und quecksilbergiftige Goldsucher. Es geht um einen Weltliterat als hilflosen Präsident, einen maoistischen Rebellenpriester als Guerilla-Dschungelherrscher, eine verzweifelte junge Mutter als unfreiwillige Agentenheldin, einen Kokain-König als US-Medienliebling und Gast des US-Präsidenten, einen brutalen Straßenjungen als Musterschüler. Es geht um Tod und Sex und Liebe, um Bomben und gebügelte Dollarscheine und den echtesten Tango. Ein erzählerisches Feuerwerk.


Jerome Charyn spickt seinen Erzähltext mit spanischen und mit Slang-Vokabeln. Manchmal ein bißchen penetrant, als meine er, damit etwas beweisen zu müssen. Manchmal liest sich's auch ein bißchen wie eine GEO-Reportage. - Wir glauben ihm ja, dass dieses phantastische Prosa-Gewächs seines ganz persönlichen magischem Realismus die Wurzeln tief und fest im Faktischen, Authentischen hat! So wie auch jener Märchenwald, durch den Isaac Sidel wandelt, "in Wirklichkeit" Manhattan plus ein paar andere New Yorker Viertel ist.


"Der Tod des Tango-Königs" ist Jerome Charyns literarischer Ausflug nach Kolumbien. Sein Kolumbien-Roman. Ein Roman, der Kolumbien typisch charynesk zugleich entmystifiziert und mythisiert, der es uns ans Herz legt und ins Hirn pflanzt, also näher bringt als jede informative und korrekte Reportage. Ein immenser Verdienst. Kleinlich wirken da kleinere literarische Einwände. Dass z.B. gegen Ende die Figurenfülle fast außer Kontrolle gerät und die Erzählfäden schneller abgenudelt werden. Oder dass dem Ganzen, bei allem Gelingen, doch ein Hauch von Exotismus anhaftet. Denn das weniger tropisch farbenprächtige, dafür um so schöner düster romantische New York, das ist doch Jerome Charyns ureigenes Terrain. Wo US-Amerika anfängt, wo es sich vom alten Europa abnabelt, das ist doch Charyns wahrer Ort, das ist sein Ding, das kann er literarisch doch noch besser.

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Pieke Biermann über Jerome Charyn (2001):
www.kaliber38.de/features/biermann/charyn.htm.


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Lee Child

Nathan Rubin starb, weil er sich mutig zeigte. Es war nicht jene Art von Mut, mit der man im Krieg einen Orden bekommt, sondern diese plötzliche Aufwallung von Empörung, die dazu führen kann, dass man auf der Straße umgebracht wird.
   Lee Child, „Ausgeliefert“  

KTB 20.02.02 / Bei Heyne erschien gerade die TB-Ausgabe von Lee Childs zweitem Thriller „Ausgeliefert“, also nehm ich das letzte HC-Exemplar ausm UFO mit heim und les es gleich. „Größenwahn“ (ebenfalls HC und TB bei Heyne), Lee Childs erster Hardboiled-Actionthriller um Ex-Militärpolizist Jack Reacher, hatte mir nämlich Spaß gemacht (siehe KTB 28.-29.08.98).


So auch „Ausgeliefert“, das ebenso wie „Größenwahn“ super anfängt, sauspannend bleibt und nur gegen Ende schmalspuriger wird und dadurch etwas enttäuscht. Hier im zweiten Roman wird Jack Reacher, Ex-Elite-Soldat und Scharfschütze und so weiter, zufällig zusammen mit einer FBI-Agentin entführt und tagelang durch die USA gekarrt bis in einen Milizen-Schlupfwinkel in einem abgelegenen Tal im Norden Montanas. Mit der FBI-Agentin, Patenkind des US-Präsidenten, haben die regierungsfeindlichen Milizionäre etwas Bestimmtes vor. Jack Reacher hingegen muss aufpassen, dass er als unnützer Ballast und lästiger Zeuge nicht gleich abgeknallt und verscharrt wird - denn dann könnte er ja die schöne FBI-Agentin und überhaupt die ganzen USA nicht mehr retten!


Okay, ein bisschen Trash gönn ich mir. Es stinkt mir zwar, dass der Plot zusehends paramilitärischer und militärischer wird, in diesem Milizen-Camp da oben in den Bergen Montanas. Aber bis zum Schluss muss ich's halt doch lesen, es geht nicht anders. - Kritisch würd ich sagen: ein Tipp für alle, die sich die Filme „Alarmstufe Rot“ und „Rambo“ immer wieder gern anschauen.



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Hook Hobie verdankte sein gesamtes Leben einem fast dreißig Jahre alten Geheimnis. Seine Freiheit, seine gesellschaftliche Stellung, sein Geld, alles. Und wie jeder umsichtige Mann in dieser besonderen Situation war er bereit, alles Erforderliche zu tun, um sein Geheimnis zu hüten. Weil er viel zu verlieren hatte. Sein gesamtes Leben.
   SEIN WAHRES GESICHT  

KTB 31.01.2003 / Lee Child schreibt solche Action-Thriller wie oben ein Mal Dan Simmons gleich serienweise; zudem unverblümter militarophil, nämlich um den Ex-Militärpolizisten Jack Reacher als Serienheld. Mindestens zweie davon hab ich schon gelesen, SEIN WAHRES GESICHT (2002 als Goldmann-TB erschienen) muss also jetzt mindestens mein dritter sein. Und wie zuvor und wie auch oben bei Dan Simmons komm ich wieder zum Fazit: arg Macho, arg Militaro, kein reiner Genuss, aber sehr spannend, sehr packend. Diese Sorte Thriller gehört vielleicht zum Sub-Genre „male adventure“, zumal wenn der Superhero noch eine Superlovestory zur supersexy Superwoman erlebt; jedenfalls kommen hier vor allem männliche Spannungssüchtige voll auf ihre Kosten.


Jack Reacher muss diesmal die Tochter seines früheren langjährigen militärischen Mentors, die zugleich seine alte unerfüllte Liebe ist (und er die ihre, klaro), beschützen und zugleich herausfinden, wer den verehrten Alten umgebracht hat. Der war einem Geheimnis aus dem Vietnamkrieg auf der Spur, nämlich der Identität eines abgrundtief bösen, entstellten und verstümmelten Kredithais, der in der 87. Etage des World Trade Center (der Roman stammt von 1999) residiert, von dort aus seine beiden Killer kommandiert und dort selbst gelegentlich säumige Schuldner demütigt, erpresst, foltert oder abschlachtet. Der fünfhundertseitige Thriller besteht nun aus mehreren Wettläufen des eher ahnenden als darum wissenden Jack Reacher gegen die Zeit, so geschickt ineinander und nacheinander angeordnet, dass praktisch schweißtreibende Dauerspannung herrscht.

Schade, dass Lee Child in mancher Hinsicht zu dick aufträgt. Er heroisiert das Militärische, nicht nur seinen soldatischen Helden; er verkitscht die Liebesgeschichte; er dämonisiert den Bösewicht; er schildert dessen systematisches brutales und sadistisches Vorgehen auf eine Weise, die unter die Haut geht und die man schon obszön nennen kann. Und die Vietnamgeschichte, mit diesem durch den Dschungel geschleppten Sarg, wer soll die glauben? Ja, Lee Child rutscht da manches Mal in Trash und unfreiwillige Komik ab. Aber Thriller-Spannung zu erzeugen versteht er meisterhaft.

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Wissen ist Macht, heißt es im Volksmund. Je mehr Wissen, desto mehr Macht. Angenommen, man wüsste die Gewinnzahlen im Lotto. Alle. Man hätte sie nicht etwa geraten, auch nicht geträumt, sondern wüsste sie wirklich. Was würde man machen? Zur nächsten Annahmestelle laufen, ganz recht. Man würde die Zahlen auf dem Lottoschein ankreuzen. Und man würde gewinnen.
   ZEIT DER RACHE  

KTB 25.10.2003 / Lust auf Trash, auf hochklassigen, superspannenden Hardboiled-Macho-Action-Thriller. Lese also, wider besseres Wissen, wider besseres Gewissen, wider besseren Geschmack, wieder mal einen Jack-Reacher-Reißer des derzeitigen britischen Genre-Stars Lee Child. Siehe KTB 28.-29.08.1998 zum kraftvollen Serienstart GRÖSSENWAHN (HC und TB bei Heyne; Original: KILLING FLOOR, 1997), und KTB 20.02.2002 zum zweiten Abenteuer AUSGELIEFERT (HC und TB bei Heyne; Original: DIE TRYING, 1998), und KTB 31.01.2003 zum dritten brutalen Spannungsroman SEIN WAHRES GESICHT (TB bei Blanvalet; Original: TRIPWIRE, 1999). Dort hab ich im Prinzip alles schon gesagt, was mir jetzt zu Lee Childs viertem Thriller ZEIT DER RACHE (TB bei Blanvalet; Original: THE VISITOR, 2000) wieder einfallen könnte.

Wieder ein starker Auftakt: Jack Reacher verhindert mal eben im Alleingang eine Schutzgelderpressung in seinem neuen Lieblingsitaliener. Leider jedoch vor FBI-Zeugen, woraufhin das FBI ihn kassiert. Nicht nur wegen des Verdachts, er arbeite für eine konkurrierende Schutzgeldmafia - genau das wollte Reacher ja die bösen Buben glauben machen! Sondern weil er auch noch den idealen Verdächtigen abgibt in einem Serienkiller-Fall, wo das Profiling einen Täter aus dem Militär nahelegt. Reacher wird, nach einigem Hin und Her, zur Mitarbeit im Serienkiller-Fall gepresst, illegal und brutal - da zeichnet Lee Child ein böses Bild von der Bundespolizei, übrigens im Kontrast zum Militär, dem Reacher ja lange als Militärpolizist und Elitesoldat angehörte.

Widerwillig fügt sich Reacher ins Profiler-Team, meckert von Anfang an über den völlig falschen Ermittlungsansatz, ohne aber konstruktiv eigene Gedanken einzubringen. Er öffnet den FBI-Leuten manche Tür beim Militär, reaktiviert alte Freundschaften, fordert alte Schulden ein. Denn hinter der merkwürdigen Mordserie vermutet man einen Rachefeldzug gegen weibliche Ex-Soldaten, die sich damals im Dienst gegen sexuelle Belästigung gewehrt haben. Oder geht es, späterer zweiter Ansatz, um die Verschleierung von Waffenschiebereien, bei denen diese Frauen Zeugen waren? - Reacher & Co. rasen kreuz und quer durch die USA, per Auto und Bahn und Flugzeug und Helikopter, doch man kommt nicht recht voran. Der Schluss wird zeigen, warum.

Privat, im Hintergrund, gelangt Jack widerstrebend zu der Erkenntnis, dass er der falsche Typ ist fürs harmonische Eheglück mit seiner großen Liebe Jodie (aus SEIN WAHRES GESICHT), und dass er wohl dazu verdammt ist, als rast- und heimatloser Tramp durch die US of A zu ziehen, wie einst Caine in der legendären 70er-Jahre-Fernsehserie KUNG FU. (Was die Jüngeren unter uns jetzt schnell nachschlagen könnten in Harald Kellers KULTSERIEN UND IHR STARS, wenn dieses formidable Kompendium nicht unfassbarerweise vergriffen wäre.) Jedenfalls wird unser großer starker Einzelgängerheld so die lästige Bindung an eine Frau und einen Ort wieder los.


Die Auflösung des Serienkillerthrillers stinkt mir, vor allem weil wieder mal ein ... der Täter war, was meines Ermessens schon in den 1920er Jahren zu Recht verpönt war in der britischen Kriminalliteratur des Golden Age - ja, gab’s da nicht sogar eins von zehn Geboten gegen so was? Genauer darauf eingehen, hieße zu viel verraten. Jedenfalls sehr schade, dass Lee Child ausgerechnet diese Figur zum Täter macht. Und ein kleinerer Kritikpunkt noch: Überflüssig, weil nur billiges, misslungenes Leser-Ablenkungsmanöver, ist dieses plötzliche Auftauchen und wieder Verschwinden des Militärgeistlichen kurz vor Schluss - nee, das hättste lieber streichen sollen, Lee.


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Sie erfuhren im Juli von ihm und blieben den gesamten August über zornig. Im September versuchten sie, ihn zu ermorden. Aber das war viel zu früh. Sie waren nicht gut genug vorbereitet. Der Anschlag schlug fehl. Das hätte eine Katastrophe sein können, aber tatsächlich war es ein Wunder. Weil niemand etwas bemerkte.
   TÖDLICHE ABSICHT  

KTB 28.10.2003 / Jetzt will ich’s aber wissen. Haue mir auch noch den allerneuesten sechsten Jack-Reacher-Roman von Lee Child rein, TÖDLICHE ABSICHT (neu als HC bei Blanvalet; Original: WITHOUT FAIL, London 2002). Und bin baff. Bei allen Einwänden - siehe oben, Stichworte „male adventure“ und Militärophilie - muss ich zugeben, das hier ist vielleicht Childs gelungenstes Genre-Stück.


Vielleicht gerade, weil Child hier aufs Wesentliche reduziert, auf die Action - zumindest kommt es mir so vor. Der Thriller wirkt puristischer, straighter, und die Story nicht so furchtbar konstruiert und abstrus wie bisher immer, und ich kann diesmal nirgends den Finger drauf legen und sagen, dies hätt er sich und uns besser erspart. Sogar dass Jack Reacher hier der Geliebten seines toten Bruders begegnet, finde ich gar nicht so blöd und an den Haaren herbeigezogen.


Es geht um die Verhinderung von Attentaten auf einen US-Vizepräsidentschaftskandidaten. Man hat beim Lesen durchaus das Gefühl, gemeinsam mit Superheld Jack Reacher einen echten Einblick ins Prozedere der Personenschutz-Spezialeinheiten zu bekommen. Zuerst wird Jack geheim engagiert, um von außen her Sicherheitslücken offenzulegen. Er wiederum engagiert eine geheime Mitarbeiterin, Ex-Soldatin und beruflich Bodyguard, um mit ihr Attentate zu simulieren. Nach seinem desillusionierenden Abschlussbericht klärt man ihn dann auf, dass der Kandidat konkret bedroht wird und man völlig im Dunkeln tappt, von wem, und er soll doch bitte weiterhin bei den anstehenden Wahlkampf-Veranstaltungen am Rande die Augen offen halten ...


Fazit: Actionthriller-Hochspannung mit ehemaligem Elitesoldat als männlichem Superheld, wie gehabt, und speziell diesmal ein Leckerbissen für alle Fans von DER SCHAKAL oder IN THE LINE OF FIRE.



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Michael Collins

Es begann mit der Beraubung des Polypen.
   Ein oder mehrere unbekannte Täter überfielen den Streifenpolizisten bei hellem Tageslicht in der Water Street am Fluß, zerrten ihn in eine Gasse und nahmen ihn aus. Ohne Zeugen. Das geschah in der unteren West Side, im Chelsea-Distrikt, wo die Gassenfenster mit Brettern vernagelt sind und die Menschen nicht sehen, was sie ihrer Ansicht nach nicht sehen sollen.

   Wir alle kannten den Polypen, den Streifenpolizisten Stettin, einen jungen Mann, noch nicht lange im Dienst und noch voll Eifer. Er trug so schwer an der Sache, daß er seinen Abschied einreichen wollte. Das beweist, wie jung er war. Früher oder später wird in dieser Welt jedermann ausgenommen. Dieses Mal nahm der Räuber alles: Knüppel, Pistole, Handschellen, Strafbuch, Uhr, Brieftasche, Krawattenclip, Schuhe und Wechselgeld. Der Räuber war gut. Nach dem Bericht, den ich hörte, hatte Stettin nicht einmal einen Schatten gesehen.

   "Letzter Ausweg Mord"  

Kolumne zur Krimireihe "Edgar" (später klammheimlich umbenannt in "Ausgezeichnet"), 1999 / Michael Collins ist das bekannteste Pseudonym von Vielschreiber Dennis Lynds. Mit seinem einarmigen New Yorker Privatdetektiv Dan Fortune war er Ende der 60er Jahre ein Vorreiter der US-amerikanischen "Private Eye Renaissance"; in den 70ern und 80ern sollte dieses Genre wieder aufblühen und ungeahnte neue Blüten treiben: Lokal- und Regional-, Schwulen- und Lesben-, Ethno-, Frauen- und historische Detektivkrimis, und immer wieder gern mit einem sogenannten Antihelden mit Handicap.

Zum noch relativ klassischen (Anti-)Helden von Michael Collins bemerkten Baker & Nietzel in "101 Knights": "Many critics believe Fortune to be the culmination of a maturing process that has transformed the private eye from the naturalistic Spade through the romantic Marlowe and the psychological Archer to the sociological Fortune."

Und was sein Handicap betrifft, stellt Richard Carpenter in "20th Century Crime and Mystery Writers" fest, daß seine Einarmigkeit nicht nur dafür sorgt, daß Fortune gern unterschätzt wird, sondern daß sie überhaupt sein Anders- und Außenseitersein symbolisiert und ihn körperlich passiver macht:
"He is the wounded man whose wounds make him fearful - the thought that something might happen to his remaining arm fills him with dread - yet conversely makes him expose himself to danger in order to prove he exists."


Der Erstling "Letzter Ausweg Mord" ("Act for Fear", 1966/67; Edgar 1968: Best First Novel by an American Author; dt. EA 1970 bei Ullstein; deutsch von Hansheinz Werner) gehört zum US-typischen angenehm soliden Mittelmaß (die deutsche Übersetzung leider nicht), und was im Gedächtnis bleibt, sind tatsächlich vor allem Dan Fortunes Grübeleien, versteckt in irgendwelchen Hotelzimmern, seine Angst vor den Mördern, denen er auf der Spur ist und die auch ihn suchen, seine sorgenvollen Debatten mit Freundin Marty, mit Polizist Gazzo oder zum Schluß mit dem untergetauchten Jungen Jo-Jo, dem Fortune dann seine eigene Geschichte erzählt, wie er selber als junger Gauner den linken Arm verlor.

Stilistisch weniger brillant als Ross MacDonald oder Stephen Greenleaf, hat Michael Collins allerdings psychologisch und soziologisch tatsächlich einiges zu bieten (wenn auch manche Statements und Weisheiten des Ich-Erzählers eher peinlich sind, z.B. auf S.126 bei seiner Unterredung mit der Redakteurin Peggy Brandt). Anschaulich und glaubhaft schildert er die Lebensverhältnisse und Konflikte aller in das verbrecherische Geschehen Verwickelten, meist Arme mit viel Angst und wenig Hoffnung. Und gnadenlos holt Fortune zuletzt am Krankenhausbett seines jungen Auftraggebers noch eine weitere schäbige Wahrheit ans Licht.

Wer wen warum an wen verrät oder nicht, wer warum anfangs den Polizist ausrauben mußte, Dan Fortunes fieberhaftes Suchen und Verstecken, die dauernde Atmosphäre von Angst und Bedrohung um fast alle Beteiligten herum - doch, das bleibt einem schon im Gedächtnis.


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Jerry Cotton



Heute nennen Sie und alle meine Freunde mich Jerry, und nur Phil nennt mich, wenn er mich aufziehen will, Jeremias. Damals riefen alle Einwohner von Harpers Village im Staate Connecticut mich bei meinem vollen Namen. Schon als ich noch in die Dorfschule ging, zogen mich meine Kameraden mit diesem Namen auf.
   MEIN ERSTER FALL BEIM FBI  

KTB 07.09.2003 / Na, bei wem fällt der Groschen? Die zitierten famous first words entstammen dem ersten Krimi eines Ich-Erzählers mit dem griffigen Heldennamen und zugleich Autorenpseudonym Jerry Cotton. Hand aufs Herz, wer hat noch keinen JERRY COTTON gelesen?


Ich bisher bloß einen. Damals im Deutsch-Unterricht, gymnasiale Mittelstufe, Thema Trivialliteratur. Und trivial erschien mir das damals wirklich, auch ohne Belehrung und Erklärung durch die Deutschlehrerin. Wie die schon aussehen, diese Hefte, brrr.


Die neue grau-schwarz-rote Taschenbuch-Sonderausgabe mit dem neckischen roten Jaguar im Relief-Cover nimmt man da schon lieber in die Hand. JERRY COTTON: MEIN ERSTER FALL BEIM FBI / UND ZWEI WEITERE KRIMI-KLASSIKER heißt das Bastei-Lübbe-TB Nummer 26125, als Zwischenzeile eingeschoben noch KULT-AUSGABE BAND 1, weiter unten prangt dann der kleine rote Jaguar, er schwebt irgendwie vor New Yorks Skyline (ohne World Trade Center), und dezent links unten, weiß auf schwarz, erblicken wir das vertraute Verlagslogo mit den Zinnen. Den dummen Aufkleber "Jubelpreis 4,- Euro / 50 Jahre Verlagsgruppe Lübbe" kann man ja abmachen.


Was wäre noch dazu zu sagen? - Nach einem dreiseitigen Vorwort können wir auf den Seiten 11 bis 141 tatsächlich Jerry Cottons allererste Gehversuche in der Großstadt New York miterleben. Wie er als Landei gleich einem Trickbetrüger auf den Leim geht, wie er kurzzeitig als Nachtclub-Türsteher jobt und wie er dann mit viel Glück und haarsträubend schnell und unbürokratisch zum FBI-Agenten wird.


Kann man’s lesen? - Was für eine Frage. Tausende von Lesern beweisen’s. JERRY COTTON liest sich ungefähr so, als würde uns jemand Handlung und Dialoge eines "richtigen Kriminalromans" nacherzählen. Also schlicht, einfach gestrickt, schnell und reibungslos. Fast wie Fernsehen. Fast wie Comics. Ja, vielleicht liegt das Konsumieren von Heftromanen irgendwo auf halbem Wege zwischen dem Vergnügen an Bildergeschichten und dem Verarbeiten anspruchsvoller Literatur. Was dem Japaner seine Mangas, sind uns PERRY RHODAN und JOHN SINCLAIR und JERRY COTTON.


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Im März 1954 erschien der erste Jerry-Cotton-Kriminalroman. Im März 2004 wird der FBI-Agent aus Manhattan seinen 2951. (in Worten: zweitausendneun-hunderteinundfünfzigsten!) Fall lösen. In der Verlagsgruppe Lübbe in Bergisch Gladbach bei Köln und ihrem Bastei Verlag wird man in diesem Monat auf die Veröffentlichung von 2437 Jerry-Cotton-Romanheften und 514 Jerry-Cotton-Taschenbüchern anstoßen können.
   Eine Kultfigur der deutschen Krimiliteratur hat Geburtstag: »G-man Jerry Cotton« wird fünfzig Jahre alt.

   Wie konnte das passieren?

   G-MAN JERRY COTTON.  
  NICHTS ALS WAHRHEIT UND LEGENDEN  


KTB 28.09.2003 / Aus gegebenem Anlass, Verlagsjubiläum und Serienjubiläum und also Erscheinen dieses Sekundärwerks, lese ich Friedrich Jakubas augenzwinkerndes Jubelbuch G-MAN JERRY COTTON. NICHTS ALS WAHRHEIT UND LEGENDEN (neu als HC bei Lübbe, 318 Seiten, 17,90 Euro).

Nett. Interessant. Wie fing alles an, die Heftserie und überhaupt der Lübbe Verlag. Wie funktionierte und funktioniert diese Krimi-Schreib-Maschinerie. Wer schrieb schon alles mit bei dieser Serie. Wie steht das echte FBI dazu. Die Verfilmungen. Die Fans. Wer liest warum JERRY COTTON, überhaupt sogenannte Trivialliteratur. Wie lautet das Erfolgsrezept. Realismus, Gewalt, Sex, Politik, Selbstzensur und Botschaft in JERRY COTTON. Wie entsteht wöchentlich ein neuer Heftroman. Und häppchenweise zwischen die Sachtext-Kapitel eingeschoben, ein selbstironisch mit der Genre-Fiktion spielender Kurzroman: HEISSES BLEI FÜR DEN G-MAN.


Doch, ein nettes Buch für die Fans. Obendrein für alle bloß kritisch Interessierten kurzweilig und lohnend, weil trotz offen eingestandener Auslassungen und Einseitigkeiten immer noch faktenreich genug. Ein Buch, das Ignoranz abbaut, das unsere Sicht erweitert, unser Gesamtbild von Kriminalliteratur ergänzt. In rein literarischen Genre-Diskussionen mag man JERRY COTTON und dergleichen ignorieren; sobald es jedoch darum geht, was (Kriminal-) Literatur überhaupt will und soll und kann, kommen wir an den massenhaft, also für Lesermassenbedürfnisse produzierten Heftromanen nicht vorbei.


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James Crumley



KTB 08.11.98 / James Crumley ... ach!! Endlich seinen fünften Krimi gelesen, "Jeder gräbt sein eigenes Grab" ("Bordersnakes", 1996; übersetzt von Thorsten Tornow als Piper-TB).

Crumleys Krimi-Erstling "The Wrong Case" von 1975 (deutsche Erstausgabe jetzt im Dezember 1998 bei Piper!) war eines der Schlüsselerlebnisse meines Krimileselebens: Ah, oh, es geht ja doch, Privatdetektivgeschichten zu schreiben, lange nach Hammett-Chandler-Rossmacdonald, und auf demselben Niveau!

Danach kamen (deutsch als Goldmann-TB) sein zweiter und sein dritter Krimi, und seither hänge ich Crumleys Namen an die eben genannte Dreierkette dran, wenn überhaupt einen. Because that's the real stuff!

Im vierten Krimi dann, "The Mexican Tree Duck", war mir etwas zu viel Vietnamveteranenkram drin, Crumleys Dauer- und eigentliches Thema; sein großer Vietnamroman "One to Count Cadence" von 1969 wird bei mir wohl für immer ungelesen im Regal stehen.

Jedenfalls, in "Jeder gräbt sein eigenes Grab" (na ja, einer der beiden Helden wird mal gezwungen, sein eigenes Grab auszuheben ...) erzählt Crumley abwechselnd aus der Perspektive seiner beiden Romanenhelden Sughrue und Milo, die früher unabhängig voneinander in verschiedenen Romanen aufgetreten waren. Nette Idee, nur wär's schön, wenn die beiden sich sprachlich deutlicher unterscheiden würden - ob das allerdings Übersetzer TT oder dem Autor himself anzukreiden wäre, weiß ich nicht; vielleicht sind sich auch die beiden Romanfiguren einfach zu ähnlich. Männer halt, fertige Typen. Nee, so fertig dann doch wieder nicht.

Unser hiesiger "Badische Zeitung"-Chefredakteur Jürgen Busche, an dessen Krimi-Kritiken ich mich immer gern reibe, meint zu Crumleys Roman: "Sein wüstes Stück (...) spielt im Grenzgebiet zwischen Texas und Mexiko. Es kommt alles vor, was Gott verboten hat: Mord, Inzest, alle möglichen Perversionen, und dazu noch, was Menschen unter Strafe gestellt haben, etwa Drogenhandel. Die Weiber sind sexwütig, die Übeltäter Sadisten und der Held war einmal Polizist und hat obendrein eine Vergangenheit als Barkeeper. Das könnte fast schon wieder Kunst sein. Bei Crumley ist es nur spannend - aber das immerhin."

Lustiger Kommentar. Und so ein Buch hat mir Spaß gemacht? Ja, mit Einschränkungen. Bei allen Brutalitäten ist der Roman nämlich vor allem eine Liebeserklärung an das Amerika der östlichen Rocky Mountains, von Montana bis Texas. Das hat was von einem Western, aber auch von einem Road Movie. Plot und Story erscheinen ebenso konfus und unwichtig wie bei Chandler; man fährt halt in der Gegend rum und sucht das verschwundene Geld (bzw. die Diebe, um Rache zu nehmen), und irgendwas passiert immer, und wenn nicht, setzt man sich halt in den Sonnenuntergang und trinkt und quatscht miteinander. Oder liebt sich. Ja, auch eine Liebeserklärung an die Frauen, denn was wären diese manchmal lächerlich unmännlichen Helden ohne sie: längst tot durch Unvernunft oder Selbstmord.

Okay, einschränkend muß man sagen, das Ganze ist ziemlich typische Männerliteratur. Für solche Romane, wie beispielsweise auch Lansdales Krimis, könnt man die Unterbezeichnung "Männerkrimi" einführen: Machos, Männer mit Mumm, mal markig, mal melancholisch, mal muffig. - So, nun bin ich gespannt, wie sich "The Wrong Case" in Tornows Übersetzung liest, demnächst, quasi revisited, ten years later. Und wenn's einen "Krimi-Verlag des Jahres" gibt, dann ist es für mich Piper: wegen James Crumley, aber auch wegen Thomas Perry, wegen Roger Graf ("Zürich bei Nacht" im Dezember als TB!), wegen Urs Richle, wegen Don Winslow, wegen Thomas Adcock, wegen Jerome Charyn, wegen Jonathan Coe, wegen Sara Paretsky, wegen Fruttero & Lucentini, wegen Marc Behm, u.v.a.m. - dieses Verlagsprogramm kann sich wieder sehen lassen!

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KTB 04.04.99 / Seit Jahren von mir eingefordert, liegt sie seit Dezember endlich vor: die Übersetzung von James Crumleys 1976er Krimi-Erstling "The Wrong Case". Vor zehn Jahre war das Buch eines meiner Schlüsselerlebnisse im Krimi- und besonders im Privatdetektiv-Genre. Und nach Lektüre seiner ersten drei Krimis, galt mir Crumley als der vierte große Meister nach Hammett, Chandler und Ross Macdonald.

Verständlich, daß eine gewisse Scheu nun dafür gesorgt hat, daß ich "Schöne Frauen lügen nicht" (Piper-TB) erst mal ein Vierteljahr abhängen ließ. Vielleicht zerstöre ich mit dem Wiederlesen eine selbstgebastelte Ikone, eine liebe Erinnerung, eine unangebrachte Schwärmerei?

Egal, her jetzt mit dem Stoff! Aber, oh weh, schon auf der ersten Seite wird meine Wiederleselust jäh ausgebremst.

Erstens: Was ist das für ein schwachsinniger deutscher Titel?!?

Zweitens: Wie übersetzt der erwiesenermaßen fähige Thorsten Tornow (Übersetzer von Crumleys "Bordersnakes", außerdem selber Autor) Crumleys vorangestelltes Motto: "Never go to bed with a woman who has more troubles than you do. - Lew Archer"?!?

So: "Gehen Sie bloß nie mit einer Frau ins Bett, die noch mehr Probleme hat als Sie. - Lew Archer"!

Da stört mich die Anrede "Sie", da stört mich das überflüssige "bloß", und da stört mich das genau so überflüssige "noch". Tornow verfälscht hier durch Übertreibung, durch Überbetonung, durch dramatisierende (Über-) Interpretation.

Sorry, aber bei diesem Buch bin ich besonders empfindlich, was die Übersetzung angeht, Crumley ist nämlich wie Hammett und Chandler ein ausgesprochener Stilist: Wer hier an der Sprache rumpfuscht, macht den Roman kaputt.

Okay, einen Lapsus lass ich durchgehn, hole tief Luft und lese die ersten paar Romansätze. Argwöhnisch geworden, allerdings erst mal bei Crumley: "There's no accounting for laws. Or the changes wrought by men and time. For nearly eighty years the only way to get a divorce in our state was to have your spouse convicted of a felony or caught in an act of adultery."

Wunderschön, fast lyrisch, und inhaltlich fast philosophisch, die ersten beiden Sätze; und der dritte läßt dann die Luft raus, beginnt mit des Privatdetektivs Klage über die Liberalisierung des Scheidungsrechts, die ihn arbeitslos macht.

Auf deutsch schreibt Tornow: "Unmöglich, sich einen Reim auf Gesetze zu machen. Oder auf die Veränderungen, die ihnen der Zahn der Zeit oder die Menschen abringen. Fast acht Jahre lang war in diesem Staat eine Scheidung nur dann durchzusetzen, wenn der Ehepartner entweder eines Verbrechens überführt oder in flagranti beim Ehebruch erwischt worden war."

No way, das tue ich mir nicht weiter an. Wer sich Crumleys Stil und Inhalt so wenig verpflichtet fühlt wie hier Thorsten Tornow, bzw. wer beim Korrekturlesen schon im ersten Absatz so patzt wie hier Piper, hätte besser die Finger gelassen von einem meiner Lieblingskrimis.



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Robert Crais

Charlie Riggio starrte auf den Pappkarton, der neben dem Müllcontainer stand. Es war ein Jolly-Green-Giant-Karton, mit etwas, das aussah wie eine zerknüllte braune Papiertüte, die oben herausragte. Der Karton trug den Aufdruck GRÜNE BOHNEN. Weder Riggio noch die beiden uniformierten Beamten in seiner Begleitung gingen näher als bis zur Ecke der Ladenpassage am Sunset Boulevard heran; von dort aus konnten sie den Karton bestens sehen.
   Robert Crais, "Feuerengel"  

KTB 16.06.02 / Sonntag, Hochsommerschwüle, trotzdem nach dem Frühstück eine Stunde lang geradelt, und Spätnachmittag und Abend sind auch schon verplant, Andreas hat Geburtstag, also bleibt wenig Zeit, drei Stunden genau, von eins bis vier, um Robert Crais' neuesten Thriller anzulesen: "Feuerengel", neu als Goldmann-TB, fast vierhundertfuffzig Seiten dick, "Demolition Angel" im Original.

Leider kein weiterer exzellenter Privatdetektivkrimi um Elvis Cole, sondern, oh je, anscheinend der Auftakt zu einer neuen Serie, nämlich um die seelisch und körperlich schwer angeknackste Carol Starkey, ehemalige Bomben-Entschärferin beim LAPD, die durch eine besonders heimtückische Bombe ihren Geliebten verloren hat und selbst grad noch so lebend davon kam, deswegen jetzt durchhängt, schwer traumatisiert ist, um nicht zu sagen völlig fertig, Alk, Zigaretten, Tabletten, Schlaflosigkeit, Alpträume, Vereinsamung, Verhärtung, unkontrolliertes Zittern, und trotzdem verbohrt sie sich in die Rückkehr in ihren alten selbstmörderischen Job, widersetzt sich obendrein der Psychotherapie, kurz: brunzdummes Macho-Gehabe.


Dann kommen zwei männliche Gegenpole ins Spiel, zum einen der psychopathische hochintelligente usw. Bombenbastler "Mr. Red", der es offenbar auf die Entschärfer selbst abgesehen hat und als nächstes wohl auf Carol Starkey, zum andern der nun aber wirklich echt harte, souveräne, coole ATF-Agent Pell aus Washington, der (ich lese nur die ersten drei Kapitel, die ersten hundert Seiten) wohl zusammen mit der wieder aufzupäppelnden Carol diesen Unhold zur Strecke bringen wird, jawoll, ein echter Held, aber nein, der Arme hat genauso seine Traumata und seine Kotz-Anfälle, ach du je, und da werden sich Pell & Starkey im Folgenden wohl gegenseitig die Stirnchen kühlen oder Händchen halten oder sonst was.


Sorry, verglichen mit den Cole-Krimis ist dieser neue Crais eine Enttäuschung, ein Abstieg: ernst, schwerfällig, geschwätzig, moralisch, im schlechten Sinne "hardboiled", suhlt er sich in dieser bittersüßen Härte und Tragik, die schon vor fünfzig Jahren Kitsch war.
 
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Martin Compart (vs. Harald Keller)

KTB 09.11.00 / "Diese Enzyklopädie ist eine Arbeit der Liebe", hebt das Vorwort an, wie um gleich eingangs etwaigen Kritiken den Wind aus den Segeln zu nehmen. Martin Comparts "Crime TV", Untertitel "Lexikon der Krimi-Serien", ist ein über fünfhundert Seiten dicker, zweieinhalb Pfund schwerer und brettharter Hardcover für 68,- DM, gerade beim Bertz Verlag erschienen, wie schon so viele tolle Filmbücher in den letzten fünf Jahren.

"Crime TV" eignet sich eher zum drin Herumstöbern und -schmökern als zum komplett Durchlesen; sowohl als Nachschlagewerk wie auch als Schmökerbuch hab ich daran eigentlich nur auszusetzen, daß es nicht dreimal so dick und dann meinetwegen ruhig auch dreimal so teuer geworden ist.

Es ist die Frucht einer jahrzehntelangen Hassliebe zum Fernsehkrimi, und Compart gräbt hier wirklich jeden Mist aus, von dem später Geborene und erst recht Serienhasser wie ich noch nie gehört haben. Alphabetisch von "A.S.", "Das A-Team" und "Die Abenteuer des Arsène Lupin" bis hin zu "Zwei Supertypen in Miami", "Die Zwei von der Dienststelle" und "Zwickelbach & Co.".

Nie gehört, nie gesehen? Macht nix. Bei solchen Kurzeinträgen enthält Compart sich leider manchmal einer Bewertung, da reichen ihm dann oft die nackten Daten (Serientitel, Erstausstrahlung, Hauptdarsteller) sowie ein paar Sätze zum Inhalt oder was auch immer an der jeweiligen Produktion bemerkenswert erscheint.

Differenzierter und kritischer geht Compart allerdings an die wirklich Wichtigen heran, von "Allein gegen die Mafia" bis ... tja, man muss in diesem Serien-Alphabet von Z aus schon weit nach vorne blättern, bis man endlich zwei längere Einträge findet: drei großzügig bebilderte Seiten für "Tennisschläger und Kanonen" und vier für den "Tatort".

Auch sinnvolle Einträge für Genre-Begriffe findet man. Auch Personen-Einträge wie zum Beispiel die eineinhalb Seiten für Michael Mann, unmittelbar vor den zweieinhalb Seiten für Comparts Lieblingsserie "Der Mann mit dem Koffer". Nie gehört, nie gesehen? Geht mir genau so.

Aber, wie gesagt, ich bin ja Ignorant, ein Serien-Verächter, der sich von Fernseh-Krimis, vor allem deutschen, fast immer nur peinlich berührt fühlt. Trotzdem les ich liebend gern in solchen Kompendien wie "Crime TV" herum; Comparts kompetente, kritische und amüsante Führung durchs Trash-Museum ist für mich wie ein Flanieren durch den Zoo.

Komplementär und komplettierend zu "Crime TV" empfehle ich übrigens noch Harald Kellers "Kultserien und ihre Stars" (1996 bis 1998 in drei Bänden bei Bertz erschienen, seit 1999 überarbeitet und ergänzt in einem Band erhältlich als rororo-Paperback), eine wahre Wundertüte für TV-Glotzer, lesefreundlicher und unkritischer als Comparts "Crime TV".

Und zweitens natürlich die bei Schüren erscheinende Reihe "Grundlagen des populären Films" von one and only Georg Seeßlen, der essayistisch schreibt, sich lustvoll verzettelnd, aber auch (als wär er nicht bloß 6 Jahre älter und erfahrener) viel weiter ausholend und umgreifend, viel analytischer und viel politischer als Martin Compart.

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Brutalität im US-Fernsehen war die Ausnahme. Bis zum 20. September 1957. An diesem Tag startete der Sender NBC die neue, halbstündige Polizeiserie DEZERNAT M (bei uns erstmals 1968 im Vorabendprogramm des ZDF!).
   Martin Compart, "Crime TV. Lexikon der Krimi-Serien" (Seite 90)  

Wes Geistes Kind Lieutenant Frank Ballinger ist, macht schon der Vorspann deutlich. Da nimmt er kalten Blutes Deckung im Schutze eines Automobils, zieht blank und feuert, was die Kammern seiner stupsnasigen Smith & Wesson hergeben.
   Harald Keller, "Kultserien und ihre Stars" (Seite 143)  

KTB 11.07.01 / Mittwochabend. Wie so oft bleib ich beim Zappen wieder mal im Hessenfernsehn hängen, Hessen 3, "Late Lounge" mit ... Cappellucci oder so ... wie heißt denn der Moderator ... und mit schönen alten Cartoons und schönen alten Spielfilmen und mittwochabends eben zur Zeit immer mit uralten Folgen der Krimiserie "Dezernat M". Lee Marvin als härtester Cop Chicagos. Hat was. Nämlich nicht bloß den Charme des inhaltlich Biederen und des technisch Veralteten, des hierdurch irgendwie Schrägen, Lächerlichen und Träschigen, wie so viele frühe SF-Serien, sondern durchaus immer wieder des beachtlich gut gemachten TV-Handwerks. Das hat Tempo, da ist kein Bild und kein Wort zu viel, als wär jede Folge gekürzt, aufs 25-Minuten-Maß getrimmt. Ich möcht jetzt nicht sagen, lieber eine Folge "Dezernat M" als einen halben oder ganzen "Tatort". Nee, möcht ich jetzt nicht sagen ...

Jedenfalls, bei solcherlei Abstiegen in die Fernseh-Vorvergangenheit ("Dezernat M" ist älter als ich!) begleiten mich stets zwei Standardwerke mit ebenso viel Informations- wie Unterhaltungswert. Eigentlich unverzichtbar, die beiden: Martin Comparts "Crime TV. Lexikon der Krimi-Serien" (HC bei Bertz, 510 Seiten, DM 68,00) und Harald Kellers "Kultserien und ihre Stars" (PB bei Rowohlt, 477 Seiten, DM 29,90).

Beide Kompendien bieten gleich gute Einträge zu "Dezernat M". Überraschenderweise enthält Comparts kürzerer Eintrag mehr essentielle Fakten. Kellers "Kultserien" erzählt dagegen eher, ist genauso Lesebuch wie Nachschlagewerk. Aber Vorsicht bei beiden: Schmöker-Gefahr! Am besten nur vorm Fernsehn drin lesen, nicht hinterher, sonst liest man den Rest der Nacht drin rum!

Abschhließend noch ein Zitat zum Stichwort "Tatort":

Die ersten zehn Jahre sorgten für beste Krimiware. Kaum ein TATORT ging wirklich schief und man achtete auf logische, stringente Geschichten, ohne dabei die Charaktere aus den Augen zu verlieren. Ausgerechnet mit Schimanski Anfang der achtziger Jahre begann der Niedergang. Man verließ sich auf Götz Georges Präsenz und verlor die Plots aus den Augen. Teilweise wurden nun Kriminalfilme präsentiert, deren Handlung nicht mehr zu folgen war. Idioten auf allen Ebenen sorgten dafür, daß das Markenzeichen TATORT unter Kennern in Verruf geriet. Bereits 1986 rauschte es durch den Blätterwald, und von der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG bis zum GONG fragten sich scharfsinnige Kritiker, was mit dem TATORT los sei. Nur noch verblödete Geschichten ohne Sinn und Verstand (heute wird jeder TATORT beklatscht, der eine halbwegs logische Handlung hat).
   Martin Compart, "Crime TV. Lexikon  
   der Krimi-Serien" (Seite 409)   


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Martin Comparts Website:
martincompart.wordpress.com/martincompart/.


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Michael Connelly

KTB 08.-09.03.99 / Wieder keine Lust, Neues auszuprobieren, neue Autoren kennenzulernen. Stattdessen lasse ich mich nach der Arbeit wieder zwei Abende lang in Altbewährtes fallen, lese Michael Connellys "Das Comeback" (Heyne-TB), sein fünftes oder so hardboiled police procedural featuring lonesome cowboy Harry Bosch.

Das titelgebende "Comeback" ist das von Harry Bosch zur Mordkommission des LAPD; das im Original titelgebende "Trunk Music" ist ein Gangster-Slang-Wortspiel. Connelly treibt wieder routiniert und zuverlässig einen detailrealistischen Polizeikrimi voran; wie immer tut sich sein Antiheld schwer mit dem Polizeiapparat, mit verschiedenen Bürokratien und Behörden, mit verschiedenen Arschlöchern unter den Kollegen. Die Spuren eines Mordfalls führen ins Mafia-Milieu, nach Las Vegas; dort begegnet Bosch einer früheren Liebe, jetzt Profi-Spielerin, die natürlich doch irgendwie in den Fall verwickelt ist, obwohl Bosch sie raushalten will.

Bosch baut Scheiße, weil er wichtige Dinge nicht weiß, findet aber paradoxerweise den Respekt desjenigen, den er da mit aller Gewalt als Täter überführen wollte. Nach einem blutigen shoot out, und dem für Harry überraschend happy ending, nagt an mir noch ein bißchen die Frage, warum bei Connelly immer ein paar böse korrupte Bullen hinter allem stecken müssen. Chronischer Polizeihaß? Persönliche Erfahrungen mit Polizeikorruption? Oder nützt er als Autor nur aus, daß dieses Thema gerade "geht", daß es das gerade "bringt" aufm Krimi-Markt? Jedenfalls schafft's auch "Das Comeback" wieder, mich über 400 Seiten lang bei der Stange zu halten.


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KTB 09.-10.09.00 / Ein Wochenende lang Ausklinken und Abschalten: Lese Michael Connellys "Schwarze Engel" (neu als HC bei Heyne; Original: "Angel's Flight", 1998). Klasse Cop-Novel, endlich wieder! (Für Einsteiger: Connellys Romane mit Harry Bosch sind klasse, "Der Poet" geht auch noch, "Das zweite Herz" ist spannender Humbug.)

Los Angeles, schwelender und allgegenwärtiger und am Ende krawallöser Rassismus, Polizei und Justiz und Politik, ein ermordeter schwarzer Staranwalt und Kämpfer für die Rechte der Afroamerikaner, als Ermittler Detective Harry Bosch und seine zwei Team-Kollegen in einem heißen, heiklen Fall, und Boschs Intimfeind von der IAD zwangsweise als vierter Mann mit im Team dabei. Am Ende siegt die Gerechtigkeit, wenigstens ein bißchen. Puh!






Bosch blickte durch das kleine Quadrat aus Glas und sah, dass der Mann allein in der Zelle war. Er nahm seine Pistole aus dem Holster und reichte sie dem diensthabenden Sergeant. Standardvorgehen. Die Stahltür wurde aufgeschlossen und aufgeschoben. Sofort stach Bosch der Geruch von Schweiß und Erbrochenem in die Nase.
   Michael Connelly, "Dunkler als die Nacht"  

KTB 13.-14.09.01 / Endlich kommt mein Leseexemplar vom neuen Connelly: "Dunkler als die Nacht" ("A Darkness More Than Night", passabel übersetzt von Sepp Leeb, neu als HC bei Heyne, 464 Seiten, DM 42,93). - Danke, Viola! Dass er nicht ganz so toll ist, dafür kannst Du ja nix.


Connellys harte Thriller um Los Angeles' einzelgängerischen Polizisten Hieronymus "Harry" Bosch lieb ich sehr, und "Schwarze Engel" war zuletzt wieder echt klasse (siehe KTB 09.-10.09.00); dagegen seine beiden Serienkillerthriller um den altgedienten Profiler Terry McCaleb, "Der Poet" (KTB 12.-14.08.98) und "Das zweite Herz" (KTB 03.08.99) erscheinen mir doch relativ unglaubwürdig konstruiert, um nicht zu sagen: hochspannender Humbug.


In "Dunkler als die Nacht" bringt er seine beiden Helden nun zusammen. Leider. Denn Terry McCaleb dominiert, als zentrale Ermittlerfigur, und Harry Bosch spielt nur die zweite Geige, zeitweise sogar als McCalebs Hauptverdächtiger, weil an den Tatorten eines Serienmörders (?) versteckte Hinweise auf den Höllenmaler Hieronymus Bosch auftauchen. Bullshit, of course, denn Connelly wird den Teufel tun und seinen wichtigeren Serienhelden so billig opfern.


Während Terry McCaleb, eigentlich schwer herzkrank im Vorruhestand, sich also in eine Serienkillersuche einklinkt und dann wie ein Bluthund nicht mehr locker lässt, steht Harry Bosch als Hauptbelastungszeuge eines aufsehenerregenden Mordprozesses vor Gericht. Justizkrimi also auch, Court Room Drama. Das läuft so nebeneinander her und allmählich aufeinander zu, beides ziemlich spannend. Solide und ziemlich überraschungslose Spannung, Zuspitzung, Wettlauf mit der Zeit, denn ausgerechnet kurz vor Boschs großem entscheidenden Gerichtsauftritt gerät er in McCalebs Fahndungsvisier - obwohl die Beiden sich von früher her kennen und schätzen. (Diverse Rückbezüge auf frühere Romane bilden einen zusätzlichen Reiz für treue Connelly-Fans.)


Es gibt viel Gutes, packend und gut Geschriebenes; Connelly erklärt uns Hieronymus Bosch (den Maler); es gibt aber auch viel Konventionelles, Thriller-Kitsch; im brutalen und befreienden Finale retten die beiden Helden sich gegenseitig das Leben, und der wahre Drahtzieher wird natürlich entlarvt, und so weiter. Es bleibt ein etwas klebriger Nachgeschmack, nach Männerkrimi, Hardboiled-Melodrama, einsame Helden im Großstadtsumpf, im Kampf gegen Gewalt und Verbrechen und Finsternis, für Gerechtigkeit und Wahrheit und so weiter.


Harry Bosch behält dabei wenigstens seine Schattenseiten, bleibt ein faszinierender abgründiger Charakter. Aber, lieber Michael, den Terry McCaleb kannste meinetwegen nächstes Mal draufgehen lassen, dann ersparste uns nämlich in Zukunft diesen abstrusen Serienkillermist. (Ja, ja, ich hab schon kapiert, dass "Dunkler als die Nacht" eben gerade KEIN Serienkillerroman ist. Aber das weiß man leider von Anfang an, dass alles nur böse Intrige gegen Harry Bosch ist.)


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Rings um sie ging die Kakophonie der Habgier in ihrem schönsten und extremsten Übermaß weiter. Aber ihrer Welt konnte sie nichts anhaben.
   Die Frau unterbrach den Blickkontakt gerade lang genug, um nach unten zu schauen und ihr Glas zu finden und es dann vom Tisch zu heben. Bis auf etwas Eis und eine Kirsche war es leer, aber das machte nichts. Auch er hob sein Glas, vielleicht noch mit einem Schluck Bier und etwas Schaum darin.

   "Auf das Ende", sagte sie.

   Er lächelte und nickte. Er liebte sie, und sie wusste es.

   "Auf das Ende", begann er und hielt dann inne. "Auf den Ort, an dem die Wüste Meer ist."

   Michael Connelly, "Im Schatten des Mondes"  

KTB 26.07.02 / Ja, Himmel, werd ich denn jetzt nur noch gefrustet diesen Monat?!?


Verschlinge begierig Michael Connellys allerneusten Thriller "Im Schatten des Mondes" (HC bei Heyne), und muss dabei betrübt feststellen, tja, was ich zuvor schon ein paar Mal festgestellt habe. Alles nix ohne Harry Bosch. Wieder verzichtet Connelly nämlich auf seinen alten Serien-Heroen, den schwierigen LAPD-Cop Hieronymus "Harry" Bosch, um den er im Lauf der Jahre eine der besten Cop-Novel-Serien ever geschrieben hat, angefangen von "Schwarzes Echo" und "Schwarzes Eis" bis hin zum wirklich erstklassigen "Schwarze Engel". Schwächer dagegen Connellys packende, aber hanebüchene Serienkillerthriller "Der Poet", "Das zweite Herz" und zuletzt, mit Harry Bosch als mordverdächtigem Nebenheld, "Dunkler als die Nacht".


Was also soll auch das jetzt noch, "Im Schatten des Mondes", mit dieser geläuterten knastentlassenen Ex-Spielcasino-Diebin, die den Kick ihrer früheren Räubereien vermisst, die sich nun ihre im Knast geborene und damals zur Adoption freigegebene Tochter zurückholen will, die den brutalen Tod ihres Geliebten beim letzten misslungenen Coup nie verwunden hat, und die nun natürlich, was sonst, noch einmal in genau jenes damals ausgeraubte Spielcasino zurück muss und dabei von abergläubischen Unkenrufen begleitet wird, sie solle bei diesem letzten, ja, was sonst, bei ihrem allerletzten großen Coup doch unbedingt auf die kritischen Mondphasen achten ...


Schwurbel. Hinreichend spannend, aber letztlich eine uninspirierte Aneinanderreihung von Genre-Klischees, die Story durchsichtig, voraussehbar, überraschungslos. - No, Sir, this is not the real thing; please bring us Harry back!


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Die alte Frau hatte es sich mit dem Sterben noch mal anders überlegt, aber da war es schon zu spät. Sie hatte die Finger in die Farbe und den Putz der Wand gegraben, bis die meisten ihrer Fingernägel abgebrochen waren. Dann hatte sie es am Hals probiert, hatte die blutigen Fingerspitzen von unten unter das Kabel zu schieben versucht. Sie hatte so fest gegen die Wände getreten, dass sie sich vier Zehen brach. Sie hatte sich so angestrengt, einen so wild entschlossenen Überlebenswillen gezeigt, dass sich Harry Bosch fragte, was zuvor passiert war.
   Michael Connelly, "Kein Engel so rein"  

KTB 21.08.2003 / Verschlinge Michael Connellys brandneuen LAPD-Thriller um Harry Bosch, "Kein Engel so rein" (HC bei Heyne). Suchtlektüre. Guter, harter, sauspannender Polizeiroman.


Besondere Stärke beispielsweise Connellys Nebenfiguren, deren je eigene Entwicklung sowie die Entwicklung ihrer jeweiligen Beziehung zu Bosch: seine Ex-Flamme Teresa Corazon, die als Gerichtsmedizinerin eine TV-Berühmtheit geworden ist und anscheinend nix anderes mehr im Kopf hat als diese Karriere; sein Partner Jerry Edgar, zu Recht frustriert durch Boschs fortwährende, manchmal verheerende Alleingänge; seine Ex-Partnerin Kizmin Rider, mit einem blöden neuen Kollegen gestraft; seine Vorgesetzten Lt. Grace Billets, genannt „Bullets“, und Deputy Chief Irwin Irwing; und in diesem Roman nun auch die ihm zugeordnete jüngere Kollegin Julia Brasher, mit der der alte Knochen prompt eine Affäre anfängt.


Na ja, Letzteres verbuchen wir mal ganz schnell als gängige fiktive Wunscherfüllung alternder Autoren. So wie sich in der Kleinklein-Darstellung aller polizeitechnischer Untersuchungen, besonders auf den ersten paar Dutzend Seiten, unser Zeitgeist widerspiegelt, unsere derzeitige Beliebtheit medizinisch-naturwissenschaftlicher Detektivarbeit, von Kay Scarpetta bis „CSI“. Und à propos Knochen, warum bloß heißt "City of Bones" auf deutsch nicht "Stadt der Knochen", vom Buchinhalt zwingend nahegelegter Titel, sondern völlig plemplem "Kein Engel so rein", blöder geht’s nicht? Heyne, Heyne, wer hat da bei Euch im Verlag ein Rad ab?


Also, "City of Bones" ist schon ein sehr spannender und sehr schön verwickelter Polizeithriller, und das trotz haufenweise Klischeestückchen und des reichlich durchgekauten Themas Kindermissbrauch / Kindermord. Aber die Klasse von "Schwrze Engel" erreicht’s nicht, wirkt dagegen irgendwie zerfahren, und als Serien-Einstieg eignet sich’s überhaupt nicht, wegen der vielen Rückbezüge und Anspielungen auf vorige Romane. Dies und der Schluss lassen argwöhnen, Connelly habe womöglich die Lust an Harry Bosch und dem LAPD verloren, wolle sich’s in Zukunft vielleicht einfacher machen mit schlichteren, freier und wilder daherphantasierten Thrillern. Hoffentlich nicht!


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Michael Connellys Website:
www.michaelconnelly.com/.


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Robert Crais

KTB 06.11.97 / Robert Crais' Comeback auf den deutschen Krimi-Markt heißt "Falsches Spiel in L.A.", erster von mehreren bei rororo angekündigten Privatdetektivkrimis.

Anfang 1991 hatte ich mir Crais' Erstling reingezogen, "The Monkey's Raincoat" von 1987, ein Penguin-TB; deutsch hieß der damals bei Bastei-Lübbe "Die gefährlichen Wege des Elvis Cole" (eins meiner Bücher wird mal heißen: "Die dämlichen Titel der deutschen Verlage"!), und noch so'n Kaliber war "Die schwarze Welt des Elvis Cole". Diese Erstausgaben wird rororo wohl auch wieder ausgraben; nix dagegen einzuwenden, unbedingt nötig wär's aber nicht, da gäb's gerade aus Bastei-Lübbes "Schwarzer Serie" bessere.

Crais' erster Roman mit Elvis Cole war typische hardboiled PI fiction, harte Männer mit Vietnam-Trauma, die notfalls auch mit Muskeleinsatz und Geballer ihrer Gerechtigkeit siegen helfen. "Falsches Spiel in L.A." ("Sunset Express", 1996) hat mich deswegen jetzt positiv überrascht: komplex, bedenkenswert kritisch (ggü. Politik, Medien, Polizei, Justiz), kein schlichter Subgenre-Erfüller, eher schon eine Art Crossover, let's say 70 % Privatdetektivroman, 20 % Polizeiroman, 10 % Justizthriller, und eine anrührende Liebes- und Beziehungsgeschichte ist es auch noch.

Elvis Cole soll für die "Große Green-Verteidigungsmaschinerie", d.h. für einen Staranwalt mit Gefolge im Dienst eines mordangeklagten Millionärs, Indizien finden für Polizeipfusch bei den Ermittlungen, für ein Unterschieben von Beweisen durch die ehrgeizige Polizistin Angela Rossi, oder was auch immer dem Klienten hilft, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Cole findet tatsächlich etwas (was es wirklich damit auf sich hat, wird er erst viel später begreifen); er wird daraufhin zum Medienhelden aufgebaut, als Galeonsfigur der Verteidigung, als Schachfigur in Gegenposition zur angeblich korrupten und unfähigen Polizei, schließlich als Strohmann für immer unsauberere Machenschaften der "Verteidigungsmaschinerie". Dadurch macht Cole sich verhaßt bei der ihm eigentlich wohlgesinnten, von seiner Integrität überzeugten Polizei - dieses gegenseitige Taxieren, dieses Mißtrauen und besonders die Verzweiflung der suspendierten Polizistin kommen gut rüber, das und die Darstellung der Medienmacht sind Stärken des Buchs.

Irgendwann kommt's wie's kommen muß, Cole kommt die Galle hoch, er steigt aus, ruft seinen Sidekick Joe Pike und noch so 'nen Mann fürs Grobe, und dann bringt man eben auf die harte männliche Tour die Dinge wieder ins Lot und die Wahrheit ans Licht. Am Schluß sind die kleinen Schurken tot, der Frauenmörder leider nicht, und der Oberbösewicht scheint ganz aus dem Schneider; aber er wird seines Lebens nicht mehr froh werden, mit Elvis Cole als Feind!

Die deutsche Übersetzung bewährt solide (Hannes redet immer vom "Jürgen-Bürger-Sound", ich weiß gar nicht, was er hat); auf diesem Niveau laß ich mir weitere rororos von Robert Crais gefallen.


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KTB 12.03.98 / Robert Crais' "Die Rache der Samurai" gelesen, seinen zweiten Detektivkrimi mit Elvis Cole (Neuausgabe als rororo). Wie der erste rasant, ironisch hartgesotten. Vor allem anfangs ein unverblümtes Chandler-Pastiche, darüber hinaus dürfte aber auch Robert B. Parker gemeint sein, aber dessen Romane hab ich nicht alle und schon gar nicht drei oder vier mal gelesen.

Beispielsweise diese klassische Rollenverteilung good guy, bad guy: Bei Parker waren das Spenser und Hawk, bei Crais sind's Cole und Joe Pike - für Trivialschreiber sicher nützlich, aber mir wird immer sehr unwohl bei so einer Aufspaltung in sauberen sympathischen identifikationsfähigen Helden und mühsam kontrollierten gewalttätigen Psychopathen für die leider anfallende Dreckarbeit. (Vergleiche dagegen bei Lawrence Block die Figur des Mick Ballou in "A Walk among the Tombstones": Ein brutaler Roman mit einem brutalen Ende, aber Block thematisiert unser und Scudders Entsetzen über diese Brutalität und kriegt das so ganz anders in den Griff, bringt das ganz anders rüber!)

Wie der "Samurai" im Titel schon andeutet (früher hieß das Ding bei Bastei Lübbe allen Ernstes "Die schwarze Welt des Elvis Cole"), geht's um Japan, verschwunden ist in L.A. ein nur geliehenes altes japanisches Skript mit dem Codex der Samurai. Kindesmißbrauch kommt auch vor, ein typisches Thema (so wie überhaupt Vergewaltigung, Gewalt gegen Frauen und Kinder, auch Pornographie, Zwangsprostitution, Snuff-Videos, ...) im US-amerikanischen Privatdetektivroman der 80er Jahre. Am Ende schön blutig und brutal, insgesamt flott und spannend - ja, "Miami Vice" läßt grüßen.


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KTB 04.04.99 / Trost finde ich bei Robert Crais' "Schmutzige Geschäfte" ("Lullaby Town", 1992; rororo Dezember 1998; dt. EA 1992 bei Bastei Lübbe; Übers. von Jörn Ingversen). Dieser Privatdetektivkrimi macht wenigstens Spaß, Crais erzählt witzig, pfiffig, schmissig, er legt gleich voll los, wie ein Entertainer, der auf die Bühne stürmt und gleich alle mitreißt und zum Lachen bringt.

PI Elvis Cole soll wieder mal jemanden suchen, was er am besten kann. Ein krankhaft arroganter, egozentrischer Starregisseur spielt eine unrühmliche Hauptrolle - wen immer Crais damit abgebildet haben könnte, der hätte alles Recht, ihn zu verklagen! Ansonsten übliches Hollywood-Getue und -Personal. Eine mangels Talent und Karriere aus diesem Business-Zirkus geflohene Frau hat sich anderswo als Bankangestellte eine neue Existenz aufgebaut, sie wird als die Gesuchte von Elvis Cole aufgespürt und will sich aber nicht zu erkennen geben; als Geldwäscherin für die New Yorker Mafia steckt sie nämlich in der Scheiße, und wer kann und will und muß sie retten?

Rasant, spannend, ein harter und doch nicht simpler Action-Thriller, witzig und ernst, mit vielen reizvollen und vielen furchtbaren Figuren, von denen am Ende viele böse und einige gute tot sind. Hat sich gelohnt und Spaß gemacht, Robert Crais kann's einfach.


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Ich traf mich mit Jodi Taylor und ihrem Manager zum Mittagessen am Coast Highway in Malibu, nicht weit von Paradise Cove und der Malibu Colony. Das Restaurant thronte auf den Felsen über dem Meer und gehörte einem Küchenchef mit eigener Kochsendung im Fernsehen. Ein Saucier. Das Restaurant war hell und luftig und bot einen sensationellen Ausblick auf die Küste im Osten und die Channel Islands im Süden. Ein Sandwich mit gegrilltem Thunfisch kostete achtzehn Dollar. Die Pommes dazu sieben fünfzig. Aber sie hießen Frites.
   "Mr Cole", sagte Jodi Taylor, "können Sie ein Geheimnis bewahren?
"
   "Kommt drauf an, Ms Taylor. Was für eine Art Geheimnis schwebt Ihnen vor?"
   Robert Crais, "Voodoo River"  

KTB 15.04.02 / Gönne mir wieder mal ein reines, rundum befriedigendes Vergnügen: einen guten hartgesottenen Privatdetektivkrimi. Denn da liegen ja meine kriminalliterarischen roots.


Meine Initialzündung, mein spätpubertäres Erweckungserlebnis fürs Genre war die mehrmalige Lektüre der schwarzgelben detebe-Krimis mit Philip Marlowe; ich war & bin & bleibe Chandler-Verehrer, und erst nach ihm hab ich Hammett entdeckt, den ich für den größeren, wichtigeren und besseren Autor halte, aber letztlich doch nicht so liebe wie den gefälligeren, romantischeren Chandler. However, ab und zu gönne ich mir eben eine hardboiled PI novel, lasse mich dann so richtig reinfallen, genieß es, seltsamerweise nie ganz reinen Gewissens, denn das hat doch immer so einen Hauch von Regression, von sentimentalem Zurück in die Jugendjahre. Fast ein bisschen so, als würde man ein Jugendbuch lesen, "Harry Potter" etwa ... oder "Artemis Fowl" ... oder "Herr der Ringe" ... oder sonstige Fantasy ... - nein, Hilfe, bitte nicht schlagen!!!

Ähem. Robert Crais. Gönne mir also "Voodoo River" (rororo; gleichnamiges Original 1995 erschienen), den vielleicht fünften oder sechsten oder siebten Krimi um Elvis Cole, Privatdetektiv in Los Angeles, meist beschäftigt mit Vermisstensuche und sonstigen delikaten Aufträgen im Dunstkreis von Hollywoods Film-Business. So auch hier: TV-Serien-Star Jodi Taylor, 36, auf dem Gipfel ihrer Berühmtheit und Beliebtheit, will ihre familiären Wurzeln ausgraben (sie kennt nur ihre Adoptiveltern, nicht aber ihre leiblichen); dies aber verständlicherweise nicht öffentlich, also schicken sie und ihr Agent den bekanntermaßen diskreten, ehrenhaften und fähigen Elvis Cole nach Louisiana, wo Jody herstammt ...

Wie gesagt, rundum befriedigendes Vergnügen. Robert Crais ist eine sichere Bank. Sein 1987er Debüt "The Monkey's Raincoat" (deutsch zuerst in Bastei-Lübbes Schwarzer Serie als "Die gefährlichen Wege des Elvis Cole", dann rororo-Neuausgabe als "Kidnapping") war für alle möglichen Krimi-Preise nominiert worden und gewann den ANTHONY der World Mystery Convention und den MACAVITY der Mystery Readers of America. Und seither hat Crais sich nur gesteigert, so weit ich das an Hand der vorliegenden Übersetzungen beurteilen kann. Zuletzt kam 1997 bei rororo "Falsches Spiel in L.A." ("Sunset Express", 1996), meines Erachtens sein bisher bester Roman - nanu, warum kommt da seither nichts mehr? Jedenfalls hatte er sein anfänglich erkennbares Vorbild Robert B. Parker schnell überflügelt; Robert Crais schreibt in jeder Hinsicht die besseren Romane, besser im Hinblick auf Witz, Tempo, Stil, Handhabung der Genre-Klischees, Verwendung und Darstellung von Gewalt, Balance zwischen Komplexität und purem page-turning Krimi-Spaß, sensiblen und intelligenten Umgang mit ernsten Themen.


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Robert Crais' Website:
www.robertcrais.com/.


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Didier Daeninckx

Kurz vor dem Start trank Sloga auf der Terrasse des "Trois Grâces" einen schauderhaften Kaffee und blätterte im "Indépendant de Perpignan". Die Ermordung eines Kindes, ethnische Säuberungen, eine Scheidung in Fürstenkreisen, die miserable Tourismussaison, Erhöhung der Mehrwertsteuer ...  Der übliche Müll. Der einzige Anflug von Menschlichkeit, nämlich der Kalenderrückblick neben dem Wetterbericht, erinnerte ihn an die Ermordung von Jean Jaurès auf den Tag genau vor einundachtzig Jahren, am 31. Juli 1914. Er wußte nicht, daß dieser Verlust einige Stunden später mit der Geburt von Louis de Funès wettgemacht wurde. Eine Unmenge von Grimassen wurde sinnlos verschleudert, denn die Weichen für das Jahrhundert waren ja schon gestellt.
   Die Autobahn zwischen den beiden Meeren schlängelte sich durch tiefe Täler. Erdarbeiten verdeckten die Erinnerung an die Zeit der Katharer, die die Dörfer längst Stein für Stein verhökerten: der Widerstand der Vorfahren zierte die Etiketten des Corbières-Weins, ein von den Verfechtern des wahren Glaubens zerstörtes Dorf zog Massen von Gleichgesinnten an, denen der Ketzerglaube als Anregung für Musik- und Lichterfeste diente. Er hatte die Nase voll. Die ganze Region, eine sich selbst verschlingende Republik, lebte nur von ihrer Vergangenheit.
   Didier Daeninckx, "Pulp und die alte Linke" ("Pulp" # 7) .  
   TB bei Wunderlich/Rowohlt, Dezember 1998.  
   Deutsche Erstausgabe: "Nazis in der Metro", 1996 als HC bei Transit.  
   Original: "Nazis dans le métro" ("Le Poulpe" # 4), deutsch von Ronald Voullié.
 


Kolumne zur Krimireihe "Pulp", 1999 / Es geht um Frankreichs Vergangenheit in diesem "Poulpe"-Krimi. Um Frankreichs politische Vergangenheit in der Gegenwart, um das Zombie-artige Wiederauferstehen faschistischer Ideen, die paradoxerweise auch von Alt- und Ex-Linken wieder salonfähig gemacht werden. Allerdings gab es sie schon immer, wie Daeninckx zeigt, diese irritierenden Berührungspunkte zwischen Nazis und Kommunisten ...

Mit der Romanfigur André Sloga, so erfahren wir aus den Anmerkungen des Übersetzers, hat Daeninckx hier seinem verehrten Kollegen Jean Amila ein literarisches Denkmal gesetzt. Im ersten Kapitel wird André Sloga vor seiner Haustür abgepaßt und krankenhausreif geschlagen. Unser Held "Le Poulpe" - der hier bei Daeninckx allerdings nie so heißt, sondern immer nur schlicht Gabriel - liest davon in der Zeitung, besucht den Alten in der Intensivstation und durchkämmt dann detektivisch Paris und die Sümpfe des Poitou. Gabriels Abstecher in diese westfranzösische Provinz deckt zwar einen Kriminalfall auf, die grausame Rache einer Vergewaltigten; aber daß Sloga diesen vertuschten Fall gerade zu seinem neusten Roman verarbeitet hat, führt Gabriel dann doch nicht zu den Schlägern. Die findet er schließlich, wie anfangs gleich vermutet, im rechtsextremen Milieu der Hauptstadt.

"Nazis dans le Métro" ist ein schwächerer Daeninckx, schwächer als beispielsweise "Le Château en Bohème" (ebenfalls deutsch als HC bei Transit erschienen). Ein Polit-Krimi, zu arg "Polit-" und zu schwach als "-Krimi"; ein grimmiger und gut und richtig gemeinter Parforce-Ritt durch die französische (und europäische) Politik. Fürs Verständnis der vielen Namen und Anspielungen hätte ich gerne noch mehr Anmerkungen des Übersetzers gehabt. Immerhin wird in diesem frühen und programmatischen "Poulpe"-Roman klar, welche Wut die linken Autoren Pouy, Quadruppani, Raynal und Daeninckx umgetrieben haben muß, als sie 1995 die Krimi-Lawine "Le Poulpe" lostraten ...


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Gérard Delteil

Eine der dreckigsten Straßen von La Paz, das in der Hitliste der Umweltverschmutzung ganz oben steht, ist die Loayza.
   Eine relativ schmale Hauptverkehrsader, eingezwängt zwischen nichtssagenden Gebäuden mit hinfälligen Fassaden, verstopft von endlosen Schlangen altersloser Fahrzeuge, die giftige Abgaswolken ausspucken. Sie durchquert das Bankenviertel und steigt dann steil an bis zum alto, dem Armenviertel oberhalb der bolivianischen Hauptstadt.

   Diese Straße hinaufzugehen ist für einen Fremden, der noch nicht an das Leben in 3500 Meter Höhe gewöhnt ist, das reinste Martyrium. Luis Merino war schon halb erstickt, bevor er nur die Hälfte des Weges zu seinem Hotel zurückgelegt hatte. Er wäre gern schneller gegangen, aber die Beine wollten ihm nicht gehorchen. Die dichte Menge, die den Gehweg verstopfte, machte seinen Aufstieg nicht gerade leichter. Indianerinnen hockten mit Kindern im Arm auf dem Boden, die Nase in der Höhe der Auspufftöpfe, und streckten die Hand nach ihm aus. Sein eleganter heller Anzug machte ihnen Hoffnung auf eine großzügige Gabe: Was bedeutete diesem gringo schon eine Handvoll Bolivianos? Aber ihre Hoffnung wurde schnell enttäuscht, sobald sie in seine unbarmherzigen Augen sahen.

   Gérard Delteil, "Pulp und die Rache der Schatten" ("Pulp" # 12).  
   TB bei Wunderlich/Rowohlt, Oktober 1999.  
   Original: "Chili incarné" ("Le Poulpe" # 12), deutsch von Ronald Voullié.  


Kolumne zur Krimireihe "Pulp", 1999 / Wieder einmal verschlägt es den selbsternannten Detektiv Gabriel Lecouvreur alias "Le Poulpe" ins Ausland. Die Story spielt vor allem in Chile und Mexico City; es geht um gefälschte altamerikanische Mumien, genauer gesagt: um angeblich ermordete und mumifizierte und dann auch noch als Antiquitäten verkaufte politische Gegner des chilenischen Militärregimes. Starker Tobak? Man lese dazu nur mal die Anmerkung des Autors im Anhang, dann vergeht einem das Grinsen.


Le Poulpe fliegt also im Auftrag eines dubiosen Mumien-Importeurs nach Santiago de Chile, um herauszukriegen, was hinter solchen Gerüchten steckt. Er stößt auf einen "Le Monde"-Korrespondent, dessen diesbezüglicher Hintergrundartikel nie abgedruckt wurde; er lernt (und wir mit ihm) einiges über lateinamerikanische Geschichte und Politik; diverse Leichen säumen seinen Weg, ebenso diverse Biersorten, wie immer. Schließlich lässt er sich für den Rachefeldzug einer 70-jährigen Mutter einspannen, und nur haarscharf entkommt er dem ganzen Schlamassel wieder per Flugzeug zurück nach Paris, wo schon die Greifer vom französischen Staatsschutz auf ihn warten. Aber immer noch lieber in französischer Untersuchungshaft als in mexikanischer oder gar chilenischer. Zumal die französischen Beamten mit sich reden lassen, denn Gabriel hat ja durchaus etwas Interessantes herausgefunden bei seiner Reise durch Lateinamerika. Und sogar ein nettes Mitbringsel hat er noch dabei, für seinen Freund Gérard im "Au pied de porc à la Sainte-Scolasse" ...


"Pulp und die Rache der Schatten" gefiel mir thematisch und überhaupt inhaltlich besser als vom Stil her. Delteil, Jahrgang 1939, veröffentlichte seinen ersten Kriminalroman 1984, und im Jahr darauf sorgte er für Furore mit gleich sieben Krimis, von denen dreie preisgekrönt wurden! Ein renommierter und produktiver Autor also, von dem meines Wissens bisher leider nichts ins Deutsche übersetzt wurde. Seinen Beitrag zur "Le Poulpe"-Serie fand ich jetzt jedenfalls stilistisch etwas farblos, etwas witzlos, ohne Esprit. Oder lag's etwa nur an mir, an meiner Lustlosigkeit? Bin ich etwa, wie der Wunderlich Verlag, der diese Reihe nach dem nächsten Band einstellen wird, schon "Poulpe"-müde?



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Laurence Démonio

Die Ratte hat Angst und Hunger. Ihre glänzende Schnauze zittert. Sie nähert sich ein paar Zentimeter und hebt plötzlich die Nase, schnuppert die schweflige Luft, weicht zurück.
   Der Geruch des Blutes macht Appetit; die Ratte speichelt vor Gier. Aber die linke Hand hat sich dreimal bewegt. Oder gezittert. Wenigstens schien es so. Ein zischender Ton, ähnlich dem Fauchen einer Katze, entweicht den geschwollenen Lippen, den eingeschlagenen Zähnen.

   Die Ratte friert. In der eisigen Baugrube, unter freiem Himmel, weht ein eisiger Nordwind, der weiße Weihnachten ankündigt.

   Weiße Weihnachten, sie rennt vorneweg in smaragdgrünen Stiefeln mit weißem Pelzbesatz, ihre Knie, voller Kratzer und blauer Flecken, unter einem wippenden, wolligen Schottenrock.

   Pack sie und bring sie zu Boden, diese Knie und die Schenkel des jungen Mädchens, die dünnen Mädchenschenkel.

   Der linke Arm liegt schwer auf der Brust. Der rechte ist gebrochen, hängt schlaff herunter. Das rechte Bein zuckt, als verfehlte jemand im Traum eine Stufe.

   Die Ratte stößt einen schrillen Laut aus. Sie rast zum Graben, wo ein großes Kanalrohr herausragt. Das ist ein Fehler. Die fünf oder sechs Grad unter Null, die Wunden hätten eine leichte Beute beschert. Ein bißchen Geduld hätte gereicht.

   Laurence Démonio, "Eine Art Engel". Distel Literaturverlag, Januar 2000.  
   Original: "Une sorte d'ange", Paris 1997. Aus dem Französischen von Karin Ayche.  


Kolumne zur Krimireihe "Série Noire" beim Distel Verlag, 2000 / Ein sehr kurzer, knapper Roman, der aber gar nichts zu wünschen übrig lässt. Ich würde ihn mir gar nicht länger, dicker, ausführlicher wünschen. Ein wunderbar klarer, präziser Stil. Glasklar, glashart. Auch inhaltlich hart, drastisch, brutal. Ein Action-Thriller, Soziodrama, Psychodrama, zwischendurch Roadmovie, und zuletzt eine blutige Tragödie. Todtraurig und furchtbar. Doch ebenso melodramatisch und romantisch. Ein großer Roman Noir auf nicht mal 140 Textseiten.


Der frühreife, viel zu früh erwachsen und abgebrüht gewordene Edelstrichjunge Ange wird - warum, erfahren wir erst spät in einer Rückblende - von den Schlägern seines Zuhälters in einer Baugrube zurückgelassen, halbtot, zum Sterben. Doch die etwa fünzigjährige Maria Concepción Uruti rettet ihn vor dem Kältetod, päppelt ihn wieder auf, bringt ihn zurück ins Leben, bringt dabei auch sich selbst aus ihrer Abgeschiedenheit zurück in die Welt der Menschen. Noch zwei weitere Frauen sind Ange schicksalhaft verbunden. Zum einen Anges Liebe, die ebenfalls jugendliche Prostituierte Soledad, drogenabhängig und verzweifelt und trotzdem nicht bereit, sich von Ange aus den Klauen ihres gemeinsamen Zuhälters Weiss befreien zu lassen. Zum andern die äußerlich unscheinbare Studentin Béatrice, bei der Ange Unterschlupf und Unterstützung findet.


Drei verschiedene Frauen, drei verschiedene Verhältnisse zu Ange. Drei Arten von Liebesbeziehung, sechs Arten von Liebe. Einige Nebenfiguren gibt es noch, und fünfte Hauptfigur ist der kultivierte Gangster und Zuhälter Weiss, der große Böse. Aber so wie er nicht bloß böse, ist auch Ange kein Engel. Ein eiskalter Engel vielleicht, ein Racheengel. Sowohl als Strichjunge wie auch als Killer ist er mit seinen 16 Jahren schon ein absoluter Profi. Und das ist wahrscheinlich das Traurigste in diesem - trotz aller Härte und Spannung - schönen Buch.



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Pablo De Santis

Auf meinem Schreibtisch steht ein Leuchtturm aus Keramik. Er dient mir als Briefbeschwerer, aber vor allem ist er lästig. Am Sockel steht: Andenken an Puerto Esfinge. Die Oberfläche des Leuchtturms ist von Striemen überzogen, weil er gestern, als ich die Originalblätter einer Übersetzung sortierte, vom Schreibtisch fiel. Mit Geduld habe ich die Stückchen zusammengetragen; wer je versucht hat, einen zerbrochenen Krug wiederherzustellen, der weiß: Wie eingehend er sich auch bemüht, manche Bruchstücke tauchen nie wieder auf.
   Vor fünf Jahren bin ich nach Puerto Esfinge gereist, eingeladen zu einem Kongress über das Übersetzen. Als der Umschlag mit dem Briefkopf der Universität mich erreichte, dachte ich, es handle sich um irgendein verspätetes Papier. Jahrelang erhalten wir ja Mitteilungen von Vereinen oder Clubs, denen wir nicht mehr angehören, Zeitschriften, deren Abonnement wir gekündigt haben, Grüße von Tierärzten an einen Kater, der vor einem Jahrhundert verschollen ist. Auch wenn man umzieht, erreicht einen derlei verspätete Korrespondenz; wir sind Teil unveränderlicher Adressenlisten, die einen Wandel von Interessen, Lebensumständen oder Gewohnheiten nicht akzeptieren.

   Der Brief der Universität war jedoch keine solche verspätete Post; Julio Kuhn schrieb mir, um mich zum Kongress einzuladen. Kuhn war Leiter des Sprachwissenschaftlichen Seminars der Fakultät. Wir hatten zusammen studiert, aber ich hatte meine akademische Karriere nach dem Examen beendet. Ich wusste, dass Kuhn als Gegenleistung für einige technische Dienstleistungen Gelder von privaten Unternehmen für sein Seminar erhielt. Im Brief erklärte er, er wolle in Puerto Esfinge fünf Tage lang eine Gruppe unterschiedlicher Personen zusammenbringen, damit das Treffen sich weder in eine Zusammenkunft von Linguisten noch von professionellen Übersetzern verwandle. Mich habe er ausgewählt als Übersetzer wissenschaftlicher Texte.
  
(...)
  
In dem Brief erwähnte Julio Kuhn die anderen Eingeladenen. Einige wenige kannte ich persönlich, die anderen nur vom Namen her. Mehrere Ausländer waren dabei. In der letzten Zeile stand der Name von Ana Despina. Sie hatte ihre Teilnahme noch nicht zugesagt, aber ich beschloss, meine zu bestätigen.
   Gegenstände mit Aufschriften wie "Andenken an ..." sind selten Andenken an etwas; der Leuchtturm dagegen schickt mir immer noch Warnsignale.

   Pablo De Santis, "Die Übersetzung"  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2000 / Ein wunderbares Buch. Nicht nur für Übersetzer, aber natürlich besonders, und überhaupt für alle, die sich mit Sprache und Übersetzung befassen.


Ein Krimi? Ja, auch. Mit dubiosen gewaltsamen Todesfällen, einem waschechten Kommissar und einem klassischen huit clos (das abgelegene Hotel del Faro beim Küstenörtchen Puerto Esfinge). Aber am Schluss bleibt doch mehr Rätsel und Geheimnis zurück als Aufklärung. Kein Wunder, geht es doch um die magischen Kräfte von mythischen Geheimsprachen, überhaupt um die Macht und das Wesen von Sprache, und arbeitete der Autor doch - so Kollege Manuel de Prada im Nachwort - unter anderem "als Drehbuchautor für so betäubende oder aufputschende Fernsehsendungen wie El otro lado oder El visitante, die wir uns als ein Potpourri aus Akte X und Astrologischer Beratung vorstellen müssen".


Kein simpler "Krimi" also, und auch mehr als ein "literarischer Kriminalroman". Andererseits, einen "phantastischen Roman" möchte ich ihn auch wieder nicht nennen. Er hält sich in der Schwebe, hält sich dezent zurück, plumpst in kein Genre, balanciert nur auf den Grenzen, spielt damit, öffnet nur immer wieder Türen, manchmal Falltüren, in weitere Räume, Dimensionen. Und, ach ja, eine wehmütige Liebesgeschichte ist auch noch drin, das Wiederaufleben einer alten Dreiecksbeziehung, spannend und mit feinem Gespür für die Psychologie und die Ironie einer solchen Situation erzählt; einen "Liebesroman" haben wir hier also auch noch, oder genau so wenig. Genau so wie einen "Kongress-Roman" und einen "Sprachwissenschaftsroman". Und / oder eine liebevolle Parodie all dessen.


Pablo De Santis erzählt in einer wunderbar leichten und klaren und präzisen Sprache, hellwach, intelligent und nonchalant, mit einem sehr feinen trockenen Humor und mit einer ebenfalls hauchfeinen Melancholie. In der Kürze liegt die Würze: Seine mit knapp hundertfünfzig Seiten angenehm bescheidene Erzählung ist auch eine höchst raffinierte. De Santis kredenzt uns darin eine Reihe köstlicher Romanfiguren und mindestens ebensoviele Anregungen zum Grübeln. Und der bewährte Gisbert Haefs hat das alles anscheinend wieder mal kongenial übersetzt. Kurz: ein wunderbares Buch, das die Laune und den Geist hebt und das ich gern noch hundertfünfzig Seiten weiter gelesen hätte. Mit Vorfreude warte ich also auf De Santis' anderen Roman von 1998, "Filosofia y letras", der laut Bibliographie "dt. in Vorbereitung" ist - beim Unionsverlag, nehme ich an.


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Von dem alten Fakultätsgebäude ist heute nur noch eine von einem Aufseher bewachte Ruine übrig. Viele der Bücher sind in Kisten, Plastiksäcken und Ähnlichem im Keller der Zentralbibliothek verstaut worden, wo sie auf erneute Klassifizierung warten. Niemand weiß genau, wie viele Bände noch unter den Trümmern liegen.
   Der eine oder andere Forscher wagt es ab und an, den Palast in Ruinen zu betreten und über die verschütteten Flure und blockierten Treppen zu klettern. Über die Fahrstuhlseile gelangt man noch zu den Instituten. Als sich das Unglück ereignete, waren die Lehrstühle für klassische Philosophie und für Neurolinguistik, das altsprachliche Seminar, das Institut für Nationale Literatur sowie zwei oder drei weitere, an die ich mich nicht erinnere, noch in Betrieb: Auch in meinem Kopf ist viel verschüttet.

   Ich bin nach der Katastrophe mehrfach in das Gebäude gegangen, um die Papiere zu suchen, die das Herz dieser Geschichte sind. Auch heute kehrte ich zurück, aber aus anderem Grund: Ich war entschlossen, die ersten Seiten meines Berichts hier zu schreiben. Denn nur an diesem heruntergekommenen Ort kann ich damit beginnen.
   Pablo De Santis, "Die Fakultät"  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2002 / "Die Fakultät" ist Pablo De Santis' zweiter schlanker, feiner, intelligenter, geistreicher, witziger, blutiger, spannender, satirischer, phantastisch angehauchter Literatur-Krimi, nach seinem gleichermaßen wunderbaren und vielleicht noch einen Tick federleichteren "Die Übersetzung". War's damals eine Rasselbande von Übersetzern im abgelegenen Kongresshotel am Meeresrand, so umringen und umbringen sich diesmal eine Dreierbande von Literaturwissenschaftlern, alle minimal karikaturistisch zugespitzt und zur Kenntlichkeit typisiert: Aasgeiern gleich, zehren sie von dem ominösen, sozusagen sagenhaften Werk eines dubiosen, sozusagen nur vom Hörensagen berühmten Großautors und basteln sich daraus ihre Karrieren.


Literatur als Spiel, Literatur und Wirklichkeit, Literatur und Literaturwissenschaft als ein schöner Haufen eitler Lügenmärchen. Das Fakultätsgebäude als nächtlicher Abenteuerspielplatz, Kafka und King lassen grüßen, Borges sowieso. Und spätestens im Finale dämmert's dem Krimi-Leser, dass er hier, wenn schon Genre, eigentlich einen Horror-Roman liest. Kurz: ein Mordsspaß. Auf hohem Niveau.


Besonders spaßig für all jene, die wie unser junger Romanheld voll Naivität, Neugier und Enthusiasmus einige beste Teile ihrer Lebenszeit der Literatur-Erforschung und -Verarbeitung, der Produktion von Sekundärliteratur und Bibliographien geopfert haben, in irgendwelchen Seminarbibliotheken hockend und gelegentlich noch spät abends durch irgendwelche unheimlichen Universitätsgewölbe schlurfend. Und die sich dann gern mal vorgestellt haben, das Ganze, dieser ganze Papier-Wahnsinn, möge doch einfach in Flammen aufgehen.


Pablo De Santis' Fakultät allerdings wird mitsamt ihren Büchern - dies übrigens inspiriert von argentinischer Realität - nicht etwa vom Feuer gefressen, wie sonst bei Eco & Co. üblich. Sondern vom ebenso grausamen Gegenelement, vom Wasser. Und wer will, darf hier Pablo De Santis' Zustandsbeschreibungen obendrein ruhig als Metapher für einen verrotteten Staat lesen ...

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Pablo De Santis beim Unionsverlag:
www.unionsverlag.com/info/person.asp.


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Pascal Dessaint

Jean-Baptiste Puchol mochte Léo Ferré nicht: Er hatte die Sache verraten. Wenn Jean-Baptiste Puchol damals alt genug gewesen wäre, hätte er bestimmt zu denen gehört, die nach '68 bei seinen Konzerten Gift und Galle gespuckt hatten. Keine Stange Toblerone hätte er für das Gesamtwerk des Dichters und Sängers gegeben. Dichter! Pah ... Daß er an einem 14. Juli den Löffel abgegeben hatte, stank ihm trotzdem ein wenig, genauso wie der Umstand, daß er seit einigen Stunden an ihn dachte. Das ließ nichts Gutes ahnen, er wußte es aus Erfahrung. Seit dem Tag, an dem er aus Paris fortgegangen war, um sich im Biros-Tal niederzulassen, war das stets der Vorbote einer Katastrophe gewesen. Früher hatte er mit Clara, seiner Ziege, darüber sprechen können. Jean-Baptiste hatte sie in der Nähe von Rennes gekauft. Clara hatte nur einen Euter, der andere war ihr abgetrennt worden, und sie war in den Ziegenhimmel eingegangen ...
  
Am Ortseingang von Sentein drosselte Jean-Baptiste die Geschwindigkeit und fuhr langsam durchs Dorf. Zwei Männer auf einer Bank winkten ihm zu, doch er tat so, als sähe er sie nicht. Er fuhr noch ein paar Kilometer den Lez entlang, dann, kurz hinter dem Paß, dem "Col de Roux", auf der Höhe von Estoéou, bog er nach links ab.
  
Die Straße wurde immer schmaler, und sein Auto, ein alter Renault Dauphine, drohte in jeder Kurve den Geist aufzugeben. Jean-Baptiste brauchte eine Engelsgeduld, um jeden Tag wieder wohlbehalten in Laspe anzukommen, einer Ansammlung kleiner, halbverfallener Gebäude. Er hatte sie für ein Butterbrot erworben und für drei Butterbrote hergerichtet.
  
Jean-Baptiste schonte sein Auto und betrachtete die Landschaft.
   Pascal Dessaint, "Pulp und die Opfer der Berge" ("Pulp" # 4).  
   Original: "Les pis rennais" ("Le Poulpe" # 10), deutsch von Hans-Joachim Hartstein.  

Kolumne zur Krimireihe "Pulp", 1998 / Die Franzosen streiken, auch die Bierbrauer, und sogar Cheryl hat ihm den Stuhl vor die Tür gesetzt - Gründe genug für Pulp, mal wieder in die Provinz aufzubrechen und ein Verbrechen aufzuklären. In der Bergeinsamkeit der Pyrenäen soll ein Bär losgewesen sein und jemanden zerfleischt haben, einen alten Eigenbrödler, Querulanten und Spinner. Pulps Schnüffeleien decken jedoch auf, daß da alte Rechnungen beglichen wurden, daß da alte Geheimnisse dahinterstecken. Zu viele Bewohner dieser armen und abgelegenen Täler sind schicksalhaft miteinander verstrickt, wenn nicht gar irgendwie miteinander verwandt. Pulp plaudert als angeblicher Gemsenforscher mit einem alten Tierarzt und mit seinem freundlichen Bewirter Régis und mit dem Mannweib Margot; ungeduldig legt er sich brutal mit den örtlichen Jägern an und rutscht später auf einem manipulierten Kletterpfad fast in den Abgrund; bei einer netten Serviererin landet er im Bett und in Paris zuletzt doch wieder glücklich in Cheryls Armen.

Etwas unübersichtlich kommt mir das diesmal vor, dieses Beziehungsgeflecht aller Personen mit ihren teils traurigen und tragischen Lebensgeschichten, Familiengeschichten, ihren Generationen zurückliegenden und doch nie vergangenen Vorgeschichten. Stil und Witz scheinen mir diesmal weniger spektakulär, es fehlt ein bißchen l'esprit. Oder hab ich mich schon zu sehr ans "Pulp"-Typische gewöhnt? Jedenfalls gelang auch Pascal Dessaint ein sympathischer und packender Provinz-Krimi, mit viel Lokalkolorit, viel regionaler Politik und Geschichte, und mit vielen echten Menschen, in und zwischen denen es eben - wie immer und überall - gehörig menschelt.

Wie übrigens auch in Wunderlichs Schlußlektorat. Das 5. Kapitel dieselt nach (Schlußsatz: "Pulp legte auf.a"), und am Romanende stehen unvermittelt noch mal 9 Zeilen Text: "Vorsatz Dessaint, Pulp und die Opfer der Berge / Die Bierbrauer (...)". Aber das sind Flüchtigkeitsfehler am Rande, ausgeglichen durch die netten Gebirgchen bei jeder Seitenzahl und jedem Kapitelanfang.


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Gary Disher

KTB 30.01.2000 / Den dritten Platz beim Deutschen Krimipreis, Kategorie international, machte Michael Connellys "Das zweite Herz" (HC bei Heyne). Dazu fällt mir nix mehr ein; ich verschling ja jeden neuen Connelly wieder mit Begeisterung, aber Krimipreis? Und ausgerechnet für seinen bisher humbugösesten Serienkillerthriller? Da kann ich nur ganz heftig mit dem Kopf schütteln.

Den zweiten Platz beim Deutschen Krimipreis, Kategorie international, machte George P. Pelecanos' "Das große Umlegen". Da ist nix gegen einzuwenden, vor allem unter dem Aspekt, dass implizit die ganze Krimireihe "DuMont Noir" mitgemeint ist, aus der auch durchaus noch andere Autoren und Titel krimipreisverdächtig wären.

Und den ersten Platz beim Deutschen Krimipreis, Kategorie international, machte zu meiner großen Überraschung und zu meiner ehrlichen Freude ein Taschenbuch aus dem Maas Verlag: Garry Dishers "Gier". Ganz herzlichen Glückwunsch!

Auch hier war wohl ein ganzes Verlagsprogramm mitgemeint: ein engagiertes Kleinstverlagsprogramm mit harten englischen und amerikanischen Romanen, eine hartnäckig sich haltende Alternative zum big mainstream book business. Bei Maas finden wir die Autoren Joe Lansdale, Derek Raymond, Buddy Giovinazzo, Iceberg Slim und Paul Cain, daneben die Nichtkrimis (neudeutsch: non crime fiction) von einigen verrückten deutschen Genies wie unserem Freiburger Dietmar Dath, und in der Backlist noch die Reste der legendären Black Lizard Crime Paperbacks: allen voran Ted Lewis, aber auch Jim Nisbet, Peter Rabe und Murray Sinclair kann man lesen, und die von Ed Gorman herausgegebene "Black Lizard Crime Anthologie 1" ist trotz grauenhafter Übersetzungsschwächen eine Juwelensammlung.

Dass ein Buch von Maas den Deutschen Krimipreis kassiert, wundert und freut mich eigentlich genau so sehr wie dass es den Verlag immer noch gibt. Jedenfalls les ich Garry Dishers "Gier" jetzt endlich mal! Das TB kostet 19,80 DM und hat 226 Seiten, und Herausgeber Frank Nowatzki zeigt in seinem kleinen Vorwort schon, wo's lang geht: "Inspiriert wurde Garry Disher ganz klar von amerikanischen Vorbildern wie Richard Stark (alias Donald E. Westlake), der mit seiner Figur Parker mehrere erfolgreiche Romane verfasste, die 1967 mit der John-Boorman-Verfilmung Point Blank (The Hunter) gekrönt wurden." - Zu Recht vergleicht er den Australier Disher auch mit dem Engländer Ted Lewis. "Gier" ist ein harter, cooler, trockener, lakonischer Gangsterroman, sauber, schnörkellos, puristisch, ein roman noir, der sehr gut auch in die Reihe "DuMont Noir" passen würde (wie übrigens auch Richard Starks Parker- und Ted Lewis' Carter-Romane), der vielleicht nur einen Tick zu sehr an die Gangster-Thriller der 60er und 70er erinnert.

Dishers vierzigjähriger Held heißt Wyatt, er lebt von Raubüberfällen, hat ein gewisses Räuber-Ethos und bekommt in letzter Zeit immer weniger Gelegenheiten zu einfachen lukrativen Coups - aus verschiedenen Gründen, die Zeiten ändern sich auch in diesem Gewerbe. Zu seinem größten Ärger - und zu unserem größten Lesevergnügen - ist nach dem Raub eines Anwaltssafes plötzlich wieder mal das große organisierte Verbrechen hinter ihm her, das Syndikat in Sidney; obendrein will ein gefährlich dummer Junggangster ihm noch unbedingt eine Demütigung heimzahlen. Und so entwickelt sich das dann eben, und Wyatt versucht, mit möglichst viel Kohle und am Schluß überhaupt nur noch lebend aus diesem ganzen Schlamassel wieder rauszukommen. Der Deutsche Krimipreis ist zwar ein bißchen zu viel der Ehre für diesen Thriller; trotzdem freut's mich sehr für Garry Disher und den Maas Verlag!


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Die Arbeit war dreckig, die Kleinstadt ein Witz, aber für Wyatt z„hlten nur die Vorteile - kein Mensch kannte ihn, keine Bullen weit und breit und niemand rechnete mit einem šberfall auf die Lohngelder.
   Gary Disher, "Dreck"  

KTB 15.-17.03.01 / Lese den zweiten Gangsterkrimi von Australiens Hardboiler Gary Disher. Wieder gut. Very straight. Really cool. Lakonisch. Realistisch. Überzeugend. Wie schon Dishers Erstling "Gier" (Deutscher Krimipreis 2000; siehe "Krimitagebuch" 30.01.00), auch wieder als TB für DM 19,80 bei Maas erschienen, und auch wieder knallhart knochentrocken kurz betitelt: "Dreck" (Original: "Paydirt", 1992). Auch wieder allerdings muss man (hee, Maas, so nicht!) die Übersetzerin dieses harten Männerkrimis im Kleingedruckten suchen: Bettina Seifried; bei "Gier" war's eine gewisse Gabriele Bärtels gewesen, und beide haben ihre Sache ordentlich gemacht.


Im zweiten Serienroman (unbedingt mit dem ersten anfangen, der übrigens grad bei ZWEITAUSENDEINS verramscht wird - hee, Maas, so nicht!) heckt Berufsräuber Wyatt einen Überfall auf die Lohngeldtransporte einer Pipeline-Baufirma aus, irgendwo im australischen Nirgendwo. Minutiöse Planung und Vorbereitung, ruhig und doch spannend erzählt. Ein Profikiller, der die Mafia-Schlappe von "Gier" rächen soll, pirscht sich derweil an Wyatts Viererteam heran, in dem es sowieso schon leichte Reibereien gibt. Und am Tag X klappt natürlich nichts so wie von Wyatt geplant. "Dreck" endet damit, dass Wyatt wenigstens herausbekommt, wer ihm die Beute vor der Nase weggeschnappt hat und bei welchen Mafiosi er sie sich wieder holen muss (im dritten Roman, "Hinterhalt", laut Maas Verlag in Vorbereitung).

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Detective Inspector Hal Challis duschte mit den Füßen in einem Eimer. Er ging sparsam mit dem Wasser um, aber trotzdem lief der Eimer über. Er frottierte sich trocken, zog sich an, und während die Espressokanne auf dem Beistellkocher in der Küche heiß wurde, schüttete er das Wasser im Eimer in die Waschmaschine. Noch ein paar Duschen, und er hatte genügend Wasser für eine Ladung Wäsche. Erst der neunzehnte Dezember, aber schon näherte sich der Pegel seiner Wassertanks dem Tiefstand und es war ein langer, trockener Sommer vorhergesagt. Er wollte nicht wieder Wasser kaufen müssen wie im letzten Sommer.
    Gary Disher, "Der Drachenmann"  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2001 / Müde les ich eines Abends noch in Gary Dishers Roman "Der Drachenmann" rein. Und werde immer wacher. Und rase schließlich schwitzend durch den Text, dem Ende entgegen. - Wow!


Von Disher waren bisher nur zwei seiner Gangsterromane um den Berufsräuber Wyatt auf deutsch erschienen: "Gier" und "Dreck", beide als TB bei Maas, ersterer etwas überraschend mit dem DEUTSCHEN KRIMIPREIS 2000 ausgezeichnet (siehe KTB 30.01.00 und 17.03.00). Die waren im Rahmen ihres Sub-Genres eigentlich schon so gut, dass man sie glatt als moderne Klassiker bezeichnen könnte. Und nun liefert Gary Disher hier mit "Der Drachenmann" einen ebenfalls atemraubend guten, klassisch perfekt anmutenden Polizeiroman ab. "The Dragon Man" hat übrigens nix mit irgendeinem Serienkiller à la "Red Dragon" zu tun, sondern ist bloß Detective Inspector Hal Challis' Spitzname, weil der in seiner Freizeit ein altes "Dragon Rapide"-Flugzeugwrack restauriert - eine vielleicht zufällige, vielleicht beabsichtigte Gemeinsamkeit mit dem französischen Seriendetektiv Gabriel Lecouvreur alias "Le Poulpe".


"Der Drachenmann" ist für mich schlicht einer der besten Krimis seit langem. Erstaunlich, wie Disher hier das altgediente Genre Polizeiroman (cop novel, police procedural) wieder aufmöbelt. Auf Inhaltliches eingehen hieße zwei Seiten schreiben. Der Roman ist extrem dicht; sehr komplex, aber immer völlig klar und überschaubar; grandios konstruiert; reich an dreidimensional und lebendig werdenden Figuren (einzige Schwäche des Romans: den später als Mörder Entlarvten charakterisiert Disher oberflächlicher, sodass er gewieften Krimilesern auffällig vage und dadurch früh verdächtig erscheint); Tempo und Spannung steigern sich langsam und stetig bis zum kaum noch Erträglichen; und glücklicherweise lassen sich die knapp dreihundert Seiten (andere Autoren hätten daraus einen zweihundert Seiten dickeren Bestsellerschinken gemacht) auch in einem Rutsch durchlesen.


Hätte Gary Disher nicht neulich schon den DEUTSCHEN KRIMIPREIS bekommen, so wäre er einer meiner heißesten Kandidaten für die nächste Auswahl: "Der Drachenmann" hätt's eher verdient gehabt als "Gier".


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Sie waren zu zweit und blitzschnell, wussten genau, wo das Bett stand, und bauten sich rechts und links davon auf. Wyatt rollte sich auf die Seite und griff nach dem Rucksack auf dem staubigen Teppich. Den Finger am Abzug, zog er die .38er aus der linken Seitentasche, als der Totschläger seinen Handrücken traf. Der Arm war sofort taub.
   Garry Disher, "Hinterhalt"  

KTB 06.02.02 / Die ersten drei Februartage, Freitag bis Sonntag, noch an "meinem" Hansen rumgemacht, siehe KTB 14.-31.01.02. Danach Montag und Dienstag Megastress im UFO, ich nämlich erstmals seit drei Wochen wieder im Laden, und Kollege Pitt krank, und daher ich alleine einem bestellwütigen Dutzend Verlagsvertreter ausgeliefert, die unser UFO just an diesen zwei Tagen heimsuchen. Am Dienstagabend schlag ich also drei Kreuze, uff, und genieße am Mittwoch meinen freien Tag - lege die Beine hoch, und lese Garry Dishers "Hinterhalt" (neu als PB bei Maas), seinen dritten Australien-Gangsterroman um den einzelgängerischen Profi-Räuber Wyatt.


Muss etwa noch erwähnt werden, dass Garry Disher - überraschend, jedoch nicht unverdient - für seinen ersten Wyatt-Krimi "Gier" (PB bei Maas) (siehe KTB 30.01.00) den DEUTSCHEN KRIMIPREIS 2000 erhielt? Und dass Garry Disher mit seinem zweiten Wyatt-Krimi "Dreck" (PB bei Maas) (siehe KTB 15.-17.03.01) dieses Niveau sauber mindestens gehalten hat? Und dass Garry Disher soeben für seinen hochkarätigen Polizeikrimi "Der Drachenmann" (HC bei Unionsverlag) (siehe KTB 06.10.01) den DEUTSCHEN KRIMIPREIS 2002 zugesprochen bekam? - Ja, das musste wohl erwähnt werden.


Auch Garry Dishers dritter Wyatt-Krimi "Hinterhalt" ("Deathdeal", 1993; übersetzt von - tja, von wem, lieber Maas Verlag? - aha, ganz klein steht's da im Kleingedruckten wieder irgendwo: von Bettina Seifried) ist wieder etwas Feines, wenn man Spaß hat an einem knochentrockenen, eher aktions- als dialogstarken, insgesamt geradezu klassisch wirkenden Gangsterkrimi und Noir-Roman.


Der seltsam gesichts- und gestalt- und vornamenlose Antiheld Wyatt muss wieder mal von vorne anfangen. Alles geht dem hochprofessionellen Geldräuber schief. Sein Farmversteck wird konfisziert und versteigert, und außer der Polizei hetzen ihn auch noch die Hunde der Melbourner Mafia und ein ebenfalls hochprofessioneller Privatdetektiv. Der soll ihn allerdings bloß für einen lukrativen Job aufspüren - ein Angebot, das Wyatt leider nicht ablehnen kann, obwohl seine alte Hassliebe Anna Reid dahintersteckt.


Ein brutaler Pilot, ein spielsüchtiger Bankfilialleiter mit ätzender Familie, ein Drogenschmuggler- und -verteilerring, wieder bereichert Garry Disher die Caper-Novel mit griffigen Nebenfiguren. Und am Ende steht Wyatt wieder mit einem lachenden und einem weinenden Auge da, wieder weiß er nicht, wie's weitergehen soll. Für DIE ZEIT war zwar schon nach zwei Romanen "klar, wohin die Gangsterballade führt: Abwärts ..."; doch Garry Disher lässt uns hoffentlich noch einige Bände lang mitfiebern und bangen mit diesem tragischen Verbrecher, diesem fast edlen Räuber Wyatt. Und der Maas Verlag lässt uns hoffentlich nicht wieder länger warten: "Verrat", Teil vier der Wyatt-Saga, soll im Herbst kommen.


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Garry Dishers Website:
www.garrydisher.com/.


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Stella Duffy

KTB 28.03.00 / Freier Tag. BZ-Lektüre zweier Wochen nachgeholt. Dito FREITAG-Lektüre. Dann Krimis. Auch hier ein Nachholbedürfnis.

Lese noch mal in Stella Duffys "Septemberfrau" herum (Ariadne-TB 1099), lese insbesondere die letzten zwanzig Seiten. (Wann hab ich das eigentlich angefangen? Irgendwann diesen oder letzten Monat muss ich abends mal bis S.66 vorgedrungen sein.)

Jedenfalls ein sehr guter Lesbenkrimi, tatsächlich eine "Spitzenmischung aus literarischem Seelenthriller und schneller Krimistory" (Eigenlob Einbandtext). Rasant, spannend, lustig, intelligent. Tatsächlich eine "Spitze" im Niveau der Ariadne-Reihe. Zwar nicht so "spitze" wie Sarah Schulmans "Ohne Delores" und "Die Sophie Horowitz Story" (Ariadne-Krimis 1025 und 1077), die für mich immer noch weit und einsam herausragen als DIE BESTEN LESBENKRIMIS ALLER ZEITEN im Argument Verlag und vielleicht überhaupt. (Ja, das musste jetzt wieder mal gesagt werden.)

Aber mit Sandra Scoppettones wunderbarem Witz beispielsweise kann Stella Duffy durchaus mithalten, auch ihre "Septemberfrau" ist eine tolle Tragikomödie. Und auch das muss wider alle Irrelevanz noch gesagt werden: Wenn das Einbandfoto nicht lügt, ist Stella Duffy wahrscheinlich DIE SCHÖNSTE KRIMI-AUTORIN ALLER ZEITEN. Zumindest im Argument Verlag, und bis dato.


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Alain Demouzon

Melchior dachte daran, wie man ihn zum ersten Mal als Scheißbullen beschimpft hatte. Es regnete an diesem Tag wie an so vielen anderen, und ...
   ... das Telefon klingelte.

   Melchior sah sich verwirrt um. Da er völlig in Gedanken versunken war, hatte er nicht bemerkt, dass Chemineau das Büro verlassen hatte. Das Telefon klingelte immer noch.

   Melchior entschloss sich, den Hörer abzuheben.

   »Fontenay-Central, ich höre! ... Sie sind mit Kommissar Melchior verbunden ... Ja, das bin ich ... Weil ich es Ihnen sage«, beschwichtigte er den Anrufer.

   DAS GESTOHLENE KIND  

KTB 03.10.2003 / Zwar gäb’s ein paar Sächelchen zu bekritteln, aber als Frankophiler genieße ich eben solche typisch französischen Krimis wie DAS GESTOHLENE KIND (neu als TB bei Blanvalet; Original: MELCHIOR, 1995) von immerhin Alain Demouzon, Altmeister solcher „romans d’atmosphère“ (Robert Deleuse in LES MAITRES DU ROMAN POLICIER) wie MOUCHE, 1976, oder MONSIEUR ABEL, 1979.


Trübe nasskalte Adventszeit in Fontenay, einem alten Pariser Vorort oder vielmehr Außenbezirk am Zusammenfluss von Marne und Seine, fast schon Provinz am Rand der Grande Capitale. Eigentlich ein recht ruhiges Revier für den übergewichtigen, schrullig gewordenen Jean-François Melchior, der melancholisch bis frustriert auf 50 Jahre Leben zurückblickt. Tja ja, die Midlife Crisis! Grob gesagt, ein verkorkster Typ, dieser rührende bis lächerliche alternde Mann. Doch beruflich schätzt man ihn, sowohl als sensiblen, intuitiven Ermittler wie auch als grantigen, resoluten Milieu-Bullen à la Jean Gabin.


Melchior bekommt einen brutalen unheimlichen Fall von Kindsraub, bei dem ihm dann fortwährend zwei alte Geschichten im Hinterkopf herum spuken, die Legende von der Fontenille und die Geschichte vom Teermännchen. Er muss tief graben, auch psychoanalytisch, und unfreiwillig buddelt er dabei eigene verdrängte Familien- und Kindheitsgeheimnisse mit aus.


Aufgewogen wird all die Düsternis und Schwermut glücklicherweise durch zwei Nebenfiguren, die unseren Kommissar zusätzlich in Atem halten. Er muss ein paar Tage auf seinen kleinen Enkel aufpassen, und eine jüngere Journalistin bereitet ihm Herzklopfen. Als Babysitter agiert Melchior natürlich genau so tolpatschig wie als zaghaft sich Verliebender - was ihn um so sympathischer macht, und den Krimi vergnüglicher.



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Rolo Diez

Mit seinem kurzen Kleid und seinen Zöpfen, seinen kleinen runden Brüsten und mit soviel an Unschuld wie Sinnlichkeit in seinen von Seidenpapier umhüllten fünfzig Kilo, sieht Schneewittchen aus wie eine Achtzehnjährige, die als Fünfzehnjährige verkleidet ist. Die Zwerge sind nicht zu siebt, sondern zu viert, und es sind auch keine Zwerge, sondern kleine Männer, ihre verkommenen und Angst einflößenden Gesichter halb verborgen unter falschen weißen Bärten.
   „Der Tequila-Effekt“  
  (Kapitel 1, Seite 7 - eine Art kurzer Prolog)
 




Um acht hat mich Lourdes mit einem Bier und einem miesgrämigen Gesicht geweckt, das ich mir lieber nicht antun wollte. Ich drehte mich zur Seite, bis ich es schaffte, mich aufzurichten und den ersten Schluck zu trinken.
   «Ich bin um vier ins Bett», sagte ich zu ihr. «Dieses Caguama ist lauwarm. Ich will mein Bier nicht gefroren, aber ich mag es kühl. Das hab ich dir schon tausendmal gesagt.»

   Lourdes ist der einzige Mensch auf der Welt, der mir vier Vorträge gleichzeitig halten kann:

   «Du hast gesagt, daß du um acht weg mußt; wir haben das Schulgeld noch immer nicht bezahlt; es ist nichts zum Essen im Haus; wofür hast du eigentlich eine Familie, wenn du nicht für sie sorgst.»

   Sie ist zierlich und leicht erregbar, und wenn sie wütend wird, schwindet ihre ganze Schönheit dahin. Ich setzte zu dem vagen Versuch einer Erwiderung an, der in meiner Schlaftrunkenheit unterging.

   «Stell das Bier ins Gefrierfach, und weck mich in einer Viertelstunde.»

   Lourdes ging protestierend weg, ich hörte ihr aber schon nicht mehr zu. Wir Polizisten können im Stehen schlafen, wenn wir Wache halten oder einen Typ beschatten, der uns mit dem Geräusch seiner Schritte aufweckt, wenn er sich davonschleichen will.

   „Der Tequila-Effekt“  
 
  (Kapitel 1, Seite 8 - Beginn der Ich-Erzählung)  

Kolumne zur Krimireihe "Série Noire" beim Distel Verlag, 2003 /
"Der Tequila-Effekt" von Rolo Diez ist ein klasse Krimi, dem ich glatt mein Stimmchen gegeben hätte bei der Wahl zum Deutschen Krimipreis 2003 (Abgabetermin Mitte Januar 2003) - tja, wenn bei diesem Mitte Dezember 2002 ausgelieferten Krimi nicht das Erscheinungsjahr 2003 vorne drin stünde. So muss er bis zur nächsten Wahl warten und kann einstweilen nur die Messlatte schön hoch legen für alle noch folgenden 2003er Krimis.

"Der Tequila-Effekt" ("Mato y Voy", 1992) ist ein kurzer Großstadtkrimi aus der Hitze Mexikos, hart, komisch, schnell, turbulent und auf schön fiese Weise moralisch. Ich könnte mir vorstellen, dass dieser bei uns bislang unbekannte Rolo Diez und der große Paco Ignatio Taibo II gute Kumpels sind.

Abgesehen vom 1. und 14. und 22. Kapitelchen - sozusagen kurzer Prolog und kurzer Einschub und kurzer Epilog, zusammen nicht mal zwei Seiten Text - erzählt uns hier Carlos Hernández, Polizist in Mexiko-Stadt, das Geschehen. Eine erfrischende Ich-Perspektive, provokativ und manchmal schwer erträglich, denn der Mann ist ein, pardon, brutales korruptes Bullenschwein und dazu ein dumpf sexistisches Macho-Arschloch. Er hält sich zwei Familien gleichzeitig und lässt auch sonst nichts anbrennen. Das bedeutet Dauerstress und permanente Geldnot, doch die Schmier- und Schutzgelder, die er alltäglich im Auftrag seines Chefs kassiert, sowie eine kleine Waffenschieberei hier und eine Leichenfledderei da retten ihn immer gerade so über die Runden.


Als Krimileser hofft man, dass dieses hoffnungslos überforderte Männchen von seinen Kriminalfällen wenigstens den einen entsetzlichen Snuffporno-Fall um das Schneewittchen-Video und andere Filmchen und diverse Morde aufklärt. Denn er zeigt sich durchaus als schlauer, gewiefter und rücksichtsloser Ermittler. Aber nein, im Eifer des Gefechts schlägt Carlos sich böse den Kopf an; er dreht durch, verdächtigt halb im Delirium, halb klarsichtig und erleuchtet seinen eigenen Chef, geht auf den los, kippt dann jedoch um und liegt drei Tage im Koma. Anschließend allgemeines Gemauschel, die verwirrten und verpfuschten Fälle werden schön ordentlich vertuscht, und alles geht weiter wie bisher, business as usual.


Schon komisch mit der Komik. Schon komisch, dass man (ich) so oft lachen und grinsen muss bei diesem eigentlich gallenbitteren Roman. Rolo Diez erzählt knapp, sprunghaft, lebendig, derb, drastisch - und eben auch witzig. Kein frivoler oder zynischer Witz; eher so etwas wie Galgenhumor, ein Witz aus Wut und Verzweiflung. Denn
"Der Tequila-Effekt" (über Titel und Cover-Foto der Distel-Ausgabe ließe sich übrigens streiten) ist nicht einfach nur ein kurzer, knalliger Polizeikrimi aus Mexiko. Zum einen wäre die Bezeichnung Polizei-Farce wohl treffender, vielleicht gar Polizei-Polemik oder Anti-Polizei-Krimi. Zum andern ist es natürlich auch ein kurzer Roman über Mexiko, über Lateinamerika, über das Leben in den "Zweitweltstaaten" südlich der USA.

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Rolo Diez beim Distel Verlag:
www.distelliteraturverlag.de/autor/18.


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Thea Dorn

KTB 20.11.99 / Samstagabend, Mitternacht, wieder mit Büchertisch im E-Werk: Thea Dorn liest aus ihrem neuen (Frauen-? Splatter-?) Krimi "Die Hirnkönigin" (HC bei Rotbuch, DM 36,-). Meine Verkaufszahlen (1 Buch) immerhin besser als die der Abendkasse (null). Edwin Gantert, Rotbuch-Vertreter und seit Jahren auch der Betreuer dieser Veranstaltungsreihe (die sich nun so schnell wie möglich wieder einen neuen Ort und eine neue Zeit suchen muß), schenkt Thea einen vierfachen Whiskey ein und erklärt die Veranstaltung für beendet.

Aber ein paar Leute vom Personal wollen doch was hören, und so setzen sich ein Dutzend hier Herumlungernde gemütlich in eine Runde, und Thea liest vom Sofa aus doch eine Handvoll drastische Szenen vor. Die anschließende Diskussion rutscht leider immer wieder ins Peinliche ab, zudem bin ich von einem vorhergehenden Festessen bereits so angeschlagen, daß mich unbezwingbare Aufsteh- und Bücherzusammenpack- und Nixwieheim-Zwänge bezwingen, klammheimlich verdrück ich mich also.

Zwei Gedanken noch zu Thea Dorns Prosa. Erstens betreibt sie für meinen Geschmack Effekthascherei, spielt mit Blut-und-Hoden-Inszenierungen; insofern braucht sie sich dann nicht zu wundern, wenn weniger ironische Gemüter sie dumm anmachen, was das denn soll, ob sie das wirklich so sehe, was sie denn damit meine und sagen wolle undsoweiter.

Zweitens dachte ich irgendwann mal während ihrer süffisanten Vorleserei, diese Texte, ihr Stil, ihre Art der Kriminalliteratur, das ist Pieke Biermann light. D.h. sie nutzt frecher / frivoler / jugendlich-unbekümmerter / skrupelloser / zynischer einige Mittel, an denen ich mich auch bei Pieke Biermanns Romanen gerieben habe, und es fehlt aber an Substanz, in die solche Mittel und Effekte und Marotten eingebettet wären, wie es bei PB der Fall ist. Thea Dorn schreibt eher Pop, oder Girlie-Punk, wogegen Pieke Biermann ... - also, bei der steckt einfach mehr dahinter und drumrum, mehr Volumen, Tiefe, Substanz; vielleicht hauptsächlich durch ein deutliches Mehr an Lebenserfahrung. Oh je, da fällt mir ein, ich muß doch endlich mal Piekes "Vier, fünf, sechs" noch mal lesen, und diesmal ganz!






KTB 31.01.2000 / Also gut, wegen Platz 1 muss ich jetzt wohl auch Thea Dorns "Hirnkönigin" noch ganz lesen. Zwinge mich dazu. Prügle mich immer wieder rein, wenn ich stöhnend aus dem Buch flüchten will. Irgendwann bin ich dann halt drin, les ich's halt runter. Und frag mich dann auch selbstkritisch: Du Arschloch, nun sag doch mal konkret, was stört dich denn an der Thea Dorn?!?

Mich stört dieser schnoddrige Sarkasmus, der nur ein aufgeregter, aufgesetzter, schicker Sarkasmus ist von einer für wahren abgeklärten Sarkasmus noch zu Jungen; der ein witzig-pointengeiler Sarkasmus ist, also eher das nervige übermäßig Burschikose einer Ulknudel oder Zicke als die wahre Coolness und Abgebrühtheit von Hardboiled-Autoren wie Hammett. (Und zack, werf ich mir selber jetzt Sexismus vor und streite mit mir über diesen Vorwurf; jedenfalls, ein männliches Analogon zu diesem modischen Riotgirl-Sarkasmus wäre beispielsweise das pubertäre Macho-Blues-Gehabe vieler Möchtegernhartsein-Krimischreiber; und nein, ich hab nix gegen Thea Dorn, sie ist fürwahr eine sehr sympathische und sehr gebildete und sehr intelligente und sehr schöne junge Frau, und ihren Theaterkrimi "Ringkampf" hab ich durchaus mit Genuss gelesen.)

Mich stört diese Technik der schnellen Schnitte, der kurzen Szenenfetzen; das soll wohl einen Verrätselungseffekt erzeugen, einen Erschwerungseffekt, die Lektüre soll wohl nicht einfach und unterhaltsam sein, sondern anstrengend, vielleicht soll (und will?) man beim Lesen ja auch was geleistet haben, Decodierungsarbeit oder was, jedenfalls erinnert's mich an TV-Herumzappen und lässt mich argwöhnen, dass Thea Dorn womöglich ihren Erzählsträngen bzw. sich als Erzählerin keine längeren Passagen zutraut.

Mich stört Inhaltliches, z.B. ist die Sache mit dem Erziehungsexperiment des Vaters Quatsch. Insgesamt würd ich dem Roman etwa das Etikett "blutrünstiger Soziokrimi" aufpappen; Soziokrimi meets Tarantino-Zynismus und Effekte-Kino.

Mich stören eher, als dass ich Spass dran hätte, diese ganzen Obszönitäten und Perversitäten, und die penetrante Überbewertung des Sexuellen, der menschlichen Gier nach Sex, jede(r) fickt hier jede(n) oder möcht's zumindest gern.

Mich stören die Splatter- und Porno-Effekte, weil ich "Was soll's?" frage; denn Thea Dorns Bildungshuberei mit dem ganzen Altgriechen-Kram signalisiert doch, dass sie es nicht als Sex-and-Splatter-Trash meint, sondern ernster, als Literatur; und es stehen ja auch all dem, was mich nervt, gelungene Passagen und Szenen und Figuren gegenüber, sie hätte also ihre überkandidelte Schaumschlägerei gar nicht so nötig. Außer sie will hauptsächlich eins: spektakulär sein. Dann sind ihre Krimis halt Mordsspektakel. Aber keine Kriminalliteratur.



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Arthur Conan Doyle



Im Jahre 1878 erwarb ich den Grad eines Doktors der Medizin an der Universität London und begab mich nach Netley, um an dem Lehrgang teilzunehmen, der für Ärzte der Armee vorgeschrieben ist.
   EINE STUDIE IN SCHARLACHROT  

KTB 11.05.2003 / Na, wer hätte diese famous first words erkannt? - Eigentlich eine Schande, dass ich Sir Arthur Conan Doyles ersten Holmes-Roman EINE STUDIE IN SCHARLACHROT (A STUDY IN SCARLETT, 1887) noch nie gelesen habe. Überhaupt noch nie einen Holmes-Roman. Bloß mal ein Bündel Kurzgeschichten. Aber mit manchen Lücken leb ich ganz gut. Dieser Sherlock Holmes war mir nämlich immer zuwider. Mal ehrlich, das ist doch eine ziemlich bescheuerte Figur, oder? Dieser Snob, dieser arrogante Klugscheißer, diese lächerliche Karikatur eines englischen Gentleman? - Aber vielleicht werd ich im Alter ja milder, oder verständiger ... 


So. Was soll ich als Nicht-Fan nun zu diesem ehernen Klassiker sagen. Was kann ich zu dieser Ikone noch sagen, ohne mich zu blamieren. - Machen wir’s kurz: Die Lektüre hat Spaß gemacht, geb ich zu, und zwei, drei Dinge sind mir besonders aufgefallen. Dabei will ich’s belassen, einfach nur kurz meinen Senf dazu geben, wie vor mir schon Zigtausende anderer Holmes-Verehrer und -Verächter.


Bekanntlich (haha, als hätt ich das vorher gewusst!) schrieb Arthur Conan Doyle (1859-1930) bloß vier Holmes-Romane. Alle aus heutiger Sicht recht dünn, mit zweimal je 150 Seiten und zweimal je 200 Seiten (in der maßgeblichen deutschsprachigen Ausgabe vom Haffmans Verlag, zuletzt lieferbar als neun grüne Bändchen für 49 Mark oder so). Überwiegend ist Sherlock Holmes jedoch eine Kurzgeschichten-Figur. Von A SCANDAL IN BOHEMIA (erstveröffentlicht im Juli 1891) bis THE ADVENTURE OF SHOSCOMBE OLD PLACE (März/April 1927) schrieb Doyle insgesamt sechsundfünfzig Holmes-Stories (wenn ich jetzt richtig gezählt hab), das macht insgesamt knapp 1600 Seiten, also gut doppelt so viel Text wie die vier Romane zusammen.

Ja, man vergisst leicht, dass das Kriminalgenre bis in die Jahrhundertmitte hinein mindestens ebenso sehr ein Kurzgeschichten- wie ein Roman-Genre war. Heute wird der Kurzkrimi nicht mehr so richtig ernst genommen; die Leute wollen Romane lesen, je dicker je lieber, und Kurzgeschichtenbände finden kaum noch Käufer. Damals war das anders; so gibt es beispielsweise keinen einzigen Roman um Chestertons berühmten Father Brown, und auch meine hartgesottenen Lieblinge Hammett und Chandler haben mit Kurzgeschichten angefangen.


Und merkwürdig, auch EINE STUDIE IN SCHARLACHROT liest sich, als hätte Doyle so seine Schwierigkeiten damit, seinen Detektivhelden über die lange Distanz eines richtigen Romans laufen zu lassen.

Einleitend referiert unser Ich-Erzähler Doktor Watson, angenehm kurz und bündig, wie seine unglückliche Militärarztkarriere verlief und wie es danach schließlich im Sündenpfuhl London dazu kam, dass er diesen seltsamen Mr. Holmes kennen lernte (famous first sentence: „Sie sind in Afghanistan gewesen, wie ich sehe.“); dann wird dieser rätselhafte Holmes kurz charakterisiert, d.h. Watson versucht, schlau aus diesem Menschen zu werden; dann geht es um Deduktion, Holmes’ Methode. Dann geht endlich der Krimi los, rasch folgt Rätsel auf Rätsel in einer immer verzwickteren Mordgeschichte, der die beiden rivalisierenden Inspektoren von Scotland Yard, Lestrade und Gregson (Holmes: „die Einäugigen unter all den Blinden dort“) ratlos gegenüberstehen. Und auf Seite 83 legt Holmes dem in die Falle getappten Täter blitzschnell Handschellen an, zur Verblüffung des Täters sowie aller Umstehenden - und fast aller damaligen Leser, nehm ich an.


Dann ein Schnitt. Ein Bruch. Für die nächsten fünfzig Seiten wechseln wir Zeit, Ort und Genre. Nanu!

Als erklärende Vorgeschichte des Täters lesen wir nun einen Abenteuerroman aus dem Wilden Westen, grad so als hätte Karl May nun das Schreiben übernommen. Und, nochmal nanu, so ein Zufall: Ist diese Gründungsgeschichte von Salt Lake City, die Doyle uns hier mitliefert, nicht von unglaublicher Aktualität? Und was davon ist wahr, was davon Anti-Mormonen-Hetze? War die stolze Olympiade-Stadt unserer Tage damals in ihren Anfängen tatsächlich ein mörderisches totalitäres Regime eines durchgeknallten religiösen Fanatikers? Und erinnert mich das jetzt nur rein zufällig an die Taliban? Und an Bushs Kreuzzug gegen das Böse? Und kann man Doyles Werke eigentlich auch in Utah kaufen, oder steht er dort aufm Index? Mmm. However, zur Historie hätt ich mir hier etwas ausführlichere Anmerkungen des Neuübersetzers Gisbert Haefs gewünscht.


Jedenfalls sind wir ab Seite 136 wieder zurück im Hier und Jetzt von Watsons Ich-Erzählung, also grade noch zwanzig Seiten lang, fürs Finale in den beiden Kapitelchen FORTGANG DER ERINNERUNGEN VON JOHN WATSON M.D. und SCHLUSS. Das war’s.

Ein merkwürdig konstruierter Roman. Vielleicht hat Doyle diese skurrile, faszinierende Kunstfigur Sherlock Holmes und diese ganze Rätselkrimi-Rahmenhandlung hier in EINE STUDIE IN SCHARLACHROT ja nur als Köder benutzt? Als Trojanisches Pferd, um uns seine aufklärerische (oder verleumderische?) Propaganda gegen die Mormonen unterzujubeln?

Trotzdem, geb ich gern zu, war’s spannend und kurzweilig. Es wird wohl nicht meine letzte Holmes-Lektüre gewesen sein.





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Jon Ewo

Pünktlich um 0.13 Uhr stieg der Halbmond mit einem schwachen Leuchten über das Dach des Mietshauses in Grønland. Das Geräusch des Regens, der bereits seit dem frühen Morgen fiel, wurde von einem dunklen Volvo unterbrochen, der vom Bürgersteig vor der Toreinfahrt losfuhr. Das Auto fuhr mit einem Passagier mehr davon, als es hergekommen war.
   Die Huren im Eingang links davon machten gute Geschäfte, auch noch nach Mitternacht. Der Schwanz ist ein nackter Affe, der immer nach Befriedigung schreit, dachte Alex Hoel. Der Verkehr bestand aus Privatautos mit getönten Scheiben, die nach kurzen Inspektionsrunden direkt vor dem Eingang anhielten. Die Straßenlaterne vor der Nummer 12 warf einen feuchten Lichtkegel auf Fußweg und Eingang. Alex Hoel und Ulf konnten die Mädchen auf ihren hohen Hacken im Licht hin und her spazieren sehen, glimmende Zigaretten in den Mundwinkeln und mit runden, schwarz lackierten Handtaschen, die aussahen wie kleine Hunde.
   Ulf und Alex hielten die Augen offen. Der Mann, auf den sie warteten, sollte sich nicht ungesehen unter die geilen Kerle in dem Mietshaus aus dem neunzehnten Jahrhundert mischen können. Es stand Schulter an Schulter neben seinen heruntergekommenen Geschwistern und wartete auf bessere Tage, die niemals kamen. Herbstregen und Dunkelheit verwischten die Konturen der Hausfassaden. Aber Alex wusste sehr genau, wie man auch in der Dunkelheit an einem solchen Gebäude hochklettern konnte, von der Straße bis hinauf zur obersten Dachrinne, obwohl der Regen das Gesims und die Fensterrahmen spiegelglatt machte.
   Jon Ewo, "Torpedo"  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2000 / Alex Hoel, der Held oder Anti-Held dieses Romans, ist ein norwegischer Geldeintreiber in Oslos Halb- und Unterwelt. Ein Spezialist fürs Grobe, ein Detektiv und Schlägertyp, der hauptsächlich für einen jugoslawischen Bandenboss die säumigen Schuldner aufspürt und sie mit psychologischem Fingerspitzengefühl oder mit brutalster Gewalt zur Kasse bittet. Ein Gangster also. Mit Niveau zwar, mit Intelligenz, mit der Schönheit eines Models und mit Stil (wobei mir sein Schickimicki-Markenbewußtsein ziemlich auf den Keks ging), aber ein Gangster. Im Film vielleicht ideal verkörpert von Action-Star Dolf Lundgren.


Das erste Kapitel (das eigentlich Prolog heißen könnte) spielt in Oslo im November 1994: Alex Hoel wird bei einem Routine-Job schwer verwundet und sein bester Freund Ulf dabei getötet. Der restliche Roman spielt dann in Norwegen, Deutschland, Schweden und Dänemark, Anfang Januar 1998. Über drei Jahre sind also vergangen, Alex hat seitdem ein vernarbtes Gesicht und nur noch ein Ohr, ist auch sonst nicht mehr ganz der Alte, nachdenklich geworden, würde am liebsten aussteigen. Und sich am liebsten mit Ulfs schöner Witwe zusammentun, die ihn ja gleichfalls liebt, aber außer gegenseitigem Anschmachten läuft nix zwischen den beiden. (Also echt, Alex, scheiß doch auf deinen verkorksten Ehrenkodex; und Irina, was soll das, zieh den Typ halt endlich mal ins Bett, herrgott!)


Doch damit nicht genug der Qualen. Der Gegner des damaligen tödlichen Kampfes ist inzwischen rechte Hand von Alex Hoels Chef, er leidet unter noch schlimmeren Spätfolgen als Alex und wartet nur auf den Tag der endgültigen Abrechnung. Und tatsächlich macht Alex einen weiteren verhängnisvollen Fehler. Er hetzt einen mit den Jugos verschwägerten Albaner in den Tod, der anscheinend gerade dabei war, die Russenmafia auszuspionieren. Daraufhin eskaliert in Oslos Unterwelt ein brutaler Bandenkrieg - "Der Pate" auf norwegisch. Die fast schon lustigen Medien-Reaktionen darauf werden uns vom Erzähler wunderbar lapidar und sarkastisch mitgeteilt. Ernst und schlimm hingegen die Verwicklung einer norwegischen Anwältin darin, hier erzählt Ewo das bittere Ende einer Anti-Karriere. Auch die Lebensläufe der ganzen Ostblock-Gangster entbehren jeglichen Glamour: arme Schweine, die hier in der skandinavischen Unterwelt kurzfristig bedeutend besser leben als zuvor in ihrer kaputten Heimat. Und unser Held Alex Hoel? Er sieht sich zu guter Letzt plötzlich selber auf der Schuldnerliste, muss ganz krumme Dinger drehen, um seine Spielschulden abzuzahlen. Ein allzu bekannter Topos im Gangster-Genre: Nur noch dieses eine allerletzte große Ding, dann kann ich endlich aussteigen ...


Im Nachwort gibt Jon Ewo Auskunft, er wollte in seinem ersten Kriminalroman bewusst "nicht über Privatdetektive schreiben, weil ich dieses Subgenre ziemlich bescheuert finde". Sondern stattdessen "über die kriminelle Unterwelt von Oslo. Aus der Sicht der Kriminellen. (...) In TORPEDO geht es um einen Geldeintreiber (in Norwegen nennen wir sie "Torpedos"), der zwischen zwei rivalisierende Banden des organisierten Verbrechens gerät - Russen und Leute aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es gibt keinen Fall, der gelöst werden muss. Es geht um Menschenjagd, Macht und ziemlich viel Geld. Ich wollte einen realistischen, wahren Roman schreiben. Über die "Mafias" aus dem ehemaligen Osteuropa, die in den westlichen Demokratien aktiv werden."


Dies ist ihm glänzend gelungen. Jon Ewo erzählt lakonisch, kraftvoll, durchtrainiert. "Torpedo" ist ein richtiger Roman Noir, sehr hart, sehr spannend, sehr gut. Auch die Übersetzerin und das Verlagslektorat will ich ausdrücklich loben. Obwohl ich das norwegische Original nicht kenne. Denn könnte ich Norwegisch, dann würde ich jetzt sofort "Hevn. Torpedo II" (1997) und "Gissel. Torpedo III" (1998) lesen, statt hier nur über den ersten "Torpedo" zu schreiben. Und statt ansonsten nur zu klagen, dass es in Deutschkrimiland leider keinen Ewo gibt. Oder gibt es ihn oder sie, und ich weiß es nur nicht?



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Janet Evanovich

Die schlimmsten Befürchtungen meiner Mutter haben sich bestätigt. Ich bin Nymphomanin. Ich bin verrückt, nach Männern, nach ganz vielen Männern. Vielleicht kommt es daher, dass ich in Wirklichkeit mit keinem einzigen richtigen Sex habe.
   Janet Evanovich, "Tödliche Versuchung"  

KTB 10.10.01 / Abends noch Lust auf was Leichtes, Lustiges. Lese also bis zum Einschlafen noch hundertfuffzig (von insgesamt dreihundertnochwas) Seiten im neusten Frauen-Comedy-Krimi von Janet Evanovich: "Tödliche Versuchung". Das Original heißt "Hot Six" - mir ein Rätsel, wieso Goldmann sich die Chance entgehen lässt, auch die deutschen Titel witzig durchzunummerieren. Keine Phantasie? Scheint so, denn Sue Graftons Alphabet-Serie traut man sich auch bloß im Untertitel passend einzudeutschen: deren neuster heißt völlig einfallslos "Tödliche Gier", und nur im eingeklammerten Untertitel wagt Goldmann ein "P wie Panik". D wie dumm, kann ich da nur sagen.


Janet Evanovich hat's immer noch drauf. Volldampf-Komik, Typen- und Situations- und Dialogwitz, ein Wirbelwind aus Action und Geplapper und einer Prise lustiger Erotik. Auch der sechste Krimi um die freche sexy Kopfgeldjägerin Stephanie Plum zieht mir laufend die Mundwinkel nach oben, und zweimal lache ich buchstäblich Tränen. Was will man mehr.


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Rechtsanwalt Carl von Sunna af Rosén saß im Oberlandesgericht und wartete auf die Gerechtigkeit.

   Die Verhandlung gegen einen der sonderbarsten Mandanten, den er je gehabt hatte, war abgeschlossen. In wenigen Minuten würden sie alle in den Gerichtssaal zurückkehren, und der Richter würde den Angeklagten auffordern, sich von seinem Platz zu erheben.

   Der Angeklagte - der dem jungen Max von Sydow ähnelte - saß vor ihm auf einem Holzstuhl im Warteraum und schien seiner eigenen Verhandlung gegenüber gleichgültig. Während der polizeilichen Ermittlungen und auch im Gerichtssaal hatte der Angeklagte nur vor sich hin gestarrt. Von Anfang an war dieser junge Mann, Martin Ager, stumm geblieben, trotz der Anklage, die gegen ihn erhoben worden war. Einige Journalisten würden später schreiben, dass er diese Mauer der Apathie hätte durchbrechen müssen, um so die tragischen Geschehnisse zu verhindern, die noch folgen sollten. Martin Agers Gesicht hatte etwas Würdiges an sich und verriet keinerlei Gefühlsregung dem kommenden Urteilsspruch gegenüber. Er schien aus einer anderen Zeit zu kommen.

   Jon Ewo, "Rache"  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2002 / Möchte mich kurz fassen, und obwohl Roman & Autor ausführlichere Kommentare verdient hätten, möcht ich Jon Ewos "Rache" jetzt doch kurzerhand in drei Sätzen abfertigen: "Rache", der zweite Gangsterkrimi, Noir-Roman, Halb- und Unterweltroman um den ehemaligen Mafia-Schuldeneintreiber Alex Hoel in Oslo, gefiel mir nicht ganz so gut wie "Torpedo", der erste, den ich lakonischer in Erinnerung hab, mehr einfach straight Handlung erzählend und weniger auktorial dazu erklärend.

Alex Hoel versucht, sich aus dem Verbrechermilieu abzuseilen; er führt eine saubere, kultivierte Bar (manchmal ist mir dieser Mann einen Tick zu kultiviert, schnöselig, snobistisch), seine Geliebte Irina erwartet ein Kind und verlangt eine strikte Entscheidung von ihm, aber alte Freund- und Feindschaften zwingen ihn wieder zurück ins Milieu der Zuhälter, Zocker und Kredithaie, der von brutalen Banden organisierten Kriminalität und Prostitution.


Und der Motorrad-Clubs: Ergänzt durch drei Seiten Nachwort "Der Krieg der skandinavischen Rocker", ist "Rache" auch ein Roman über Norwegens Biker, hier allerdings eher in Opfer- als in Täterrollen; auch wegen dieses Themas also unbedingt lesenswert, wenn Ewo mich auch in diesem zweiten Roman eher an den (gewiss hervorragenden!) sozialkritischen Ingvar Ambjørnsen erinnerte als an klassische französische Romans Noirs.


P.S., um das doch noch ganz klarzustellen, denn obige drei Sätze hören sich womöglich an wie das Genörgel eines vom phänomenalen "UT metro"-Niveau Verwöhnten: Autor & Buch sind erstklassig und haben internationales Format, und in unserer eigenen deutschsprachigen Kriminalliteratur gibt's meines Wissens derzeit - leider - überhaupt nichts Vergleichbares.


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Pascale Fonteneau


Selbstverständlich war sich der Mann, der rannte, keineswegs bewußt, daß sein Tod irgendwie von Nutzen sein konnte. Auch wenn er es geahnt hätte, wäre er wahrscheinlich nicht stehengeblieben, um geduldig auf seine Verfolger zu warten. Er war sich nicht einmal sicher, ob ihn jemand verfolgte, aber im Moment gab ihm sein Instinkt ein, daß er schneller laufen mußte. Sein Unbehagen hatte angefangen, als in der Metro zwei Männer eingestiegen waren, die aus dem vorderen Waggon kamen. Es hatte ihn zunächst nicht überrascht, er hatte seinen Fahrschein gesucht, da er überzeugt war, daß es sich um Kontrolleure in Zivil handelte. Aber die beiden Männer, von denen einer einen dunklen Trenchcoat trug, hatten niemanden nach seinem Fahrschein gefragt, sie hatten die anderen Passagiere eher zerstreut gemustert, erst auf ihn hatten sie dann so intensiv gestarrt, daß er schnell wegschaute. Die beiden Männer hatten ein paar Worte getauscht, dann nichts mehr, und das Schaukeln der Metro wurde ihm unangenehm, während eine unheilsame Beklemmung sich seiner Brust bemächtigte und allmählich die Kommandozentrale seines Gehirns erreichte. Er versuchte sich selbst zur Vernunft zu bringen, er hatte sich wirklich nichts zuschulden kommen lassen. Noch gestern hatte er beim Pater-Abbé eine lange Beichte abgelegt, und nichts von dem, was er seither getan hatte, gab Anlaß für dieses plötzliche Auftauchen der Engel des Bösen. Er hatte mehrmals inbrünstig darum gebetet, daß sie weggehen sollten, aber offenbar mußte er heute an seiner Wahrhaftigkeit zweifeln.
   "Pulp und die Waffen der Frauen"  
   ("Pulp" # 11)
.  
  
Original: "Les Damnés de l'artère"  
   ("Le Poulpe" # 19)
 





Kolumne zur Krimireihe "Pulp", Herbst 1999 / Auftakt nach Maß: Ein starkes Anfangskapitel mit einer furchtbaren Mordszene hinterläßt verschiedene beunruhigende Rätsel. Das panische Opfer wird auf einen menschenleeren Bahnsteig gehetzt, dort mit Benzin übergossen und verbrannt. Die örtliche Brüsseler Presse faselt von Selbstmord mit Sektenhintergrund. Doch es gibt einen Augenzeugen, den Kabeldieb Mario, und es gibt einen größeren kriminellen Zusammenhang für diese Untat. Und in Paris steigt währenddessen Pulps Freundin Chéryl früh morgens in den Zug - zu einem Friseurlehrgang, nach Brüssel.


Innerhalb der Politkrimireihe "Le Poulpe" gibt es die Unterserie "Chéryl". Nicht der langgliedrige Macho Gabriel Lecouvreur spielt hier den Helden, sondern seine geliebte Freundin. Nicht linksanarchistischer sozialkritischer Furor oder gar Verbissenheit, nicht Waffengewalt und körperliche Brutalität kennzeichnen Chéryls Abenteuer, sondern Komik. Es sind sozusagen eher "Sponti-Krimis", in denen es turbulent zugeht und viel zu lachen gibt. So zumindest in den beiden ersten Chéryl-Krimis, die nun beide auf deutsch vorliegen: Pascale Fonteneaus "Pulp und die Waffen der Frauen" hat die gleiche Leichtigkeit und macht genau so viel Spaß wie Sylvie Granotiers "Pulp in Gips".


Das Mordopfer war ein Friseurkollege Chéryls, den sie in Brüssel wiederzusehen hoffte. Zusammen mit der Friseuse Anastasia und einer ganzen Rasselbande weiterer schräger Typen scheucht sie also die Verbrecher auf und macht ihnen den Garaus. Dabei rasen sie alle zusammen in einem Kleinwagen kreuz und quer durch Brüssel, schleichen durch Ruinen, Baustellen, Abrißhäuser und Brachen, treffen auf die spinnerte "Erlösergemeinde zur Auferstehung der Treuen Jungfrau", besetzen die Büroräume von "SOS Europäische Freundschaft", spannen zuletzt gar die Killer des "Komitee Z" mit ihren schwarzen Jeeps für sich ein - es ist ein herrliches aberwitziges Hin und Her, als wären wir bei Enid Blytons "5 Freunden" oder bei den Galliern von "Asterix und Obelix". Chéryls geliebter Gabriel liegt derweil in Paris auf der faulen Haut und liest Guillaume Apollinaire. Ach ja, der Revolutionär Victor Serge wird hier ebenfalls mit Zitaten geehrt, wobei von diesen 29 kurzen Zitaten mindestens zweie kaum authentisch sein dürften, da nimmt Pascale Fonteneau sich und ihre Hommage wieder selber auf die Schippe.


Merci beaucoup, Pascale! - Wieso hat hier, schon wieder, Chéryl mich besser unterhalten als sonst Pulp?



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Ich versteh zwar nichts von Kindern, aber selbst ich weiß, daß sie in meinem Flur nichts zu suchen haben. Kinder treiben sich nie allein im Flur eines abgelegenen Hauses herum. Aber mein Haus ist abgelegen, und trotzdem stehen sie in meinem Flur. Zwei Kinder.
   Also schließe ich die Tür und öffne sie wieder, doch sie sind immer noch da.

   Na gut.

   Pascale Fonteneau,  
   "Die verlorenen Söhne der Sylvie Derijke"  






KTB 15.11.01 / Verschlinge amüsiert, bezaubert, begeistert Pascale Fonteneaus "Die verlorenen Söhne der Sylvie Derijke" (neu als PB bei Distel Literaturverlag; Original: "Les fils perdus de Sylvie Derijke", 1995). Wunderbar: zugleich ein schwungvoller Frauenkrimi, so wie schon Fonteneaus flotter "Le Poulpe"-Krimi "Pulp und die Waffen der Frauen", aber gehaltvoller als dieser. Absurd komisch auf eine anfangs beinahe kafkaeske, dann zunehmend burleske (pouyeske? negressesverteske?) Art. Obendrein noch ironisch klassenkämpferisch, als Provinz-Roman über den menschengemachten Niedergang jener nordfranzösischen Regionen, die einmal von der Textilindustrie lebten.


Die höchst unfreiwillige Heldin Sylvie Derijke entstammt einer solchen Fabrikarbeiterfamilie (in der selbst auch schon immer der Klassenkampf wütete) und bewohnt nun arbeitslos das leerstehende ehemalige Herrenhaus einer stillgelegten Textilfabrik. Eines Tages stehen stumm zwei Jungs, 12 und 14, in Sylvies Hausflur: die beiden landesweit als Entführungsopfer gesuchten Söhnchen des früheren Fabrikbesitzers, der übrigens immer noch stinkreich ist, trotz oder gerade wegen seiner Schließungen aller inländischen Fabriken. Die beiden unheimlichen Jungs sprechen anfangs kein Wort, geben nur gelegentlich druckreife intellektuelle Kommentare ab, geben sich überhaupt viel reifer und erwachsener als Sylvie, und lassen sich partout weder zur Polizei noch zu ihrer Familie bringen.

Sylvie wird im wahrsten Sinne des Wortes von diesen beiden Monsterbubis erpresst, sie bei sich zu behalten und der ganzen Entführungssache auf den Grund zu gehen - als hätte sie nicht schon genügend privaten Trouble am Hals! Zu unserm himmlischen Lesevergnügen wird Sylvie also in die höllischen Familienintrigen dieser Textil-Bonzen hineingezogen, panisch verzweifelt und doch tapfer spielt sie Ersatzmutter (bis die echte Mutter von den Toten aufersteht) und Detektivin und schließlich Rächerin, und wird dafür auch belohnt in einem spektakulären
märchenhaften Happy End.

Eine turbulente moralische Krimikomödie - so könnte man's auf den Begriff bringen. "Un très joli roman noir et rose", notierte LES CRIMES DE L'ANNEE. Außerdem, last but not least, ist das Buch auch noch eine würdige Hommage an die Négresses Vertes (von denen ich zufällig eine Platte hab): Die 24 Kapitel hat Pascale Fonteneau "Strophen" genannt, und nach jeder "Strophe" folgt als "Refrain" ein Stückchen eines zornigen Kinderliedes (eines Négresses-Liedes?), das sich so als Begleitmusik durch den ganzen Roman zieht.


Merci, Pascale! Einer meiner Lieblingskrimis des Jahres!



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Jonathan Gash

Ich war gerade im Paradies, als das Telefon klingelte. Ich wußte schon, daß es Tinker Dill sein würde, und so schob ich sie schnell ins Bad, drehte alle Wasserhähne auf und schaltete das Radio ein, damit sie kein Wort verstehen konnte.
   "Was ist denn das für ein Krach?" schrie Tinker durchs Telefon. Er schien ziemlich angetrunken, wie gewöhnlich.

   "Du hast wieder einmal gestört, Tinker", sagte ich mürrisch. "Woher soll ich wissen, daß du mit deiner Freundin im Bett liegst?" erwiderte er gekränkt.

   Die einzige intakte Schallplatte, die es im "White Hart" gab - von dort rief er an -, übertönte in ungeheurer Lautstärke das Stimmengewirr im Hintergrund.

   "Was ist?
"
   "Ich hab jemanden für dich", sagte er.

   Ich war ganz Ohr. Kennen Sie dieses Prickeln, das durch sexuelle Erwartungen ausgelöst wird? Wenn Sie es sich tausendfach verstärkt vorstellen, haben Sie eine schwache Ahnung von der fiebernden Erregung eines Antiquitätenhändlers, der einen Kunden wittert; sie läßt ihn alles vergessen, Erziehung, gesunden Menschenverstand, Vernunft - oh, und das Gesetz. Ich hätte beinahe versäumt, es zu erwähnen. Zwei Tage lang hatte mich nur Sheila interessiert (war es überhaupt Sheila, oder war das letzten Donnerstag gewesen? Ich konnte mich nicht erinnern), und jetzt zitterte ich wie ein Pferd vor seinem ersten Rennen, nur weil einer meiner Kundenfänger etwas für mich aufgetan hatte.

   Jonathan Gash, "Lovejoys Duell"  
   ("DuMont Noir" # 3)  


Kolumne zur Krimireihe "DuMont Noir", 1999 / Lovejoy (wie heißt der Held eigentlich mit Vornamen?) ist ein leidenschaftlicher Antiquitätensammler und -jäger, ein Antiquitätenhändler und ein Antiquitätenexperte mit siebtem Sinn für echte alte Stücke. Ein netter Schlawiner, auch ein Frauenheld, ein Filou mit einem großen Herzen, also im Grunde ein guter Mensch.

Bei der Suche nach einem legendären Pistolenpaar muß er erkennen, daß irgendein Konkurrent, ein anderer Händler oder Sammler, für diese Duellpistolen über Leichen geht; aus dem naiven, frivolen Detektivspielen wird bitterer Ernst, als Lovejoys Freundin ermordet wird. Da hört der Spaß auf, Lovejoy wird zuerst depressiv und dann zornig, und Jonathan Gashs bis dahin typisch britischer Dandy-Krimi wird zum deutlich härteren Thriller. Erst beim finalen Duell mit haarsträubender Schlußpointe kippt der Roman wieder zurück in altmodische Klassizität, und man fragt sich: Verdammt, wo hat Gash denn diesen Pistolen-Gag geklaut, und ist das jetzt nur Klischee oder schon Parodie?


Mir hat dieser erste "Lovejoy" viel Spaß gemacht, und ich freue mich auf jeden weiteren bei "DuMont Noir"! Herrliche Dialoge, Spannung, Witz, Selbstironie (z.B. muß Lovejoy sich von seiner Freundin zeigen lassen, wie sein Auto richtig fährt!), nebenbei Interessantes und Kurioses aus der Welt der Antiquitätenhändler. Manchmal erinnert das an Laurence Blocks Serie um Bernie Rhodenbarr, manchmal an Gregory Macdonalds "Fletch"-Romane. Jonathan Gash nutzt die ganze Krimi-Klaviatur, vom gemütlichen altenglischen Country-Puzzle bis zum schnellen filmreifen Action-Thriller. Bravo!

Und Dank an Herausgeber Martin Compart für sein siebenseitiges Nachwort: Es enthält eine "Lovejoy"-Bibliographie sowie einige aufschlußreiche Bemerkungen zum Autor, zum Roman- und TV-Erfolg der Serie, und nicht zuletzt zur Frage, inwiefern der Serienheld ein "Macho" ist ...


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Antiquitäten, das ist ein wunderschönes, aber mörderisches Spiel.
   Manche Teile der Geschichte werden Ihnen nicht gefallen. Das sage ich Ihnen für alle Fälle vorneweg, aber so sieht es halt aus in der Welt der Antiquitäten. Sie steckt bis zur Halskrause voll von Liebe, Angst, Gier, Tod, Haß und Ekstase. Ich muß es wissen - ich bin Antiquitätenhändler. Und schmeißen Sie dieses Buch nicht empört in die Ecke, bloß weil ich die Wahrheit offen ausspreche.

   In dieser Sache bin ich die einzige Person, der Sie vollauf vertrauen können.

   Jonathan Gash, "Lovejoys Gold"  
   ("DuMont Noir" # 8)  


Kolumne zur Krimireihe "DuMont Noir", 1999 / Es gibt eigentlich nicht viel mehr zu Lovejoy zu sagen, als ich bereits weiter oben gesagt habe, bei "Lovejoys Duell". Im zweiten Krimi, "Lovejoys Gold", jagt unser Held wieder einem Phantom hinterher: statt einem Paar Duellpistolen, das es eigentlich gar nicht geben dürfte, jetzt eben einem Römerschatz auf der Isle of Man, wo die Römer eigentlich nie waren.

Wieder helfen ihm die Frauen, die ihn alle (fast alle) lieben, und die er ebenso an der Nase herumführt wie einige Frauen ihn. Lovejoy bleibt der ewige Filou, der Herzensbrecher und Verführer; man/frau könnte ihn auch sexbesessen nennen, wenn er nicht im Grunde nur von einer Sache besessen wäre: Antiquitäten. Mag er in manchem ein Trottel sein oder ein haltloser Hallodri, bei Antiquitäten kennt er sich aus wie kein zweiter, erkennt Echtes und Falsches durch magische Intuition und dank fortwährendem Studium, und konsequenterweise leistet er hier in "Lovejoys Gold" auch als Fälscher erstklassige Arbeit.

Gashs Krimis sind gewiss kein Muss. Aber wer nebenbei gern jede Menge über Antiquitäten erfährt und über das Sammeln und Handeln mit ihnen, und wer wie ich dem egomanischen Erzähler Lovejoy gern alle Macken verzeiht, findet hier wunderbar schnelle, pfiffige, witzige und spannende Unterhaltung. Der Krimireihe "DuMont Noir" wünsche ich, dass nur mal jeder zweite Fan von Dick Francis es mal mit einem "Lovejoy" versucht ...


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Antiquitäten, Frauen und mein persönliches Überleben - das sind die einzigen Interessen, die ich pflege. Klingt simpel, aber versuchen Sie mal, die richtige Reihenfolge zu finden.
   "Lovejoys Gral"  
   ("DuMont Noir" # 13)  


Kolumne zur Krimireihe "DuMont Noir", 1999 / Auch der dritte "Lovejoy" beginnt so, daß unser Filou sich mitten im Vollzug eines Ehebruchs von der Frau losreißt, um einer Antiquität nachzujagen. Genauer gesagt, nur einem heißen Tip seines "Aufreißers" Tinker Dill, der sich dann dummerweise doch wieder als fauler Tip entpuppt, als Hinweis auf eine gute, aber von Lovejoy natürlich sofort als solche erkannte Fälschung. Als solche erkannt, als solche erspürt, wie man's auch nennen will: Lovejoy ist ein "Divvie", wenn's um Antiquitäten geht, er hat den untrüglichen sechsten Sinn für alt und schein-alt, für original und imitiert, für echt und gefälscht, für wertvoll und weniger wertvoll und Plunder. Aber das kennen wir ja schon aus den beiden vorigen Abenteuern.

Wieder tuckert Lovejoy mit seinem Oldtimer durch südenglische Landschaften. Wieder steigt er den Frauen hinterher und/oder diese versuchen ihn rumzukriegen (wie in der netten Schlußpointe). Wieder ärgert er sich mit einem Azubi herum, diesmal ist es die scheinbar biedere, harm- und reizlose Lydia. Wieder packt ihn gegen jede Vernunft das Jagdfieber, diesmal geht's um den Heiligen Gral (Was kann denn nun noch kommen? Die Bundeslade mit Moses' Steintafeln? Das trojanische Pferd?). Wieder überläßt er nicht der Polizei den Mordfall, sondern spielt selber Detektiv, stellt gar am Ende dem Mörder eine Falle im nächtlichen Burgmuseum, wo Lovejoy dann natürlich selber in der Falle sitzt und ... pssst, so viel verrat ich noch: Der unbewaffnete, aber schlaue Lovejoy weiß sich da in höchster Not ganz stilgerecht zu wehren, nämlich mit zwei im Grunde ungefährlichen, aber in diesem Falle dann doch hundertprozentig tödlichen Antiquitäten.



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Dick Francis

KTB 13.03.98 / Den neusten, fünfunddreißigsten Dick Francis wollt ich kurz anlesen, und bin ("Natürlich!", schreien die Fans) drin hängen geblieben.

"Verrechnet" (Diogenes-HC, Original als PAN-Taschenbuch: "To the Hilt") packt einen gleich, zieht einen gleich rein: Vier Schläger überfallen den Sympathieträger & Ich-Erzähler in seiner Berghütte. Warum? Kann er sich retten? Wer sind die Schurken? Undsoweiter undsofort.

Der Held, ein Maler und Einzelgänger, will sich eigentlich aus den Intrigen und Krisen seines schottischen Clans raushalten, muß aber (natürlich!) die Familienehre und die Brauerei und die Reliquien und (natürlich!) das Pferd retten, nachdem ein untreuer Buchhalter anscheinend (aber natürlich doch nicht!) mit dem ganzen Geld nach Südamerika durchgebrannt ist.

Dick Francis schreibt eine einfache Sprache, knapp & kräftig & klar, er trabt einfach durch die Geschichte, und seine Dialoge stimmen. Tolle originelle Figuren, darunter eine hilfreiche Insolvenzexpertin und ein wahrhaft wandlungsfähiger Detektiv. Golfer, Jockeys, schottische Landschaften, haarsträubende Verwicklungen, ein paar verabscheuungswürdige Brutalitäten, Rettung in letzter Sekunde und drastische Bestrafung des Bösen, multiples Happy End und Erlösung des befriedigt lächelnden Lesers.

Hat er wieder mal sauber hingekriegt, der alte Knacker.


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An dem Tag, als Martin Stukely bei einem Jagdrennen t”dlich verunglückte, fuhren wir zu viert zur Rennbahn Cheltenham.
   Es war Silvester 1999, der letzte Tag des Jahres. Ein kalter Wintermorgen. Die Welt an der Schwelle zur Zukunft.

   Dick Francis, „Scherben“  

KTB 23.02.02 / Den neusten Dick Francis gelesen, damit ich ihn möglichst schnell meiner Schwester schenken kann. Die hat schließlich schon Dick Francis gesammelt, als ich noch gar keinen gelesen hatte.


„Scherben“ (neu als HC bei Diogenes; Original: „Shattered“, London 2000) ist womöglich genau der 40ste Thriller des 80jährigen Altmeisters. Und „Scherben“ ist beinahe wieder, was lange Zeit seine Spezialität war, ein Pferde-Krimi. Allerdings spielt der Jockey nicht den Helden, sondern die Leiche. Und „Scherben“ ist laut Vorsatz „Für Ihre Majestät Königin Elizabeth, die Königinmutter, anläßlich ihres hundertsten Geburtstages mit unendlicher Dankbarkeit, Liebe und allen guten Wünschen von Dick Francis“ - allein wegen dieser Widmung möchte man das Buch doch kaufen, oder?


Aber wieso „Scherben“? Weil der Held und Ich-Erzähler ein Glasbläser ist, ein erfolgreicher und zunehmend bekannter Meister im Kunsthandwerk der Glasbläserei. Es gibt da sogar ein von ihm aufgenommenes Videoband, auf dem er vorführt, wie eine ganz berühmte Antiquität hergestellt, also kopiert werden kann. Dieses Video hatte er seinem Freund ausgeliehen, dem gerade tödlich verunglückten Jockey, und nun ist es verschwunden. Würde dafür jemand töten? Wohl kaum. Aber halt, es gibt da noch ein anderes ominöses Video, das Millionen wert sein soll und das der tödlich verunglückte (oder durch Manipulation zum Sturz gebrachte?) Jockey wiederum seinem Glasbläser-Freund zukommen lassen wollte zwecks Aufbewahrung. Dieses Videoband nun wird unserem Glasbläser zwar noch am Todestag seines Jockey-Freundes überreicht, aber praktisch gleich wieder geklaut. Und damit nicht genug der Verwirrung und Verwechslungen, rückt ihm auch noch eine rabiate Gaunerbande auf den Leib und fordert das Videoband von ihm, andernfalls ... - aber welches von den zweien, die er beide nicht hat?


Na ja, das hört sich nicht besonders aufregend an. Ist es auch nicht. Bei allem Respekt, „Scherben“ ist ein schwächerer Dick Francis. Schwächer beispielsweise als „Verrechnet“ von 1996 (KTB 13.03.98). Das einzig Interessante am Roman ist das bisschen Glasbläserei, das vorkommt. Ansonsten schwach, farblos, lustlos die ganzen Aktionen und Figuren und Verwicklungen; selbst die Liebesgeschichte zur Polizistin bleibt so blass wie diese Nebenfigur. Vorhersehbar, dass das Finale dann in der Glasbläserei stattfindet, wo unser unfreiwilliger Held in seinem Element ist ...



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Jorge Franco

Weil Rosario geküsst wurde, als sie der Schuss aus nächster Nähe traf, verwechselte sie den Schmerz der Liebe mit dem des Todes. Aber die Zweifel schwanden, als sie ihre Lippen löste und die Pistole sah.
   »Das Zittern fuhr mir durch den ganzen Körper. Ich dachte, es wäre der Kuss ...«, erzählte sie mir ganz eingesunken auf dem Weg ins Krankenhaus.

   »Sprich nicht weiter, Rosario«, sagte ich zu ihr. Sie presste meine Hand und bat mich, sie nicht sterben zu lassen.

   »Ich will nicht sterben, ich will nicht.«

   Obwohl ich ihr Mut zusprach, konnte mein Ausdruck sie nicht täuschen. Noch sterbend war sie wunderschön, schicksalshaft göttlich war sie am Verbluten, als man sie in den Operationssaal schob. Die Geschwindigkeit der Krankenbahre, das Schwingen der Türen und die strikten Anweisungen einer Krankenschwester trennten mich von ihr.

    Jorge Franco, ROSARIO TIJERAS  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", Januar 2003 / Jorge Franco heißt der Autor, 1962 in Medellín geboren, nach einem Londoner Film-Studium nun wieder in Bogotá daheim. Und ROSARIO TIJERAS der Roman, auch im kolumbianischen Original von 1999, nach der zentralen Figur darin. Roman und Autor wurden mit internationalen Preisen bedacht, der Autor zuvor sogar schon mehrfach, was uns aber nicht vorab beeindrucken oder beunruhigen soll. Jedenfalls sei dem Unionsverlag mal wieder für den informativen Anhang gedankt, hier speziell für das Nachwort der Übersetzerin Susanna Mende.

ROSARIO TIJERAS ist ein kurzer, knapper, dichter, zugleich sehr leidenschaftlicher und sehr literarischer Kriminalroman. Ein Noir-Roman über eine angeschossene Auftragskillerin, die es endlich mal selbst erwischt hat. Während sie im Krankenhaus stirbt, sich praktisch eine Nacht lang gegen den Tod sträubt, sitzt ihr einer Geliebter (es gibt zweie) an ihrem Sterbebett. Oder er, der Ich-Erzähler Antonio, trottet nervös und verzweifelt durch die Krankenhausflure, bangt um sie, lässt dabei erinnernd und rekonstruierend Rosarios kurzes Leben Revue passieren, ein furchtbares, aufregendes, gefährliches, mehr von Leid als von Liebe erfülltes Leben. So wird aus dem Noir-Roman eine Liebeserklärung und ein Nachruf, und zugleich eine wütende Anklage der Lebensverhältnisse Rosarios, der Lebensverhältnisse im Mord-und-Drogen-Land Kolumbien.


Großes Melodrama, große Oper, könnte man einwenden, diese langgezogene Sterbeszene voller großer Gefühle. Und diese tolle, schöne, tödliche und tragische Antiheldin Rosario eine kitschige Männerphantasie. Doch Jorge Franco fabuliert hier keine theatralische, opernhafte Tragödie zusammen (pardon, bei Opern denk ich immer an Otto Waalkes’ pointierte Parodie: „Ich steherbe!“ - „Bitte stirb nihicht!“ - „Dohoch!“), sondern er literarisiert konkrete brutale Zustände in seinem Heimatland. Mit Phantasie(n), doch geerdet in bitterer armseliger Realität. - „Der letzte Nagel im Sarg des lateinamerikanischen Booms der Sechzigerjahre, ohne den mächtigen Einfluss von Schriftstellern wie García Márquez verraten zu wollen“, notierte eine Rezension. Nein, „magisch“ oder eskapistisch ist ROSARIO TIJERAS nicht. Sondern große lateinamerikanische Noir-Literatur.



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Gunter Gerlach

KTB 06.05.00 / Ebenso erfreulich kurz waren Gunter Gerlachs drei Allergiker-Krimis, surrealistische Krimi- und Liebeskomödien mit Stil, mit Leichtigkeit, mit Charme, kurz: ein Glücksfall für die deutsche Unterhaltungsliteratur. Abgesehen von zwei längeren Kurzgeschichten dieser Art ("Verdächtige Geräusche" und "Der Hammer von Wandsbek", Erstausgaben als "Schwarze Hefte" Nr.6 und Nr.13 beim Hamburger Abendblatt, demnächst auch erhältlich in zwei Taschenbuch-Sammelbänden), hat GG uns zwischenzeitlich auch mit einem Schmöker zu amüsieren versucht, "Herzensach" hieß dieser über vierhundert Seiten fette Dorfroman, der sich leider nicht so recht zwischen Idylle und Horror, zwischen (ja, meinetwegen, Haffmans!) Ganghofer und King entscheiden kann. Und der mir allzu gemütlich daherkam, eher breitärschig humoristisch als wie das Vorige pfiffig, witzig, windig, mit Elan und Esprit.

Hoffnung also, als jetzt "Falsche Flensburger" (Rotbuch-Krimi, DM 18,90) mit gut 150 Seiten wieder angenehm schlank in der Hand liegt, mir also nicht mehr als einen Leseabend meiner Zeit zu stehlen verspricht. Statt dem hyperallergischen und spinnerten Detektiv Bartzsch agiert nun der Schriftsteller (!) (ja, könnte in die Hose gehn, tut's aber nicht!) Jakob Vogelwart als unfreiwilliger Held. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Einbrecher in Hamburgs Bürgervillen, seilt sich aber für eine Zeitlang nach Flensburg ab, wo er dann natürlich mitnichten seine Ruhe hat, ganz zu schweigen von literarischer Produktivität. Ein Schriftstellerkollege hat ihm (großzügigerweise? - na, wer weiß ...) seine Wohnung überlassen, Jakob begegnet bald einer verführerischen Frau, auch freundet er sich mit einer unglücklichen Lesbe an, obendrein denkt er auch hier in Flensburg ans Einbrechen, und schließlich wird er immer mehr in ein gefährliches Verwirrspiel à la Hitchcock oder Boileau-Narcejac verwickelt, seine Tagträume und Alpträume vermischen sich wunderbar (für uns Leser) mit der Realität, seine Spinnereien mit dem wirklichen Geschehen, ähnlich wie ja schon in Gerlachs Bartzsch-Krimis.

GG hat ja immer ein Standbein in der surrealistischen Literatur; sein anderes verlagert er hier nun vom Detektivroman (Bartzsch) zum Psycho- und Verschwörungsthriller, "Falsche Flensburger" ist weniger die Geschichte einer detektivischen Rätsellösung als die einer teuflisch ausgeklügelten Intrige. Sehr ähnlich bleibt gottseidank der Held: ein Träumer, ein Tolpatsch, ein liebenswerter Guter, Einbrecher zwar, aber das verzeihen wir ihm gern, genau wie allen andern Gentleman-Gaunern.


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Ich mit dem schweren Umzugskarton auf der Schulter. Meine Bücher. Sie kommt die Straße herunter, hat mich als Ziel. Sie verstellt mir den Weg zum Eingang des Eckhauses. Meine neue Wohnung. Ein brauner Seidenschal mit schimmernden Streifen liegt ihr über dem Mund.
   Gunter Gerlach, "Ich lebe noch, es geht mir gut"  

KTB 01.10.01 / Draußen trüb, regnerisch. Erhole mich noch von meiner kurzen überanstrengenden Velotour durch die Schweiz. Schlafe lang aus; gehe gemütlich einkaufen; blättere und lese den ganzen Nachmittag lang die FREITAG-Ausgaben des letzten Vierteljahres durch, die sich bisher großteils bloß in meiner Bude gestapelt haben; erledige und entsorge auch den handhoch gewachsenen Papierstapel auf meinem Schreibtisch; und kann so gegen zehn abends, uff, endlich in den Lesesessel sinken. Jetzt nur noch ein Tannenzäpfle und einen leichten, luftigen, lustigen Krimi!


Gerade recht kommt mir da Gunter Gerlachs "Ich lebe noch, es geht mir gut" (neu als Rotbuch-TB), sein zweiter komödiantischer und leicht surrealistischer Hamburg-Krimi um den erfolglosen Schriftsteller, aber erfolgreichen Einbrecher Jakob Vogelwart. (Serienerstling, nach drei wunderbaren Krimis um den hypochondrischen Hyperallergiker Bartzsch, war die Hitchcock'sche Intrigengeschichte "Falsche Flensburger", siehe KTB 06.05.2000.)


Statt nach Flensburg zieht Jakob Vogelwart diesmal innerhalb Hamburgs um, wieder mal schnell und heimlich, und seine neue Nachbarschaft im ziemlich schäbigen Viertel empfängt ihn vorsichtig bis misstrauisch, so wie er selbst ja auch von Verfolgungswahn und allerlei anderen Neurosen angefressen ist. Schräge und etwas unheimliche Originale in den Kneipen und Nachbarwohnungen; eine Frau zum Verlieben und ihre verschwundene Schwester; dubiose Vorgänge und Beziehungen zwischen allen diesen Leuten; viel Alkohol; viel Geld; viele Geheimnisse.


Ein angenehm kurzer, doch sehr voller und dichter Roman: keine zweihundert Seiten, kunstvoll aufgebaut aus fünfzig Kapitelchen - wunderbaren Szenchen, Bildchen, Phantasiechen - mit fünfzig pointierten Titelchen. Obwohl das Ganze auch als spannender Krimi funktioniert und immer wieder mit bodenständigem Realismus überrascht, erinnert's mich irgendwie an Bernd Pfarrs abgehobene komische Bilder. Mag man das nun impressionistisch (zart hingetupft) oder expressionistisch (Schlenker ins Psycho-Horror-Genre) nennen, oder surrealistisch, oder bloß verschrobene humoristische Pop-Literatur: Altmeister Gunter Gerlach wagt sich hier ein weiteres Schrittchen weg vom sicheren Herdentrampelpfad des Mainstream-Krimi, der Genre- und Publikumserwartungen. "Ich lebe noch, es geht mir gut" erscheint mir noch etwas kompromissloser als die vorhergehenden Krimis, noch etwas näher an seinen ganz frühen Romanen. Gerlach going back to his roots? Gut so!


   Link zu Gunter Gerlach: www.gunter-gerlach.de/.  


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Alicia Giménez-Bartlett

Es gibt Tage, die beginnen merkwürdig. Du wachst auf, kommst zu Bewusstsein, stehst auf, machst Kaffee ... und trotzdem übersteigt die Vorstellung der Zukunft die Zeitspanne eines Arbeitstages. Ohne weiter nach vorne zu blicken, siehst du. Daraufhin nimmt jede Handlung eine gewisse prophetische Note an. "Es wird was passieren", sagst du dir und verlässt das Haus in der Bereitschaft, aufmerksam und empfänglich, durchlässig für das Unvorhersehbare und vernünftig in der Realität zu sein.
   So traf ich beispielsweise an jenem scheinbar normalen Morgen vor der Haustür eine alte Nachbarin. Nach ihrem Gruß verlor sie sich in einen endlosen Monolog, um mir abschließend zu eröffnen, dass mein Haus in Poble Nou früher ein Bordell gewesen sei.

   Nach dieser Eröffnung wanderte ich eine Zeit lang neugierig durch mein Domizil.

   Alicia Giménez-Bartlett, "Hundstage"  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2001 / "Spanische Blumen" ("Ritos de muerte", 1996), der erste Krimi um Barcelonas Polizistin Petra Delicado, erschien 1998 als Goldmann-Taschenbuch. Der Verlag spendierte damals sogar Leseexemplare, aber wie so viele andere wanderte der Roman irgendwann doch ungelesen in meine Bibliothek. Drei Jahre später erscheint beim Unionsverlag nun "Hundstage", der zweite Roman der Serie, und diesen les ich also nun zuerst. Macht nix, geht auch, aber netter wär's halt doch gewesen, erst mal mitzuerleben, wie Petra Delicado und ihr dicker älterer Kollege Fermín Garzón sich kennenlernen. Siehe hierzu Thomas Wörtches kurzes Nachwort, das auch auf den Punkt bringt, um was es Alicia Giménez-Bartlett in ihren Krimis geht.


"Hundstage": Ein Mann ohne Identität liegt brutal zusammengeschlagen im Koma. Petra Delicado und Fermín Garzón nehmen sich seines Hundes an, der sie dann tatsächlich ein Stück weit durch ihre Ermittlungen führt. "Hundstage" handelt von Hunden, von Hunden und Menschen. Petra bändelt mit dem jungen schönen Hunde-Tierarzt Juan Monturiol an; Fermín verguckt sich nach langer Einsamkeit gleich in zwei Frauen, die Hunde-Trainerin Valentina Cortés und die Hunde-Expertin Angela Chamorro - herrliche Gefühlsverwicklungen, Komik und Tragik, Glück und Unglück. Die Notizbücher des Zusammengeschlagenen entschlüsseln sich allmählich als seine Buchhaltung über Hunde-Verkäufe; an wen jedoch, wenn angeblich in letzter Zeit nicht mehr an die medizinischen Uni-Labors mit ihren Hunde-Experimenten? Und wie stecken der Hunde-Detektiv Puig ("Rescat Dog") und der Hunde-Friseur Pavía mit in dieser haarigen Geschichte? Um was geht es überhaupt?


Alicia Giménez-Bartlett erzählt eher in britischer Tradition als in amerikanischer. Also nicht grimmig, sarkastisch, noir, hardboiled; andererseits auch lebendiger, unverklemmter als klassizistische britische Crime-Ladies. Weltoffen, beherzt, lebensbejahend. Manchmal arg naiv staunend - ihr ungleiches Polizistenpärchen tappt manchmal dümmer im Dunkeln als jeder Krimileser. Beziehungsweise jede Krimileserin: "Spanische Blumen" und "Hundstage" lassen sich auch gut als Frauenkrimis lesen, denn der wackere Fermín spielt neben Ich-Erzählerin Petra doch eindeutig die zweite Geige.


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An allem war das verdammte Fernsehen schuld.
   Na gut, das ist ein bisschen übertrieben. Es war hauptsächlich meine Schuld.

   Was? Im Fernsehen aufzutreten.

   Alicia Giménez-Bartlett, "Boten der Finsternis"  

KTB 27.10.01 / Inspectora Petra Delicado und Subinspector Fermín Garzón haben's in Alicia Giménez-Bartletts drittem Krimi "Boten der Finsternis" mit chirurgisch sauber abgetrennten Penissen zu tun, die irgendjemand der Inspectora anonym zuschickt. Man (frau) kann sich also denken, dass es in diesem Krimi ganz schön drastisch, blutig und lustig zugeht.

Nach beinah hundert Seiten findet sich endlich die erste kastrierte Leiche dazu. Unser Polizistenduo darf nun möglichst diskret in Barcelonas gutbürgerlichen, gutkatholischen Kreisen ermitteln. An Heiligabend durchsuchen sie das Hauptpostamt nach einem weiteren Penis-Päckchen. Zwei Kapitel lang erleben sie Polizeiarbeit und Verbrechertum, Wodka und Liebe im winterkalten Moskau. Langsam verdichten sich die Hinweise auf eine christliche Sekte und auf ein russisches Bauvorhaben an der spanischen Küste. Aber plötzlich gerät alles außer Kontrolle, noch mehr Menschen sterben, ein Undercover-Polizist verschwindet, und die restlichen jungen Sektenmitglieder reden nicht ...


Eine spektakuläre Geschichte. Bildzeitungsmäßig. Unglaublich, auch wenn die Autorin am Ende ihrer Danksagungen behauptet: "Alles in diesem Roman entstammt direkt der Realität."


Jedenfalls spannend, weil lange Zeit alles völlig unklar bleibt, mysteriös, unheimlich. Und lustig beispielsweise, weil Petra und Fermín oft miteinander umgehen wie ein altes Ehepaar, und weil sie beide immer wieder gerne gut essen und trinken und überhaupt das Leben genießen, und weil Fermín immer wieder ein schmutziges Liedchen über Schwänze zum Besten gibt. Schwungvoll, humorvoll, deftig. Da verzeihen wir der Autorin auch ihr mutwilliges Strapazieren sämtlicher Russen-Klischees.


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Kurz nach meiner zweiten Scheidung suchte ich in Barcelona ein Stadthäuschen mit Garten. Ein schwieriges Unterfangen, aber es gelang mir. Ich meinte, es sei mehr als nur eine Laune, nach zu vielen Jahren in Wohnungen mit funktionalen Möbeln und großen Kühlschränken. Nun bot sich die günstige Gelegenheit, allein an einem ruhigen Ort zu leben. Eine einschneidende Veränderung. Das Haus stand im zentral gelegenen Stadtteil Poblenou. Es war umgeben von anderen, ebenso alten und heruntergekommenen Häusern und flankiert von einer Unzahl von Industrieschiffen, Speditionen und Busremisen. Eine ziemlich desolate Gegend, so sehr man sich auch um eine Sanierung des Viertels bemüht hatte. Aber sonntags waren die Firmentore geschlossen, die Lastwagen verschwunden, und man konnte sich in ungewohnter Stille erholen.
   Alicia Giménez-Bartlett, "Gefährliche Riten".  
   Original: "Ritos de muerte" (1996).  
  
Dt. Erstausgabe: "Spanische Blumen" (Goldmann, 1998).  
   Neuausgabe von Übersetzerin
Sybille Martin überarbeitet.  

Kolumne zur Krimireihe "UT metro", 2002 / Möchte mich kurz fassen, deshalb hier und jetzt nur drei Sätze zu "Gefährliche Riten" von Alicia Giménez-Bartlett, ihrem hiermit als Unionsverlag-Neuausgabe nachgereichten ersten Barcelona-Krimi um die temperamentvolle, resolute, unbeschreiblich weibliche Petra Delicado, zweifach geschieden von zwei grundverschiedenen Männern, frisch aus einer Anwaltskarriere abgestiegen in den gemeinen Polizeidienst, und um ihren schüchternen, älteren, konservativen, aber nicht dummen und durchaus noch lern- und entwicklungsfähigen Kollegen Fermín Garzón, der sein Metier noch unter Franco gelernt hat.

Eine Reihe von Vergewaltigungen an jungen Unterschichtsfrauen, die der maskierte Täter alle mit einem blütenähnlichen runden Mal markiert ("Spanische Blumen" hieß die deutsche Erstausgabe 1998 als Goldmann-TB), wird von Barcelonas Männerpolizei nicht so recht ernst genommen und aus Personalmangel mal eben dem frisch zusammengeworfenen Ermittlerduo Delicado & Garzón zugewiesen - das zwar widerspenstig und misstrauisch zusammenwächst und auch professionell an diesem ersten gemeinsamen Fall wächst, zunächst jedoch damit überfordert ist und dann sogar um den Fall kämpfen muss, als nämlich eine höhere Tochter aus einflussreichem Haus das nächste Opfer wird, der selbstgerechte Vater und die skandalgeilen Medien gehässig über unser erfolgloses Duo herfallen, und die bisherigen Opfer zu allem Überfluss auch viel lieber in TV-Shows über die Polizei herziehen als mit ihr zusammenzuarbeiten.


Petra Delicado ist sowohl als Erzählerin wie als Romanheldin ein umwerfendes, mitreißendes Vollblutweib, das fast alle Männer um sich herum zu Trotteln und Männlein degradiert; aber auch ihr leibhaftiges Gegenteil Fermín Garzón erweist sich als ein Mensch mit so manchen Fähigkeiten und Lebenserfahrungen, Geheimnissen und Überraschungen; zusammen bilden sie ein köstlich unterhaltsames Zweierteam, das sich ziemlich ideal ergänzt und auch ziemlich erfolgreich ermittelt, wenn auch am Schluss ein karrieresüchtiger Kollege die Lorbeeren einheimst und unsere beiden Helden wieder ins Archiv zurückversetzt werden - bis zu ihrem nächsten Fall, im Roman "Hundstage"!



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Romain Goupil

Ein Sonntag im Januar 1996.
  
Ein Gebäude im Pariser Stadtteil La Défense. Ein Zimmer mit doppelten Wänden, zwischen denen Wasser zirkulierte. Vor jedem Lauschangriff geschützt, trank die Gruppe ROMERO Champagner. Dunkelmänner der Dunkelmänner vom französischen Geheimdienst. Die Viererbande: Mars, Orpheus, Ramses und Thetis. Decknamen, deren Anfangsbuchstaben, M-O-R-T, also Tod, sie auf die Idee gebracht hatten, sich nach dem Regisseur des 70er-Jahre-Kultfilms "Die Nacht der lebenden Toten" zu benennen. Die Gruppe Romero stieß an.
   Nicht auf den Wahlsieg vom Mai 95, nicht auf das Ende der beschissenen Großen Koalition, weder auf die Erfolge im Kampf gegen die islamistische GIA in Algerien noch darauf, daß ihre Schützlinge an die Spitze der Polizeiverwaltung befördert worden waren. Sie feierten weder die Auflösung der "Abteilung S" des Staatssicherheitsdienstes noch den unaufhaltsamen Wiederaufbau des militärischen Abschirmdienstes.
   S
ie tranken nicht auf das Ende von vierzehn Jahren mühsamer Sabotagearbeit ihrer "Zelle" im Élysée-Palast. Sie stießen auch nicht auf die nächsten sieben Jahre an, die noch effektiver sein würden. Diese Profis von der Allerhöchsten Polizeibehörde feierten die Ankunft von Jules, dem Sohn von Ramses, der gerade auf die Welt gekommen war. Mars brachte einen Trinkspruch aus.
   Romain Goupil, "Pulp und die Liebe am Montag" ("Pulp" # 9)  

Kolumne zur Krimireihe "Pulp", 1999 / Im Prolog beschließen vier Geheimdienstchefs, eher nebenbei, daß der längst beobachtete und aktenkundige Gabriel Lecouvreur alias Pulp vorsorglich beseitigt werden soll, bevor er wirklich gefährlich wird. Ein ebenfalls gerade geplantes Attentat soll ihm untergeschoben werden, so will man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Im nullten Kapitel umsorgt dann einer dieser vier Chefs lächerlich unfähig sein Baby. Und im ersten Kapitel endet Pulps ersehntes Wiedersehen mit Cheryl anstatt im Bett in einem Fiasko.

Goupil kann sich etwa zwei Drittel des Romans lang nicht entscheiden zwischen Geheimdienst-Groteske (Chaos der Intrigen, Abhöraktionen und Beschattungen) und Seifenoper (Pulps dauernde Affären und seine Beziehungsunfähigkeit; Pulps Ex-Geliebte Belle hat AIDS; Tod und Beerdigung des Transvestiten Maryline; Annick aus Raynals "Pulp und der Riß im Beton" terrorisiert nun Pulp und Cheryl mit verrückten Anrufen und Briefen; Gérards krebskranke Frau). Etwas wirr, das Ganze, es kommt nicht so richtig in Gang und weiß anscheinend auch nicht wohin.


Immerhin knüpft Goupil an Raynals Roman an, ungewöhnlich für die bisher jeweils ziemlich eigenständigen Serienromane. Pulps Aktionen in der Bretagne haben die junge Annick in zweifacher Hinsicht völlig aus der Bahn geworfen; aber nicht allein dadurch wirkt unser Held hier so fragwürdig und unsympathisch wie in keinem anderen Krimi zuvor. Absicht des Autors? Der geht mir selber allerdings auch auf die Nerven, mit seinen aufgesetzten Shakespeare-Zitaten, und vor allem eben damit, daß er seine Geschichte(n) nicht in den Griff kriegt, sondern im letzten Drittel mit viel Gewalt und Tod und Explosionen den Gordischen Knoten seiner Erzählung einfach durchzuhauen versucht. Für ein flottes 120-Seiten-Romänchen hat sich Goupil hier zu viel vorgenommen, hat er zu viel hineingetan; es funktioniert weder als Polit-Satire noch als Melodrama noch als Action-Thriller so richtig.


Übrigens wüßte ich gern, ob der Originaltitel "Lundi, c'est sodomie" mehr mit dem Inhalt zu tun hat als der deutsche. Im vierseitigen Glossar erläutert Übersetzer Ronald Voullié gottseidank, daß "sodomie" im Französischen noch anderes bedeutet als im Deutschen, weshalb "Montags Sodomie" oder Ähnliches kaum brauchbar wäre.

Und à propos, eine Anmerkung noch zu all dem wohlfeilen Gejammer unserer Feuilletonisten, daß die deutschen "Pulps" ja leider die Wortspiele der Originaltitel vermissen lassen. Leute, ich hab mir auch schon mal eine halbe Nacht lang das Sprachzentrum zermürbt beim Suchen nach pfiffigen deutschen Äquivalenten! So lange also niemand konkrete Vorschläge hat beziehungsweise niemand dem Wunderlich Verlag einen sprachspielerisch begabten Übersetzer bezahlt nur für die Titel dieser Billigtaschenbuchreihe, so lange verbitte ich mir diese arrogante Mäkelei - zumal von Leuten, die nicht mal alle zitierten französischen Namen fehlerfrei hinkriegen.



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Roger Graf

KTB 26.-27.10.97 / Roger Grafs "Zürich bei Nacht". 1996 als HC bei Haffmans, für 29,- DM. Klappentext: "ein psychologischer Spannungsroman, ein düsterer, stiller Malstrom von einem Buch vom Erfolgsautor und Philip-Maloney-Schöpfer". Das mit dem "Malstrom" lass ich noch durchgehn, aber bei der Formulierung "von einem Buch vom Erfolgsautor" hätte das Lektorat oder sonst jemand mit Sprachgefühl ein Veto schreien müssen.

Ach, was soll's. "Zürich bei Nacht" ist gut, ein erstaunlich guter Kriminalroman. Soll heißen, ich hab gestaunt, nachdem dieser Roger Graf mich bisher mit seinem Philip Maloney genervt hatte. Mag sogar sein, daß ich 1996 in die ersten beiden Kapitel dieses Romans reingelesen hab und dann leider nicht darüber hinaus; diese beiden Anfangskapitel markieren eine Art Übergang, hier vollzieht Graf seinen Abschied vom blödelironischen Privatdetektivli.

Es folgt ein sehr guter Soziokrimi über Zürichs Subkultur der Penner, Drögeler, Ausreißer am Rand der und im Verhältnis zur normalbürgerlichen Gesellschaft. Aber in dem Roman steckt noch mehr: Marco Biondi überzeugt als Antiheld mit Marotten (Computer-Fußball), regelmäßigen depressiven Schüben, melancholischen Erinnerungen an die wilden Zürcher 80er, und vor allem mit einer immensen Fähigkeit, anderen Menschen zuzuhören und all diese gehörten Lebensgeschichten wieder zu erzählen, in die eigentliche Krimi-Erzählung einzuflechten - aber da sind wir ja genau gesehen schon wieder beim Autor: Respekt, lieber Roger Graf!


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KTB 28.-29.10.97 / Roger Grafs zweiten Roman um Marco Biondi gleich hinterhergeschoben. Auch hier schüttelt mir der Klappentext den Kopf: "Die Spannung ist kein Kalkül, sondern Teil einer den Leser fesselnden Strategie." Zürich war mal die Heimat des Dadaismus, fällt mir als Erklärung für solche Sätze nur ein.

Den Roman allerdings muß ich loben, der ist einfach gut, "Tanz an der Limmat" ist noch besser und reifer als "Zürich bei Nacht", das ist einfach sehr, sehr gut.

Wieder bewegt sich Marco Biondi durch Zürich, durch die Züricher und Schweizer jüngste Geschichte, und durch lauter einzelne Lebensgeschichten - viele der 40 Kapitel sind relativ abgeschlossen, entsprechen gerade Biondis Begegnung mit einer Person und deren Vita. Biondi besitzt kein Auto und raucht nicht (mehr); aber Alkohol trinkt er, und oft zieht er sich an den PC zurück in die virtuelle Welt seiner Fußball-Manager-Simulation. Er ist Schriftsteller, vor allem aber Zuhörer und Zuschauer, manchmal manövriert er sich in eine Rolle ähnlich der eines Psychoanalytikers, aber natürlich ist er dann jeweils nicht unbeteiligt, sondern menschlich, mitleidend, melancholisch.

Zeitlich siedelt Graf diesen Roman ein paar Jahre später als den ersten an. Biondi ist liiert mit der schönen Buchillustratorin Melanie, die er in "Zürich bei Nacht" kaum kennengelernt hatte und die wie er psychische Probleme hat. Schwer zu sagen, was ich mehr bewundere, die Ansammlung all dieser Menschen und Geschichten in einem komplexen Roman, der trotzdem als Krimi spannend bleibt und funktioniert, oder eben die Konstruktion, Roger Grafs Kunst und Sorgfalt beim Zusammenfügen zu einem Ganzen. Ein souveränes, rundes, reifes Werk. Der Erzähler läßt sich ruhig Zeit, schweift, wird aber nie weitschweifig oder abschweifend, und kitschig nur einmal im sechsten Kapitel. Erinnert hat mich Roger Grafs Schreibweise mal an Gunnar Staalesen, mal an Stephen Greenleaf, mal an Laurence Block ... - und er kann neben all diesen Größen bestehen.


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KTB 26.08.99 / Nehme mir die beiden neusten Bücher von Roger Graf zur Brust. Zuerst, mit einigem gutmütigen Wohlwollen, den brandneuen Story-Band "Philip Maloney - 30 rätselhafte Fälle" (HC bei Kein & Aber, 358 Seiten, DM 39,80). Nicht mein Ding.

Selbst mit Rücksicht darauf, daß das alles eigentlich kurze Radio-Hörspiele sind, die vormittags irgendwelche Hörerschaften billig unterhalten sollen, leg ich den schön gemachten Band nach der ersten Geschichte kopfschüttelnd wieder weg. Das hat keinerlei literarisches, sondern Dudel- und Blödelfunkniveau. Ja, das paßt zu unseren Radios. Dummfunk. Drecksfunk. Es tut körperlich weh, dran zu denken, was seit Anfang der 70er aus unserm ehemals politisch und musikalisch progressiven Sender SWF3 geworden ist. Vielleicht muß ich grad froh sein, das schweizerische Pendant DRS3 gar nicht erst empfangen zu können, wo allsonntäglich anscheinend "Philip Maloney" zum Besten gegeben wird.

Mir ist es ein völliges Rätsel, wie Roger Graf seit Jahren solches Zeug verzapfen kann und gleichzeitig die beiden Romane um Marco Biondi verfassen kann, "Zürich bei Nacht" und "Tanz an der Limmat", die für mich zu den besten deutschsprachigen Kriminalromanen der 90er zählen. Schizophren, der Gute?

Noch ganz fassungslos, lese ich schnell in seine andere Neuerscheinung rein, "Kurzer Abgang" (HC bei Kein & Aber, 196 Seiten, DM 28,-), laut Impressum eine Neuerscheinung vom Herbst 1998, die ich allerdings erst vor kurzem entdeckt und fürs UFO bestellt habe und jetzt endlich selber lesen kann. Gottseidank, das ist à la Biondi, nicht à la Maloney. Sehr gut, vielleicht einen Tick zu deutlich "literarisch", zu weit weg vom "einfachen Erzählen einer Geschichte", aber gut, und nur Müdigkeit verhindert, daß ich's gleich ganz les.

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KTB 27.08.99 / Vierte Krimi-Lesung abends im Innenhof des Adelhauser-Klosters. Roger Graf liest aus verschiedenen Büchern, längere Passagen, und läßt zwei fünfminütige Teile eines "Philip Maloney"-Hörspiels ausm Schweizer Radio vorspielen. Mit klammheimlicher Genugtuung registriere ich die sehr mäßige Begeisterung, ach quatsch, das überwiegende Ennuyement im Publikum ob dieser akustischen Peinlichkeiten. Haben die Schweizer einfach einen anderen Humor? Etwa, kaum wag ich's zu spezifizieren, einen einfacheren?

Auch Roger Graf scheint ein bißchen verlegen, als sich nicht schallendes Gelächter in den Freiburger Nachthimmel erhebt; im Rückblick staune er selber über den immensen Serienerfolg dieser "Philip Maloney"-Kurzkrimis, Hunderte von Folgen habe er in den letzten Jahren abliefern müssen, "Wahnsinn", sagt er kopfschüttelnd.

Und liest aus seinen Nicht-Maloney-Werken vor, bedächtig, mit schweizerischem Akzent und Singsang, mir sehr angenehm, aber das sind eigentlich Texte zum Selberlesen, beispielsweise rafft wohl kaum jemand beim bloßen Zuhören die Perspektiv- und Zeit- und Ort-Sprünge im vorgelesenen 10. Kapitel von "Kurzer Abgang". Oder?

Jedenfalls Roger Graf kein Show-Talent wie Gunter Gerlach oder Frank Sauer. Eine ziemlich typische Autorenlesung, außer für Literatur-Freaks eher langweilig als aufregend. Oder? - Mein Büchertisch diesmal doppelt so voll mit Angebot wie die letzten beiden Male, aber die Nachfrage hält sich heute in Grenzen, eine Handvoll Bücher und Audiobooks verkauf ich, dann räumen wir zusammen und verabreden uns noch für ein Bier im "Vorderhaus" der Fabrik. Die vier Bier mit Roger Graf und Veranstalter Martin Wiedemann büß ich dann mit einem leicht verkaterten Samstag im UFO.



   Link zu Roger Graf: www.rogergraf.ch/.  



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Jean-Christophe Grangé





KTB 02-05.07.98 / Kurz vorm UFO-und-Bastei-Fest noch'n Bastei-Krimi angefangen, und wie's so geht, bin ich nicht mehr davon wegzukriegen, bis ich ihn endlich ganz durch hab. Jean-Christophe Grangés "Der Flug der Störche" ist ein dicker und dick aufgetragener Abenteuerroman, ein brutaler Thriller. Es geht um eine mörderisch gefährliche Reise entlang der Fluglinie der Störche über den Balkan hinunter ins Herz der Finsternis, nach Zentralafrika - ja, das Buch hätt er eigentlich explizit Joseph Conrad widmen müssen. Ein Politthriller auch, immer wieder ansatzweise, aber vor allem ein fesselnder Action-Thriller, hochspannend durch mehrere unheimliche Rätsel und Geheimnisse, und Grangé schreckt auch vor grauenhaften Horror-Effekten nicht zurück.

Nichts für schwache Nerven und empfindliche Mägen, und ob an der Story insgesamt vieles nur starker Tobak oder schlicht Humbug war, will ich jetzt gar nicht auseinanderklamüsern. Jedenfalls hat mich schon lang kein Buch mehr so gepackt und gebeutelt. Und, ach du Schreck, Anfang September erscheint schon Grangés zweiter Roman "Die purpurnen Flüsse"! Wieder zuerst als HC bei Ehrenwirth, wieder übersetzt von Barbara Schaden, die ihre Sache bei den "Störchen" gut gemacht hat, und der Verlag wirbt jetzt schon mit dem Spruch: "Drei Leichen. Zwei Fälle. Atemberaubende Spannung.", und mit einem Zitat aus LE FIGARO: "Der beste Thriller seit »Das Schweigen der Lämmer« ... - ja, das kann ich mir vorstellen!


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Insgesamt hatte Diane Thiberge genau achtundvierzig Stunden zur Verfügung.
   Vom Flughafen Bangkok musste sie mit einem Inlandsflug nach Phuket weiterreisen und von dort aus mit einem Leihwagen in nördlicher Richtung nach Takuapa an der Küste der Adamanensee fahren. Dort würde sie eine kurze Nacht im Hotel verbringen und sich um fünf Uhr morgens wieder auf den Weg machen, immer weiter nach Norden.

   Jean-Christophe Grangé, "Der steinerne Kreis"  

KTB 11.02.02 / Aller guten Dinge sind drei? - Nach "Der Flug der Störche" ("Le vol des cigognes", 1994) (KTB 02.-05.07.98) und "Die purpurnen Flüsse" ("Les rivières pourpres", 1997) (KTB 19.08.98) erschien jetzt, wieder als HC bei Ehrenwirth, also wird auch hiervon zwei Jahre später die TB-Ausgabe bei Bastei Lübbe kommen, Jean-Christophe Grangés dritter Hochspannungsroman "Der steinerne Kreis" ("Le concile de pierre", Paris 2000; wieder aus dem Französischen übersetzt von Barbara Schaden).


Spannend, ja. Aber viel mehr Positives kann ich guten Gewissens kaum drüber sagen. In seinem dritten Streich verschenkt und versäumt Grangé so viele Möglichkeiten, und vermag er all seine hochinteressanten aufreizenden Ingredenzien so wenig zu einem Ganzen zu amalgamieren, dass dieses Mal definitiv der Ärger überwiegt, bereits während der Lektüre.


Seine ersten beiden waren tolle Thriller, mit nicht ganz so tollem Finale und leichtem Nachgeschmack von Humbug und Bloß-jetzt-nicht-anfangen-ernsthaft-drüber-nachzudenken. "Der steinerne Kreis" nun ist ein nicht ganz so toller Thriller, mit ärgerlichem Finale und penetrantem Nachgeschmack von Bullshit und Siehste-hättste's-doch-lieber-nach-der-Hälfte-weggelegt.


Abstrus, hanebüchen, kolportagehaft zusammengehauen, effekthascherisch, eine heillos rasende und ratternde Spannungsmaschine. Ein hochtouriger Thriller, der irgendwie überzüchtet wirkt. Oder überwürzt. Und was mich zugegebenermaßen mit am meisten ärgert: ein Phantastik-Roman, definitiv kein Krimi mehr. Ein Hardboiled-Schamanismus-Hightech-Parapsycho-Eso-Actionthriller. Turbo-Hohlbein, quasi.


Als Realismus fordernder Krimi-Fan fühlt man sich an der Nase herum, in die Irre geführt. Nix gegen solche Knaller als zweistündiges Kino-Leinwand-Spektakel, mit Bier und Popcorn. Aber zwei lange Abende so einen Mist zu lesen, das ärgert.



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Sylvie Granotier

Vier Uhr. Zeit der Ratten und jener Menschen, die ihnen ähneln. Nachtaktives Ungeziefer. Fressen und Gefressenwerden. Der da schien ein ziemlich großes Exemplar zu sein, doch zu dieser Stunde fehlen einem die Vergleichsmöglichkeiten. Er kam aus der Passage, die in die Rue Meslay mündete, sah sich nach allen Seiten um, schulterte mit einem Ruck das leblose Etwas an seiner Seite und schwankte damit die Rue Notre-Dame-de-Nazareth entlang. Weit und breit keine Seele, kein Bulle, noch nicht einmal eine Taube. Der Umtriebige lud seinen siamesischen Zwillingsklumpen schließlich in einer Einfahrt ab, vor einem Eisentor, obwohl da Parken verboten war. Er atmete einmal tief durch, band die sorgfältig auf seinem Rücken festgeschnürten Pappen los und deckte damit die abgeworfene Last zu. Mit eingezogenem Kopf und gespanntem Blick wartete er noch ein paar Sekunden und verschwand dann dahin, wo er hergekommen war, ohne weiter auf seine Umgebung zu achten.
   Sylvie Granotier, "Pulp in Gips" ("Pulp" # 3)  
   Original: "Comme un coq en plâtre"  
   ("Le Poulpe" # 28; Unterreihe "Cheryl & Le Poulpe")
 


Kolumne zur Krimireihe "Pulp", 1998 / Im ersten Kapitel überfährt der Werkstattbesitzer Crusonnier im morgendlichen Tran einen toten Penner und findet wenig Trost im Gejammer seiner Frau: "Also das ist ja was, nein. Also das ist ja, also so was." Im zweiten Kapitel eine herrliche Kneipenszene (Pulp im "Au pied"); im dritten eine ebenso lustige Friseusenszene (Cheryl in ihrem Laden); und so fort. Kurz gesagt, der dritte Pulp ist ein wahres Feuerwerk und gefiel mir bisher von allen am besten. Schwungvoller und amüsanter, ohne auf Gesellschaftskritik ganz zu verzichten (Thema Obdachlose und Bettler, und die Frage, wie sich verhalten ihnen gegenüber).

Die Nebengeschichte, wie Pulp auf Léons Hundescheiße ausrutscht, daher nämlich sein Gips, wie der Hund dies alles geplant hat, wie ihn dann aber das schlechte Gewissen packt aus Angst, Pulp wäre tot, und wie die beiden sich schließlich wiederbegegnen - wunderbar! Eine sehr armenfürsorgliche Omi und ihr tumber Begleiter "Chirac" sind die Schlüsselfiguren zum eigentlichen Fall der tödlichen Insulin-Injektionen, und wie ihn Cheryl löst anstelle von Pulp, das parodiert sehr schön Hitchcocks "Fenster zum Hof". Shakespeare-Zitate ziehen sich durch den Romantext, bis Romeo und Julia gemeinsam in die Seine gehen, so daß sich Leser und Romanfiguren ständig fragen, woraus denn die und die Formulierung schon wieder stammt. Mitreißend, turbulent, deftig, burlesk ... - bravo, Sylvie, bravo!


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Montag, den 6. November, hat mir morgens Freddy das Klatschmaul erzählt, daß ich gerade ermordet worden sei.
   Freddy ist kein Kumpel, er ist lediglich einer aus dem Viertel. Seine Nächte verbringt er mit der Suche nach einem Heilmittel gegen die Einsamkeit, wie er sagt, Heilmittel in Form von Sex, wie ich erklärend hinzufügen möchte. An dem Tag, an dem er mich dafür ausgesucht hat, hat er mich gefunden, aber glauben sie ja nicht, daß er sich noch daran erinnern kann. Auf der Straße verblaßt mit der Zeit alles, man könnte meinen, daß sich die Erinnerung ohne Dach über dem Kopf in Luft auflöst. Kurz und gut, Freddy besucht mich weiterhin, und ich empfange ihn weiterhin. Nur, wie schon gesagt, ein Kumpel ist er nicht.

   Sylvie Granotier, "Dodo"  

Kolumne zur "Noir"-Reihe beim Distel Verlag, 2001 / Auf Sylvie Granotiers "Dodo" war ich genau so gespannt wie auf Pascale Fonteneaus "verlohrene Söhne". Denn mit "Pulp in Gips" hatte auch Sylvie Granotier schon einen komödiantischen Frauenkrimi vorgelegt, einen gelungenen "roman noir et rose".

Das Leichte, Humorige wird hier nun etwas zurückgenommen, man lasse sich vom saloppen Erzählton und handfesten Witz am Anfang nicht täuschen. "Dodo" kombiniert Roman Noir, Frauenkrimi, Sozialkritik, Psychothriller, melodramatische Liebestragödie und verspätete Aufdeckung einer teuflischen Intrige. Bisweilen hart am Rand zu Kitsch und Kolportage (Das Gegensatzpaar von Dorothées zwei Liebhabern! Die Wahrheit um Pauls Tod! Der gemeinsame Sohn!), wird "Dodo" insgesamt gerettet eben durch herben Witz, durch Tempo, Spannung, Atmosphäre und geschickte Erzählkonstruktion.


Die zur Säuferin und Pennerin Dodo heruntergekommene Dorothée Mistral, einst "eine Edeltussi, Typ Topmodel, Geld wie Heu" (Seite 29), wird aus ihrem Dahinvegetieren aufgeschreckt durch zweierlei. Durch ein Gespenst: Sie glaubt, im Straßengewühl die Stimme ihres früheren Geliebten Paul erkannt zu haben, den sie allerdings vor zwanzig Jahren ermordete. Und durch mehrere heutige Morde, die wahrscheinlich mit ihr und ihrer Vergangenheit zu tun haben. Um nicht verrückt zu werden, muss Dodo sich Klarheit verschaffen, Nachforschungen anstellen, auch in ureigener Sache: War Paul damals etwa mit dem Leben davon gekommen?!?


Sie erzählt ihren Straßenkumpaninnen Sally und Quasimadame die Geschichte ihres damaligen Lebens, halb widerwillig und von den beiden anderen Pennerinnen auch halb widerwillig angehört; zudem häufig unterbrochen von alltäglichen Notwendigkeiten, so dass wir diese stilistisch gehobenere Ich-Erzählung innerhalb der Ich-Erzählung wie einen mündlichen Fortsetzungsroman lesen, kursiv gedruckt. Um die damals Beteiligten ausfindig zu machen und zur Rede zu stellen, verwandelt sich Dodo schließlich, zumindest zeitweise, in Dorothée Mistral zurück ...


"Dodo est un personnage magnifique", notierte LES CRIMES DE L'ANNEE. Dem kann ich nur zustimmen. Allerdings waren Obdachlose für mich kein neues Krimi-Sujet, war auch Dodo als Hauptfigur für mich nicht mehr so absolut originell. (Starke Romane, nicht nur in dieser Hinsicht: Thomas Adcocks "Hell's Kitchen"; Sara Paretskys "Geisterland"; Rosemary Auberts "Falsche Versprechen"; Helmut Kraussers "Fette Welt"; ... und bestimmt noch einige, die mir jetzt nicht einfallen. Nicht schlecht war auch Lora Roberts' Frauenkrimi "Der Mörder von nebenan". Und ein starkes Stück Literatur ist wahrscheinlich auch Astrid Paprottas "Der Mond fing an zu tanzen".)


Außerdem, weiterer Wermutstropfen, hab ich ihr die den Morden (und Dorothées Abstieg zur Pennerin) zu Grunde liegende Story nicht ganz abgekauft. Sylvie Granotier trägt mir da etwas zu dick auf, treibt's mit Melodrama und Intrigen etwas zu weit. Grad so weit, dass ich dann auch am Realismus aller ihrer Figuren und des beschriebenen Pennerlebens zu zweifeln beginne. Mit allzu Unglaublichem und Sensationellem hat sie mir diesen starken Kriminalroman also etwas vergällt - oder verzuckert, so wie man selbst den stärksten, besten, aromatischsten Kaffee mit etwas zu viel Zucker wieder verderben kann.



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Stephen Greenleaf

KTB 18.04.97 / Den Januar dieses Tagebuchs in den PC gehauen, aus meinem handschriftlichen Geschmiere. Vier Seiten, größtenteils tatsächlich für Außenstehende lesbar; hat natürlich was Exhibitionistisches, man blamiert sich auch mit solchem Blabla, aber was soll's.

Abends den neuen Greenleaf, "Kreuz des Südens", Frühjahrsneuheit bei Haffmans, Untertitel "Ein John-Marshall-Tanner-Krimi". (Übrigens der Name von Schimanskis Partner eine Hommage an Greenleaf?)

Was die ersten hundert Seiten betrifft, grenzt "Krimi" an Etikettenschwindel. Melancholischer Klassentreffen-, Erinnerungs-, Midlife-Crisis-, und teils wohl autobiographischer Roman. Dann politischer Roman, Liberalismus contra Rassismus, Tanner kommt als Kalifornier in die Südstaaten, in den sogenannten Neuen Süden. Anfangs scheint es nebensächlich, daß Hauptfigur und Erzähler John Marshall Tanner von Beruf Privatdetektiv ist.

Ein enger Schulfreund Tanners, engagiert in der Bürgerrechtsbewegung und als Anwalt von Farbigen, bekommt Drohbriefe und bittet Tanner um Hilfe. Tanner hat selber seine persönlichen Probleme mit der Vergangenheit; Greenleaf verknüpft ständig persönliche Vergangenheiten und Lebensgeschichten mit der Vergangenheit, der Geschichte des Landes: Um das heillose Heute zu begreifen und zu ändern, so sein Credo, muß man sich klarmachen, was war, und wie und warum alles so geworden ist.

Tanner bleibt ein Fremdling im Süden, wie wohl auch für Greenleaf der Süden fremd bleibt, faszinierend und unheimlich, anders, eine andere Kultur, eine andere Sicht der Geschichte, andere Menschen. Manches aber ist allgemein menschlich - für Greenleaf, wie für viele Privatdetektivautoren seit Chandler, steckt hinter Haß und Intrigen und Verbrechen selten Politisches oder Religiöses, Ideale, Überzeugungen, sondern meist Persönliches, verkorkste Lebensläufe, verpaßte Chancen, gescheiterte Beziehungen, fatale Mißverständnisse, neurotische Familienstrukturen, uralte Vorwürfe sich selbst oder anderen gegenüber, wunde Punkte in der Lebensgeschichte, nie bewältigte Teile der persönlichen Vergangenheit.

Das Buch hinterläßt den Eindruck, Greenleaf weiche einer wirklichen Rassismus-Diskussion aus ins Individualpsychologische, es fehle ihm dazu der Mut zum "Think big!", zum soziologischen und politischen Denken, das heißt letztlich auch zur Kritik am Kapitalismus. Gut gemeint, und sowohl als psychologischer Roman wie auch als politischer Roman gedankenanregend, aber in der Grundstimmung pessimistisch, mutlos, hoffnungslos, und beinahe trostlos.

Soweit man als Krimi-Leser die politischen Passagen nicht als störenden Ballast empfindet und sich einlassen kann auf diverse traurige Lebensgeschichten, lohnt sich "Kreuz des Südens" als Detektivroman und als "Yankee-im-Süden"-Roman. Stephen Greenleaf galt auch mir immer als einer der stilistisch überzeugendsten Chandler-Nachfolger. "Southern Cross", das Original erschien 1993, hat mich nun insgesamt noch weniger befriedigt als zuvor "Blutgruppe" ("Blood Type", 1992; deutsch als "Haffmans Entertainer"). Er wird wohl einfach alt. Oder ich. Oder wir beide.



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Christoph Güsken


KTB 10.03.98 /
Nach Feierabend was Leichtes, was Lustiges: den dritten Krimi von Güsken gelesen (TB bei Grafit). "Mörder haben keine Flügel" heißt er, und der Titel stimmt sogar, denn nicht der Besitzer des Mordsinstruments hat einen Detektivkollegen von Bernie Kittel damit zerquetscht. Außerdem verbeugt sich Güsken mit so einem Titel vor dem Klassiker "Tote tragen keine Karos" und gibt somit gleich den richtigen sachdienlichen Hinweis, wes Geistes Kind er ist. Harmloses & nettes Gealbere, wie man's sonst eigentlich eher von Frauen für Frauen kennt, z.B. aus der bonbonbunten ECON-Frauenkrimireihe. Ein besonderes Schmankerl (und leider auch im UFO aktuell) die S.40-42 und 81-87, wo Bernie Kittel in einer kleinen Buchhandlung den Ladendetektiv spielen soll ...


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KTB 06.04.99 / Christoph Güskens brandneuen Grafit-Krimi "Angsthase, Pfeffernase" verschlungen, mit Begeisterung. Das wird mein Tip des Monats! Tatsächlich tipp ich dazu den folgenden Text für die LIBRI-Homepage; als deren Partner-Buchhandlung darf das UFO nämlich neuerdings monatlich ein paar Buchtips abgeben, Pitt macht das für die Phantastik (der Arme!) und ich eben für die Krimis. "Roberts Krimi-Tip # 1" auf der LIBRI-Homepage ist die Crime-Nummer vom WESPENNEST, # 2 ist Westlakes "Freisteller", und # 3 also Güskens "Angsthase, Pfeffernase":


Vorsicht, schwarzer Humor! Solch starken Tobak, solch harten Stoff hätte ich dem Krimi-Komiker Christoph Güsken nicht zugetraut: "Angsthase, Pfeffernase" ist krimipreisverdächtig!

"10 Jahre GRAFIT", posaunt das aktuelle Verlagsprospekt, "das ist mehr und mehr zum Synonym für spannende und witzige Unterhaltung in Originalausgaben deutschsprachiger KrimiautorInnen geworden." - Stimmt. Die stetige und solide Arbeit der Dortmunder wird denn auch mit Erfolg belohnt. Ard/Junges klassische Kriminalsatiren um das "Ekel von Datteln" kennt man; Jacques Berndorf machte die öde Eifel zur deutschen Kr