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Joeys
Krimi-Kritiken 


 

Hier finden Sie die gesammelten Krimi-Kritiken von Joachim "Joey" Schneider.

Vor allem diejenigen Texte, die er von Januar 2002 bis Januar 2006 für seine Krimi-Kolumne in der
Badischen Zeitung (BZ) schrieb, mehr oder weniger regelmäßig alle vier Wochen im Wochenend-Magazin.

Nun, nach dreijähriger Pause (was ich nicht kommentieren will), bringt die BZ seit Anfang 2009 endlich wieder Joeys Krimi-Kritiken, hat er also seine Kolumne wieder - eine Freude für alle kritischen Krimi-Fans, denn Joeys Texte haben Hand und Fuß, und sie sind über den Tag hinaus haltbar.

Das Erstaunliche (für mich, der ich seit zwei Jahrzehnten im Krimi-Genre versumpft bin als Buchhändler, Leser und Kritiker) ist ja bei Joey, dass seine prägnanten Krimi-Kritiken eigentlich nicht das Eigentliche sind - für ihn. Eigentlich ist er eher Musik-Experte, schreibt als solcher auch immer wieder in der BZ und anderswo ... - Beispiel gefällig? Bitte sehr: Joey über Get Well Soon.

Einen Kontakt zu ihm vermitteln wir jedenfalls gerne.

Robert Schekulin, im Mai 2009

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Hier die Links zu Joeys
neueren Texten in der BZ:

BZ 28.08.2010 / Keine Lust auf Theater:
Hansjörg Schneiders "Hunkeler und
die Augen des Ödipus"


BZ 31.07.2010 / Tango und Sarkasmus:
Guillermo Orsis "Im Morgengrauen" und
Ariel Magnus' "Ein Chinese auf dem Fahrrad"


BZ 26.06.2010 / Nichts ist, wie es war:
Deon Meyers "13 Stunden"

BZ 05.06.2010 / Kriminalliteratur und Fußball:
Edi Grafs "Bombenspiel" und Kurt Lanthalers "Grobes Foul"

BZ 30.04.2010 / Besonnene Ermittler:
Richard Thiess' "Mordkommission" und Marko Kilpis "Erfrorene Rosen"

BZ 27.03.2010 / Wenn der Arzt kommt:
"Schneller als der Tod": Josh Bazells rasantes Debüt

BZ 27.02.2010 / Kampf ums Überleben:
Mord und andere Abgründe im amerikanischen Süden
Gillian Flynns "Finstere Orte" und William Gays "Ruhe nirgends"

BZ 30.01.2010 / Bedrohliche Risse:
Zwei neue Krimis aus dem Berliner Pulp Master Verlag
Angelo Petrellas "Nazi Paradise" und Jim Nisbets "Dunkler Gefährte"


BZ 19.12.2009 / Der brave Polizist Joe:
Kurt Barcharz' "Cowboy Joe" und Gerald Kershs "Ouvertüre um Mitternacht"

BZ 07.11.2009 / In Parallelwelten:
Harri Nykänens "Ariel. Mord vor Jom Kippur" und Erich Schütz' "Judengold"

 



Mehr Links zu
Joeys Krimi-Kritiken



BZ 02.10.2009 / Sadistisches Superhirn:
Chris Mooneys "Scream" und Don Winslows "Frankie Machine"

BZ 01.08.2009 / Etwas läuft schief:
James Sallis' "Dunkle Schuld" und Theresa Schwegels "Das Gesetz der Spinne"

BZ 27.06.2009 / Gepiercte Tiefkühlkost:
Simon Lewis' "Bad Traffic" und Stuart MacBrides "Blut und Knochen"

BZ 30.05.2009 /
In der Army oder tot:
Suhrkamp bringt eine neue Krimireihe heraus
Christian Dorphs & Simon Pasternaks
"Der deutsche Freund" und Kathryn Miller Haines' "Miss Winters Hang zum Risiko"

BZ 19.05.2009 / Keine Spur von Krise:
Zehn Jahre "Geschmackspolizei" ((Satire-Veranstaltung))

BZ 16.05.2009 / "Du schmeißt dein Leben weg, weil es dir egal ist":

Bommi Baumanns autobiographisches Buch "Rausch und Terror" (Lesung mit Co-Autor Christof Meueler in Freiburg)


BZ 25.04.2009 / Elegie auf eine Stadt:
Kenneth Abels "Die Flut" und Nik Kohns "Triksta. Leben, Tod und Rap in New Orleans"

BZ 02.04.2009 / "Ich bin nicht boshaft": 
BZ-Interview mit Uta-Maria Heim über ihren neuen Roman "Wespennest" (Anlass: Lesung in unserer Buchhandlung)

BZ 26.03.2009 / Marlowes Vater:
Zum 50. Todestag von Raymond Chandler

BZ 21.03.2009 / Seltsame Entführung:
Andrea Maria Schenkels "Bunker" und Ryu Murakamis "Piercing"

BZ 21.02.2009 / Von Ratten und Wespen:
Uta-Maria Heims "Wespennest"

BZ 22.11.2008 / Wie auf einer Geisterbahn inszeniert:
Podiumsdiskussion "Wie funktioniert ein Krimi in den verschiedenen Medien – Literatur, Radio, Film?"

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Joeys ältere Krimi-Kritiken # 1
(Texte siehe unten!)



05.01.2002: Kurt Lanthaler, “Grobes Foul”, “Der Tote im Fels”, “Herzsprung”, “Azzurro”

02.02.2002: Liza Cody, “Was sie nicht umbringt”  /  “Eva sieht rot”

16.03.2002: Jean-Bernard Pouy, "Die Schöne von Fontenay"  /  "Papas Kino"

April 2002: Thomas Glavinic, “Der Kameramörder”

25.05.2002: “Lexikon der deutschsprachigen Krimi-Autoren” (Redaktion Angelika Jockers, Mitarbeit Reinhard Jahn)

06.07.2002: Gilles Mebes, “Nacht auf der Haid”

10.08.2002: Charles Willeford, “Miami Blues”

31.08.2002: Martin Schüller, “King”

Oktober 2002: Christian von Ditfurth, “Mann ohne Makel”

02.11.2002: Jean-Patrick Manchette, "Tödliche Luftschlösser", "Westküstenblues"

14.12.2002: Jason Starr, “Ein wirklich netter Typ”, “Die letzte Wette”

Januar 2003: Wolf Haas, “Wie die Tiere”

01.03.2003: Friedrich Ani, “Süden und die Frau mit dem harten Kleid”, “Süden und der Straßenbahntrinker”, “Süden und das Geheimnis der Königin”

17.05.2003: Birkefeld & Hachmeister, “Wer übrig bleibt, hat Recht”

05.07.2003: Laura Lippman, “Baltimore Blues”  /  Susanna Moore, “Aufschneider”

16.08.2003: Nury Vittachi, “Der Fengshui-Detektiv”  /  Stan Jones, “Gefrorene Sonne”

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Joeys ältere Krimi-Kritiken # 2

(Texte siehe unten!)



11.10.2003: Buddy Giovinazzo, “Potsdamer Platz”  /  Detlef B. Blettenberg, “Berlin Fidschitown”

08.11.2003: Ulrich Wickert, “Der Richter aus Paris”  /  Markus Starck, “SexDotCom”

10.01.2004: Frédéric H. Fajardie, “Rote Frauen werden immer schöner”  /  Wolfgang Mock, “Der Flug der Seraphim”

21.02.2004: Jasper Fforde, “Der Fall Jane Eyre”

27.03.2004: Pete Hautman, “Alte Säcke auf Abwegen”  /  Bernice Rubens, “Das Wartespiel”

24.04.2004: Norbert Horst, “Leichensache”  /  Robert Hültner, “Das schlafende Grab”

29.05.2004: Achille F. Ngoye, “Schwarzes Ballett in Château-Rouge”  /  Chantal Pelletier, “More is less”  /  Konop, “Kein Kaddisch für Sylberstein”

10.07.2004: Marion Schwarzwälder, “Backstage”  /  Martin Schüller, “Verdammt lang tot”

31.07.2004: Pentti Kirstilä, “Tage ohne Ende”  /  Harri Nykänen, “Raid und der Legionär”

12.08.2004: Was heißt hier Krimi? - BZ-PORTRÄT: Kultautor Gunter Gerlach kommt nach Freiburg 
((
Artikel außerhalb der Reihe; am 04.08.2010 nachträglich eingefügt))

04.09.2004: Garry Disher, “Willkür”  /  Jonathan Lethem, “Der kurze Schlaf”

23.10.2004: Qiu Xiaolong, “Die Frau mit dem roten Herzen”  /  Stan Jones, “Schamanenpass”

13.11.2004: Dominique Manotti, “Hartes Pflaster”

15.01.2005: Ridley Pearson, “Die letzte Lüge”  /  Joseph Finder, “Goldjunge”

19.02.2005: Thomas Perry, “Der finale Schuss”  /  Martina Mainka, “Satanszeichen”

02.04.2005: Jerome Charyn, “El Bronx”  /  Jason Starr, “Twisted City”

28.05.2005: Fred Vargas, “Der vierzehnte Stein”  /  Horst Eckert, “617 Grad Celsius”

25.06.2005: Rolo Diez, “Hurensöhne”  /  Peter-Paul Zahl, “Kampfhähne”

26.07.2005: Donald Westlake, "Der Freisteller" ((Kurzkritik außer der Reihe))

30.07.2005: Joseph Hansen, “Nachtarbeit”  /  Thomas King, “DreadfulWater kreuzt auf”

27.08.2005: Paul Ott, “Mord im Alpenglühen”   /   Dominik Strebel & Patrik Wülser (Hg.), “Mordsspaziergänge”  /  Thomas Bremer & Titus Heydenreich (Hg.), “Zibaldone” # 39  /  Aktion Dritte Welt e.V. & informationszentrum 3. Welt (Hg.), “iz3w” # 286

01.10.2005: Qiu Xiaolong, “Schwarz auf Rot”  /  Norbert Horst, “Todesmuster”

12.11.2005: Pentti Kirstilä, "Nachtschatten"  /  Michael Chabon, "Das letzte Rätsel"

17.12.2005: Wolfgang Schorlau, “Das dunkle Schweigen”  /  Didier Daeninckx, “Statisten”

28.01.2006: Ottavio Cappellani, “Wer ist Lou Sciortino?”  /  Mark Winegardner, “Der Pate kehrt zurück”


15.03.2006: Carmen Posada, "Kleine Infamien"
((Kurzkritik außer der Reihe))


12.07.2006: Jogvan Isaksen, "Endstation Faröer"
((Kurzkritik außer der Reihe))


24.08.2006: Edwin F. Gantert, "Je friedlicher die Fassaden, desto tiefer die Abgründe" ((Buchbesprechung zur Lesung))


Der Sonntag, 12.10.2008: Jean-François Vilar, "Die Verschwundenen" ((Lesetipp auf Buchmesse-Sonderseite))


31.01.2009: Mike Walters, "Blutiger Schnee"  /  John Harvey, "Verführung zum Tod"

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Badische Zeitung, 05.01.2002

Tschenett auf der Flucht:
Die Krimis von Kurt Lanthaler

Manchmal scheint es so, dass selbst der Lanthaler vom Tschenett die Schnauze voll hat. Dann lässt der Schriftsteller seinen Helden am Rand eines Hafenbeckens Beine baumelnd überlegen, ob er nicht ins Wasser gehen sollte. Oder er lässt ihn einen verschneiten Hang am Brenner hinunterpurzeln. Nun ist es endlich geschafft, denkt der lebensmüde Tschenett erleichtert - und der Leser denkt es auch. Aber so einfach kommt keiner aus der Geschichte, weder der Tschenett noch der Leser. Schneeausspucken, dann einen Schnaps für die arg strapazierten Lebensgeister.

Es ist schon eine seltsame Figur, die der 1960 in Bozen geborene Kurt Lanthaler erfunden hat und die er in einem schnoddrigen Ton erzählen lässt. Der Name Tschonnie Tschenett riecht ein bisschen nach Schmalspurganove, doch der Sohn eines Carabiniere entpuppt sich als wahrer Tramp und Weltbürger, aber auch als Macho und Quartalssäufer. Zum Lebensunterhalt fährt er Truck, manchmal auch zur See. Das ist aber alles andere als romantisch, sondern schlecht bezahlt und am Rande der Legalität. Meistens stecken kriminelle Machenschaften hinter seinen Jobs, in die er geradezu arglos hineinschlittert, um prompt über eine Leiche zu stolpern.

Die erste liegt noch unentdeckt im nahen Wald, als Tschenett einen zugedröhnten italienischen Fußballstar nachts auf der Straße aufliest. Schon steckt er in einer üblen Geschichte um Erpressung, Drogenhandel, alte faschistische Verstrickungen. Und das alles inszeniert von den Dorfhonoratioren in einem Touristenörtchen unweit des Brenners, wo sich Tschenett für ein paar Jahre niedergelassen hat.

Da die Geschichte (“Grobes Foul”) einigermaßen glimpflich ausgeht, klaut er in “Der Tote im Fels” einen Koffer, der bei Tunnelarbeiten mit einer Leiche aus dem Berg gesprengt wird. Aber das Detektivspielen geht gründlich in die Hose, die alten und neuen Nazis, die beim Jahrhundertprojekt “Brennerbasistunnel” ihren Reibach machen wollen, sind eine Nummer zu groß für den Möchtegernschnüffler. Fortan ist Tschenett auf der Flucht. Vor sich selber, vor der Ersatzmutter Berta, einer betagten Wohnzimmerkneipen-Wirtin, vor Totò, seinem süditalienischen, heimwehkranken Freund bei der Staatspolizei. Was als schrullig brutale Provinzfarce begann, nimmt seinen Lauf als Episodenroman, als Roadstory. Und spätestens hier wird klar, wie präzise Lanthaler, der in Berlin und in Eppan (Südtirol) lebt, mit seinen Figuren und Schauplätzen umgeht - wie genau die Geschichten recherchiert sind: Sei es in “Herzsprung”, in dem es sehr realistisch um Zigarettenschmuggel im großen Stil geht, oder sei es im neuesten Band “Azzurro”. Dort wird gleich ein ganzer Staat, nämlich Albanien, von der längst globalisierten Mafia gekauft, ein Journalist liefert die dazugehörige Verschwörungstheorie.

Tschonnie Tschenett ist eine Figur, die in einer aus den Fugen geratenen Welt erst die Augen schließt und der sie dann gewaltsam geöffnet werden. Über seinen seltsamen Charakter liegt übrigens im Netz ein psychiatrisches Gutachten aus Freiburg vor (www.provinz.bz.it/sav/Lanthaler.htm). Doch ob Schizo oder nicht, man darf gespannt sein, was für eine haarsträubende Geschichte der Tschenett das nächste Mal auf Lager hat. Sein letzter bekannter Aufenthaltsort ist übrigens Thessaloniki.

- Kurt Lanthaler: Grobes Foul; Der Tote im Fels; Herzsprung; Azzurro. Alle als Taschenbuch im Diogenes Verlag, je 9,90 Euro.
 
  

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Joachim Schneider

 

 

 

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Badische Zeitung, 02.02.2002
 

Die Londoner Killerqueen:
Krimis von Liza Cody

 

Ein paar wenige mögen Eva Wylie, das “gemeine Kampfschwein”: Harsh, ein Catcher “aus irgendeinem Kanakenland”, versorgt seine Kollegin ab und an mit fernöstlich angehauchten Weisheiten, die sie nicht versteht. Anna Lee, eine etablierte Privatdetektivin - der Leser kennt sie vielleicht als frühere, feministische Serienheldin von Liza Cody -, versucht der Außenseiterin und Autodiebin mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Doch Eva kann die Schnüfflerin nicht ausstehen: “einmal Bulle, immer Bulle”. Für die misstrauische Einzelkämpferin ist sie schlicht die “Feindin”.

“Vertrauen ist schlecht, Kontrolle ist alles”, könnte das Motto von Eva Wylie lauten, gekritzelt an ihr Heim, einen aufgebockten Wohnwagen. Der steht auf einem Schrottplatz, den sie nachts mit zwei Kampfhunden bewacht. Die Bestien hat sie selbst abgerichtet, sie gehorchen ihr aufs Wort, wobei der kluge Ramses nur darauf wartet, dass sie Schwäche zeigt. Mit ihm weiß sie umzugehen: Hunde hat sie unter Kontrolle.

Sonst scheint alles aus den Fugen zu geraten. Angefangen mit ihrem Körper: Als “groß und hässlich” bezeichnet sie sich selber. Die Zähne sind schief und tun weh. Die Mutter, “eine Schlampe und Trinkerin”, verleugnet ihre monströse Tochter. Seit Jahren schon sucht Eva verzweifelt ihre hübsche Schwester, die direkt aus dem Erziehungsheim wegadoptiert wurde. Noch dazu steckt die Self-Made-Catcherin ständig in der Bredouille - durch ihre Blauäugigkeit und ihr loses Mundwerk.

Im ersten Roman “Was sie nicht umbringt ...” gerät sie zwischen die Fronten eines Bandenkrieges, weil sie als Botengängerin nichtsahnend eine Plastiktüte mit einer Bombe in einem Lokal abstellt, im Folgeband “Eva sieht rot” soll das Kraftpaket ein paar Prostituierten Selbstverteidigung beibringen, was natürlich einen Rattenschwanz von Ärger nach sich zieht. Allein das Catchen und das Training helfen, Evas Wut und ihre Kraft in vernünftige Bahnen zu lenken. Im Ring kennt die “Londoner Killerqueen” sich aus, dort kennt sie alle Regeln und Tricks, dort beherrscht sie, “die schwarzgekleidete Böse”, das Spiel zwischen Schein und Sein. Nicht so im richtigen, komplizierteren Leben.

Einerseits verblüffend bauernschlau, andererseits abgründig naiv erzählt hier eine gut 20-Jährige von ganz unten in schnoddriger Sprache und nicht ohne Komik, wie sie sich durchschlägt: Ein großes Schandmaul, das noch jeden vor den Kopf stößt, ein riesiges, jähzorniges Rumpelstilzchen im London des Schlamms und der fauligen Hinterhöfe, der Nutten und Penner, der Kleingangster und Chauvis. “Garantiert lachst du dich schon die ganze Zeit tot über diese bullige Frau, die sich noch bulliger und härter macht.” Nein, kein Leser lacht Eva Wylie aus. Im Gegenteil: Liza Codys sehr individuelle Heldin, die ganz nebenbei das Krimigenre und jegliches Rollenklischee sprengt, sei es geschlechter- oder klassenspezifisch, bekommt den Respekt, den sie verdient. Als Goldmann-Taschenbücher schon einmal veröffentlicht und fast vergessen, hat sich nun Ariadne der kleinen Reihe angenommen. Der dritte und letzte Band erscheint im März, da geht es um Falschgeld. Schon wieder Pech für Eva, aber es schimmert auch ein wenig Hoffnung am Horizont.
 

- Liza Cody: Was sie nicht umbringt; Eva sieht rot. Aus dem Englischen von Regina Rawlinson. Ariadne-Krimi im Argument Verlag, je 9,50 Euro. 

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Joachim Schneider

 

 

 

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Badische Zeitung, 16.03.2002

Das letzte Fünkchen Moral:
Krimis von Jean-Bernard Pouy


Plötzlich ist er da, der Tod - aus heiterem Himmel ist ein Mord geschehen. Ein junges Mädchen schwimmt in einer wassergefüllten Regentonne eines Schrebergartens, die Witwe eines schrulligen Filmesammlers wird in ihrem Pariser Vorstadthäuschen erschlagen. Brutal und unvermittelt konfrontiert Jean-Bernard Pouy seine Figuren mit der extremen Situation. Seltsamerweise ist der Tod in seinen Kriminalromanen "Die Schöne von Fontenay" und "Papas Kino" auch immer eine Art Neuanfang. Ein tragischer zwar, aber er zwingt die Hauptpersonen, ihrem verkümmerten Dasein ins Auge zu blicken.

Aus Langeweile, aus Neugier, aus Rache starten die Gelegenheitsdetektive ihre Ermittlungen, am Ende geht es nur noch um die Wahrheit - sie entdecken das letzte Fünkchen Moral, das noch in ihrem Innern glimmt. Doch Pouys Anti-Helden taugen in keiner Weise zum Moralapostel, sie bleiben tragisch-komische Außenseiter.

In "Die Schöne von Fontenay" - damit ist eine Kartoffelsorte gemeint und nicht die tote Gymnasiastin - bricht die ermordete 17-jährige Laura in die Idylle des leidenschaftlichen Gärtners Enric ein. Sie hatte sich mit dem "Pépé Salade" angefreundet, nun ist die Ruhe im Schrebergarten dahin. Natürlich muss Enric "den Schweinehund" finden, das ist schließlich der Stoff, aus dem Krimis sind; nur fehlen dem alten Anarcho und Ex-Journalisten ein paar wichtige Voraussetzungen zum Detektivspielen: Er ist taubstumm. Was sich wie ein bizarrer Witz anhört, entpuppt sich als einfühlsame, spannende Geschichte um eine andere Form der Wahrnehmung: Mit Fragebögen, Zetteldialogen, Beobachtungsgabe und einer bemerkenswerten Beharrlichkeit gelingt es Enric, das geheimnisvolle Doppelleben von Schülern und Lehrern - allesamt Alt-68ern - ans Tageslicht zu bringen.

Während die Geschichte um
"Die Schöne von Fontenay" durch ihre Langsamkeit fesselt, funktioniert "Papas Kino" wie ein schneller Experimentalfilm. Rastlos, ohne Schlaf, ohne Zuhause, mit ständigem Nasenbluten hetzt Bertrand Bernard auf der Suche nach dem Dieb einer Filmspule und Mörder seiner Mutter von Schauplatz zu Schauplatz: In Nord-Brasilien, auf Korsika, einer bretonischen Insel, in Paris und seinen Vororten verfolgt der Dozent für französische Literatur eine Clique von Filmemachern, zu der auch sein Vater gehörte, bis er vor 20 Jahren spurlos verschwand. Was hat es mit den uralten, lächerlich provokanten Machwerken auf sich? Geht es um Geld oder um kompromittierende Szenen mit Leo Trotzki?

So absurd die Fragen, so surreal erscheinen die Szenen und Charaktere in "Papas Kino". Doch das Tüpfelchen auf dem i ist die ungewöhnliche Erzählperspektive: Trotz der abnormen bzw. radikalen Subjektivität der Ich-Erzähler - im preisgekrönten Krimi "Larchmütz 5632" erzählt eine Kuh - sind Jean-Bernard Pouys Geschichten stets schlüssig und packend. Längst ist der mit Auszeichnungen überhäufte Pouy ein Star des "neo-polar", der französischen Variante des Hard Boiled Romans. Leider stoßen die herben Polit-Krimis unserer Nachbarn hierzulande immer noch auf wenig Interesse. Unverständlich - auch wenn "Scheiße" nicht so gut klingt wie "merde".

- Jean-Bernard Pouy, "Die Schöne von Fontenay". Deutsch von Stefan Linster; 247 Seiten, 10,80 Euro. "Papas Kino". Deutsch von Karin Schulze; 180 Seiten, 9,50 Euro. Beide im Distel Verlag, Heilbronn, 2001 bzw. 2002.

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Joachim Schneider

 




 

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Badische Zeitung, April 2002 

 

Mord als Medien-Event:
Die Lust am Grauenhaften

Schon als “Der Kameramörder” von Thomas Glavinic vor gut einem Jahr erschien, sorgte er für kontroverse Diskussionen. Nun, da der Roman mit dem Friedrich Glauser Preis für den besten deutschsprachigen Krimi ausgezeichnet wird, ist die Debatte noch einmal in Schwung gekommen. Sie dreht sich um die Fragen: Ist das noch ein Krimi, und/oder was soll die Geschichte überhaupt? Dass die beiden Fragestellungen unmittelbar zusammenhängen, liegt auf der Hand: Bei einem Krimi fragt sich normalerweise niemand, was es soll, ist es nur spannend und unterhaltsam. Der Rest ist in der Regel Beiwerk - sei es Sozialkritik, eine plausible Psychologisierung oder ein(e) Detektiv(in) als Identifikationsfigur.

Dem “Kameramörder” kann man ein gewisse Spannung nicht absprechen, wohl auch nicht einen gewissen Unterhaltungswert, doch schon damit begibt man sich auf glattes Parkett: Man läuft Gefahr, sich insgeheim zum Komplizen eines sensationslüsternen Mörders zu machen.

Der Plot ist schnell erzählt. Der Ich-Erzähler und seine “Lebensgefährtin” besuchen über die Osterfeiertage ein befreundetes Paar, das sich in der idyllischen Steiermark niedergelassen hat. Das beschauliche Landleben wird jäh durch “das schrecklichste Verbrechen aller Zeiten” aus den Angeln gehoben: Ein unbekannter Mann bringt drei kleine Jungs in seine Gewalt und lässt zwei davon unter sadistischen Drohungen von einem Baum springen. Nicht nur, dass der “Kameramörder” sein Verbrechen filmt, er spielt das Band sogar einem Privatsender zu. Der Fall wird zu einem gigantischen Medienspektakel, Sensationsgier und Rachsucht halten in der Steiermark Einzug, auch die befreundeten Paare können sich der Faszination des grausamen Verbrechens nicht entziehen.

“Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben.” So beginnt der trockene, emotionslose Bericht des Erzählers. Ohne Absatz, ohne Dialoge schildert er, wie die vier in den Bann des spektakulären Ereignisses geraten, wie das Verbrechen respektive seine mediale Präsenz nicht nur den Tagesablauf zwischen Tischtennis, Kochen und Kartenspielen bestimmt, sondern auch die seelische Verfassung der Beteiligten beeinflusst – bis eben zur Vorfreude auf das Fernseh-Ereignis: “Heinrich klatschte in die Hände. Also um halb 12. Eva stand auf, sie wolle das Essen vorbereiten. Meine Lebensgefährtin folgte ihr in die Küche. Bis ins Wohnzimmer war ihr Zwist über die Frage zu hören, ob meine Lebensgefährtin als Gast das Recht hatte, beim Saucekochen zu helfen, immerhin sei sie schon am Vortag Eva zur Hand gegangen. Heinrich suchte nach weiteren Sendern, die über den Mord berichteten.”

Ohne zu gewichten und zu bewerten, reiht der Erzähler Geschehnis an Geschehnis. Belangloses und Wichtiges, Grausames und Privates lösen sich unvermittelt ab, anders als man im Alltag mit so einer Geschichte umgeht, doch im Prinzip genau so, wie sie zwischen TV-Werbeblöcken verbraten wird. Die spröde und emotionslose Sprache erscheint anfangs zäh und befremdlich, umso mehr entwickelt sie eine Sogwirkung, der sich der Leser nicht entziehen kann: Die (vermeintliche) Objektivität macht ihn zum Voyeur. Genau wie für die Protagonisten gibt es für ihn kein Entrinnen aus dem Spektakel, es sei denn, der Fernseher wird ausgeschaltet oder das Buch weggelegt. Weit entfernt davon, eine antiquierte Medienkritik zu formulieren, entpuppt sich “Der Kameramörder” als eine entlarvende Reflexion auf das Genre und unsere allzumenschliche Lust am großen Nervenkitzel.

- Thomas Glavinic: Der Kameramörder. Volk & Welt, gebunden, 157 Seiten, 16,50 Euro.
 

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Joachim Schneider

 


 

 

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Badische Zeitung, 26.05. 2002 

 

Ein Lexikon setzt Maßstäbe:
Wer deutsche Krimis schreibt


Die Kriminalliteratur erlebt einen Boom. Henning Mankells Kommissar Wallander oder Donna Leons Commissario Brunetti ermitteln unter großer Anteilnahme der Bevölkerung, selbst hochliterarische Schriftsteller begeben sich in die Niederungen des Verbrechens. Kriminalistisches ist en vogue, mehr Bücher denn je kommen auf den Markt, jedoch meist nur kurz - angesehene und bewährte Schreiber verschwinden wieder aus dem Programm der großen Verlage, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben im schnelllebigen Geschäft. Klassiker des Genres werden zu den Akten gelegt und gehen verloren, kleine Verlage hoffen, ein wenig vom großen Kuchen abzubekommen, indem sie die verschwundenen Kleinode ausfindig und wieder der Öffentlichkeit zugänglich machen. Nicht zu vergessen sind die Geheimtipps, die förderungswürdigen Newcomer, die regional verwurzelten Autoren, die seltsamen Exoten - wer soll in der Veröffentlichungsflut noch durchblicken, was tatsächlich etwas taugt? Das schafft nicht einmal der Buchhändler Ihres Vertrauens.

Die Unübersichtlichkeit ist nicht neu - sie ist nur noch größer geworden. Die üblichen Verdächtigen machen zwar den großen Reibach, doch kaum etwas bleibt für die Unterstützung unbekannter oder außergewöhnlicher Autoren hängen. Fachzeitschriften können sich ohne Anzeigen nicht finanzieren, das Internet mit www.alligatorpapiere.de und www.kaliber38.de, um zwei wichtige Sites zu nennen, schließt die größten Wissenslücken. Und immerhin kümmern sich auch Tageszeitungen verstärkt um den Krimi, auch die Badische Zeitung wird an dieser Stelle mit einer regelmäßigen Kolumne versuchen, ein bisschen Licht ins Dickicht zu bringen.

Just erschienen - zur Criminale Mitte April in München - ist ein Kompendium, das man getrost als Standardwerk ansehen kann, nicht nur, weil es das erste seiner Art ist: Das “Lexikon der deutschsprachigen Krimiautoren”. Und es ist, wen wundert’s, ein Kind des Internet: Seit zehn Jahren sammelt Reinhard Jahn vom Bochumer Krimi-Archiv unter dem Namen H. P. Karr Daten zu deutschen Autoren. Für die deutsche Printveröffentlichung wurde aus deutsch deutschsprachig im Titel und der Stamm von 150 Namen auf sage und schreibe 460 erweitert und aktualisiert.

Alles andere als ein dünnes Heftchen, kann sich das Book on Demand, das auf Bestellung hin gedruckt wird, sehen lassen. Auf knapp 300 Seiten kommen die biographischen und bibliographischen Daten von Krimi-Autoren aus Österreich, der Schweiz, Deutschland und Italien. Enttäuscht wird, wer eine kritische Einordnung der Werke erwartet, nur bei einigen Schriftstellern wird auf ihre Bedeutung und ihren Stil hingewiesen, stattdessen sind Preise und Auszeichnungen erwähnt, ein sicherer Gradmesser für Qualität. Bestechend ist die Datenmenge des Lexikons: Buchausgaben, Erzählungen, Drehbücher für Filme und Serien oder Hörspiele sind akribisch aufgelistet.

Eine erste Bestandsaufnahme also, die in ihrer Fülle genug Stoff gibt, um darin zu versinken: Wie viele Krimis gibt es von Gisbert Haefs? Wer schrieb die Drehbücher für den “Tatort”? Oder wer erfand “Kottan”? Wer steckt hinter “-ky”? Und wer weiß, vielleicht entpuppt sich ihr Nachbar als Krimi-Autor.

- Lexikon der deutschsprachigen Krimi-Autoren. Redaktion Angelika Jockers, Mitarbeit Reinhard Jahn. Verlag der Criminale, 292 Seiten, 24 Euro.

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Joachim Schneider


(((Anmerkung von Robert Schekulin: Oben abgebildet ist das Cover der aktuell lieferbaren zweiten, aktualisierten Ausgabe, für € 26,00.)))
 

 

 

 

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Badische Zeitung, 06.07.2002 


Gilles Mebes lässt in Freiburg morden:
Wenn es Nacht wird auf der Haid


“Sterben, wo andere Urlaub machen”: Das entbehrt nicht einer Portion schwarzen Humors, zumal der neue Krimi von Gilles Mebes, der vom Belchen Verlag so angepriesen wird, in Freiburg spielt. Die Sache hat nur einen Haken: “Nacht auf der Haid” heißt das Buch des Freiburger Schriftstellers, der Roman spielt an einem Ort, wo garantiert niemand seinen Urlaub verbringt: am nördlichen Rand des Industriegebietes namens Haid - also nicht einmal im Bürohaus-District, sondern zwischen Besançonallee und Opfinger Straße, dort wo - wie Mebes schreibt - “der Blaumann regierte und das dreckverschmierte Gesicht, die Fäuste, die in die Seiten gestemmt wurden, das Schimpfwort für jede Gelegenheit und die Scheine, die bar auf die Hand gezählt wurden”. Noch so ein Krimi mit regionaler Duftnote, wird jetzt manch einer denken. Die haben zweifellos zur Zeit Konjunktur. Wenn etwas läuft neben den Bestsellern, dann die Mordfälle mit Lokalkolorit - die guten wie die schlechten.

Doch ihm Marktkalkül vorzuwerfen, tut dem Büchlein Unrecht wie auch dem Autor, der sich schon länger auf dem Gebiet der regionalen Kriminalistik tummelt. Zuletzt erschien von Mebes “Tatort Baden-Württemberg”, eine Sammlung mit Geschichten über berühmt-berüchtigte Verbrechen zwischen Rhein und Neckar. Mit gründlicher Recherche und psychologischem Einfühlungsvermögen bediente er eine Gattung, die längst ausgestorben schien: die literarische Reportage.

Kaum von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde dagegen “Krieger 01”, Mebes’ erster “Criminalroman” von 1998. Die düstere und beklemmende Geschichte um eine Erpressung, die tödlich endet, erweitert das Genre um den Zusatz literarisch. Die stilistisch eigenwillige Milieustudie aus dem Innenhof einer hiesigen Sozialsiedlung handelt vom Verlust moralischer Prinzipien und beschreibt eine verzweifelt unbarmherzige Gesellschaft zwischen Gewalt und Ausweglosigkeit. Zwar ermitteln der zynische Kommissar Sczcuka (“Stuka”) und sein tumber Assistent Flack in konventioneller Manier. Doch mit dem Lagerarbeiter Krieger ist eine Figur in die Handlung verwoben, deren Funktion und Darstellung den krimiüblichen Rahmen sprengt.

Auch in “Nacht auf der Haid” taucht diese ungewöhnliche Dreier-Konstellation wieder auf. Ein Dachdecker wird ermordet, seine Angestellten finden ihn in seinem Büro von Rohrschellen durchbohrt und mit Aceton übergossen - der arbeitslose Krieger bewirbt sich bei einer Stahlgroßhandlung. Mebes erzählt auf verschiedenen Ebenen: Er gibt einen Einblick in die Psyche des Mörders, ohne seine Identität preiszugeben, er schaut Stuka bei den Ermittlungen über die Schulter und in den Kopf, lässt Flack groteske Situationen auslösen und beobachtet Krieger an seiner neuen Arbeitsstelle. Die Handlungsstränge verdichten sich zum unausweichlichen Ende, dabei verliert die Geschichte nie an Spannung.

Was fehlt, ist die Tiefe. “Nacht auf der Haid” verhält sich zu “Krieger 01” wie eine schroffe Zeichnung zu einem Gemälde in dunklen Farben. Beides kann seine Reize haben. “Das Manuskript ist um die Hälfte gekürzt”, sagt der Autor dazu, “der Verlag wollte das Buch eindeutig in der Krimi-Ecke platzieren.” Spätestens jetzt sollte man beide lesen. “Krieger 03” ist übrigens schon fertig, im Moment sitzt Mebes an Teil vier.

- Gilles Mebes: Nacht auf der Haid. Belchen Verlag, Taschenbuch, 143 Seiten, 9,80 Euro.

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Joachim Schneider

 

(((Anmerkung von Robert Schekulin: Die erste Auflage von “Nacht auf der Haid” war kurz nach Erscheinen vergriffen, trotzdem wurde der Titel bis heute nicht wieder aufgelegt. Von “Tatort Baden-Württemberg” und “Krieger 01” sind noch einige Restexemplare im Handel. Vom erwähnten “Krieger 03” oder gar “Krieger 04” hört und sieht man nichts. - Welcher seriöse Verlag nimmt diesen Schriftsteller endlich als Hausautor ins Programm?!?)))

 

 

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Badische Zeitung, 10.08.2002 

 

Nadelstich ins Ledersakko:
Charles Willefords "Miami Blues"

Als Quentin Tarantino gefragt wurde, ob er bei “Pulp Fiction” alte Hardboiled-Romane zum Vorbild genommen habe, verneinte er: “Ich bin nicht neo-noir. Ich fühle mich näher bei der modernen Krimi-nalliteratur, näher bei Charles Willeford.” Auf den ersten Blick erscheint das seltsam, zumal das Setting nicht unterschiedlicher sein könnte - auf der einen Seite die glamouröse Unterwelt von L.A., auf der anderen das Rentnerparadies Miami.

Aber was Tarantino bei Willeford inspiriert haben mag, ist der schwarze und hintergründige Humor, dazu die groteske Brutalität, die plötzlich herein-bricht: Willefords “Miami Blues” (auf den sich übrigens auch Bodo Kirchhoffs “Schundroman” beruft) beginnt damit, dass Ex-Knacki Freddy J. Frenger Jr. bei seiner Ankunft auf dem Flughafen einem Hare-Krishna-Jünger, der ihm mit einer Nadel ein Löchlein ins teure Ledersakko sticht, die Finger bricht. Der Verletzte kollabiert und stirbt an einem Schock.

“Miami Blues” ist der erste von vier Romanen um Sergeant Hoke Moseley von Miamis Mordkom-mission. Ein etwas heruntergekommener Bulle, der seine Dienstmarke dazu benutzt, umsonst zu telefonieren und zu parken. Er ist notorisch pleite, weil er seiner geschiedenen Frau und den beiden Töchtern die Hälfte seines Gehalts abtreten muss. Im Grunde jedoch eine ehrliche Haut, schlägt er sich so gut es eben geht durchs Leben.

Ausgerechnet der unbekümmerte Psychopath Freddy Sprenger Jr. kreuzt nun die Wege dieses frustrierten Cops. Der Kalifornier startet nämlich in Südflorida eine erstaunliche zweite kriminelle Karriere, außerdem nimmt er sich eine junge naive Hotel-Hure, nebenbei die Schwester des toten Hare Krishna, zur “platonischen Ehefrau”, und er dichtet Haikus.

Das klingt witzig konstruiert und ist es auch, Charles Willefords große Kunst besteht aber darin, dass er schnörkellos und beeindruckend detail-getreu erzählt von dieser Stadt, ihren Shopping-Malls, ihren Suburbs – und ihren Menschen, den Psychopathen, den korrupten Cops, den Perversen, den Versagern. Sein präziser Stil und nicht zuletzt die grandiosen Dialoge lassen die Figuren lebendig und beängstigend glaubwürdig erscheinen. “Schreib die Wahrheit, und man wird behaupten, du hättest schwarzen Humor”, hinterließ er als sein Motto.

“Miami Blues” erschien 1984 und verschaffte dem damals 65-Jährigen den literarischen Durchbruch. 1919 geboren, verlor er als Teenager seine Eltern und verbrachte 25 Jahre bei der Army. Er war Boxer, Schauspieler, Flohdompteur und hochdekorierter Soldat. Nach der Army studierte er Literatur, ab 1964 lehrte er selbst Creative Writing. Seinen ersten Roman schrieb er 1949, Anfang der 70er wurde er als Schriftsteller kurzzeitig etwas bekannter, den großen Erfolg der Hoke-Moseley-Serie konnte er allerdings nicht mehr richtig genießen. Für den letzten Band “The Way We Die Now” erhielt er 225.000 Dollar Vorschuss; eine Woche, nachdem das Buch in die Läden gekommen war, starb er 1988 an einem Herzinfarkt.

Kurioserweise wollte er überhaupt keinen Serien-helden kreieren. Als ihn sein Verleger zu einer Fortsetzung von “Miami Blues” nötigte, schrieb er zuerst eine Geschichte, in der Hoke Moseley seine beiden Töchter tötet und in der Dusche versteckt. Aber sein Agent hielt das Manuskript zurück, und Willeford avancierte mit der Serie zu einem der wichtigsten Krimi-Autoren der USA, nicht zuletzt, weil sie Miamis Entwicklung vom Rentner-paradies zur Drogen- und Glamourmetropole dokumentierte. Bislang waren die deutschen Übersetzungen vergriffen, überarbeitet erscheinen nun alle vier Romane um Hoke Moseley in halbjährlichem Abstand neu.


- Charles Willeford: Miami Blues. Aus dem Amerika-nischen von Rainer Schmidt, bearbeitet von Jochen Stremmel. Alexander Verlag, 256 Seiten, 10 Euro.

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 31.08.2002 

 

Als Elvis in Germany wohnte:
Martin Schüllers "King"

Am 16. August wurde sein 25. Todestag in lautem Gedenken begangen. In den Augen mancher aber hatte sich Elvis Presley schon viel früher verabschiedet. Für John Lennon starben die Rebellion, der Rock ‘n‘ Roll und der King selbst, als er 1958 seinen Dienst in der Armee antrat - als “die Hüfte” sich in eine Soldaten-Uniform zwängte: “He died when he went into the army”. Martin Schüller hat dieses Lennon-Zitat seinem Kriminalroman vorangestellt, schlicht “King” heißt das dritte Buch des Kölner Autors. Es spielt in Bad Nauheim, während der wohl berühmteste Mann der Welt dort als Private Presley bei der Army in Germany diente, genauer: als Elvis und Papa Vernon samt Oma, Leibwächter und Sekretärin ein Haus in der Goethestraße bewohnten, nachdem sie aus dem Park-Hotel hinausgeflogen waren.

Kurz vor Ostern 1959: Die CIA hat den Auftrag bekommen, den wichtigsten Exportartikel der USA zu bewachen, der heißesten Versuchung der freien Welt soll bloß nichts zustoßen. Ein paar mehr oder weniger talentierte Agenten überwachen die Autos aus dem Fuhrpark der Familie Presley, wenn es in die Kaserne nach Friedberg geht, zum Shopping nach Frankfurt oder einfach nur zum Cruisen in die Wetterau. Ein öder und im Grunde auch blödsinniger Auftrag, den keiner so richtig ernst nehmen kann, zumal er auf dem Mist eines Senators gewachsen ist, der seiner Tochter die Unversehrtheit ihres Idols quasi zum Geburtstag geschenkt hat. So nimmt die “Operation King” gemütlich ihren Lauf, bis tatsächlich auf den fahrenden roten BMW geschossen wird. Das durchschlagende Geschoss einer Panzerfaust verfehlt aber knapp sein Ziel. Nun rätselt Agent Summers, ob der Anschlag Elvis oder Papa Vernon galt, der dieses Mal mit dem Sportwagen seines Sohnes die Gegend unsicher machen durfte.

So beginnt diese wunderbare Geschichte, und um es gleich vorwegzunehmen: Schüller strickt nicht an einem neuen Mythos vom King, von einer Elvis-Marionette etwa, die im fernen Europa statt des toten Rebells installiert wurde. Im Gegenteil, der fiktive Kriminalfall dient Schüller dazu, in den profanen Alltag des Presley-Clans nach dem Tod von Elvis’ Mutter hinabzusteigen – nicht ohne die Ausstrahlung und den Charakter des Rock-‘n‘-Roll-Sängers eindrücklich in Szene zu setzen. Doch mehr noch handelt “King” von dem sich verändernden Nachkriegsdeutschland und nicht zuletzt vom Einbruch des Rock ‘n‘ Roll in das spießige Kleinbürger-Milieu: Die superkorrekte örtliche Polizei sieht sich mit einem ominösen Fall konfrontiert, Halbstarke versuchen sich an einer Rebellion. Renate und Katharina aus dem Fan-Tross arbeiten in einer Reifenfabrik, um ihrem Idol ganz nahe sein zu können. Im Wald wird die Leiche eines toten Mädchens gefunden.

Schüller erzählt auf verschiedenen Ebenen, montiert die Handlungsstränge parallel, um sie am Ende gekonnt zu verdichten. Dass dabei die ausgeklügelte Agentenstory bisweilen in den Hintergrund tritt, nimmt man gerne in Kauf, so einfühlsam schildert er die Irrungen und Wirrungen der Teens, den Mief, das Unverständnis und auch das Dazulernen der Kriegsgeneration.

Schnell ist der Roman nicht, wie es der Buchdeckel etwas marktschreierisch verspricht, dafür subtil und atmosphärisch, die Sprache trifft den Ton der Zeit. Und immerhin ist der Krimi eine schöne Parabel darauf, dass der King – egal ob tot oder lebendig -  hierzulande wenn schon nicht die Welt, so doch zumindest ein paar Leben verändert hat.

- Martin Schüller: King. Emons Verlag, Paperback, 352 Seiten, 11,- Euro.

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, Oktober 2002 

 

Alte Schuld und neue Morde:
Christian von Ditfurths Historiker-Krimi

Längst sind Detektive keine Superhelden mehr, Kommissare entpuppen sich als lebensmüde Melancholiker, nur noch Ermittlerinnen wird die erforderliche Chuzpe zugeschrieben, sich in einer Männerwelt behaupten zu können. Der ermittelnde Mann aber ist schwach, neben seelischen schleppt er noch allerhand körperliche Deformationen mit sich herum. Doch die Gehandicapten sind sensibler für Ungerechtigkeiten, und nebenbei ergibt sich ihnen die Chance, es der Gesellschaft, die sie ausgrenzt, einmal zu zeigen.

Auf den ersten Blick ist auch Doktor Josef Maria Stachelmann, Hauptfigur in Christian von Ditfurths erstem Krimi “Mann ohne Makel”, so ein Verlierer. Von Selbstzweifeln mehr noch geplagt als von seiner Arthritis, sitzt er am Schreibtisch vor seinem “Berg der Schande”: Für seine Habilitationsschrift über die Geschichte des Konzentrationslagers Buchenwald hat der 41-jährige Historiker unzählige Akten gesammelt, doch der Haufen paralysiert ihn geradezu. Obwohl seine bisherigen Abhandlungen allgemein anerkannt sind, lähmt ihn die Angst vor dem Versagen. Frustriert leitet er seine Seminare an der Hamburger Uni, um sich allabendlich in den Zug nach Lübeck zu setzen. Von sozialem Leben keine Spur, trotzdem ein sympathischer Grübler und Außenseiter. Und er kann einiges zur Aufklärung einer üblen Geschichte beitragen, die ihren Ursprung in der Nazizeit hat: Hamburger Kaufleute in spe rissen sich damals Kraft ihres Amtes das Vermögen ihrer jüdischen Mitbürger unter den Nagel - die wurden zuerst gezwungen, ihren Besitz weit unter Wert zu veräußern, und dann deportiert, um jegliche Spuren der “wilden Arisierung” zu vertuschen.

Geschickt hat Christian von Ditfurth, von Haus aus selbst Historiker, in seinem Krimi die Handlungsfäden vom Dritten Reich bis in die Gegenwart geknüpft. Die Kriminalgeschichte im Hier und Heute nimmt ihren Lauf, als offenbar jemand nach und nach die Familie des ehrenwerten Immobilienmaklers Maximilian Holler auslöscht. Die Polizei steht vor einem Rätsel, denn Holler, der Mann ohne Makel und Feinde, gilt in Hamburg als eine Art moderner Heiliger, der mit seinem Reichtum nur Gutes tut. Schließlich wendet sich Kommissar “Ossi” Winter an “Jossi”, seinen alten Freund aus revolutionären Studententagen, damit der vielleicht mit seinem historischen Spürsinn etwas Licht ins Dunkel bringt. Doch Stachelmanns Vermutungen in Richtung Nazizeit werden fatalerweise nicht ernst genug genommen, zumal Holler die Gnade der späten Geburt zugute kommt.

Die Frage nach dem Serienmörder in der Gegenwart hat sich für den Leser schnell erledigt - schon auf den ersten Seiten führt Ditfurth einen zornigen alten Juden ein, dessen Schicksal er eindrücklich schildert. Vielmehr geht es um die schonungslose Aufdeckung von Lebenslügen und den Umgang mit der verbrecherischen Vergangenheit der heute braven Bürger. Grausam genug, dass das spannend sein kann, die Geschichte hat zudem auch einige Überraschungen zu bieten. Mit dem Grübler Stachelmann hat Ditfurth jedenfalls eine Figur geschaffen, in deren Händen die schreckliche Wahrheit nicht zur Trophäe verkommt. Und da unser Antiheld dank Kollegin Anne nun nicht mehr ganz so schlimm vom Uni-Frust gedrückt wird, kann er sich viel besser auf seinen nächsten Fall konzentrieren: Für einen wie ihn gibt es noch viel zu tun.


- Christian von Ditfurth: Mann ohne Makel (Stachelmanns erster Fall). Kiepenheuer und Witsch, gebunden, 381 Seiten, 19,90 Euro.

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 02.11.2002 

 

Auf der Jagd in freier Natur:
Thriller von Jean-Patrick Manchette


Wenn sie der Natur ausgeliefert sind, passieren merkwürdige Dinge mit den Menschen. In freier Wildbahn verwandelt sich ein kaltblütiger Killer in einen steinzeitlichen Jäger: "Die Forelle wehrte sich noch heftiger. Thompson verstärkte den Druck und spürte, wie die Wirbelsäule des Tiers unter seinen Händen zerbrach. Der Killer verspürte ein Glücksgefühl (...), er zwang sich weiterzuessen, wollte so viel Fleisch wie nur möglich hinunterwürgen, so lange das tote Tier ihn noch erregte."

Der Killer als Jäger, eine bekannte Figur. In
"Tödliche Luftschlösser" verleiht ihr der Autor Jean-Patrick Manchette parodistische Züge. Der Killer, äußerlich ein Gentleman, wird von innen quasi aufgefressen, sein Magen verhält sich nur dann ruhig, wenn er seine noch rohe Beute sofort nach dem Erlegen verzehrt. Und die Magenschmerzen des komisch degenerierten Jägers werden noch heftiger, weil sein geplanter Coup nicht klappt: Julie, ein Kindermädchen frisch aus der Nervenheilanstalt entlassen, und der kleine verstörte Peter, ein Millionenerbe, sollen bei einer fingierten Entführung umgebracht werden. Doch die beiden können Thompson und seinen Helfern entkommen, eine mörderische Verfolgungsjagd durch das Massif Central beginnt. In der rasanten Road-Story geht nicht nur eine komplette Kaufhausetage in Flammen auf, Manchette hat auch ein haarsträubendes Finale parat.

Ähnlich wie in seinem dritten Roman "Tödliche Luftschlösser", der 1972 erschien, greift Manchette das Thema Natur, Jäger und Gejagte in "Westküstenblues" (1977) wieder auf. Auch hier steht plötzlich der Tod vor der Tür. Doch erst einmal breitet Manchette genüsslich das Leben eines perfekten linksliberalen Paares vor dem Leser aus - die geschmackvolle Wohnung, die korrekten Zeitungen und Jazz-Platten, der lockere Umgang der beiden. Dann, eines frühen Morgens, bringt der erfolgreiche, aber von Schlaflosigkeit geplagte leitende Angestellte Georges Gerfaut ein ihm unbekanntes Unfallopfer ins Krankenhaus, gleich darauf im Urlaub mit Frau und Töchtern versuchen ihn zwei italienische Bilderbuch-Killer im Meer zu ertränken. Er geht nicht zur Polizei, sondern lässt sich von der Hetzjagd treiben. Schließlich schleppt er sich wie ein verwundetes Tier durch den Wald, um in den Alpen bei einem Eremiten zu überwintern.

Zwar weckt die freie Natur den Überlebensinstinkt von Gerfaut (wie auch den des Killers), mehr aber auch nicht. Schon zu degeneriert, zu sehr von ihrem sozialen Umfeld geprägt, bietet auch ein "Zurück zur Natur" den Figuren keine Lösung. Auf der Suche nach dem wahren Selbst findet Gerfaut nur eine schreckliche Leere, während sich der Killer in seinem Inneren immerhin mit einem Magengeschwür konfrontiert sieht. Dafür erkennt in "Tödliche Luftschlösser" Julie, das von der Gesellschaft kaum akzeptierte Kindermädchen, dass sie der Natur gewachsen ist.

Jean-Patrick Manchette erzeugt Spannung, indem er seine Figuren wie mit einer Handkamera verfolgt, setzt auf groteske Situationen statt auf die Schilderung von Gefühlen. Mit wenigen Handgriffen kehrt er das Innere seiner Figuren nach außen. - Nur noch zwei Thriller fehlen, dann liegen die Romane des großen französischen Krimi-Autoren komplett im Distel Literaturverlag vor.

- Jean-Patrick Manchette: "Tödliche Luftschlösser", 194 Seiten; "Westküstenblues", 166 Seiten. Deutsch von Stefan Linster. Distel Literaturverlag, je 10,80 Euro.

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 14.12.2002 


Der amerikanische Alptraum:
Die Psychothriller des Jason Starr

Mit seinem Debüt-Roman “Top Job”, der vor vier Jahren auf deutsch erschien, landete der New Yorker Schriftsteller Jason Starr, Jahrgang 1968, einen großen Wurf: Ein erfolgreicher Marketing-Experte aus Seattle bekommt in New York keinen Fuß auf den Boden, seine letzte Chance ist ein mies bezahlter Job als Telefonverkäufer. Die Freundin würde gern eine Familie gründen; frustriert und unter Druck, hin und her gerissen zwischen Ehrgeiz und Unterwürfigkeit, verliert der Gebeutelte die Kontrolle über sein Leben, erschlägt im Jähzorn den gemeinen Abteilungsleiter. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf, gnadenlos realistisch und nervenaufreibend lässt Starr den Mittdreißiger aus dessen Sicht erzählen, wie sein Leben im wahrsten Sinne des Wortes in die Brüche geht.

Während in “Top Job” der amerikanische Traum längst zum Albtraum geworden ist, darf der 32-jährige Schauspieler Tommy Russo noch hoffen. “Ein wirklich netter Typ” heißt Starrs aktueller Psychothriller, formal ähnelt er seinem Debüt. Doch hier verzichtet Starr auf brenzlige Situationen, setzt ganz subtil auf die verengte Perspektive eines unerschütterlichen Traumtänzers. Aalglatt und eiskalt verfolgt der erzählende Russo, der seine Brötchen als Rausschmeißer in einer gut gehenden Manhattan-Bar verdient, den Traum vom eigenen Rennpferd und der 100-Dollar-Zigarre. Er bestiehlt seinen väterlichen gutmütigen Chef, der den notorischen Zocker sogar als seinen Nachfolger einsetzen will. Russo spielt nun die Rolle seines Lebens, doch nicht in einem falschen, sondern in einem abgrundtief schlechten Film gerät ihm sein eigenes Drehbuch zur Farce. “Ein wirklich netter Typ”, im Original “Fake I.D.”, wurde mit Jim Thompsons “Der Mörder in mir” und Patricia Highsmiths “Der talentierte Mr. Ripley” verglichen, doch während dort die Protagonisten an einer Doppel-Identität bzw. -Existenz herumbasteln, degeneriert Russo zur beängstigenden Anhäufung von Klischees.

Seit November als Taschenbuch erhältlich ist Starrs zweiter Thriller “Die letzte Wette”. Im Original heißt er “Nothing Personal”, was sämtliche Konstellationen im Roman auf den Punkt bringt. Nicht nur, dass die beiden “befreundeten” Ehepaare Maureen und Joey respektive Leslie und David in einer erschreckenden Weise nebeneinander her leben und nichts voneinander wissen. Zu persönlichen Beziehungen, die auf Respekt und Vertrauen aufbauen, sind sie gar nicht fähig. Zu sehr sind alle vier mit sich selbst  oder dem Pflegen von Konvention und Schein beschäftigt - nur an der Oberfläche unterscheiden sich ihre Probleme. Der erfolgreiche David geht zur Abwechslung fremd, Leslie gibt die perfekte Frau und Mutter, Maureen leidet an ihren bescheidenen Verhältnissen und an ihrem Mann Joey, der sich nur fürs Wetten interessiert. Prompt entpuppt sich eine Kollegen Davids als “Fatal Attraction”, Anlass genug für alle Beteiligten, ein bisschen Schicksal zu spielen - mit verheerenden Folgen. Fast szenisch und dialogreich komponiert wie ein Theaterstück verdichtet Starr in “Nothing Personal” die Handlung zu einem spannenden Sittengemälde, das nach und nach immer schwärzer wird.

- Jason Starr: Ein wirklich netter Typ. Deutsch von Hans M. Herzog. Diogenes Verlag, gebunden, 265 Seiten, 19,90 Euro.
- Jason Starr: Die letzte Wette. Deutsch von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, Taschenbuch, 293 Seiten, 8,90 Euro.

 

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Joachim Schneider

 

 

 

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Badische Zeitung, Januar 2003  


“Wie die Tiere”:
Der Brenner kommt unter die Hunde


Jetzt ist schon wieder was passiert ...

Da steckt so eine Sehnsucht drin. Beim Lanthaler, und beim Haas noch mehr. Muss wohl an Österreich liegen. Obwohl, der Kurt Lanthaler ist ja eigentlich Italiener, weil Südtirol. Aber sein Tschonnie Tschenett kommt von einem Schlamassel in den nächsten, obwohl er nur seine Ruhe will, und da geht es dem Brenner nicht anders. Der kommt nach Wien, weil Frühpensionierung. Dann beißt ihm ein Hund fast die Wade ab. Aber so ein Hitzkopf wie der Tschenett ist er lange nicht, im Gegenteil. Manchmal sitzt er einen ganzen Tag lang auf einer Parkbank und beobachtet. Das kann er besonders gut. Ein echter Profi. Das bewundert sogar der Haas am Brenner.

Der Wolf Haas, der ist erst 40, und der Brenner, von dem er schon ein paar mal erzählt hat, der ist jetzt im neuesten Krimi “Wie die Tiere” schon über 50. Vielleicht stellt sich der Haas ja für sich selber vor, wie das mal so sein wird, als Alter. Oder als Detektiv. Ja, warum denn nicht? Ein Detektiv hat ein anderes Leben, muss nicht immer aufstehen, zur Arbeit, wieder nach Hause. Der kann dem lieben Gott auch mal einen Tag stehlen, oder zwei. Obwohl, im Innsbrucker SoHo, beim Souvenir Hollinger, da hat der Brenner einen ganz geregelten Job gehabt. Den Touristen auf die Finger gucken, und in die Stielaugen. Das hat ihm sogar gefallen.

Aber so ist er halt, der Detektiv. Hat sich was in den Kopf gesetzt, dann geht er dem nach. Das macht auch einen guten Detektiv, egal wie alt. Da sind sich der Tschenett und der Brenner wieder gleich, aber das war es auch schon. Ja, manchmal gibt es solche Gedanken, die laufen ins Leere.

Warum ist der Brenner nach Wien gekommen? Weil er im Kaufhaus aufgeschnappt hat: “Frühpension”. Sonst nichts. Und es hat ihn nicht mehr losgelassen, Wochen, Monate. “Seit kurzem plagt mich dieser Ohrwurm, wo eine Stimme sagt: Frühpension”, hat er der Sekretärin im SoHo erzählt. “Vielleicht möchtest du in Frühpension gehen”, hat sie prompt geantwortet, und trotzdem, der Brenner hat es immer noch nicht geglaubt.

Dann sitzt er in Wien beim Schmalzl im “White Dog”. Am Tresen, wo es nicht so arg nach Desinfektionsmittel riecht. Der Schmalzl hat einen Auftrag und ein leeres Zimmer, Glück für den Brenner, weil Wien ja auch teuer. Und ganz egal, ob Swinger-Club, der Brenner hat andere Sorgen. Einen Termin beim Amtsarzt. Und den Hundemörder soll er fangen. Weil der Schmalzl gehört auch zur “Tierfamilie”. Ein großer schneeweißer Argentino namens “Evita” trägt dem Zuhälter sein Handy immer brav im Maul. Besser als deinen Arm, kann ich dir sagen.

Für den Brenner ein kleiner Fall, denkt er noch am Anfang. Da hat er sich schon mit ganz anderen Dingern herumplagen müssen, frage nicht. Mit dem steierischen Hendl-König. Oder bei der Ambulanz in Wien, wo die alten Leut direkt ins Jenseits befördert worden sind - mit dieser Geschichte ist der Brenner sogar groß ins Kino gekommen. Und und und.

Jetzt also der Augarten. Hier die Pensionäre mit ihren Hunden, dort die jungen Mütter. Nur dass im Park jemand Hundekekse verteilt mit Stecknadeln drin. Aber immer noch einfache Angelegenheit, bis dann die schöne Manu Prodinger mit einem Argentino: “Pass auf. Die Manu bückt sich hinunter, umarmt den Argentino und küsst ihn auf den Hals. Und was macht der Hund? Umarmt die Manu auch und küsst sie auch auf den Hals. Oder sagen wir einmal so. Beißt ihr mit einem einzigen Biss die Gurgel durch.” Was das mit den Hundekeksen und dem Brenner zu tun hat? Lies es einfach selber ...

Eins muss ich noch sagen. Dass ich jetzt immer hör, dass der Haas, der Krimipreise-Einheimser, überhaupt nicht mehr vom Brenner erzählen will. Obwohl, der Brenner kommt ja gar nicht in die Frühpension. Dann soll sich auch der Haas gefälligst noch mal zusammenreißen.

- Wolf Haas: Wie die Tiere. Rowohlt, Taschenbuch, 217 Seiten, 8,90 Euro.
 

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Joachim Schneider
 

 

 

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Badische Zeitung, 01.03.2003 
 


Hoffnungsloser Romantiker:
Friedrich Anis Kommissar Süden
 

Man kennt das: Privatdetektive tun ihren Job selten aus Berufung, sondern aus Zufall: Weil ihnen nichts Besseres einfiel, weil sie im bürgerlichen Leben scheiterten. Kommissare dagegen sind einmal angetreten, um die Welt zu verbessern, in die Literatur gehen sie schließlich ein als amtsmüde und desillusioniert.

Hauptkommissar Tabor Süden ist das alles zusammen: Deplatziert, voller Frust und ein Einzelgänger. Zur Polizei ging er, um der Bundeswehr zu entgehen. Nun arbeitet er auf einer unspektakulären Vermisstenstelle in München und sucht nach Menschen, die plötzlich aus ihrem Leben verschwunden sind, nach Existenzen, die es aus der Bahn geworfen hat. Einer, der nicht müde wird zu betonen, dass er nicht weiß, was er in diesem Beruf eigentlich verloren hat – vielleicht findet er sich selbst, wenn er andere sucht: “Ich arbeite auf der Vermisstenstelle der Kripo und kann man eigenen Vater nicht finden”, geht lapidar jeder Geschichte voraus.


Und doch üben Südens Geschichten eine solche Faszination aus, dass ihrem Urheber Friedrich Ani schon zum zweiten Mal hintereinander der Deutsche Krimipreis verliehen wurde: Während die Taschenbücher noch mit den letztjährigen Aufklebern werben, ist Anis Süden-Reihe seit Januar fast komplett prämiert.

Tatsächlich fällt es schwer, einen der drei ausgezeichneten Romane herauszuheben. Zum einen ergeben die Tragödien zusammengenommen ein präzises Sittengemälde bundesrepublikanischer Wirklichkeiten. Doch mehr noch leben die Geschichten davon, wie Süden sich dem stets schuldigen Umfeld gegenüber verhält, wie sich seine Charakterzüge peu à peu offenbaren. Zum Beispiel erweist sich der Hauptkommissar im Gegensatz zu seinen Kollegen in “Süden und das Geheimnis der Königin”, wo es um eine inzestuöse Vater-Tochter-Beziehung geht, als hoffnungsloser Romantiker, der selbst hier noch an unschuldige Liebe glaubt. Die Irritation ist etwas geringer, wenn man den eigenartigen Bullen schon kennt.
 
Als Gefühlsmensch und Freak, der er ist, hat der Mittvierziger etwas typisch Deutsches: ein Post-68er-Alternativer, der zur Beruhigung nackt trommelt. Er trägt seitlich geschnürte Lederhosen, dazu in der Regel ein weißes Hemd, und die Haare sind lang. So sieht kein Polizist aus, sagen die Leute, denen er begegnet. Kein Wunder, denn er verhält sich auch nicht wie einer. In “Süden und der Straßenbahntrinker” sucht er in seinem Urlaub nach einem geistig verwirrten Ex-Schaupieler, der sich auf der Vermisstenstelle zurückgemeldet hat und mit den überarbeiteten Ermittlern Katz und Maus spielt. Müßig zu sagen, dass hinter dessen dubiosen Verhalten ein deprimierendes Schicksal steckt. “Süden und die Frau mit dem harten Kleid” erzählt die Geschichte eines gescheiterten Möchtegern-Künstlers, formuliert als Brief, den der Hauptkommissar an dessen Tochter schreibt.

In seinem Beruf ein großer Schweiger, erweist sich Süden als präziser Beobachter der kleinen Gesten und als dramaturgisch geschickter Ich-Erzähler. Das macht seine kriminalistischen Selbsterfahrungstrips zum spannenden Leseerlebnis. Friedrich Ani hat damit das Diktum, dass Detektivgeschichten dazu da sind, den Helden mit einer Welt zu konfrontieren, in der er eigentlich nichts verloren hat, eindrücklich auf die Spitze getrieben.
 
- Friedrich Ani: Süden und die Frau mit dem harten Kleid, Süden und der Straßenbahntrinker, Süden und das Geheimnis der Königin. Knaur, Taschenbuch, jeweils um die 200 Seiten, je 7,90 Euro.

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 17.05.2003 
 


Glauser-Preis für ein Debüt:
Mord unter Mördern

Nazis waren sie alle. Die Kommunisten ihre Feinde. Der rechtschaffene Lebensmittelhändler Ruprecht Haas hoffte auf Aufschwung und Wohlstand unter Hitler: Als seine jüdischen Konkurrenten ihren Laden aufgeben mussten, war er darüber nicht unglücklich. Der Kriminalist Hans Kalterer trat in die SS ein, um im Krieg schneller Karriere zu machen, und führte an der Ostfront brav die Befehle aus: ein Meister im Aufspüren und Ausräuchern von zivilen Widerstandsnestern - ein Kriegsverbrecher. Die Wege der beiden kreuzen sich in Berlin, im Kriegswinter 44/45. Haas, der biedere Ex-Krämer, war denunziert und daraufhin verhaftet worden, konnte aber bei einem Bombenangriff der Alliierten aus dem KZ Buchenwald fliehen. Nun verfolgt er seine Peiniger, um sie zu töten. SS-Mann Kalterer erhält nach einer Verwundung an der Front den Auftrag, den Mord an einem verdienten Partei-Schergen aufzuklären. Dankbar nimmt der kriegsmüde Kriminalist an.

Im Krimi-Debüt der beiden Historiker Richard Birkefeld und Göran Hachmeister sind die Protagonisten alles andere als Sympathieträger. Trotzdem ist ihr Roman “Wer übrig bleibt, hat Recht” lesenswert. Heute, am 17. Mai, erhält er den “Glauser”, den Krimipreis der Autoren in der Sparte Debüt, zuvor schon hatte der historische Thriller den 3. Platz bei der Verleihung des Deutschen Krimi-Preises 2003 belegt.

Bislang haben Engländer wie Philip Kerr oder Robert Harris das Dritte Reich kriminalistisch aufgearbeitet, der deutsche Krimi-Altmeister –ky dokumentierte die Geschichte des Berliner S-Bahn-Mörders, der in den Wirren des Zweiten Weltkrieges sein Unwesen trieb. Neueren Datums ist Christian von Ditfurths Historiker-Krimi “Mann ohne Makel”. Darin kommt zu Tage, wie sich ein vermeintlich ehrbarer Hamburger Kaufmann an jüdischem Vermögen bereicherte. Der Pole Marek Krajewski wirft in “Tod in Breslau” ein Licht auf die gruseligen Verstrickungen von NSDAP-Funktionären und Unterwelt Mitte der 30er Jahre.

Birkefeld & Hachmeister gehen noch einen Schritt weiter. Beklemmend, weil im damaligen Sprachgestus, beschreiben sie nicht nur den Kollaps des Dritten Reiches, sondern auch den Zusammenbruch der damit verbundenen Lebenslügen, der politischen wie privaten. Geschickt benutzt das Autorenduo eine Parallelkonstruktion mit zwei Erzählebenen, um die Katastrophe des Krieges und den diktatorischen NS-Staat aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten: Sie begleiten den einsamen Rächer auf seinem Feldzug durchs zerbombte Berlin, wo er Kriegsgewinnlern, feigen Mitläufern, aber auch hilfsbereiten Menschen begegnet. Auf der anderen Seite geben sie Einblicke in die allmächtige Kommandozentrale der Gestapo und in die Psyche der zynischen Schergen: SS-Offizier Kalterer lässt Vorsicht walten, damit seine Weste nicht noch dreckiger wird. Während Haas nur noch die Rache am Leben hält, drehen sich Kalterers Gedanken immer mehr darum, wie er am Leben bleiben kann, ohne dass sich seine Vergangenheit rächt.

Zwar kann man den Roman durchaus einen Thriller nennen, doch mit der fortschreitenden Bombardierung Berlins gerät auch der Kriminalfall aus den Fugen. Geht es ans Ende, ist sich jeder selbst am nächsten. Und zwischen den Trümmern blitzt bei den Verlierern ab und an die Erkenntnis auf, dass Moral und Vernunft schon viel früher gestorben waren.

- Birkefeld & Hachmeister: “Wer übrig bleibt, hat Recht”. Eichborn Verlag, gebunden, 450 Seiten, 22,- Euro.

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 05.07.2003 
 


Rudern in Baltimore:
Laura Lippman und Susanna Moore

Nun also von Anfang an. Vergangenes Jahr startete bei uns der Rotbuch Verlag die in den USA erfolgreiche und preisgekrönte Tess-Monaghan-Serie von Laura Lippman - allerdings mit der Übersetzung von Band sechs. In “In einer seltsamen Stadt” dreht sich alles um den Dichter und Pionier des Kriminalromans Edgar Allan Poe, der in Baltimore gestorben ist. Sicher ein verlockender Einstieg in die Serie für deutsche Leser, aber warum nicht eins nach dem anderen? Auch Detektivinnen fallen nicht vom Himmel. Eine wie Tess schon gar nicht. Davon handelt der Erstling “Baltimore Blues”, der jetzt nachgereicht wird.

Die Reporterin Tess ist arbeitslos, ihr Arbeitgeber, der “Star”, ging pleite. Aus der Traum von der Karriere. Tess arbeitet bei “Frauen und Kinder zuerst”, dem Buchladen ihrer hippen Tante Kitty, die mit einem gut aussehenden Jung-Polizisten liiert ist. Auch der spätere Freund Crow, ein gewitzter Student mit Dreadlocks, verdient dort sein Geld. Ein Onkel, der in der städtischen Verwaltung die Zeit totschlägt, versorgt Tess mit unnützen Aufträgen, die er aus der eigenen Tasche bezahlt, was sie nicht weiß. Die einzige Konstante im Leben der hoch gewachsenen 29-Jährigen ist das Rudern in aller Herrgottsfrühe, aber sie geht zu schlampig mit ihrem Talent um. So eine lustige liberal-alternative Clique gibt es nicht alle Tage in einem Krimi, umso mehr dürfte die Konstellation zum Erfolg der Serie beigetragen haben.

Trotzdem: Nicht gerade der Stoff, aus dem Thriller sind, zumal Tess zu ihrem ersten Auftrag kommt, wie es halt so kommt: Ruderfreund Rock glaubt, dass seine Bilderbuch-Verlobte Alva, eine angehende Rechtsanwältin, in Schwierigkeiten steckt – Tess, die Reporterin, soll herausfinden, welche. Brenzlig wird es schließlich, als Alvas Mentor erschlagen in seinem Büro liegt und Rock natürlich zuletzt am Tatort gesehen wurde. 

Das riecht nach Klischee (es gibt einige davon), doch Lippman weiß um ihre Konstruktion und spielt geschickt mit den Figuren, sprich den Erwartungen der Leser: Nicht nur, dass sie ihre forsche Heldin ab und an ins Leere laufen lässt, nach und nach verwandelt sie die Stereotypen in unverwechselbare Charaktere. Die Geschichte bleibt spannend, noch dazu erfährt man einiges über Baltimore, Zeitungsarbeit, juristische Praxis und Selbsthilfegruppen. Auch wenn sich die Ex-Journalistin Lippman hier manchmal ein wenig verzettelt - man merkt dem Debüt die großangelegte Einführung an -, von Tess und ihren Fällen möchte man noch mehr lesen. Baltimore und dieser komische Haufen wächst einem ans Herz wie das Lied von Randy Newman: “Baltimore, man it’s hard just to live”. 

Tödlich dagegen New York. Vor kurzem als rororo-Taschenbuch noch in den Ramschkisten, ist Susanna Moores “Aufschneider” nun bei dtv neu aufgelegt worden. Frannie, die feministische 34-jährige Ich-Erzählerin, wird in eine Mordserie verwickelt. Im Manhattan der 90er verliert die Dozentin für kreatives Schreiben zwischen sexuellen und literarischen Obsessionen den Überblick. Mehr Psychogramm als Krimi, hat die intensive Seelenschau einen gewissen Kultstatus erreicht - nicht zuletzt aufgrund einiger explizit pornographischer Darstellungen.
 
- Laura Lippman: Baltimore Blues. Übersetzt von Gerhard Falkner und Nora Matocza. Rotbuch, 385 Seiten, gebunden, 19,90 Euro.
- Susanna Moore: Aufschneider. Übersetzt von Ditte König und Giovanni Bandini. dtv, 208 Seiten, Taschenbuch, 8,- Euro. 
 

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 16.08.2003 
 


Ermitteln nach Fengshui:
Ein Duo wie Feuer und Wasser

“Mitunter begegnest du jemandem, und du erkennst, dass deine eigene Welt nicht groß genug ist, um ihn darin aufzunehmen. Dann stehst du vor einer Entscheidung ...” - C. F. Wong ist ein kluger Mann: Er sammelt alte chinesische Sprüche und beherrscht selber die Kunst der Weissagung. Der Geomant weiß, wie die Umgebung den Menschen beeinflusst; sein Geld verdient er mit Gutachten über Häuser, die er nach den Kriterien des Fengshui beurteilt. Aber wie klein seine Welt tatsächlich ist, merkt der alte Weise, als er genötigt wird, die Tochter eines wichtigen Geschäftspartners als Praktikantin zu beschäftigen. Die 17-jährige Australierin Jo ist das genaue Gegenteil des etwas schrulligen und verschlossenen Meisters: ein frecher Teenager, “laut wie ein Esel”, komisch angezogen und konsumsüchtig - ein Clash der Kulturen und Generationen, ein Duo wie Feuer und Wasser, das sich zusammenraufen muss.

Ausgedacht hat sich dieses seltsame und amüsante Paar der Kolummnist, Autor und Fernsehmoderator Nury Vittachi. In Hongkong hat der 1958 auf Ceylon geborene Journalist längst Kultstatus, “Der Fengshui-Detektiv” ist sein erster Kriminalroman. Häuser mögen unvorteilhaft gebaut sein, die Möbel falsch stehen, die Materialien schlecht gewählt, mehr noch aber sind die handelnden Bewohner Auslöser von Disharmonien: Wong sieht sich mit Betrügereien jeglicher Art konfrontiert, auch von Mord handeln einige der neun Episoden. Der Geomant bestimmt, berechnet und kartographiert Energieströme von Zimmern und Häusern, und fast nebenbei löst er mit scharfem Verstand die rätselhaften Fälle. Nicht nur in Singapur, Wong und seine Begleiterin Jo verschlägt es über Malaysia, Hongkong, Delhi bis in ein buddhistisches Zen-Kloster. Wenn Jo am Ende sagt, dass sie in dieser Zeit viel erlebt habe, kann man nur zustimmen. Mit prägnanten Beschreibungen entführt Vittachi den staunenden Leser in die unterschiedlichen exotischen Welten, wobei er mit liebevoller Ironie das Geschehen kommentiert. Nicht nur den Zusammenprall von Ost und West, sondern auch den von Tradition und Moderne schildert Vittachi mit großem Witz – die alte Gattung des Rästelkrimis tut dabei ihr Übriges. Schließlich schafft es Wong sogar (und mit ihm lustigerweise der mitfühlende Leser), die eigene Welt so zu vergrößern, dass auch ein quirliger West-Teenager hineinpasst. 

Ähnlich den Horizont erweiternd – was für die glänzende “metro”-Reihe des Züricher Unionsverlages grundsätzlich gilt - ist auch Stan Jones‘ Thriller “Gefrorene Sonne”, der jetzt als Taschenbuch erschienen ist. In Alaska spielt die Geschichte um die verschwundene Ex-Schönheitskönigin Grace Sikingik Palmer - nicht umsonst bedeutet ihr Eskimo-Name “Sonne”. Ihr Vater, ein Pastor, bittet den Alaska State Trooper Nathan Active, seine verschollene Tochter zu suchen. Der verfolgt die Spuren des gestrauchelten Wunderkindes durch ganz Alaska, in Bordellen und Fischfabriken, um schließlich auf ein schreckliches Geheimnis zu stoßen. Ein fast klassischer Polizeiroman, der zwar auch durch seine fremde, kalte Umgebung fasziniert, aber vor allem durch die psychologische Stringenz der Charaktere einen Einblick in eine ganz andere Welt gewährt.  

- Nury Vittachi: Der Fengshui-Detektiv. Aus dem Englischen von Ursula Ballin. Unionsverlag, Reihe “metro”, Taschenbuch, 255 Seiten, 9,90 Euro.
- Stan Jones: Gefrorene Sonne. Aus dem Amerikanischen von Peter Friedrich. Unionsverlag, Reihe “metro”, Taschenbuch, 319 Seiten, 9,90 Euro. 

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 11.10.2003 
 


Der fremde Blick:
Die globale Mafia in Berlin

Vor langer, langer Zeit war die geteilte Stadt der perfekte Ort für Spionage- und Agententhriller, nur als Krimi-Schauplatz wurde Berlin stiefmütterlich behandelt. Das scheint sich nun zu ändern, denn gleich zwei Romane spielen in der deutschen Hauptstadt – irgendwann nach dem Fall der Mauer. Und erstaunlicherweise haben beide ziemlich blutrünstigen Geschichten eines gemeinsam: Der Blick auf die Stadt ist ein fremder. Die Piefkes und ihr Alltag spielen kaum eine Rolle, sondern alles dreht sich um Verbrecherbanden: die vietnamesische, chinesische, russische, amerikanische, türkische Mafia und ihre deutschen Verbündeten. Vielleicht wird eine Stadt erst dann zur Metropole, wenn sich das organisierte Verbrechen ihrer angenommen hat.

Der fremde Blick ist bei Buddy Giovinazzo durchaus wörtlich zu nehmen: Der Autor und Filmemacher stammt aus New York, die Riesenbaustelle Berlin hat Giovinazzo zu einem wahnwitzigen Thriller inspiriert. In “Potsdamer Platz” streiten sich türkische, russische und deutsche Bauunternehmer um Großaufträge: Der Türke Yossario ruft einen befreundeten amerikanischen Bilderbuch-Paten um Hilfe, die Schlacht um den Beton kann beginnen. Zwecks Gewinnmaximierung wollen die Freunde aus Übersee gleich den ganzen Laden übernehmen, doch mehr als haarsträubende Gewaltorgien kommen dabei nicht heraus. Zu allem Ärger meldet sich beim Vorzeige-Killer Tony noch das schlechte Gewissen, während sein Kompagnon Hardy langsam den Verstand verliert.
 
Schnörkellos und sehr direkt schildert Giovanazzo den Niedergang eines Empires. Erzählt wird aus der Perspektive Tonys, und dessen seltsame Wandlung vom Saulus zum Paulus wirkt durch die biografischen Rückblenden sogar glaubwürdig. Während der geläuterte Killer an seiner Menschwerdung arbeitet, gerät der Übernahmeversuch der tumben Amerikaner immer mehr zum Fiasko. Schöner kann Globalisierung nicht scheitern.

Während also die Baubranche von Türken und Russen kontrolliert wird, rivalisieren ihre fernöstlichen Kollegen untereinander um den Zigarettenschmuggel, Schutzgelder und den Sex-Markt. Detlef B. Blettenbergs “Berlin Fidschitown” handelt im wahrsten Sinne des Wortes von der Unterwelt. Wie Ameisen leben die Vietnamesen in Bunkern und Tunnels unterhalb Berlins, verlassen ihre teilweise luxuriösen Höhlen nur, um ihre Geschäfte zu machen. Auch hier herrscht Krieg, während der kriminelle Geschäftemacher Gustav Torn in Berlin wieder Fuß fassen will. In Bangkok hat er seinen Partner um eine Million Dollar betrogen, und der Eurasier Surasak “Farrang” Meier bekommt den Auftrag, das Geld sicherzustellen. Flugs gerät Farrang zwischen die Fronten der Kämpfe, doch im Prinzip bedarf es nur der hohen Kunst des geduldigen Abwartens, bis sich die Dinge von selbst regeln. 

“Fidschitown” lebt mehr von seinen Protagonisten und Szenarien als von der Handlung. Die aber haben es in sich: Eine lesbische suspendierte Kommissarin, eine Höhlen liebende Journalistin, schrullige Großväterchen und einen Penner und Ex-Vietcongkämpfer lässt Blettenberg, der jahrelang für den Deutschen Entwicklungsdienst in Thailand war, augenzwinkernd aufeinander los. Die großartigen, teils komischen, teils grausamen Szenen sind alles andere als ruhig, erzählen aber von etwas, was jede Großstadt braucht: Gelassenheit.

 - Buddy Giovinazzo: Potsdamer Platz. Aus dem Amerikanischen von Ango Laina und Angelika Müller. Maas Verlag, Reihe Pulp Master Band 14, Taschenbuch, 411 Seiten, 13,80 Euro.
- Detlef B. Blettenberg: Berlin Fidschitown. Pendragon Verlag, gebunden, 244 Seiten, 20,50 Euro.

 

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 08.11.2003 
 


Im Schmuddel-Genre:
Was verbindet Wickert und Starck?

Einen Wickert zusammen mit einem Hardcore-Porno-Krimi zu besprechen - das Schmuddelgenre macht’s möglich. Tatsächlich haben “SexDotCom” von Marcus Starck und Ulrich Wickerts “Der Richter aus Paris einiges gemeinsam – nicht nur, dass beide Geschichten Krimis sind. Beide Autoren sind keine begnadeten Schriftsteller, und beide leben mehr oder weniger von ihrer Aura.

Mit seinen bisherigen Büchern inszenierte sich Mr. Tagesthemen als Bonvivant oder je nach Bedarf als Tugendwächter der Nation, ein paar bissige Kommentare auf Sendung und möglicherweise das guttural rollende “r” festigten diesen Ruf. Während also der eine Autor bereits einen solchen Bekanntsgrad genießt, dass seine Bücher stets zum medialen Ereignis werden, musste für Marcus Starck noch einiges getan werden. Gar nicht so einfach, zumal der gebürtige Österreicher und mittlerweile Wahlaustralier als Person unerkannt bleiben möchte. Aber Ehre, wem Ehre gebührt. Ein bisschen Medienrummel tut auch einer Randexistenz ganz gut. Als bekannt wurde, dass der ehemalige Manager eines börsennotierten Erotik-Unternehmens seine Erfahrungen zu einem Roman verarbeiten würde, gab es Ärger: Briefe mit weißem Pulver, Telefonterror. Fragt sich nur, von wem. 

Dreck am Stecken hat nicht nur die Pornoindustrie, sondern auch das Finanzkapital. Mit geschicktem Marketing und halblegalen bis kriminellen Machenschaften verbrennen Kapital-Gesellschaften das Geld ihrer Anleger, um selbst dabei den größten Reibach zu machen. Wie das funktioniert, schildert “SexDotCom” mit hohem Erkenntnis- und Unterhaltungswert. Marcus Starck kennt sich in den Niederungen der Produktion ebenso gut aus wie in den Führungsetagen, was eben einen guten Manager auszeichnet. Im Roman heißt sein Pendant Andreas Berger. Der gewiefte Wirtschaftsstratege soll ein lausiges australisches Erotik-Unternehmen zum Börsenobjekt frisieren, der zwielichtige Jung-Porno-König und Ex-Chef Brad Knight sieht seine Felle davonschwimmen und arbeitet mit allen Tricks, um den disziplinierten Deutschen aus der Bahn zu werfen. Die Moral der Geschichte ist einfach. Je entfesselter das Kapital, desto größer die Gewaltbereitschaft - je brutaler die Produktion, desto höher die Gewinnspanne. Dass sich das anhand der Pornoindustrie sehr eindrücklich schildern lässt, muss nicht eigens erwähnt werden. Marcus Starck erzählt trocken und nüchtern, die teilweise drastischen Gewalt- und Sex-Szenen geraten nie zum Selbstzweck. “SexDotCom” ist abstoßend und spannend zugleich, ein vielversprechendes Debüt. 

Dagegen gelingt es dem früheren Frankreich-Korrespondenten Wickert kaum, seine Geschichte am Laufen zu halten. Der französische Parteispendenskandal samt seiner Seilschaften, die bis in die Kolonialkriege zurückreichen, ist hier nicht mehr als Staffage für eine Art Brevier in französischer Kultur, Lebensart und Historie. Und am Ende wird man das Gefühl nicht los, dass der Genussmensch Ulrich Wickert eigentlich Kolonien ganz nett findet: Vietnam hätte zwar nicht sein müssen (zu brutal), aber so eine Insel wie Martinique im Einflussbereich, das hat schon was. Da kann man schon ein wenig neidisch werden auf den geruhsamen Lebensabend eines berufsmüden Untersuchungsrichters - bei angenehmen Temperaturen, mit reichlich leckerem Hummer und in froher Erwartung einer “leidenschaftlichen Kreolin”.
 
- Ulrich Wickert: Der Richter aus Paris. Hoffmann & Campe, gebunden, 254 Seiten, 19,90 Euro.
- Marcus Starck: SexDotCom. Maas (Reihe Pulp Master Band 17), Taschenbuch, 381 Seiten, 13,80 Euro. 

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Joachim Schneider

 
(((P.S.: Joachim Schneiders Titelvorschlag "Im Schmuddel-Genre" wurde von der BZ nicht angenommen; stattdessen wurde "Das entfesselte Kapital" daraus. - Vielleicht aus allzuviel Respekt gegenüber U. Wickert?)))

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Badische Zeitung, 10.01.2004 
 


Aus der Sicht des Ich-Erzählers:
Verdammt nah am Abgrund


Der Ich-Erzähler: immer ganz nah am Geschehen und die direkteste aller Projektionsflächen – nicht nur für den Leser, sondern auch für den Autor. Für zusätzliche Spannung sorgt die Illusion des Authentischen besonders im Kriminal- oder Detektivroman. Ein geschickt berichtender Ermittler kann den Leser wunderbar an der Nase herumführen, andererseits kann sich ein Ich-Erzähler verdammt nah am Abgrund bewegen – auch am moralischen. Wie weit geht die Identifikation, die den Leser in den eigenen Abgrund blicken lässt?

Frédéric H. Fajardies “Rote Frauen werden immer schöner” und Wolfgang Mocks “Der Flug der Seraphim” sind zwei Romane aus der Sicht eines Ich-Erzählers, die sich im Subgenre Polit-Thriller einordnen lassen, aber unterschiedlicher kaum sein könnten. Während es dem Franzosen Fajardie tatsächlich gelingt, dem Leser Fragen von Macht, Politik und Moral unter die Nase zu reiben, ohne dabei nur eine Sekunde zu langweilen, gerät beim Journalisten und Experten für Luft- und Raumfahrttechnik Mock das Politische zur Staffage für einen Dreigroschen-Reißer irgendwo zwischen James Bond und “Ein Mann sieht rot”. 

Der Wirtschaftsberater und Informationsbeschaffer Max Danco wird 20 Jahre nach der Ermordung seines geliebten Bruders Alex wieder von ihm heimgesucht. Ominöse Botschaften des RAF- und ETA-Terroristen weisen darauf hin, dass er womöglich doch noch lebt. Ich-Erzähler Max fühlt sich für seinen Tod verantwortlich, weil er Alex damals gutgläubig an den skrupellosen Geheimdienstler Sarazzin verraten hat. Nun will er sich endgültig dafür rächen, gerät dabei allerdings selbst unter Druck und muss eine Mutter und ihren Klavier spielenden Sohn suchen, die auf geheimnisvolle Weise mit Sarazzin verbunden sind. Die Spur führt auf die Kapverdischen Inseln, wo ETA-Terroristen untergeschlüpft sind, aber auch eine neue europäische Raumfahrtstation gebaut werden soll. Max gerät zwischen die Fronten, erlebt einige (exotische) Abenteuer und verliebt sich in eine außerirdisch schöne schwarze Frau. Die haarsträubende Konstruktion mag ja noch angehen, doch der Ich-Erzähler entpuppt sich als latent rassistischer, brutaler und neurotischer Schwätzer - eine unerträgliche Mischung aus 007 und weinerlichem Rambo. 

Bei so viel Zynismus könnte man schlechte Laune kriegen, gäbe es nicht Romane wie Fajardies “Rote Frauen werden immer schöner”, der in Frankreich 1988 erschien und nun erstmals auf deutsch vorliegt. Mit seinen über 30 Drehbüchern, Krimis, Romanen ist der 56-Jährige einer der erfolgreichsten Autoren Frankreichs. Wie Jean-Patrick Manchette zählt er zu den Wegbereitern des néo-polar, des modernen politischen roman noir, und als solcher hat er sich hier historischer Sujets bedient: Nach 20 Jahren Exil erzählt der ehemalige Jung-Revolutionär Freddy verblüffend glaubwürdig, lakonisch und eindringlich, wie es zu seinem verpfuschten Leben gekommen ist. Er erzählt vom Scheitern der 68er Mai-Revolte, von seinem Mord an einem Polizisten in Paris, von seiner Odyssee als Hilfesuchender und schließlich als revolutionärer Söldner. Die Quintessenz, dass die Hoffnung samt Moral letztlich von jedem Einzelnen begraben wird, lässt sich leichter ertragen angesichts solch wunderbarer Sätze: “Aber das Geräusch beim Durchladen einer Pistole macht immer nachdenklich”.

- Frédéric H. Fajardie: Rote Frauen werden immer schöner. Deutsch von Barbara Heber-Schaerer. Assoziation A, 191 Seiten, 12,- Euro.
- Wolfgang Mock: Der Flug der Seraphim. Militzke, 223 Seiten, 7,90 Euro. 

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 21.02.2004 
 


Verbrechen an der Literatur:
Jasper Ffordes "Der Fall Jane Eyre"

Werther entführt! Von einem gemeinen, skupellosen Verbrecher, dem gar nichts heilig ist, nicht einmal die Literatur. Der in den Roman geschlüpft ist, und plötzlich bleiben die Briefe aus - nicht nur Lotte wundert sich. Fehlt der Erzähler, geht die Geschichte nicht weiter, die Blätter werden wieder weiß. - Zugegeben, das klingt albern und äußerst seltsam. Wie kommt dieser Verbrecher in den Roman? Wer denkt sich so ein abstruses Märchen überhaupt aus?

Selbstredend nicht jemand aus dem Volk der Dichter und Denker, sondern ein Brite, genauer ein Waliser namens Jasper Fforde, deshalb das Doppel-F im Namen. Es geht auch nicht um Werther, sondern um Jane Eyre, Heldin in Charlotte Brontës gleichnamigem Roman. Aber der Rest stimmt ungefähr. Das Verschwinden ihrer beliebten Klassiker-Ikone samt Text löst bei den literaturversessenen Briten eine mittlere Staatskrise aus. 

Die Insel im Jahre 1985: Wales ist eine unabhängige Republik, das geschrumpfte Empire befindet sich seit 131 Jahren im Krieg um die Krim, ein Großkonzern namens Goliath kontrolliert Medien und Politik, die kurzbeinigen Dodos werden geklont und als Haustiere gehalten, statt Flugzeugen tuckern Luftschiffe am Himmel, seltsame Literatur-Clubs bestimmen das kulturelle und soziale Leben. Von knapp 30 Geheimdienstabteilungen namens SpecOps kümmert sich eine ausschließlich um Verbrechen an der Literatur. Das geht von Raubdrucken über Fälschungen bis zu eben jenem Fall, bei dem Supergangster Acheron Hades – gelangweilt von gewöhnlichen Verbrechen – sich an britischem Kulturgut vergreift. Nicht nur, dass er sich unsichtbar machen kann, Kraft seiner Gedanken bricht er auch den Willen seiner Gegner. Die Einzige, die ihm Widerstand leisten kann, ist LitAg Thursday Next, eine Mittdreißigerin, die es eher zufällig in den Agentendienst verschlagen hat. 

Schon die anspielungsreichen Namen verraten, wie “Der Fall Jane Eyre” gestrickt ist. Den Stoff seiner Geschichte hat Fforde wie ein Patchwork aus Film und Literatur zuammengeschnippelt und grob vernäht, Zeitungsartikel und Anekdoten werden genauso eingearbeitet wie alberne Kalauer. Echt im Sinne von authentisch wirkt nur die Agentin Thursday Next, die mit ihren Selbstzweifeln, ihrer Halsstarrigkeit, aber auch mit Mut und Humor für Bodenhaftung sorgt. Müßig zu sagen, dass “Der Fall Jane Eyre” locker sämtliche Genres sprengt. Ob Krimi, Fantasy oder Science Fiction, scheint Fforde so wenig zu kümmern wie das Erzählen einer stringenten Handlung. Dass sein Buch trotzdem spannend bleibt, liegt an seinen hinreißenden Einfällen, die ganz nebenbei zeigen, dass Literatur hinsichtlich Fantasie immer noch alle anderen Medien übertrumpft. 

Fforde arbeitete als Kameramann, bevor er sich zuerst erfolglos als Schriftsteller versuchte. Sechs Jahre nahm er sich Zeit, den “Fall Jane Eyre” zu schreiben; für die heiß ersehnten Fortsetzungen gönnt man ihm nun nicht mehr so viel Zeit, was dem Ganzen aber auch nicht unbedingt schaden muss. 

- Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre. Aus dem Englischen von Lorenz Stern. dtv premium, Klappenbroschur, 374 Seiten, 14,50 Euro. 

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 27.03.2004 
 


Würde, wem Würde gebührt:
Morden bis ins hohe Alter


Eine Reportage im öffentlich-rechtlichen Fernsehen brachte es neulich ans Tageslicht: Alter schützt weder vor Torheit noch vor krimineller Energie. Die Delikte sind vielfältig: Betrügereien, Rache in Form von Brandstiftung oder Körperverletzung, eine kleine Erpressung, um die karge Rente aufzubessern. Zu verlieren hat man nichts mehr außer dem Leben; ob man im Altersheim oder im Knast sein Dasein fristet, macht keinen großen Unterschied. Zumindest für die, die wenig Geld haben. Es werden in Zukunft immer mehr sein.

Alte und müde Kommissare und Detektive gibt es zuhauf, aber die dunkle, amoralische Seite der älteren Herrschaften war bisher nur selten Thema in der Kriminalliteratur. Der Roman “Das Wartespiel” der britischen Bestsellerautorin Bernice Rubens (Jahrgang 1928) sorgt hier für Abhilfe, zumal er ausschließlich in einem Altenheim spielt. Zwar haben die betagten und betuchten Insassen der Luxusherberge Hollyhocks bei Dover unweit von London keine Geldsorgen, dafür aber um so mehr zu verbergen. Der Frust über ihr vergangenes Leben samt seiner Lügen entlädt sich nicht selten in purer Boshaftigkeit. Dass sich distinguierte britische Ladys und Gentlemen besonders für das Spiel zwischen Schein und Sein eignen, kostet Rubens weidlich aus. Das hat fast schon parodistische Züge, wie sie die Fassade bröckeln lässt: Würde, wem Würde gebührt. Selbstredend geht es um das “Wer stirbt zuletzt?”, aber es brodelt noch viel mehr unter der Oberfläche. Meisterlich schafft es Rubens, die Spannung, die zwischen den Wohlerzogenen herrscht, auf den Leser zu übertragen. “Das Wartespiel” kann man getrost einen Thriller nennen, obwohl der Roman aus dem gewöhnlichen Täter-Opfer-Schema ausbricht – mehr sei hier nicht verraten. 

Konventionell gestrickt ist dagegen “Alte Säcke auf Abwegen” des US-Schriftstellers Pete Hautman. Irreführend der deutsche Titel, da die “alten Säcke” gezwungenermaßen ihre vertrauten Bahnen verlassen müssen. Im Original heißt der Krimi doppeldeutig “The Mortal Nuts” und verrät schon einiges von seinem (Sprach-)Witz: Verrückte und Dickschädel zuhauf, aber wer dem Tod am nächsten ist, das steht auf einem anderen Blatt. 

Hautman entführt den Leser in die amerikanische Provinz, wo man mit Halsstarrigkeit, Fleiß und Ausdauer noch etwas erreichen kann. Zum Beispiel als Imbissbudenbesitzer auf der alljährlichen riesigen Landwirtschaftsmesse im beschaulichen Minnesota. Die alten Kumpels Axel und Tommy haben so einige Dollars angehäuft, Sam, der dritte schrullige Opa im Bunde, repariert auf seinem Miniatur-Schrottplatz Autos. Leider erfährt ein Speed fressender Ex-Knacki namens James Dean, dass Axel sein ganzes Vermögen zu Hause in Kaffeedosen deponiert hat. Ein grotesker Kleinkrieg um die Viertelmillion Dollar beginnt. Das White-Trash-Szenario übertrifft die Jahrmarkt-Monstrositäten locker: Dumpfe Skinheads und ein valiumsüchtiger “Baywatch”-Twen namens Carmen wollen auch noch etwas vom Kuchen abhaben. Am Ende siegen Weisheit und Gutmütigkeit. Fast wie im richtigen Leben. 


- Pete Hautman: Alte Säcke auf Abwegen. Aus dem Amerikanischen von Peter E. Maier. Bastei Lübbe, Taschenbuch, 317 Seiten, 7,90 Euro.
- Bernice Rubens: Das Wartespiel. Aus dem Englischen von Gabriele Haefs. Pendragon, Hardcover, 336 Seiten, 18,50 Euro. 

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 24.04.2004 
 


Kettenrauchen, abends ein Bier:
Norbert Horsts Polizeiroman


Hier wird nicht lecker gekocht, und auch für melancholische Grübeleien ist keine Zeit. Die Mordkommission ermittelt, Tag und Nacht. Schnöde Polizeiarbeit ist angesagt, nur ein paar Stunden Schlaf, dann geht es weiter, unzählige Zeugen befragen, Befunde zur Kenntnis nehmen, und alles zu den Akten. Kettenrauchen, abends noch ein Bier, oder auch mal zehn. Mit Kopfschmerzen wieder ins Präsidium, ins Stockwerk mit den abgewetzten Stühlen und ramponierten Schreibtischen, zu den Aktenordern und Papierkästen. Erst mal Besprechung in der Gruppe: Es gibt da womöglich noch eine andere Spur, es bleibt gar nichts anderes übrig, als ihr nachzugehen, irgendetwas muss man ja machen. Nicht gerade der Stoff, aus dem Krimis gemacht sind.

Im so genannten Polizeiroman fehlt der Plan, der alles zusammenhält. Nimmt man ihn richtig ernst wie Norbert Horst in seinem Debüt “Leichensache”, fehlt sogar die Geschichte, die sich hinter den Personen verbirgt: das Schicksal hinter dem Motiv, das weise Verstehen des Ermittlers. Wo die Realität versagt, schafft der Krimi normalerweise Abhilfe - nicht aber im Polizeiroman. Dort ist für Tiefergehendes keine Zeit: Alles wird nur angekratzt. Bleibt an der Oberfläche. Muss. Zwangsläufig. Die vielbeschworenen Mosaiksteine, die es zusammenzusetzen gilt, ergeben ein schiefes, unvollständiges Bild.

Das muss nicht langweilig sein. Mit einem geschickten Kunstgriff schafft es Horst, Bilder entstehen zu lassen, die Authentizität suggerieren und trotzdem voller Spannung sind: Er lässt erzählen, wohlwissend, wovon er reden lässt. Jahrelang hat er selbst in Mordfällen ermittelt, heute arbeitet er bei der Polizei als Verhaltenstrainer und gibt Seminare zu Stressbewältigung und Konfliktmanagement. Sein Medium in “Leichensache” heißt Kriminalhauptkommissar Konstantin Kirchenberg. Er leitet die MK Baum, die den Mord an einer 27-jährigen Studentin aufklären muss. Spermaspuren weisen auf ein Sexualdelikt hin, ihre Mitbewohnerin, die von einem Spaziergang kam, hat den Täter im Dunkeln kurz gesehen, doch der stammt nicht aus dem Umfeld des Opfers. Die mühsame Fleißarbeit beginnt. 

In einer Mischung aus Tagebuch und Protokoll, einer Art Bewusstseinsstrom im ständigen Wechsel von innen nach außen, manchmal assoziativ, dann wieder hart am Geschehen entlang berichtet Kirchenberg von den Ermittlungen, seinen sexuellen Vorlieben, frotzelt über sich und die Kollegen mit Witz und Ironie. Je näher an der Realität, desto kunstvoller muss es sein: Für seinen Erstling “Leichensache” erhält Norbert Horst am 1. Mai den Glauser, den Krimipreis der Autoren in der Sparte Debüt. 

Vielfach ausgezeichnet ist auch Robert Hültner für seine Reihe um Inspektor Kajetan, der im München der 20er Jahre auf Verbrecherjagd geht. Sein neuer Roman “Das schlafende Grab” spielt im öden Münchener Osten, im Hier und Jetzt. Der zum Streifenpolizist degradierte Ex-Kommissar Türk, ein wacher, besonnener Genosse, kommt einer widerwärtigen Geschichte auf die Spur, die bis in die Nazizeit führt. Sein Erzfeind, Ex-Kollege Schranz, versagt aus Voreingenommenheit. Im Ansatz ein guter Polizeiroman (trotz der hintergründigen Geschichte), wenn auch manche Charaktere überzeichnet erscheinen. Aber vielleicht sind die Menschen in Bayern ja so.
 
- Norbert Horst: Leichensache. Goldmann, Taschenbuch, 284 Seiten, 7,90 Euro.
- Robert Hültner: Das schlafende Grab. btb, Taschenbuch, 240 Seiten, 9,- Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 29.05.2004 
 


Paris ist ein Verbrechen wert:
Kommissar Maigrets Erben


Paris ist die Stadt der Liebe, der Heiligen, aber auch der Verbrechen. Schon Kommissar Maigret hatte alle Hände voll zu tun, die vielen tödlich endenden Kleinbürgerdramen aufzuklären. Léo Malet ließ seinen Detektiv Nestor Burma sogar flächendeckend in verschiedenen Arrondissements herumschnüffeln - nur nicht im braven 18., dem mit dem Moulin Rouge.

Heute existiert dort eine ganz eigene Welt, die der aus Zaire stammende Journalist und Autor Achille F. Ngoye in seinem Krimi "Schwarzes Ballett in Château-Rouge" beschreibt. Um die gleichnamige Metro-Station herum wohnen hauptsächlich Afrikaner: Legale und illegale Einwanderer, einheimische "Blacks" und frisch Gestrandete kämpfen dort ums nackte Überleben. Illegal eingereist ist auch der Detektiv Kologun, der in geheimer Mission einen untergetauchten Bauarbeiter aus Mali ausfindig machen soll. Die Sache zieht weite Kreise, denn korrupte Beamte und Kleinganoven haben einen schwunghaften Handel mit gefälschten Einreisepapieren aufgezogen - der Malier hatte so ein Papier. Kologuns Suche nach ihm ist eine Parabel auf den Verlust der Identität in der feindseligen Fremde. Auf seiner Odyssee fällt der Agent buchstäblich in eine Unterwelt, wo grotesk brutale Gewalt regiert. Wohlweislich vermeidet Ngoye das Wort Dschungel für den Großstadt-Moloch, um jegliche Assoziation mit Afrika zu vermeiden. Das Recht des Stärkeren gilt nur deshalb, weil die Staatsmacht kräftig mitmischt und protegiert. 

Der Einstieg in die komplexe Geschichte fällt nicht leicht, da Ngoyes metaphorisch aufgeladene Sprache Identitätsverlust, Chaos und die Getriebenheit adäquat abbildet - und damit den Leser ein wenig vor den Kopf stößt. Doch je näher der Detektiv an die Lösung des irrsinnigen Puzzles kommt, desto aufschlussreicher wird auch der Blick auf das Geschehen. Es gibt keinen Ausweg.

Ganz in der Nähe, unterhalb vom Montmartre im hippen 19. Arrondissement, herrschen ebenfalls Chaos und Krieg. Dort muss nun Kommissar Maurice "Momo" Laice seinen verhassten Dienst tun. In “More is less”, ihrem dritten Krimi um Momo, konfrontiert Chantal Pelletier den lebensmüden Kommissar mit einem Mord an einem alten Chinesen, mit gewalttätigen Jugendbanden und mit einer sadistischen Mädchengang. Kritisch wird es für den Mittvierziger, als er eine geheimnisvolle chinesische Künstlerin in den Fall verwickelt sieht. Seine Heimat, der von Kohlengruben unterhöhlte Montmartre, bricht in sich zusammen, und so auch der Kommissar. Manches scheint ein wenig zu dick aufgetragen, aber Pelletiers Kunst der Überzeichnung schärft den Blick auf die Wirklichkeit. 

Harmlos dagegen scheint der Fall, der sich im 20. Bezirk zugetragen hat. Ein alter jüdischer Antiquitätenhändler tötet einen alten deutschen Touristen. Zu ermitteln gibt es eigentlich nichts, doch der jüdische Inspector Benamou quittiert seinen Dienst, um die Hintergründe des Falles aufzudecken. Schnörkellos steuert Autor Konop in "Kein Kaddisch für Sylberstein" einem grotesken Höhepunkt zu, der im "multikulturellen" Berlin bei den Nazis spielt.

- Achille F. Ngoye: Schwarzes Ballett in Château-Rouge. Aus dem Französischen von Katarina Grän und Ronald Voullié. Zebu Verlag, 240 Seiten, 12,90 Euro.
- Chantal Pelletier: More is less. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn und Bettina Runge. Distel Verlag, 214 Seiten, 10,- Euro.
- Konop: Kein Kaddisch für Sylberstein. Aus dem Französischen von Vincent von Wroblewsky. btb, 125 Seiten, 7,50 Euro. 

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Joachim Schneider

 

(((Anmerkung von Robert Schekulin: Das abgebildete Cover von Konops "Kein Kaddisch ..." ist das der Erstausgabe bei Philo Verlagsgesellschaft. Diese Ausgabe war länger lieferbar als die btb-Taschenbuch-Ausgabe; inzwischen, 2009, sind beide vergriffen.)))
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Badische Zeitung, 10.07.2004 
 


Verdammt lang tot: Jazzer und Rockstars unter Verdacht


Das Fantastische im Krimi besteht oft in der Ausformulierung eines Extrems oder in der Verdichtung von Ereignissen. Aber der Krimi bietet auch die Möglichkeit, Konstellationen und Szenarien zu erfinden, die in der Hochliteratur im wahrsten Sinne des Wortes zu trivial wären. Einige Vorstellungskraft ist trotzdem vonnöten, sich etwas auszudenken, was hierzulande unmöglich erscheint: einen halbdebilen Rockstar oder eine legendäre deutsche Jazz-Band Anfang der 70er.

Natürlich steht hier nicht die Musik im Vordergrund, aber sie ist mehr als nur schmuckes Beiwerk, besonders in Martin Schüllers “Köln-Krimi” mit dem hübsch assoziativen Titel “Verdammt lang tot”. Dieser Spruch gilt nicht nur dem echten Jazz, sondern er bezieht sich vor allem auf ein Mitglied des legendären Bob-Keltner-Sextetts. Trotzdem will der damalige Band-Leader, ein afroamerikanischer Posaunist wie aus dem Bilderbuch, 30 Jahre später die Gruppe wieder reanimieren. Was Schüller beeindruckend in Szene setzt, ist die Faszination des Jazz. Die Musik lebt nicht nur von den (Achtung: Klischee) Spannungen zwischen den Musikern, sondern ist gleichzeitig Ausdruck eines einmaligen sozio-historischen Zufalls. 

Keltner betraut den Szene-Kenner und Kneipier Jan Richter mit der heiklen Aufgabe, die Musiker wieder auf die Bühne zu bringen. Nicht nur haben sich die damaligen Freaks in neuen Leben eingerichtet, geheimnisvolle Rückblenden künden von einer Tragödie innerhalb der Gruppe. Prompt lässt sich Richter lieber volllaufen, als den investigativen Helden zu spielen. Das ist sympathisch, nur bleibt dabei der Krimi auf der Strecke. Selbst als eine Tote im Rhein gefunden wird, kommt die Geschichte wie eine müde Improvisation nicht so richtig in Gang. Trotzdem stimmt die Komposition: Die Aufklärung des Falles spielt sich im Innern der Beteiligten ab und thematisiert eine nicht unspannende Frage: Wie geht man mit der eigenen Vergangenheit respektive Schuld um?

Ganz anders funktioniert Marion Schwarzwälders “Backstage”. Zwar gibt es auch dort einen dunklen Punkt in der Vergangenheit – Rockstars und Jazzer scheinen immer Dreck am Stecken zu haben –, doch der entpuppt sich bald als Nebenschauplatz. Der Rocker Tom Braun hat seine besten Zeiten eigentlich hinter sich, sein rücksichtsloser Manager arbeitet an einer Image-Korrektur. Doch dabei kommt ihm Panitz, Brauns Kumpel und Gitarrist aus den wilden Anfangstagen, in die Quere. Kaum in Berlin, wird Panitz erstochen. Und das in Anwesenheit der Künstlerbetreuerin und Ex-DDR-Sängerin Melissa März. Sie betreibt zusammen mit der zierlichen, aber robusten Paula von Oshinski eine Hauptstadt-Detektei, deren Ruf natürlich Schaden nimmt. Die beiden Frauen machen sich auf Mördersuche. Unter dem Motto “Getrennt ermitteln, vereint schlagen” nimmt der Fall irrwitzige Züge an: Illegaler Tablettenhandel, Immobilienbetrügereien, eine Spionagegeschichte und die Abgründe des Rock-Biz kommen zu Tage, und zwei weitere interessante Frauen treten auf. Alle Achtung, dass die Autorin hierbei nicht den Überblick verliert. 

Was man dem turbulenten, stilistisch eigenwilligen und rasanten Krimi vorwerfen kann, ist, dass die Männer allesamt Schlappschwänze, Tyrannen oder Idioten sind. In “Backstage” sind die Frauen nicht nur Frauen, sondern auch die besseren Männer. Doch so viel Fantasie darf sein. 

- Marion Schwarzwälder: Backstage. Rowohlt, Taschenbuch, 316 Seiten, 7,90 Euro.
- Martin Schüller: Verdammt lang tot. Emons, Paperback, 239 Seiten, 9,- Euro. 

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Joachim Schneider

 
 

 


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Badische Zeitung, 12.08.2004
(anlässlich Gunter Gerlachs Lesung am 13.08.2004)


Was heißt hier Krimi?

BZ-PORTRÄT: Kultautor Gunter Gerlach kommt nach Freiburg


Seine Bücher sprengen jedes Genre, seine Helden passen in kein Schema, seine Sprache ist anders. Der Hamburger Schriftsteller Gunter Gerlach hat alles, was es zum Kultautor braucht. Bei der Lesereihe "Unter Sternen" liest er am Freitag in Freiburg aus seinen jüngsten Romanen "Der Haifischmann" und "Irgendwo in Hamburg".

Überall lauern gefahren, fremde Stoffe greifen Haut und Lunge an, eine Berührung kann zu einer Lähmung führen, die Mitmenschen schnüffeln hinter einem her, sie wollen nichts Gutes. Eine seltsame Welt, in der sich die Helden des Schriftstellers Gunter Gerlach zurechtfinden müssen. Unheimlich und voller Tücken, aber auch eine liebenswerte und komische. Dabei ist sie ganz nah, sie könnte überall in Deutschland sein, doch "Irgendwo in Hamburg" trifft es am besten. So heißt schließlich der neueste und dritte Krimi um den Schriftsteller und Einbrecher Jakob Vogelwart. Aber was heißt hier Krimi?

Jakob Vogelwart hat natürlich selbst Schuld an seiner Misere und an dem Misstrauen seiner Umwelt. Seinen Lebensunterhalt bestreitet der blockierte Schriftsteller, indem er nach gründlicher Recherche seine Nachbarn ausraubt. Hat er seine Arbeit erledigt, macht er sich aus dem Staub, bevor ihm womöglich doch noch jemand auf die Schliche kommt. Doch dieses Mal kommt alles anders. Zufällig gerät er in ein Haus, dessen Bewohner sich allesamt äußerst merkwürdig benehmen.

"Was passiert in einem Haus, in dem der Hauswirt seine Mieter danach aussucht, dass sie möglichst schwere Verbechen begangen haben? Das war die Idee", sagt Gerlach. Ein Experiment, bei dem nicht einmal der Autor anfangs wusste, wie es ausgehen wird. Für Gerlach ist Schreiben ein "freier schöpferischer Akt". Wenn er darüber redet, vergleicht er es mit der Bildenden Kunst. Das kommt nicht von ungefähr. 1941 in Leipzig geboren, studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Hamburg, sein Hang zu anarchistischem Humor zeigte sich schon 1965 beim Weltrekord im Dauermalen mit der Künstlergruppe "Cruizin 4 - Syndikat für Kunstbetrieb". Für den Südwestfunk produzierte Gerlach Hörspiele und Serien. Seit über 20 Jahren gibt es von ihm Bücher - kleine Auflage, aber treue Fans. Nicht zuletzt aufgrund der widersprüchlichen Figuren: Der Allergiker-Detektiv Bartzsch muss raus und sich in einer Welt behaupten, die ihm ständig Schaden zufügt. Für "Kortison", den ersten Band der dreiteiligen Reihe, bekam Gerlach 1995 den Deutschen Krimipreis.

Sein Held in der absurden Liebsgeschichte "Der Haifischmann" lebt seit sieben Jahren ohne Freundin und verliebt sich in jede Frau, die ihm über den Weg läuft. So weit, so gut, aber Luca Buda hat Berührungsängste im wahrsten Sinne des Wortes: Körperkontakt lähmt ihn, lieber malt er sich das amouröse Abenteuer aus. Stets haben Gerlachs Protagonisten eine poetische Ader, die Transformation findet am Schreibtisch statt: "Wie ein Schauspieler versetze ich mich selber in die Figur meiner Helden und beobachte mich selbst dabei. Das ist spannend für mich."

Dem Leser geht es genauso. Gerlachs Helden berichten alle aus der Ich-Perspektive und erleben, wie sich ihre Umwelt verwandelt. Schnöde Adjektive sind verboten, wenn sich das Innere der Menschen nach außen kehrt. So sehen Gefühle aus: Menschen werden Säcke und Wölfe, Ohren und Haare wachsen wie bei Monstern, Kleidung verändert sich. Vor Überraschungen ist niemand gefeit. Das Leben spielt einem zwar übel mit, aber nicht nur: Besser als Herr Siebzig, ein erprobter Fernsehmann im "Haifischmann", kann man es nicht sagen: "Menschen, die planen, gehen geradewegs in den Tod. Für Feiglinge aber ist das Leben ein langes, vor ihnen liegendes Abenteuer."

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 31.07.2004 
 


Wenn alle Finnen feiern:
Krimis aus dem hohen Norden


Das mit den vielen Seen stimmt natürlich, und dass die Finnen viel trinken, wohl auch, immerhin bestätigen das zwei neu übersetzte Krimis aus dem rätselhaften Land im hohen Norden. Geht es um finnischen Humor, wird meist das Adjektiv "skurril" in einem Atemzug genannt. Aber was heißt das? Mit der Lakonie ist es auch so eine Sache, zumal die Ermittler in Pentti Kirstiläs Krimi "Tage ohne Ende" fast nichts anderes tun als reden und quatschen, ein schrulliger Schweiger ist die komische Ausnahme.

Das Original erschien in Finnland schon 1978, und man fragt sich, warum dieser großartige Polizeiroman nicht schon früher übersetzt wurde. Vielleicht wäre der gemeine Krimi-Leser damals überfordert gewesen? Kirstilä schickt in bester Jim-Thompson-Manier einen psychopathischen Ich-Erzähler voraus, der lustig drauf los plappert: Eine Arbeitskollegin verdient den Tod, weil sie den Möchtegern-Casanova mit Verachtung straft. Erst nach über 100 Seiten, im auktorial erzählten “Dritten Teil”, bekommen wir dann den eigentlichen Fall.

Mittsommernacht: Alle Finnen feiern. Die in Tampere leben, gehen raus an die Seen, nur der sehr eigenbrödlerische Kriminalhauptwachtmeister Hanhivaara würde am liebsten in der ausgestorbenen Stadt flanieren. Doch seine neue Freundin hat ihn überredet, in ein nahes Wochenendhäuschen mitzukommen. Beim morgendlichen Spaziergang finden die beiden - siehe da - eine Leiche. Hanhivaara dankt es dem Schicksal, dass er wieder zu tun hat. Er ist der sensible Mann für die Verhöre, ein begnadeter Fragensteller: Irgendwo zwischen Columbo und Maigret, liefert er sich mit seinen Kontrahenten, der Belegschaft einer Computerfirma, aberwitzige Dialoge. Dabei lässt es sich der Erzähler nicht nehmen, ein paar - meist spöttische - Kommentare abzugeben.

"Tage ohne Ende" ist trotzdem keine Krimi-Farce, sondern ein Meisterwerk. Hoffentlich gibt es bald mehr aus der Hanhivaara-Serie. Der Appell geht an den rührigen Grafit Verlag in Dortmund. Seine beachtliche internationale Krimi-Reihe unterscheidet sich optisch nur durch ein Wort auf dem Buchdeckel von seiner erfolgreicheren, oft aber langweiligeren Reihe deutscher Provinz-Krimis.

Ein weiterer Finne bei Grafit hat es dennoch schon zur Folge Nummer drei geschafft. Wer Lakonie sucht, liegt bei Harri Nykänen und seinem Helden Raid richtig. Raid agiert unauffällig im Hintergrund, als eine Art Unterwelt-Polizist und freischaffender Gangster, der auch tötet, wenn es sein muss. Mit dem netten, väterlichen Kommissar Jansson verbindet den Berufsstoiker eine respektvolle Beziehung. Huusko, der Dritte im Bunde, ist ein junger fleißiger Polizist ohne Wohnung, der seinen Kummer in reichlich Alkohol ertränkt.

In "Raid und der Legionär" wird ein alter Einbrecher tot aufgefunden, doch dem Team Huusko/Jansson wird der scheinbar eindeutige Fall entzogen. Das Einbruchsdezernat weiß, warum. Erst allmählich offenbart sich den Protagonisten und dem Leser eine komplexe Geschichte um Geld- und Machtgier. Nykänen erweist sich einmal mehr als ein Meister der schleichenden Verdichtung.
 
- Pentti Kirstilä: Tage ohne Ende. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara. Grafit Verlag, Taschenbuch, 288 Seiten, 9,40 Euro.
- Harri Nykänen: Raid und der Legionär. Aus dem Finnischen von Regine Pirschel. Grafit Verlag, Taschenbuch, 254 Seiten, 8,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 04.09.2004 
 


Verlorene Biographien:
Gangster und Detektive um die 40


Wyatt hat Zweifel. An sich und seiner Arbeit. Ständig ist er auf Reisen. Seine Projekte laufen nicht mehr gut. Er sehnt sich nach einem trauten Heim. Wyatt ist schon über 40, Single und weiß nicht so richtig, wie das Leben weitergehen soll. Jedenfalls wird es immer mühsamer. Obwohl er in seinem Fach einer der Besten ist.

Ja, das kommt einem bekannt vor, die Welt ist unsicher geworden. Überall heißt es, dass Biografien nicht mehr stringent verlaufen. Bemerkenswert daran ist: Der australische Autor Garry Disher erfand diese Figur schon vor zehn Jahren, und Wyatt ist nichts anderes als ein Berufsgangster, spezialisiert auf präzis geplante Raubüberfälle. “Crosskill”, in der deutschen Ausgabe “Willkür”, ist der vierte Band in der Wyatt-Serie, die bei Pulp Master im Maas Verlag erscheint.

Disher hat seinem Helden wieder einen Hauch Ambivalenz verpasst. Es sind genau diese Momente, die Wyatt sympathisch machen: die Müdigkeit, die Melancholie, sein Arbeitsethos und seine Genauigkeit, die ihn nicht vor dem Scheitern bewahren. Aber man kann “Willkür” genauso gut als einen präzis komponierten Thriller lesen. Wyatt hat mit einer Melbourner Autoschieber-Familie noch eine Rechnung offen, die ihn um die Früchte seiner Arbeit, sprich um 200.000 Dollar, gebracht hat. Doch während er seinen Coup plant, hat das Syndikat in Sydney ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt - unter solchen Bedingungen kann kein Gangster der Welt vernünftig arbeiten. Mit seinem Freund Jardine startet Wyatt zum Gegenangriff. Die Geschichte wird richtig kompliziert, da korrupte Bullen, verräterische Komplizen und eine Mutter, die ihren Neonazi-Sprössling vor dem Knast bewahren will, ihm ins Handwerk pfuschen. Rasant laufen die Handlungsstränge aufeinander zu. Zwei weitere Romane mit dem Gangster sind bei Pulp Master in Planung, im nächsten kommt der Freiberufler mit der Regierung in Konflikt.

Geht es um die verlorenen Um-die-40-Jährigen, darf deren berühmtester Held nicht fehlen: Philip Marlowe, Privatdetektiv. Großes Maul und desillusioniert, aber physisch und moralisch standhaft in jeglicher Hinsicht, während die Umwelt zusehends verkommt. Starautor Jonathan Lethem hat ihm einst in seinem Debüt-Roman mit dem an Raymond Chandler angelehnten Titel “Der kurze Schlaf” ein groteskes Denkmal gesetzt, von dem nun eine überarbeitete Übersetzung als Taschenbuch erschienen ist.

Marlowe heißt hier Metcalf, die Welt aber ist eine komplett andere geworden. Genmanipulierte Tiere verhalten sich wie Menschen, legale Drogen helfen vergessen, Nachrichten kommen als Musik, das perfekte Instrument der Kontrollgesellschaft ist eine Chip-Karte, auf der Karma-Punkte verwaltet werden. Wer sich danebenbenimmt, verliert seine Punkte und wird eingefroren. Wer die Wahrheit ans Licht bringen will, wie Metcalf im Fall eines bestialischen Mordes, wird kaltgestellt. So etwas wie eine individuelle Lebens- oder Entwicklungsgeschichte gibt es nicht mehr - ausgelöscht durch Drogen oder von Staats wegen.


- Garry Disher: Willkür. Aus dem Englischen von Bettina Seifried. Maas (Reihe pulp master, Band 15), Taschenbuch, 252 Seiten, 12,- Euro.
- Jonathan Lethem: Der kurze Schlaf. Aus dem Amerikanischen von Biggi Winter, überarbeitet von Michael Zöllner. Heyne, Taschenbuch, 331 Seiten, 8,95 Euro.

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Joachim Schneider

 

(((Anmerkung von Robert Schekulin: Jonathan Lethems verrückte Mischung aus Science Fiction, Hardboiled-Thriller-Komödie und Detektivkrimi-Parodie heißt im 1994 erschienenen Original “Gun With Occasional Music”. Die deutsche Erstausgabe 1998 als Heyne-SF-Taschenbuch hieß denn auch halbwegs sinngemäß “Knarre mit Begleitmusik”. Erst die deutsche Neuausgabe als gediegener Hardcover beim Tropen Verlag (wo der inzwischen groß herausgekommene Autor jetzt angemessen verlegt wird) bekam dann den Titel “Der kurze Schlaf” mit seiner direkten und vielleicht etwas plumpen Anspielung auf Chandler (“The Big Sleep” / “Der große Schlaf” - und “The Long Good-Bye” / “Der lange Abschied” fällt uns dann auch gleich noch ein). Für die anschließende Heyne-TB-Neuausgabe, nun nicht mehr in der SF-Reihe, sondern im Allgemeinen Programm, wurde der neue Titel dann übernommen. - Inzwischen jedoch, 2009, ist auch die neue Heyne-TB-Ausgabe schon wieder vergriffen.)))

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Badische Zeitung, 23.10.2004 
 


Lexikon in Geschichte:
Qiu Xiaolong und Stan Jones


“Wer sich das Alte noch einmal vor Augen führt, um das Neue zu verstehen, der kann anderen ein Lehrer sein.” Dieser Satz von Konfuzius dürfte auch für Qiu Xiaolong ein Beweggrund gewesen sein, seine Krimis zu schreiben. Sie thematisieren das kommunistische China und dessen Öffnung für kapitalistische Marktmechanismen zu Beginn der 90er Jahre. Seine Bücher sind eine Lektion in nicht offizieller Geschichte. Dabei hat das Setting schlicht auch einen biographischen Hintergrund: 1988 bereiste der Lyriker, Übersetzer und Literaturkritiker die USA, nach dem Massaker auf dem Tiananmen-Platz kehrte er nicht nach China zurück. Mittlerweile lehrt der 1953 in Shanghai geborene Qiu (im Chinesischen steht der Nachname zuerst) an der Washington University in St. Louis Chinesische Literatur.

Ebenfalls von dort - als hätte der Autor einen westlich-femininen Teil von sich zurück in seine Heimat schicken wollen - stammt U.S. Marshal Catherine Rohn. Sie soll im Zuge der neuen Offenheit die Ehefrau eines wichtigen Zeugen in einem Menschenschmuggler-Prozess in die USA begleiten. Oberinspektor Chen, junger aufstrebender Kader in Shanghai, geachteter Poet und Anglistik-Fachmann, wird dazu abkommandiert, ihr den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Nicht nur, dass sich die Beiden anfangs zueinander verhalten wie Yin und Yang – besagte Ehefrau ist spurlos verschwunden, als es zur Übergabe kommen soll. Was die internationalen und individuellen Beziehungen nicht gerade vereinfacht.

Hatte Qiu in seinem ebenso lesenswerten Debüt “Tod einer roten Heldin” (jetzt als Taschenbuch erhältlich) die Kaderpolitik respektive ihre moralisch gestrauchelten Kinder aufs Korn genommen, so beleuchtet “Die Frau mit dem roten Herzen” nun das Schicksal einer Einzelnen, gebeutelt von der so genannten Landverschickung. Zu Zeiten der Kulturrevolution wurden begabte Jugendliche aufs Land verbannt, um die harte Seite des Lebens kennenzulernen. Nicht alle schafften es wieder zurück in die reicheren Städte; illegal auszuwandern gilt inzwischen als einzige Möglichkeit, dem Elend zu entkommen.

Einmal mehr präsentiert der Autor reichlich chinesische Lebensart: Gerichte, Weisheiten und Dichtkunst. Zwar fehlt der Novum-Effekt des ersten Buches, doch der Blick auf den Alltag und das Knüpfen der zarten Bande zwischen dem zurückhaltenden Inspektor und dem euphorisierten China-Fan bleiben mindestens genauso spannend wie der eigentliche Fall, obwohl die Triaden, vulgo: die Chinesische Mafia, ebenfalls ihre schmutzigen Finger mit im Spiel haben. “‘Was für eine romantische Geschichte‘, sagte sie und schob sich einen Löffel Blutsuppe in den Mund” - solche Sätze liest man nicht alle Tage.

Auch der Alaska-Krimi-Autor Stan Jones scheint sich Konfuzius‘ Weisheit zu Herzen genommen zu haben: In seinem dritten Roman um den State-Trooper Nathan Active geht es um einen Mord, dessen Hintergründe weit in die Vergangenheit reichen. Wer sich für die Kultur der Inupiat, der Ureinwohner Alaskas, samt ihrer Zivilisationsgeschichte interessiert, und wer sich in einsam verwehten, kalten Schneelandschaften verlieren kann, dem sei “Schamanenpass” wärmstens empfohlen. Für beide Krimis jedenfalls gilt: In der Ruhe liegt die Kraft.
 
- Qiu Xiaolong: Die Frau mit dem roten Herzen. Aus dem Amerikanischen von Susanne Hornfeck. Zsolnay, gebunden, 381 Seiten, 24,90 Euro.
- Stan Jones: Schamanenpass. Aus dem Englischen von Peter Friedrich. Unionsverlag, gebunden, 285 Seiten, 19,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

(((Anmerkung von Robert Schekulin: Beim Abdruck in der Badischen Zeitung wurde ein Text-Absatz über Stan Jones weggekürzt, zugunsten eines Porträtfotos von Qiu Xiaolong und eines Veranstaltungshinweises auf eine Freiburger Lesung mit ihm.)))

 

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Badische Zeitung, 13.11.2004 
 


Nicht die feine moralische Art
Dominique Manotti: "Hartes Pflaster"


Es gibt viele Beweggründe, Krimis zu schreiben. Einer ist Enttäuschung. Vor allem in Frankreich bildete sich eine Gruppe desillusionierter 68er, die sich ihren Frust mit schonungslosen Kriminalromanen von der Seele schrieb. Allen voran Jean-Patrick Manchette. Leider verstarb der Erfinder des néo-polar, bevor er sein Vorhaben realisieren konnte, der Mitterand-Ära auf den Zahn zu fühlen.

Etablierte Autoren wie Jean-Bernard Pouy blieben weiter am Ball. Eine Newcomerin namens Dominique Manotti setzte jedoch neue Maßstäbe. Im Gegensatz zu ihren Genossen hatte sie sich noch in den 70ern politisch engagiert und schmiss erst mit der Machtübernahme der Sozialisten Anfang der 80er den Bettel hin. Wie wichtig ihr die radikale Gewerkschaftsarbeit war, sieht man daran, wie die ehemalige Generalsekretärin der Pariser Sektion der CFDT über 20 Jahre danach noch darüber erzählt – so nach ihrer Lesung im Freiburger josfritzcafé.

Manottis Debüt “Hartes Pflaster” brauchte fast zehn Jahre, um ins Deutsche übersetzt zu werden, obwohl es 1995 zum besten französischen Kriminalroman gekürt wurde. Die Krimis unserer Nachbarn laufen hierzulande nicht so gut, doch jedesmal, wenn wieder so ein außergewöhnlicher Thriller über den Rhein kommt, stellt sich die Frage aufs Neue: Warum?

Zur überaus komplexen Story: Ein thailändisches Mädchen liegt ermordet in einer Schneiderei zwischen schicken Klamotten, im Pariser Viertel Sentier. Dort nähen sich illegale türkische Arbeiter die Finger wund, damit die Prêt-à-porter-Kollektionen nach den Modenschauen schnell bei den Kunden sind. Nur weil die Näher ökonomisch so wichtig sind, drückt der Staat beide Augen zu. Gleichzeitig dient das Viertel als Umschlagplatz für das Heroin aus dem Nahen Osten. Nach Hinweisen aus Deutschland macht sich der schwule Kommissar Daquin daran, den Drogenring auszuheben, in den türkische Rechtsradikale genauso involviert sind wie hohe diplomatische Kreise.

Während die illegalen Arbeiter um ihr Aufenthaltsrecht kämpfen, schnappt sich Daquin den jungen, in seiner Heimat gesuchten Türken Soleiman als Informanten und Liebhaber. Nicht gerade die feine moralische Art, doch geht es um Kinderprostitution, Drogenschmuggel und Korruption, ist Daquin unerbittlich. Manotti entwickelt eine vielschichtige Typologie des Sentier-Viertels mit seinen eigenen brutalen Gesetzen, erzählt spannend in knappem Protokollstil und zeichnet präzise die Charaktere in ihrer Widersprüchlichkeit.

Im bürgerlichen Leben heißt Manotti Marie-Noëlle Thibault und ist Professorin für Wirtschaftsgeschichte; sie war schon 50, als sie die Fronten wechselte. Nicht sie habe sich verändert, sondern die politische Situation: “Die Gewerkschaftsarbeit hat ihre Rolle verloren, gesellschaftliche Dinge zu ändern”. Den Krimi schrieb sie auch, um das denkwürdige Ereignis eines erfolgreichen Kampfes für die Rechte Illegaler für die Nachwelt festzuhalten. Dass dabei ein Thriller herauskam, der ihrem erklärten Vorbild James Ellroy alle Ehre macht, freut nicht nur die von der Politik und der Geschichte Vergessenen.


- Dominique Manotti: Hartes Pflaster. Aus dem Französischen von Ana Rhukiz. Assoziation A, 333 Seiten, 16,- Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 15.01.2005 


Das entfesselte Kapital:
Zwei Bestseller aus den USA


Der Aktienkurs ist alles. Unternehmerischer Erfolg wird an der Börse gemessen. Regiert in der Wirtschaft das psychologische Moment, zählt nur noch der Schein, der mit allen Mitteln der Kunst inszeniert wird - was zwei amerikanische Bestseller eindrücklich schildern. Strategien dienen ausschließlich der Geldbeschaffung, Konkurrenten müssen vernichtet werden. Das gilt in der Computer- und Kommunikationsbranche genauso wie für die Eisenbahn, die in den USA zu größten Teilen privatisiert ist. Und die Ridley Pearsons neuer Thriller “Die letzte Lüge” (schöner Originaltitel: “Parallel Lies”) zum Thema hat.

Konzernchef William Goheen hat mit harter Hand die Northern Union Railroad zur profitabelsten Bahnlinie der USA gemacht, den Aktienkurs verdreifacht. Der superschnelle F-A-S-T Track soll dem Ganzen die Krone aufsetzen, ein Hochgeschwindigkeitszug zwischen Kindheitstraum und börsengestützem High-Tech-Wahnsinn. Die Weichen sind gestellt, doch ein Saboteur treibt sein Unwesen: Der Computerwissenschaftler Umberto Alvarez hat durch ein Eisenbahnunglück seine Familie verloren. Bei einem manipulierten Prozess wurde die Schuld am Unfall seiner Frau in die Schuhe geschoben. Mit seinen Anschlägen auf Güterzüge will er nun die NUR zur Preisgabe der Wahrheit zwingen. Doch die hat alle Sabotageakte sofort vertuscht, damit keine Zweifel daran aufkommen, dass ihre Züge allzeit sicher sind. Und dass hinter diesen Vertuschungen noch mehr steckt, muss auch der seelisch angeschlagene Ex-Polizist Peter Tyler feststellen, der beauftragt wird, den Tod eines Eisenbahntramps zu untersuchen.

In paralleler Montage deckt Ridley Pearson, Musiker-Kumpel von Stephen King, die verbrecherischen Machenschaften der Eisenbahngesellschaft auf und erzählt, wie der gejagte Alvarez seinen letzten und größten Coup plant. Kompromisslos schlägt er sich dabei auf die Seite der Wahrheit und der Gerechtigkeit, lässt beeindruckend Züge bersten, während das entfesselte Kapital in Richtung Abgrund rast.

Gibt es bei Ridley Pearson noch das moralisch halbwegs integre und dementsprechend handelnde Individuum, sind die Figuren in Joseph Finders Wirtschaftsthriller “Goldjunge” Strippenzieher, Schauspieler, Zyniker oder Versager. Die Sympathie des Autors liegt eindeutig auf Seiten der Anti-Karrieristen, zumal der Ich-Erzähler ein sympathischer Hänger ist, der das Spesenkonto seiner Firma knackt, um einem Lagerarbeiter eine rechte Abschiedssause zu finanzieren. Klar kommt ihm die Firma auf die Schliche, und Konzernboss Wyatt, ein wahrer Kotzbrocken von Unternehmer, stellt Adam Cassidy vor die Wahl: Knast oder Industriespionage. Der smarte Loser wird mit dem Insider-Wissen eines Supermanagers ausgestattet und prompt beim schärfsten Konkurrenten, der Firma Trion, eingestellt. Dort gewinnt der Spion bald die Sympathien des väterlichen Firmenpatriarchen, Prototyp eines guten Kapitalisten. Aus dieser Konstellation entwickelt Finder einen grotesken und spannenden Seifen-Thriller mit präzis gezeichneten Protagonisten und haarsträubenden Situationen. Das Ende ist so dick wie bitter.
 
- Ridley Pearson: Die letzte Lüge. Aus dem Amerikanischen von Rolf Tatje. Bastei Lübbe, 413 Seiten, 8,90 Euro.
- Joseph Finder: Goldjunge. Aus dem Amerikanischen von Marie Rahn. Heyne, 527 Seiten, 12,00 Euro.
 

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 19.02.2005 


Jäger und Teufelsanbeter:
Neue Romane von Perry und Mainka


“Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter; warum, wieder einmal diese eine Frage, dieses Warum, auf das ich nie eine Antwort bekomme.” Selbstredend wird die Freiburger Kommissarin Elza Linden eine Antwort finden, wenn auch eine unbefriedigende. Es bleibt ein Rätsel, warum ein Mensch einen anderen tötet, warum Macht, Rache oder schlicht Lustbefriedigung mehr wert sein sollen als ein Leben. Ein ethisches Problem.

Dem versucht der amerikanische Autor Thomas Perry auf die Spur zu kommen. Berühmt wurde der ehemalige Universitätslehrer für Literatur mit seiner Reihe um die halbindianische Detektivin Jane Whitefield und durch einen lockeren, humorvollen Stil. Sein neuester Thriller “Der finale Schuss” dagegen ist bitterböse und traurig, aber nicht minder spannend.

Der reiche Frührentner Robert Mallon rettet bei seinem allabendlichen Strandspaziergang im sonnigen Kalifornien einer jungen Selbstmörderin das Leben, kümmert sich fürsorglich um sie. Doch die Frau verschwindet, am nächsten Tag wird sie tot aufgefunden. Das tragische Ende der geheimnisvollen Unbekannten lässt ihm keine Ruhe, zusammen mit der Privatdetektivin Lydia Marks sucht Mallon nach Gründen respektive nach Brüchen im Leben der Toten. Die beiden stoßen in ihren Ermittlungen auf ein exklusives Selbstverteidigungscamp - mit integrierter Schule für Killer. Der Südafrikaner Michael Parish, ein ehemaliger Soldat und Söldner, bildet dort zukünftige Mörder aus - für geeignete Klienten veranstaltet er eine Art Stadt-Safari, bei der der Wunsch zu töten befriedigt wird. Zwar stehen bei Perrys nie langweiligen Moral- und Charakterstudien gedemütigte Frauen im Vordergrund, aber Mensch sein kann jeder verlernen, aus den unterschiedlichsten Gründen. “Der finale Schuss” entlässt den Leser mit einem Kloß im Hals, der nicht so einfach zu schlucken ist.

Frauen spielen auch eine große Rolle in Martina Mainkas zweitem Krimi “Satanszeichen”. Allen voran die Kommissarin Elza Linden, die als Ich-Erzählerin die Aufklärung einer gruseligen Mordserie in Freiburg schildert. “Satanszeichen” kann man getrost einen klassischen Polizeiroman nennen, der ein wenig an einen guten “Tatort” erinnert. Von den üblichen Heimatkrimis hebt er sich wohltuend ab, mit dem Lokalkolorit geht die Autorin sparsam um. Tatsächlich könnte die Geschichte in jeder Stadt spielen.

Die 28-jährige Journalistin Diane Lau liegt tot im Schnee auf dem Güterbahnhofgelände. Allem Anschein nach ist sie Opfer eines Satanistenkultes geworden, zumal noch zwei weitere Frauenleichen die gleichen Merkmale aufweisen: einen Schnitt am Hals und ein umgekehrtes Pentagramm auf dem Bauch. Doch die kettenrauchende, Unmengen Kaffee trinkende und kaum schlafende Chefermittlerin hält die Augen nach allen Seiten offen und ihre Mitarbeiter auf Trab. Über ein paar klitzekleine Ungereimtheiten kann man leicht hinwegsehen, denn der Fall ist vielschichtig genug und eindrücklich erzählt. Und wer Lou Reeds “Perfect Day” hört, kann kein schlechter Mensch sein. - Ende April wird Martina Mainka, die als Redakteurin bei dieser Zeitung arbeitet, ihr Buch in Freiburg vorstellen.


- Thomas Perry: Der finale Schuss. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Piper, Taschenbuch, 363 Seiten, 8,90 Euro.
- Martina Mainka: Satanszeichen. Gmeiner, Taschenbuch, 329 Seiten, 9,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 02.04.2005 


Im Dschungel der Großstadt:
Neue Romane über New York


Schafft man es in New York, dann schafft man es überall. Frankie Boys Schmetterorgan in Gottes Ohr, denn schafft man es nicht, kann man ganz schön unter die Räder kommen. Davon handeln die Thriller von Jason Starr. Zwar spielen seine Fallstudien ausschließlich im befriedeten Manhattan, aber auch dort kann allerhand passieren, perfiderweise aus heiterem Himmel, wie in “Twisted City”, seinem neuesten Buch. Schlicht Kriegsgebiet dagegen ist ein Stadtteil wie die Bronx. Dorthin zu den Latino-Gangs, Crack-Babies und Warlords, zwischen Stadtguerilla, Häuserkämpfe und Drogengeschäfte traut sich nur einer: der jüdische Cop Isaac Sidel.

Über 30 Romane und Sachbücher (eines über Tischtennis) hat Jerome Charyn, in der Bronx geboren und heute Professor für Filmgeschichte in Paris, schon veröffentlicht. Hierzulande am bekanntesten ist die großartige Stadt-Saga um das jüdische Rauhbein mit dem großen Herzen. Im neunten Buch “El Bronx”, das Original erschien in den USA schon 1997, muss der mittlerweile zum Bürgermeister avancierte “Pink Commissioner” die Bronx vor dem endgültigen Zerfall retten und gerät dabei in die undurchsichtigen Machenschaften der Politik. Die Baseballer streiken, das Yankee Stadium soll abgerissen werden, die Haushaltskassen sind leer, Jugend-Gangs kämpfen um ihre Territorien, doch die Fäden ziehen andere. Gefahr droht dem Mann im Glashaus aus den eigenen Reihen - in der Bronx wird Sidel verehrt wie ein Heiliger. In Charyns surreal-apokalyptischer Parallelwelt tummeln sich irre Patchwork-Figuren, im Großstadtdschungel braucht es viele Identitäten. Ordnungshüter entpuppen sich als Killer, ein Plätzchen backendes Mädchen verwandelt sich in eine Holzschwert schwingende kindliche Jeanne d’Arc.

Der Radius von David Miller dagegen ist äußerst beschränkt. Joggen im Central Park, Bars und Arbeitsplatz befinden sich Uptown, ganz exklusiv in der Nähe, zwei Drittel des Einkommens gehen für die Miete drauf. Seitdem der Frühwaise seine über alles geliebte ältere Schwester verloren hat, läuft es nicht mehr so gut für den Mittdreißiger. Vom “Wall Street Journal” gefeuert wegen ausufernder Trauerarbeit, landete der Wirtschaftsjournalist bei der zweitrangigen Postille “Manhattan Business”, zu Hause nervt und betört zugleich Rebecca, eine hübsche neurotische Möchtegern-Tänzerin, die nur Partys, Drogen und Shopping im Kopf hat.

Jason Starrs fünfter Thriller ist ähnlich gestrickt wie seine Vorgänger, stets wandeln seine Protagonisten nah am Abgrund, ein kleiner Stoß nur, und sie fallen. Stets erzählen sie aus ihrer Perspektive, dieses Mal wirkt der gutmütige und arglose, aber gar nicht blöde Schwerenöter David erschreckend glaubwürdig: In einer Bar, nach einem missglückten Flirt, fehlt ihm plötzlich die Brieftasche, prompt kommt kurz darauf ein Anruf. Unten im Village bei einer Fixerin und Prostituierten kann er das Stück abholen – gegen großzügigen Finderlohn, versteht sich. Er lässt sich auf den Deal ein, weil er unbedingt ein Foto seiner Schwester zurück haben will. Mit dem Geld in der Hand wird er vom psychopathischen Freund der Finderin überrascht. David handelt, und lange Zeit sieht es so aus, als wäre er doch ein Gewinner.


- Jerome Charyn: El Bronx. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger. Rotbuch Verlag, Taschenbuch, 211 Seiten, 9,90 Euro.
- Jason Starr: Twisted City. Aus dem Amerikanischen von Bernhard Robben. Diogenes Verlag, gebunden, 331 Seiten, 19,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 28.05.2005 


Mit und ohne Fantasie:
Ermittler in Paris und NRW


Dass die Kriminalromane von Fred Vargas auch hierzulande so erfolgreich sind, dürfte viele Gründe haben. Da wären die fast surreale Atmosphäre ihrer in Paris spielenden Geschichten, die haarsträubenden, aber gut komponierten Fälle - und natürlich der unwiderstehliche Kommissar Adamsberg, dessen Gewaltbereitschaft sich darin erschöpft, am liebsten die Zeit totzuschlagen. Er kann nur denken, wenn ihm nicht bewusst ist, dass er denkt, ganz der intuitive Typ, der feinste Schwingungen des Bösen gleich einem überempfindlichen Seismographen registriert.

In Vargas’ neuem Thriller “Der vierzehnte Stein” nennen ihn die kanadischen Kollegen, bei denen die Pariser Brigade zur Fortbildung weilt, einen “Wolkenschaufler”, weil er immer noch seinen Gedanken an einen toten Serienkiller nachhängt. Richter Fulgence mordete mit einem Dreizack und schaffte es stets - Kraft seines Amtes -, die Verbrechen anderen in die Schuhe zu schieben. In einem solchen Fall musste Adamsberg vor über 20 Jahren seinem Bruder aus der Patsche helfen. Nun gerät er in Kanada selbst unter Mordverdacht und verliert dabei, wenn nicht den Verstand, zumindest seinen Instinkt. Aber er hat ja noch seine Kollegen: zum Beispiel die dicke Violette Retancourt, die so unscheinbar ist, dass sie unsichtbar wirkt, oder Danglard, alleinerziehender Vater von fünf Kindern, genialer Logiker mit enzyklopädischem Wissen und gemäßigter Alkoholiker. Vertrauen und Menschenkenntnis zeichnen dieses illustre Kollektiv aus, das nur durch die individuellen Fähigkeiten jedes Einzelnen erfolgreich ist. Hut ab für dieses utopische Moment - Fred Vargas, im Hauptberuf Archäologin, hat ihr Meisterwerk abgeliefert.

Polizeiarbeit in Deutschland sieht anders aus, ein Paradebeispiel dafür ist der neue Thriller “617 Grad Celsius” von “Marlowe”- und “Glauser”-Preisträger Horst Eckert. Fleiß, Disziplin und Misstrauen sind hervorstechende Eigenschaften der Ermittler: Eckerts neue Heldin Anna Winkler, Tochter eines Landtagsabgeordneten und Ex-Polizisten, dazu noch die Nichte des Ministerpräsidenten, wurde Polizistin aus Überzeugung, sieht sich aber plötzlich mit dunklen Punkten in der Vergangenheit ihrer Familie konfrontiert. Auf drei Zeitebenen werden Doppelmoral und Machtmissbrauch der politischen Elite in Nordrhein-Westfalen enthüllt. Dabei kommt einiges zu Tage: Der Filz reicht bis in die Kunst-Schickeria und in die Schwulen-Szene und sorgt dafür, dass ein Rock-Sänger aus dem Verkehr gezogen wird. Diese seltsame und durchaus komplexe Mischung aus Spießertum und Regierungs-Glamour mag noch angehen, hat sogar ihre Reize angesichts langweiliger bisheriger Landesväter, obwohl Eckert in seinem grotesken Sittenbild manchmal weit übers Ziel hinausschießt. Allerdings erschreckt in dieser Konstruktion, wie fantasie- und ahnungslos die Polizei dagegen agiert, kaum mehr als eine ohnmächtige Zweckgemeinschaft, gefangen in den Strukturen. Das sagt mehr über den Zustand einer Gesellschaft aus als ein politisches Horror-Szenario.


- Fred Vargas: “Der vierzehnte Stein”. Aus den Französischen von Julia Schoch. Aufbau Verlag, gebunden, 480 Seiten, 22,90 Euro.
- Horst Eckert: “617 Grad Celsius”. Grafit Verlag, Taschenbuch, 317 Seiten, 9,50 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 25.06.2005 


Kiffen hilft beim Denken:
Ausflüge nach Mexiko und Jamaika


Es gibt ein paar wenige kurze Momente, da steht Carlos Hernández tatsächlich neben sich und schüttelt den Kopf: “Wie konnte es nur so weit kommen?” Zwei Ehefrauen, eine Geliebte, fünf Kinder, ein korrupter sexbesessener Polizeiapparat, und das im 20-Millionen-Moloch Mexico City. Wo die Bälger genauso die Hand aufhalten wie sein Kommandante, wo plötzlich Frauen auf ihr Recht pochen, und das nicht nur materiell. Zu seiner Verblüffung verwandelt sich die Zweitfrau Gloria in eine Feministin, zumindest was der Macho für eine hält. Mit ihrer neuen Freundin hat sie das letzte eiskalte Bier ausgetrunken. Da kommt er ins Grübeln, der Tausendsassa, sein kleiner alberner Muskel schrumpft gar vor Schreck.

Erfunden hat diese groteske Figur der Autor Rolo Diez, der während Argentiniens Militärdiktatur in einer Todeszelle saß und sich schließlich in Mexico niederließ, als Drehbuchautor und Schriftsteller. “Hurensöhne” ist der zweite ins Deutsche übersetzte Roman des mittlerweile 65-Jährigen. Seinen Helden inszeniert er als selbstironischen literaturbeflissenen Dampfplauderer, der zwar vor einer kleinen Erpressung nicht zurückschreckt, aber wo es um Mord an Wehrlosen und Unschuldigen geht, hat selbst Satire keinen Platz.

Hernández ist der Star der Abteilung “Operative Beziehungen”, die auf den Plan tritt, wenn zum Beispiel die Tante eines Abgeordneten aussieht “wie meine Großmutter nach einer Vergewaltigung durch Kannibalen”. Mit Hilfe seines Kumpels, des Archivars Quasimodo, findet er schnell heraus, das die alte Dame Besitzerin einer “Maquiladora” in Ciudad Juárez im Norden des Landes war. Unter jämmerlichen Arbeitsbedingungen produzieren dort hauptsächlich Frauen Luxusgüter für die USA. Die miese Gegend macht aber neuerdings ganz andere Schlagzeilen: Brutale Banden machen sich über diese Frauen her, um sie zu vergewaltigen, zu foltern und in der Wüste den Tieren zum Fraß vorzuwerfen. Der brave Hernández sieht sich plötzlich an vorderster Front eines Machtkampfes zwischen der Mafia und der kriminellen Polizei.

Was Hernández sein eiskaltes Bier, ist Aubrey “Ruffneck” Fraser sein Spliff. Das Kiffen hilft beim Denken, denn der Rasta-Detektiv zieht gesunden Menschenverstand immer der Gewalt vor. Nach einer langen Pause hat Peter-Paul Zahl, über den man in Freiburg keine Worte mehr verlieren muss, den jamaikanischen Bilderbuchermittler wieder zum Leben erweckt: “Kampfhähne” ist der sechste Krimi in der Reihe und Nummer zwei nach dem Neustart. Reggae boomt hierzulande, so dürfte der Rasta-Detektiv den “Germaicans” aus der Seele sprechen. Doch auch wer nichts mit jener Lebensphilosophie am Hut hat, bekommt - einmal abgesehen von den meist positiven Klischees - einige Einblicke ins gelobte Land und Zahls zweite Heimat.

Es geht tatsächlich um Hahnenkampf, genauer um die Kampfhähne des Züchterkönigs Chubby, die durch Kastration zu lahmen Enten degeneriert sind. Waren es die Konkurrenten? Oder ein Racheakt der unzähligen schlecht behandelten Frauen? Am Schluss siegen Gerechtigkeit und guter Sex. Nur reicht es halt nicht aus, als Mann Verständnis und “Eier” zu haben, um aus der Welt eine bessere zu machen.


- Rolo Diez: “Hurensöhne”. Aus dem Spanischen von Horst Rosenberger. Distel, Paperback, 190 Seiten, 10,80 Euro.
- Peter-Paul Zahl: “Kampfhähne”. Fischer, Taschenbuch, 160 Seiten, 6,90 Euro.
 

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 26.07.2005 
 
(auf einer Literatur-Sonderseite
"Die literarische Hängematte"
mit Lesetipps der Kulturredaktion
für den Sommerurlaub
)



Der Freisteller


Burke Devore kann nicht mehr in Urlaub fahren. Dabei lief alles prächtig: Die Ehe ein Glücksfall, die Kinder entwickelten sich, das Haus fast abbezahlt. Nun aber sitzt der ehemalige Produktionsleiter einer Papierfabrik vor den Scherben seiner Existenz, seine Abteilung wurde ins billigere Kanada verlagert, die Abfindung ist alle. Solch traurige Geschichten kennt man mittlerweile auch hier zu Lande, doch Burke Devore, ein amerikanischer "selfmade man" par excellence, folgt einer perfiden und durchaus systemimmanenten Logik: Die Stellen in seinem Metier sind rar, also müssen seine Mitkonkurrenten weg. Präzise und lakonisch erzählt Thriller-Altmeister Donald Westlake in seinem Roman "Der Freisteller" von den Sorgen einer an den Rand der Gesellschaft gedrängten Familie und davon, wie ein braver Bürger den Zynismus des kapitalistischen Marktes allzu persönlich nimmt. Ein Albtraum, der im wohlverdienten Urlaub noch am besten zu ertragen ist.

- Donald Westlake: Der Freisteller. Roman. Knaur Verlag, München 2003. 320 Seiten, 7,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 30.07.2005 


Unterwegs in Kalifornien:
In den Suburbs von L.A.


Der Mann weckt Vertrauen. Egal, wo der schwule Privatdetektiv Dave Brandstetter hinkommt, irgendwann hat er die Leute so weit, dass sie ihm alles erzählen. Von ihren Sorgen und Nöten, aber auch von ihrer Angst. Der alternde Ermittler ist im Auftrag einer Lebensversicherung unterwegs, dieses Mal untersucht er den Unfall eines Truckers. Schnell stellt sich heraus, dass der mittels einer Bombe in die Luft geflogen ist.

“Nachtarbeit” erschien in den USA 1984, und auch im siebten Band dieser faszinierenden Reihe verarbeitet Joseph Hansen (damals) aktuelles Zeitgeschehen - hier geht es um illegale Giftmülltransporte. Darüber hinaus thematisiert er die Veränderungen in den Suburbs von Los Angeles, die Ghettoisierung der ethnischen Gruppen und die damit entstehenden Konflikte. Kriegerische Gangs kontrollieren brutal die Gegend. Doch trotz Waffengewalt, Rassismus und Verelendung der Mittelklasse leben weiße und schwarze Familien ebenso einträchtig zusammen. Nur sind deren Ernährer, die “Ich-AG”-Trucker Paul Myers und Ossie Bishop, jetzt tot: Der eine starb durch eine Bombe, der andere angeblich durch plötzlichen Herzinfarkt.

Einerseits spricht es für den Autor und seinen einfühlsamen Blick, dass die Geschichte nichts von ihrer Sogwirkung verloren hat; andererseits ist es erschreckend, wie wenig sich die Verhältnisse geändert, respektive wie sehr sie sich denjenigen von damals wieder angenähert haben. Was kann helfen? Respekt, Abscheu vor Gewalt und Gerechtigkeitssinn. Niemand personifiziert diese Tugenden so eindrücklich wie Detektiv Brandstetter.

Ähnliches gilt für den Ex-Cop Thumps DreadfulWater. Eigentlich kam er aus Nordkalifornien ins Chinook-Reservat am Fuße der Rocky Mountains, um nichts als seine Ruhe zu haben. Nicht einmal der neu gebaute Luxus-Appartementkomplex samt Casino stört ihn besonders, zumal er hofft, dass die betuchten Gäste seine Landschaftsfotografien kaufen. Doch mit der Beschaulichkeit ist es vorbei, als noch vor der Eröffnung des Komplexes ein toter Computerspezialist das schnieke Ambiente stört. Denn erster Verdächtiger ist Stick, Sohn der Geliebten und militanter Gegner des Luxustempels, während seine Mutter als Präsidentin des Reservats auf der anderen Seite steht.

Überhaupt die Frauen: Sie bestimmen, wo es in Chinook langgeht. Mit geradezu sportlichem Eifer scheint der preisgekrönte Autor Thomas King, Sohn eines Cherokee und einer Deutsch-Griechin, Dozent für Native Literature und Creative Writing in Kanada, die Indianer-Klischees zu unterlaufen und zu karikieren: Den Cherokee DreadfulWater zeichnet er als bequemen Stadtmenschen, Katzenfreund und verhinderten Golfer, der mit der Esoterik der Navajos gar nichts am Hut hat, und am komischsten wirkt der weise Moses Blood, der mit dem Computer spricht und ihm allerhand zu entlocken vermag. Trotzdem ist “DreadfulWater kreuzt auf” ein fast klassischer Whodunit und sehr spannend - wenn man in Kauf nimmt, dass die wenigsten Fährten den Weg zur Lösung weisen.


- Joseph Hansen: Nachtarbeit. Deutsch von Friedrich A. Hofschuster und Robert Schekulin. Argument Verlag, Taschenbuch, 189 Seiten, 9,90 Euro.
- Thomas King: DreadfulWater kreuzt auf. Deutsch von Monika Blaich und Klaus Kamberger. Unionsverlag, Taschenbuch, 317 Seiten, 10,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

((Anmerkung von Robert Schekulin: Der hier vollständig wiedergegebene Text zu Hansens “Nachtarbeit” war beim Abdruck in der Badischen Zeitung um einige Sätze gekürzt worden, um Platz zu schaffen für das Titelbild von Thomas Kings “DreadfulWater kreuzt auf”.))

 

 

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Badische Zeitung, 27.08.2005 


Wo das Böse im Käse steckt: Über Morde bei unseren südlichen Nachbarn


Das Fremde liegt tätsächlich so nah. Ein paar Kilometer weiter südlich geht’s schon los. Aber was für uns die Schweiz ist, gibt es wiederum auch innerhalb der Eidgenossenschaft. Denn im Hinterland der Hauptstadt Bern befindet sich ein unheimliches Gebiet. Dort im verwinkelten Bernbiet zieht früh der Nebel über die Dörfer, dort stürzte Sherlock Holmes einen Wasserfall hinunter - dort passieren die meisten Morde. Das jedenfalls erzählen Schweizer Krimis und das Buch “Mord im Alpenglühen”. So heißt die erste umfassende Geschichte der Schweizer Kriminalliteratur, verfasst hat sie der Schriftsteller und Publizist Paul Ott. Erstaunlich, wie viele Autoren sich neben den Großen, Glauser und Dürrenmatt und dem zeitweiligen Wahlschweizer Simenon, oder neben Krimipreisträgern wie Hansjörg Schneider (Basel) und Peter Zeindler (Zürich) sonst noch mit Mördern und Gaunern befassen in der kleinen Schweiz. Verschrobene Provinz, globaler Finanzknotenpunkt und verschwörerische Geheimdienste, in diesem Dreieck geschehen die Verbrechen bei den eidgenössischen Nachbarn. Es gibt noch viel zu entdecken.

Das gilt auch für das wunderhübsche Buch “Mordsspaziergänge”, herausgegeben von Dominique Strebel und Patrik Wülser. Eine Art Feldforschung haben die Autoren betrieben und erkundeten makabre Schauplätze im Kanton Bern: Das Emmental, wo das Böse im Käse steckt, das Berner Oberland, wo Matto nicht nur bei Glauser regiert, die Reichenbachfälle, wo Sherlock Holmes in die Tiefe stürzte. Sie sprachen mit Zeitzeugen und förderten Interessantes zu Tage. 13 Touren enthält der kriminalistische Wander- und Reiseführer, inklusive stimmungsvoller Schwarzweißfotos und einer CD mit Originalinterviews. Nicht nur der Eiger ruft.

Weiter gen Süden. Mit dem Krimi als Kunstgattung beschäftigt sich die neue Ausgabe von “Zibaldone”. Die Zeitschrift für italienische Kultur der Gegenwart nimmt Kriminalliteratur ernst als gesellschaftskritische und -analytische Instanz. Die Autoren zeichnen mit Hilfe literaturwissenschaftlicher und soziologischer Methoden ein aufschlussreiches Bild der italienischen Gesellschaft. Einziger Wermutstropfen dieses lehrreichen Bändchens, das nichts mit den Märchen von Donna Leon am Hut hat: Eine Liste mit den deutschen Ausgaben der besprochenen Originale fehlt in der Regel.

Das ist beim Schwerpunktthema “Im Schatten der Aufklärung - Krimiliteratur aus dem Süden” in der neuesten Nummer von “iz3w”, der Zeitschrift des Freiburger Informationszentrums 3. Welt, besser gelöst. Nicht nur, dass Kriminalliteratur aus Kuba, Afrika, Mexiko und Südamerika ausgebreitet wird, neben Autoreninterviews und Rezensionen aktueller Thriller erklärt Krimi-Koryphäe Thomas Wörtche die Differenz zwischen globalisiertem Geschmack und sozialer Realität. Das Heft kostet nur vier Euro und ist unerlässlich für alle, die Krimis nicht nur goutieren wie exotische Cocktails.


- Paul Ott: Mord im Alpenglühen. NordPark Verlag, 279 Seiten, 18,- Euro.
- Dominique Strebel und Patrik Wülser (Hrsg.): Mordsspaziergänge. Rotpunktverlag, 224 Seiten plus Audio-CD, 22,50 Euro.
- Zibaldone # 39, herausgegeben von Thomas Bremer und Titus Heydenreich. Stauffenberg Verlag, 166 Seiten, 12,- Euro.
- iz3w # 286 (Juli/August 2005; Heftschwerpunkt: Kriminalliteratur aus dem Süden), herausgegeben von Aktion Dritte Welt e.V. / informationszentrum 3. welt. Vertrieb für den Buchhandel: Prolit. 52 Seiten, 4,- Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 01.10.2005 


Neues von alten Bekannten:
Qiu Xiaolong und Norbert Horst


Alte Bekannte mittlerweile, der Oberinspektor und sein Hauptwachtmeister, doch das Hauptaugenmerk hat sich ein wenig verschoben. “Chens dritter Fall” steht zwar auf dem Buchdeckel von Qiu Xiaolongs drittem Kriminalroman “Schwarz auf Rot”, aber dieses Mal muss Yu die Arbeit machen. Sein Vorgesetzter hat seit drei Jahren den ersten Urlaub genommen, nicht zum Entspannen, sondern um zu übersetzen - eine Werbebroschüre für ein riesiges Bauprojekt: Der Unternehmer Gu will einen historisch gewachsenen Stadtteil sanieren mit Hilfe amerikanischer Investoren. Hinter der schönen Fassade der Shikumen-Häuser soll eine Art Shopping-Mall entstehen für die betuchte neue Mittelschicht.

Zukunftsmusik angesichts der aktuellen Wohnungsnot: In einem Shikumen-Haus leben zig Familien auf engstem Raum zusammengepfercht. Auch Yin Lige bewohnte eine Kammer auf einem Treppenabsatz, bis sie eines Morgens tot auf ihrem Bett liegt. Ihr Roman “Der Tod eines chinesischen Professors” sorgte für Schlagzeilen, er handelt vom Tod eines verfemten Dichters während der Kulturrevolution - ein Politikum und ein Fall für Chens Spezialabteilung.

Der Krimi beginnt wie ein klassischer “Whodunit”, Hauptwachtmeister Yu und Ehefrau Peiqin übernehmen die Fleißarbeit: Während er ermittelt und sie liest, macht sich Chen an seine Übersetzung und kämpft gegen die Verlockungen einer “Kleinen Sekretärin”. Xiaolong thematisiert Wohnungsnot und Existenzangst, Literatur und die Kulturrevolution. Trotzdem ist “Schwarz auf Rot” kürzer als seine Vorgänger, als hätte sich der Autor den beengten Verhältnissen angepasst. Auch dieser Roman spielt im Schanghai der 90er Jahre, in der Übergangsphase von Sozialismus zu Kapitalismus, und eine Frage bleibt unbeantwortet: Wie würden sich die sympathischen Tugendritter Chen und Yu im heutigen China behaupten?

Ganz im Hier und Jetzt hat noch ein Bekannter, Kriminalhauptkommissar Konstantin “Konni” Kirchenberg, einen neuen Fall zu lösen. Für sein innovatives Debüt “Leichensache” bekam Norbert Horst, KHK und Verhaltenstrainer beim Polizeifortbildungsinstitut, den Glauser-Krimipreis 2004. Auch dieses Mal funktioniert die außergewöhnliche Mischung aus innerem Monolog und Protokoll: Konsequent, selbstironisch und ökonomisch erzählt “Todesmuster” von den Ermittlungen aus der Sicht des Einsatzleiters. Der kommt direkt aus dem Urlaub, um einen Kollegen zu beerdigen. Auf dem Schreibtisch eine Meldung, dass Pilzsammler vor einer alten vergessenen Erzmine Blutspuren fanden. Menschenblut. Die Höhle entpuppt sich als Folterkammer.

Anderthalb Wochen trägt die Mordkommission Fitzelkram zusammen, integriert einen neuen Kollegen, dabei gehen zwei Liebschaften Konnis in die Brüche, seine Mutter kommt ins Krankenhaus. Ein Spruch dazu könnte durchaus als chinesische Weisheit durchgehen: “Man kann nur das aus einem Eimer herausholen, was mal jemand hineingegossen hat.”


- Norbert Horst: Todesmuster. Goldmann, Taschenbuch, 286 Seiten, 7,95 Euro.
- Qiu Xiaolong: Schwarz auf Rot. Zsolnay, gebunden, 301 Seiten, 19,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 12.11.2005 


Columbo auf Finnisch

Pentti Kirstilä und Michael Chabon


Was waren das für Zeiten, als der Verbrecher mit seinem Genie dem Ermittler in nichts nachstand. Der Prototyp aller Meisterdetektive machte es vor. Sherlock Holmes löste seine Fälle mit Lupe und schärfstem Verstand. Zwei Weltkriege später musste ein Columbo den Trottel spielen, um gerissene Mörder erst einmal in Sicherheit zu wiegen. Verbrechen wurde Alltagsgeschäft, die genialen Schnüffler samt ihrer Macken landeten im Staatsdienst.

Ob 1977 der damals 30-jährige finnische Schriftsteller Pentti Kirstilä Columbo im Sinn hatte, als er seine Figur, den Kriminalhauptwachtmeister Lauri Hanhivaara erfand, mag dahingestellt sein, doch es gibt frappierende Gemeinsamkeiten mit dem schrulligen Fernseh-Inspektor. Abgesehen vom schäbigen Mantel müsste auch der Wachtmeister von Alters wegen befördert sein. Autos sind Hanhivaara suspekt, und er agiert schrullig wie sein Quasi-Vorbild: Kette rauchend nervt er die Verdächtigen mit seltsamen Fragen. Auch die Komposition der Geschichte ähnelt einer Folge der Serie - der Leser wird mit literarischen Mitteln an der Nase herumgeführt. Klassisch setzt Kirstilä den Mord an den Anfang - ein Ehemann schlitzt seiner Frau den Hals auf -, erzählt ihn jedoch aus einer unbekannten Perspektive. So wird ein Verwirrspiel eingeläutet, noch bevor die Polizei ihre Ermittlungen aufnimmt. Während Kirstilä in "Tage ohne Ende", dem zweiten Roman um Hanhivaara, virtuos und bösartig mit dem Genre und so auch mit dem Leser spielt, geht es in "Nachtschatten" um die Relativität der Wahrheit, doch noch ist der Schriftsteller auf Seiten des Lesers. "Nachtschatten" ist der Vorgänger von "Tage ohne Ende", aber erst jetzt im Grafit Verlag erschienen. Neueinsteigern sei empfohlen, der Werk-Chronologie zu folgen.

Wer aber interessiert sich für einen 89-Jährigen, der im Süden Londons sein Dasein als Imker fristet? Dessen ruhmreiche Tage verblasst sind wie seine geflickte Tweedjacke, und dessen Gelenke knarren wie ein altes Scheunentor? Jedenfalls hat er seine Ruhe selbst während des Zweiten Weltkriegs, bis ein Junge mit einem Papagei auf der Schulter sein Eremitendasein stört. Es ist ein deutsch-jüdischer Junge, dem es die Sprache verschlagen hat. Stattdessen quasselt der Vogel seltsames Zeug, darunter auch geheimnisvolle Nummern, die bis nach London für Aufruhr sorgen.

Der amerikanische Schriftsteller Michael Chabon hat sich des gebrechlichen Meisterdetektivs angenommen, dessen Name in dem kleinen Roman "Das letzte Rätsel" nie erwähnt wird. In beeindruckender bilderreicher Sprache schildert der Pulitzer-Preisträger, wie das Gasthaus einer Pastorenfamilie über Nacht zum Schauplatz eines Verbrechens wird. Eine anrührende Geschichte über Vergänglichkeit und Erinnerung.

- Pentti Kirstilä: Nahctschatten. Aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara. Grafit Verlag, Dortmund, 256 Seiten, 8,95 Euro.
- Michael Chabon: Das letzte Rätsel. Aus dem Englischen von Andrea Fischer. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 127 Seiten, 6,90 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 17.12.2005 


Im Alltag angekommen

Wolfgang Schorlau und Didier Daeninckx


Mit seinem ersten Kriminalroman “Die blaue Liste” sorgte Wolfgang Schorlau für Aufsehen, weil er eine brisante Geschichte zu einem Thriller verdichtete: Fiel der gemäßigte Treuhand-Chef Karsten Rohwedder einem Komplott zum Opfer? Sein Plan, das DDR-Vermögen sozialverträglich abzuwickeln und bestehende Strukturen zu erhalten, war vielen entfesselten Kapitalisten ein Dorn im Auge. Ein Treuhand-Mitarbeiter saß zufälligerweise nicht im abgestürzten Flugzeug, Ex-BKA-Zielfahnder Dengler soll herausfinden, wo er steckt. Für ihn eine große Herausforderung, für Schorlau ein literarischer Coup. Mit dem neuen Roman “Das dunkle Schweigen” sind der Autor wie sein Detektiv im Alltag angekommen - und der fällt doch ziemlich unspektakulär aus.

Nicht, dass der Ermittler nichts zu tun hätte: Er verdingt sich als Türsteher bei einer Stuttgarter High-Society-Party und entdeckt dabei koksende Damen, er (selbst in Geldnot) begleitet einen schmierigen Kollegen beim Kontrollbesuch von Hartz-IV-Empfängern und stößt auf soziale Schieflagen. Und er rettet seiner Mutter in Altglashütten das Leben, als er sie nach einem Anruf besucht und die Symptome eines Schlaganfalls bemerkt. Doch er soll auch für die Erben der Firma Sternberg Befestigungssysteme herausfinden, warum ihr Großvater vor 60 Jahren ein Hotel in Gündlingen verschenkt hat und ob dieser Vertrag überhaupt rechtens ist.

Gleich mehrere Erzählebenen spielen am Ende des Zweiten Weltkriegs - unter anderem wird ein afro-amerikanischer Pilot über Gündlingen abgeschossen. Dengler stößt auf eine Mauer des Schweigens, hat dazu noch Liebeskummer, und prompt schenkt ihm seine “Familie”, das sind Olga und Martin, eine Woche Aufenthalt in Chicago, wo er seinen Helden, den Bluessänger Junior Wells, treffen darf. Wie beim Debüt sind Fiktion und Tatsachen vermischt, nur enttäuscht hier der eigentliche Fall.

Immerhin findet das Unerwartete und Überraschende in Denglers Leben statt und ist politisch korrekt erzählt, aber Freund Martin bringt es mit Humor auf den Punkt: “Wie auch immer - für einen Kriminalroman gibt das nichts her”.

Das gilt im Prinzip genauso für “Statisten” von Didier Daeninckx. Ein “knallharter Roman Noir” verkündet der Bucheinband irreführend, denn größtenteils geht es darum, wie sich die Durchschnittsbürgerin Valère Noterman genervt vom naiven Ehefrauchen zu einem wahren Filmfreak entwickelt und mit ihrem Freund Jerome kein noch so unbedeutendes Filmfestival in der Provinz auslässt. Bis schließlich bei einem Trödler ein Fragment eines post-expressionistischen Meisterwerks auftaucht, das eigentlich in die Filmgeschichte hätte eingehen müssen. Valère macht blau und versucht die Herkunft des Schockers zu ergründen.

Knapp und präzise - wie die Zeichnungen von Mako, die die Geschichte illustrieren - und auch witzig skizziert Daeninckx die muffige und teilweise auch skurrile französische Provinz, veralbert Klischees und verquaste Cineasten. Doch Vorsicht: Leichen können überall im Keller liegen - in welcher Gestalt auch immer.


- Wolfgang Schorlau: Das dunkle Schweigen. Kiepenheuer & Witsch, Taschenbuch, 334 Seiten, 7,90 Euro.
- Didier Daeninckx: Statisten. Assoziation A, Taschenbuch, 120 Seiten, 9,90 Euro. 

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Joachim Schneider

 

 

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Badische Zeitung, 28.01.2006 
 


Die Rückkehr der Mafia:
Ottavio Cappellani und Mark Winegardner

 

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Joachim Schneider

 

 
Aus den Augen, aus dem Sinn. Nach spektakulären Verurteilungen in den USA und auf Sizilien Ende des vergangenen Jahrhunderts ist es ruhig geworden um die Mafia, die Mutter des organisierten Verbrechens. Das Syndikat kollabierte, hohe Chefs verletzten den Moralkodex, brachen das Schweigegelübde, die Omertà. Brutalere Gruppen - je nach geographischer Lage und Geschäftszweig Russen, Chinesen, Balkanesen, Kolumbianer - übernahmen das Zepter und damit auch die mediale Herrschaft. Die Mafia verlor an Einfluss, verschwunden ist sie deshalb noch lange nicht, sondern einmal mehr zurückgekehrt hinter die Mauer des Schweigens, ins Reich der Mythen.
 
Der sizilianische Autor Ottavio Cappellani, ein studierter Rechtsphilosoph, zerrt sie wieder hervor: Sein Roman “Wer ist Lou Sciortino?” beschreibt die heutige Mafia als vollkommen heterogenen Haufen: Chaoten, irre Killer, verlotterte Söhne, müde Dons samt ihren exzentrischen Anverwandten (darunter ein Friseur) treiben lustig ihr Unwesen, aus dem sich schließlich Folgendes herauskristallisiert: Der Enkel des New Yorker Mafiabosses Don Lou Sciortino produziert in Hollywood abstruse Filme mit einem durchgeknallten Regisseur (sehr komisch), um Geld zu waschen. Als eine Bombe in seinem Büro hochgeht, soll Lou junior für ein paar Monate auf Sizilien abtauchen, bis sich die Wogen wieder geglättet haben. 

Doch in Catania läuft ebenso einiges aus dem Ruder. Einem Rasierwasser kaufenden Commissario wird der Schädel weggeblasen, der Pate des Viertels, Don Scali, offiziell ein Marzipan-Fabrikant, hat nun ein Problem. Ein großer Spaß, wie Cappellani Bilder demontiert, in knackigen Dialogen Mythen veralbert. Nette bildungsreisende ältere Herren entpuppen sich als Tötungsmaschinen, Dons als Trottel, Familienangehörige als ahnungslose Weicheier. So bleibt das Interesse an der Mafia ungebrochen, der Roman wird in 14 Sprachen übersetzt. 

Ähnlicher Erfolg dürfte einem anderen Buch beschieden sein, das ungefähr zeitgleich in den USA erschien und nun auch auf deutsch vorliegt: "Der Pate kehrt zurück”. Die Puzo-Familie engagierte den Schriftsteller Mark Winegardner, um die Leerstellen der legendären Saga zu füllen, die zwischen dem Roman und den Filmen “Pate II” und “III” entstanden sind. Der fast 700 Seiten lange Schmöker erzählt von der Schlacht um die Macht in den Jahren 1955 bis 1962. 

Solide geschrieben und konstruiert, konfrontiert Winegardner eine zynische Parallelwelt mit Populärkultur: Elvis und Warhol besuchen die Glücksspielerstadt Las Vegas, neues Operationsfeld der Corleones. In dem Ex-Verbündeten Nick Geraci erfindet er einen großen Widersacher des Jung-Paten Michael bei dessen Umwandlung der Organisation in ein Wirtschaftsunternehmen. So illustriert Winegardner ausschweifend eine Erkenntnis aus der aktuellen Mafia-Forschung: Wo Profitmaximierung herrscht, gehen Werte wie Ehre und Familienbande den Bach hinunter. 

Dem alten Don Lou Sciortino ist dieser Mythos schnurz: “Sag ihm, es hat nie Regeln gegeben und Gesetze, Ehre, Würde und Gerechtigkeit ...”
 
- Ottavio Cappellani: Wer ist Lou Sciortino? Aus dem Italienischen von Constanze Neumann. Pendo Verlag, gebunden, 225 Seiten, 17,90 Euro.
- Mark Winegardner: Der Pate kehrt zurück. Aus dem Amerikanischen von Jürgen Bürger. Heyne, Broschur, 670 Seiten, 13 Euro.
 

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Badische Zeitung, 15.03.2006 
 


Der gefrorene Koch im Kühlraum 

Steht ihm gut, der weiche Umschlag: Als Taschenbuch passt Carmen Posadas' Bestseller "Kleine Infamien" ausgezeichnet neben abgegriffene Klassiker wie die von Agatha Christie. Néstor Chaffino, Koch, Konditor und Chef eines Luxus-Catering-Services, liegt tiefgefroren im Kühlraum eines Sommerhauses nahe der Costa del Sol. Die Villa gehört dem Kunstsammler Teldi, er veranstaltet ein Dinner für Nippes-Jäger. Die Liste der Verdächtigen ist lang: Néstors Personal, die Punkette Chloe, ein tschechischer Bodybuilder, der Hausherr, der in Argentinien während der Militärdiktatur zu seinem Vermögen kam. Oder war es Richter Tours, den seine Schwäche für hübsche Jungs wieder plagt? Ein klassischer Whodunit, doch Posadas hat eine alte Soße raffiniert aufgepeppt, sie braucht keinen Detektiv, um die Sozialsatire am Köcheln zu halten, und - noch eine Infamie - sie verrät kein einziges Kochrezept.

- Carmen Posadas: Kleine Infamien. Frankfurt, Suhrkamp. 282 Seiten, 9 Euro.

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Joachim Schneider

 
 

 

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Badische Zeitung, 12.07.2006 
 


Fatalistische Faröer


Journalisten saufen und rauchen zu viel, sind neugierig und frech, für eine gute Geschichte würden sie sogar ihre Oma verkaufen. Ein spaßiges Klischee, das der Autor Jógvan Isaksen genüsslich ausbreitet. Wie der Name schon sagt, spielt "Endstation Faröer" auf diesen Inseln, ein seltsames Völkchen lebt dort. Die Bewohner (nicht nur Journalisten) treffen sich in Bierclubs, um sich volllaufen zu lassen, die Grundstimmung ist fatalistisch. So kommt es der Polizei auch nicht verdächtig vor, dass eine Journalistin während einer Mittsommerfeier von einem Hochplateau stürzt und ihr Freund kurze Zeit später die Treppe hinunter. Kollege Hans Martinsson aber wittert ein Verbrechen und eine Story. Zu Recht, denn alte Nazis (das Original stammt aus dem Jahr 1990) sind hier noch heimlich auf Schatzsuche. Doch nur der leicht verlotterte Schreiber, ein großmäuliger, aber auch selbstironischer Ich-Erzähler, glaubt überhaupt an einen Fall: Aus ihm wird ein wahrer Held, der eine Menge Abenteuer zu bestehen hat, schließlich über eine ganze Insel gejagt wird. Viel Landschaft, viel Lokalkolorit, aber spannend. Für Freunde nördlicher Gefilde allemal zu empfehlen.

- Jógvan Isaksen: Endstation Faröer. Aus dem Dänischen von Christel Hildebrandt. Grafit Verlag, Dortmund 2006. 252 Seiten, 8,95 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

 

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Badische Zeitung, Kultur, 24.08.2006
(Text abgedruckt unter einem Foto aus dem besprochenen Band) 


Schattengeschichten

Präsentation bei der Lesereihe "Unter Sternen": Ein neuer Band mit Krimis und Bildern aus Freiburg

Jede Stadt hat ihre dunklen Seiten, manche mehr, manche weniger. Und jede Stadt hat die Krimis, die sie verdient: In Freiburg am erfolgreichsten sind die burlesken, schwarz-gelben Bändchen aus dem Sternwald Verlag. Leichte Kost, im Gegensatz zu den düster eindrücklichen Unterschichtsstudien von Gilles Mebes, die den Blick auf das alltägliche Elend und Verbrechen richten, das natürlich auch im Bächle-Städtle ein Zuhause hat. Dazwischen ist nichts, eine Auseinandersetzung mit den spezifischen Eigenheiten der Breisgau-Metropole fehlt.

Einen Anfang macht jetzt ein kleines Bändchen, das für die Lesereihe "Unter Sternen" konzipiert wurde. "Je friedlicher die Fassaden, desto tiefer die Abgründe", heißt es ein wenig pathetisch, der Untertitel "Freiburger Schattengeschichten" trifft es schon besser. Denn die kurzen Storys versuchen tatsächlich, hinter die idyllischen Fassaden zu blicken, nur tiefe Abgründe sind da keine zu entdecken, das wäre auch ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. So transportiert "Tod im Carport" des Rechtsanwaltes Joachim Thalheimer ein gelungenes Rätsel mit einem tragikomischen Dreh, bei Diebold Maurer nimmt ein trickreicher Raub ein blutiges, aber nicht tödliches Ende. Ganz anders dagegen Edwin F. Ganterts "Maskerade". In  der Geschichte sinniert ein Zugezogener über seine neue Heimat. Vieles passt dem norddeutschen Kommissar Störtebecker nicht: Wie das Augustinermuseum verkommt, der Polizeieinsatz gegen die Wagenburgler, überhaupt die Selbstzufriedenheit.

Umrahmt wird das Ganze von einer Aktion: Aufgehängte Transparente mit literarischen Zitaten ärgern die Stadt, auch für den Leser ein Verwirrspiel. Ähnlich gestrickt und gespickt mit Zitaten ist Ganterts Vorwort, das mit einer bedenkenswerten Behauptung aufwartet. "In einer eigenartigen Art und Weise adaptieren die Freiburger in ihrem Provinztheater das Brecht'sche Verfremdungsprinzip, nach dem man im Theater neben seiner Rolle gleichzeitig in der "Wirklichkeit" steht, sie sind Freiburger und spielen die Rolle eines Freiburgers." Gantert ist gleichzeitig der Herausgeber des Bändchens, von ihm stammen auch die eindrücklichen Fotos, die das sonnenverwöhnte Freiburg buchstäblich in einem anderen Licht zeigen: nebelverhangene Häusersilhouetten oder traurige Telefonskelette, Stacheldraht in Schrebergärten. "Literarische Höhenflüge sind hier keine zu erwarten", sagt der Freiburger Buchhändler, der einfach in seinem Bekanntenkreis nach Autoren gesucht hat. Das Ergebnis muss sich dennoch nicht verstecken. Zumal die sehr "individuelle Auseinandersetzung" mit den Klischees Schule machen könnte - und auch sollte. Bei der Lesereihe "Unter Sternen" sind viele Farbdias von Freiburg und das im Buch dokumentierte Schattentheater zu sehen, vortragen werden Heinzl Spagl und Diebold Maurer.

- Edwin F. Gantert (Hg.): je friedlicher die Fassaden, desto tiefer die Abgründe. Edition Der blaue Puma. Freiburg, 2006. 77 Seiten, 8 Euro.
- Bei der Lesereihe "Unter Sternen", Innenhof des Adelhausermuseums am Freitag, 25. August, 22 Uhr.

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Joachim Schneider

 

 


 

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Der Sonntag
(kostenlose Sonntagszeitung aus dem
selben Verlag wie die Badische Zeitung)

12.10.2008 
Kultur: Sonderseite "Von Lieben und Leben" mit
Lesetipps der Redaktion zur Frankfurter Buchmesse

 



Die erträumte Stadt. Paris anno 1938. Die Surrealisten sorgten für Aufsehen an der Seine und hoben für kurze Zeit die Welt aus den Angeln. Die allerdings war schon im Chaos begriffen. Ein furchtbares Nazi-Deutschland startete vehement die Verfolgung der Juden, die Stalinisten machten brutal Jagd auf die trotzkistische Opposition. Letztendlich haben sie doch verloren, gut 50 Jahre später fällt die Mauer. Die Suche nach Wahrheit im Labyrinth unterhalb der Weltgeschichte ist eines der großen Themen in Jean-François Vilars Kriminalroman "Die Verschwundenen", der 1993 in Frankreich erschien und jetzt erstmalig übersetzt vorliegt. Ein anderes Thema ist die Desillusionierung. Dagegen hilft nur die Kunst.

Paris im November 1989: Der Fotograf Victor Blainville war zusammen mit Alexandre Katz Opfer einer Entführung, nach drei Jahren Gefangenschaft kommen die beiden frei. Katz stirbt bald darauf durch einen rätselhaften Unfall. Er hinterlässt ein Tagebuch seines Vaters, eines kleinen trotzkistischen Revolutionärs und Dichters im Umkreis der Surrealisten. Victor begibt sich auf Spurensuche, erträumt einen Fall, begegnet einer geheimnisvollen tschechoslowakischen Emigrantin, gerät in ein Komplott und landet schließlich in Prag. Meisterlich, wie Vilar historische Ebenen verknüpft und ein Denkmal setzt für die Vergessenen der Geschichte, hypnotisierend die traumhaft verschwommene Atmosphäre des Romans. "Man kann ihm glauben, er ist ein Dichter."

- Jean-François Vilar, "Die Verschwundenen".  Assoziation A,  24,00 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

 

 

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Badische Zeitung, 31.01.2009 
 


Mord in der Mongolei:
Mike Walters hat von John Harvey gelernt


Der Brite Mike Walters nimmt den Leser mit in die Mongolei, "Blutiger Schnee" ist aber mehr als nur ein Thriller vor exotischer Kulisse. - Die hatte John Harvey noch nie nötig, seine epochale Reihe um Detective Inspector Resnick erscheint nun endlich wieder auf Deutsch.

Auch in weniger dynamischen Regimes gibt es Verbrechen, doch in Zeiten großer Veränderungen scheint die kriminelle Energie andere Dimensionen anzunehmen. Wo der Markt entfesselt und die Konkurrenz härter wird - aufs Individuum gebrochen althergebrachte Werte nicht mehr gelten, gerät einiges aus den Fugen. Spätestens wenn eine Serie von Morden für Angst und Schrecken in einer einst ruhiggestellten Gesellschaft sorgt, hat die westliche Zivilisation Einzug gehalten.

Zumindest suggeriert das der Kriminalroman "Blutiger Schnee" von Mike Walters. Auf den ersten Blick sieht alles einfach aus, nur die Kulisse wirkt reizvoll. "Blutiger Schnee", im Original treffender "The Shadow Walker", spielt in der Mongolei. Eher skurril für die Einheimischen, dass sich Touristen ins Herz Asiens verirren, um die Stille zu genießen. Verkehrte Welt nicht nur hier: Die nomadische Bevölkerung sucht ein nicht so beschwerliches Dasein in der Stadt, während von der Revolution enttäuschte Aktivisten auf dem Land einen traditionellen Lebensstil pflegen. Fabriken rotten vor sich hin, während internationale Konzerne ein Auge auf das Land geworfen haben, denn es ist reich an Bodenschätzen. Da sind Korruption und Firmenrangeleien nicht weit.

Einer behält die Ruhe. Mit Inspector Nergui hat Walters einen Helden geschaffen, der in Weltgewandtheit und Gerechtigkeitsempfinden an Inspector Chen, den Helden der Kriminalromane von Qiu Xiaolong, erinnert. Wie dort steht ihm ein kluger Nachwuchspolizist zur Seite. Geschockt sind beide, als mit dem ersten Schnee in Ulan Bator ein paar Leichen auftauchen - brutal verstümmelt, was auf die Tat eines Wahnsinnigen schließen lässt. Als noch ein Brite Opfer einer Gewalttat wird, kommt ein Kollege aus Manchester zur Unterstützung. Geschickt nutzt Walters die unterschiedlichen Charaktere, um aus deren Perspektive zu erzählen. So entsteht ein vielschichtiges Bild. Alle Beteiligten müssen feststellen, dass nichts ist, wie es scheint - der Leser tut das mit wachsendem Vergnügen. Im Sommer erscheint Teil zwei der auf der Insel sehr erfolgreichen Reihe.

Offensichtlich hat Mike Walters seine Prägetechnik vom großen John Harvey gelernt. Wer weiß, ob die legendäre Reihe um den dicklichen Detective Inspector Charlie Resnick hierzulande wieder veröffentlicht worden wäre, wenn Harveys Elder-Trilogie nicht so eingeschlagen hätte. Egal. Zwar ist der deutsche Titel "Verführung zum Tod" immer noch dämlich, doch genauso bleibt Band eins "Lonely Hearts" einer der besten Polizeiromane aller Zeiten. Auch hier geht es um Serienmorde. Harvey hat vorgemacht, wie es geht - ohne Monster, ohne Exotik, ohne Helden.

- Mike Walters: Blutiger Schnee. Deutsch von Juliane Gräbener-Müller. Goldmann Verlag, München 2008. 380 Seiten, 8,95 Euro.
- John Harvey: Verführung zum Tod. Deutsch von Mechtild Sandberg-Ciletti. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009. 393 Seiten, 8,95 Euro.

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Joachim Schneider

 

 

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Und wer's bis hierher ausgehalten hat, wird mit einem schönen Foto belohnt.


Ein Tag ohne Bücher: Wanderung von Freiburg zum Streckereck (6. Juni 2010).